Supergirl Female Hero

Warum „Ihr habt doch genug Heldinnen“ Bullshit ist

„Weißt du, Mädchen, Heldinnen gab es schon immer in der Popkultur. Ellen Ripley, Leia, Black Widow, Hermione, Lara Croft. Was willst du also? Warum feiert ihr alle Captain Marvel nun krass? Heldinnen gab es schon immer, d’uh…!“

Disclaimer: Gleiches gilt übrigens auch für die Repräsentation von bspw. POC und LGBT*s.

Dass in solchen Aufzählungen aber nur sehr selten Frauenfiguren auftreten, die tatsächlich titelgebend sind, wird vergessen. Dass es sich dabei sehr häufig nur um Nebenfiguren handelt, wird vergessen. Dass die genannten Filme vor teilweise über 30 Jahren veröffentlicht wurden, wird vergessen. Dass es nicht darum geht, dass es Heldinnen gibt, sondern darum, wie sie dargestellt werden, ob sie im Fokus stehen und wie es um ihre Sichtbarkeit bestellt ist, das wird vergessen.

Repräsentation damals – weil ich nur ein Mädchen bin

Als ich ein Mädchen war, gab es zahlreiche weibliche Hauptfiguren. Wir hatten Ronja Räubertochter, Regina Regenbogen – und ab hier muss ich bereits meine Erinnerungen anstrengen. Zählt April O’Neil? Ja, sie ist sowohl Figur, als auch weiblich, aber die Helden sind und bleiben die Turtles. Also weiter. Leia Organa? Ja, sehr starke Frau, aber wurde sie tatsächlich als Heldin inszeniert? Nein, weiter. Und so kann ich endlos weitermachen. Weibliche Charaktere, ja, sie existierten. Schon immer. Aber waren sie Helden, oder nur Sidekicks? Waren sie da, um als Gruppenmitglied irgendeine Quote zu erfüllen? Oder durften sie den Ton angeben? Wurden sie von den Medien gehyped?
Ausnahmen bestätigen keine Regel.
Meine Helden waren männlich. Zu Karneval habe ich mich als Ninja Turtle Leonardo verkleidet. In Videospielen war ich als Mann unterwegs. Und das war für mich okay. Wir alle können uns in andere Wesen hineinversetzen. „Dann bin ich eben Leonardo“.

Aber ich habe mich nie oder nur sehr selten gesehen. Zu sehen, wie jemand, der so aussieht wie man selbst, Großartiges bewirkt, kann unglaublich inspirierend sein und das Selbstvertrauen stärken. „Wenn sie das kann – weshalb nicht auch ich?“ Zahlreiche Studien belegen, dass sich die Repräsentation in den Medien positiv und negativ auswirken kann. Weiße Jungs werden empowered – Mädchen und POC eher nicht und sogar negativ beeinflusst.

Representation matters

„Wenn man ein weißes Mädchen, schwarzes Mädchen oder ein schwarzer Junge ist“, so etwa eine Studie aus dem Hause der Indiana University, „wird man nach dem Konsum heutiger elektronischer Medien zu schlechterem Selbstwertgefühl neigen. Wenn man dagegen ein weißer Junge ist, fühlt man sich tendenziell besser.“ Grund dafür ist die Repräsentation. Weiße, männliche Helden und positive Vorbilder überschwemmen Kino, Videospiele und TV. Sich selbst immer und immer wieder in diesen Rollen zu sehen, hat eine gewisse Macht. Und damit ist nicht gemeint, dass sich jeder weiße Junge wie ein Held fühlt. Es geht um das grundlegende, stille Bewusstsein. Nicht um das Individuum, sondern sich selbst als Mitglied einer starken Gruppe.

Weiße Männer sind daran gewohnt. Sie können nicht sehen, dass andere nicht so empfinden – und reagieren aufmüpfig, wenn ihnen dieses Selbstverständnis entzogen wird, wenn sie plötzlich gezwungen werden, sich in andere hineinzuversetzen statt sich selbst zu sehen wie sonst auch. „Ihr habt doch schon drei aktuelle Heldinnen (von denen zwei einfach Nebenfiguren neben dem tollen Protagonisten sind), was wollt ihr denn noch?!“ Dann wird von „ungevögelten Feminazis“ geredet und davon, dass die „bösen Social Justice Warriors“ die Geekkultur zerstören.

Wait frakking what?

Captain Marvel ist eine verdammte titelgebende Frau in einer Riege aus etlichen Marvel-Männern! Black Panther ist ein schwarzer titelgebender Mann in einer wogenden Masse weißer Leiber! Es geht nicht darum, dass Captain Marvel die erste großartige Frauenfigur ist – was sie nicht ist. Sondern darum, dass es zum Glück immer selbstverständlicher wird. Darum, dass auch Mädchen sich immer häufiger in solchen Rollen sehen. Eine positive Repräsentation bewirkt, dass Betroffene empowert werden. Wie kommt man dazu, das zu hinterfragen? Wer glaubt ihr zu sein, dass ihr da etwas Negatives sehen wollt? Wie fragil ist euer Verständnis von Männlichkeit, wenn ihr euch daran stört, dass Nick Fury abspült?

Eure Helden werden euch nicht genommen. Ihr werdet auch in Zukunft noch unzählige weiße Männer auf großer Leinwand sehen, zu denen ihr aufschauen könnt.

Filme werden durch häufigere, großartige Frauenrollen nicht schlechter. Euch wird nichts genommen, wenn ihr einmal nicht im Mittelpunkt steht.

Captain Marvel – genau wie Black Panther, Wonder Woman und Rey –
schafft das, was lange verwehrt blieb. Dass sich Mädchen und POC endlich sehen. Dass ihnen die Bühne gegeben wird, die sie, genau wie weiße Jungs, verdienen. Als Fokus. Nicht nur als Randfigur oder Figur längst vergangener Zeiten. Als Regelmäßigkeit, nicht als Exot*in.

Mädchenaugen strahlen im Kino und sie fragen vermehrt nach Kostümen. Black Panther ist ein verdammt wichtiger Film für viele Schwarze. Nur, weil du es nicht siehst, heißt es nicht, dass es nichts bedeutet.

Und ja, es wird Zeit für weitere Beispiele. Für eine muslimische Ms. Marvel, die es über Comicbände hinaus schafft. Für schwarze titelgebende Heldinnen. Für alle weiteren Facetten menschlichen Seins. Überall.

Wer sich gegen Vielfalt und Inklusion einsetzt, hat nicht nur Star Trek nicht verstanden. Sondern auch Marvel nicht.

Glaube mir, weißer Mann: Auch du wirst dich in andersgeschlechtliche Helden mit anderer Hautfarbe und sexueller Orientierung hineinversetzen können. Wir schaffen das schon seit Jahrzehnten Tag für Tag.

I believe in you. You can do it.

Headerbild „Little Super Girl“ by Nathan Rupert

Zu tussig um eine Heldin zu sein

Das Böse lauert im Make-Up: „Tussis“ auf dem Abstellgleis der Phantastik

Hübsch zu sein ist in der Popkultur kein Verbrechen – sehr wohl aber, sich für Make-Up, Mode und Co zu interessieren. So scheint es zumindest. Neben dem, dass es belächelt und als unnützen Weiberkram abgetan wird, werden diese Figuren gerne als Antagonistinnen dargestellt. Sie sind die, die es der Hauptfigur schwierig machen, sie sind die bösen Figuren, die erst auf den richtigen Pfad geführt werden müssen. Denn kann eine Person, die es liebt, sich schön zu machen, überhaupt selbst zur Heldin taugen?

Spoiler: Sie könnte. Denn auch sie ist eine Person mit mehreren Facetten. Make-Up und Co. zu lieben ist nichts, für das man sich schämen müsste. Es mag nicht so angesagt sein wie die Passion für Sammelkarten, Videospiele und Bücher, doch muss es das?

Das Thema schlägt in eine ähnliche Kerbe wie das rund um die Stärke von (weiblichen) Figuren, das ich hier bereits angesprochen hatte. Stark ist, wer ein Schwert schwingen kann, selbst in brenzligen Situationen coole Sprüche auf den Lippen hat und körperlich fit ist? Ja, das könnte Stärke bedeuten. Doch Stärke bedeutet mehr als das und schließt auch manikürte Fingernägel nicht aus.

Prinzessin Vespa Spaceballs

Sicher erinnert ihr euch an Prinzessin Vespa aus der Star Wars-Parodie „Spaceballs“: Eine Frau, die mit drölfzig Taschen reist, ihre Haare stets perfekt föhnt und sich furchtbar aufregt, sobald eine Spitze dieses wundervollen Haares angesengt wird. Sie gilt anfangs als Zicke, findet jedoch im Laufe der Geschichte zu einer geerdeteren Persönlichkeit, auch Dank des eigentlichen Helden Lone Starrs.

Trotzdem ist sie eine der wenigen „Tussis“ des Genres, die sich nicht nur auf Gehässigkeit und Unterdrückung spezialisiert haben, sondern tatsächlich auch den Antagonisten hart ans Leder gehen können. Das ist selten geworden in einer Zeit, in der die Heldinnen meist gar nicht wissen, wie hübsch sie sind oder sich morgens wahlweise nur kurz mit Bürste oder Wimperntusche pimpen und dann trotzdem die schönsten der Schönen sind.

Unsympathin?

Natürlich gilt es stets, für sein kreatives Projekt eine sympathische Figur zu finden, bevor der Leser oder Zuschauer unter einem frühzeitigen Interessensverlust leidet. Der Punkt ist der: Als von bereits besprochenen Hobbys begeisterte Frau muss man nicht unbedingt unsympathisch sein. Mn redet nur gerne davon, dass es angeblich immer so sei.

Denn die für viele allzu weibliche Lust daran, sich hübscher oder auch nur „anders“ zu machen, passt für viele scheinbar nicht in das Bild einer sympathischen Protagonistin. Dabei wäre es so großartig, mal eine vielschichtige „Tussi“ als Heldin eines Romans zu haben! Die sich gerne und ausführlich mit Make-Up beschäftigt, stundenlang shoppen geht und Sex and the City, statt Star Wars mitsprechen kann. Als Identifikationsfigur könnte sie dennoch dienen – wenn sie ansonsten sympathisch, mutig und verständlich agiert.

Nebenbei könnte sie ja auch gerne noch Star Wars-Figuren sammeln oder ein Karate-Ass sein. Wenn es denn unbedingt sein muss.

Headerbild:Tanja Heffner

Warum ich das Konzept des „starken weiblichen Charakters“ ätzend finde

Ist Weibsvolk anwesend? Heute ist schließlich der Weltfrauentag! Grund genug, sich endlich wieder die Nägel zu lackieren und die Küche zu putzen!

… oder sich Gedanken über das Frauenbild in der Popkultur zu machen. Nein, der Fokus soll hier nicht auf der allseits bekannten und beseufzten Sexualisierung liegen, auch nicht auf irgendeiner ominöse Quote. Sondern auf der Art von Heldin, die gemeinhin als „stark“ betitelt wird. Vielleicht geht ihr kurz einen Moment in euch und überlegt: „Was bedeutet dieses „stark“ eigentlich für mich?“

Physische Stärke? Kampftalent? Der Gefahr trotzen? Sich wie ein Mann benehmen?

Sucht man einfach mal nach „strong women in comics“ findet man in erster Linie Charaktere, die „kick-ass“ sind: Wonder Woman, She-Hulk, Red Sonja – Jeder Taschendieb würde sich drei Mal überlegen, bevor er solch eine Dame um ein paar Münzen erleichtert. Physische Stärke und/oder kämpferischer Skill ist oft das erste, das einem in den Sinn kommt (außer dir natürlich, der gerade schurkenhaft kichernd die Kommentarsektion sucht um meine Worte zu widerlegen). Der Ruf nach mehr starken Frauen deckt dann auch gerne genau diese Sparte ab: Gebt uns mehr weibliche Arschtreter! Bestenfalls natürlich solche, die gleichzeitig hochgradig intelligent und gutaussehend sind, doch ist das nichts, das bei männlichen Charakteren groß anders wäre.

Wo ich gerade „männlich“ eintippe: Wie oft werden solche Protagonisten als „stark“ beschrieben? Richtig: Selten bis nie. Bei Männern scheint man es nicht für nötig zu erachten, sie noch zusätzlich zu definieren: Sie sind es scheinbar automatisch. Warum braucht es bei Frauen diesen Zusatz? Weil man grundsätzlich annimmt, dass sie schwach sind.

Männer und Frauen sind nicht gleich. Bereits rein biologisch präsentieren sich einige mehr, und einige weniger offensichtliche Unterschiede. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass der Mann im Mittel stärker ist als die Frau. Ich habe kein Problem damit, wenn es mehr physisch starke männliche, als weibliche Charaktere gibt. Womit ich jedoch durchaus meine Schwierigkeiten habe, ist die Annahme, nur eine physisch starke/gewandte/fitte Protagonistin könne stark sein. Mir scheint es, die Frau verliere automatisch an Stärke, sobald sie gekidnappt wird. Ist eine Peach schwächer als eine Michonne? Nicht unbedingt.

Die gute Frau Peach wird gekidnappt. Immer und immer wieder. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Spiele einer mehr oder weniger zusammenhängenden Storyline folgen, hat die Dame also bereits einiges erlebt – und reckt dennoch in ihrem pinken Kleidchen stolz das Kinn, während sie nebenbei ihr Königreich wieder regiert und einen anlächelt, als wäre nichts gewesen. Sie kann Bowser nicht den Hintern versohlen, dafür jedoch zeigt sie andere starke Eigenschaften.

Peach ist natürlich ein stark stilisiertes Beispiel, schließlich ist die Geschichte hinter den Jump’n’Runs (und den etlichen weiteren Ablegern des Klempneruniversums) eher alibimäßig vorhanden, als wirklich durchdacht. Sie dient hier lediglich als einfaches Beispiel, das in wesentlich komplexerer Art und Weise auch auf weitere Charaktere übertragbar ist.

Die Existenz von Schwäche schließt Stärke nicht aus. Das wäre eine denkbar flache Charakterzeichnung, die ich weder bei männlichen, noch bei weiblichen Charakteren sehen muss. Eine Frau darf schwach sein und ich sehe eine klare Daseinsberechtigungen für die kochenden, weinenden, shoppenden Charaktere dieser Welt. Wenn es nicht die einzigen Wesenszüge weiblicher Charaktere bleiben. Auch Weiblichkeit kann stark sein und ein pinkes Kleidchen macht einen nicht schwächer.

Präsidentin Roslin, Battlestar Galactica

Ich brauche keine „starke Frau“ in einem Comic, Film oder Videospiel. Nicht, wenn damit die Kampfsau gemeint ist. Eine der stärksten, weiblichen Charaktere ist in meinen Augen Präsidentin Laura Roslin aus Battlestar Galactica. Auf ihren Schultern lastet das Schicksal der gesamten Menschheit, ihr Körper wird von einer unheilbaren Krankheit gebeutelt und dennoch schafft sie es immer wieder, die Schultern zu straffen und resolut Entscheidungen zu fällen. Trägt sie dabei eine Knarre? Braucht sie eine „starke Pose“ mit geballter Faust? Nein.

Ein weiblicher Charakter wird nicht stark, nur weil man ihn vermännlicht und mit ballernden Penisprothesen ausstattet.

Es gibt mehr starke Charaktere dieser oder jener Art, als manche denken wollen.