Annette Juretzki Interview Roman Blind

Annette Juretzki: „Angst hat man immer vor dem, was man nicht kennt.“

Die Space Opera „Blind„, erster Teil einer Dilogie, präsentiert uns nicht nur interessante Welten, sondern vor alle Dingen auch spannende Figuren. Die gehören nicht nur einer einzigen Spezies an, was unter der Crew des Raumschiffs nicht selten für Zündstoff sorgt. Neben viel „pew pew“ thematisiert der Roman somit auch Fremdenfeindlichkeit an. Über dien Hintergründe wollte ich mehr wissen und lud die Autorin Annette Juretzki daher auf ein Skype-Gespräch ein. Das wesentlich lustiger war, als es ihr Autorenfoto uns weismachen will!

Im Interview erzählt sie mehr über die Kreation fremder Spezies, die Angst vor dem Fremden und klärt die Frage, was das Komplizierteste an der Darstellung des etwas groben Ghitaners Zeyn gewesen ist.


Was war bei dir zuerst da: Der Plot von „Blind“, oder die drei Hauptfiguren? 

Jonas war quasi sofort da, weil natürlich jedes Raumschiff seinen Kapitän benötigt. Relativ schnell kam dann mit der Idee des rückständigen Planeten und als Gegenpol zur Technik auch Xenen dazu. Zwischen diesen beiden Figuren hat sich ein Vakuum gebildet, in das sich Zeyn sozusagen hineingedrängt hat. Ich hatte eigentlich gar nicht geplant, eine Figur wie Zeyn zu entwerfen: Sie passte einfach. Die ganze Geschichte drumherum hat sich erst mit der Zeit entwickelt.

Der Roman zeigt auch eine Vielfalt an unterschiedlichen Spezies. Hat Zeyn dir dabei geholfen, die Perspektive „des Anderen“ plastisch darzustellen?

Annette Juretzki Zitat AndersartigkeitIch wollte auf jeden Fall Alienrassen im Fokus haben und was mir da tatsächlich sehr wichtig war war ihre Andersartigkeit. Nicht dieses einfache „Es sind halt blaue Menschen und sie hören halt eine andere Musik.“ Ich wollte stattdessen kulturell und biologisch aus dem Vollen schöpfen. Sie sind ja nicht auf der Erde entstanden, sondern haben ganz andere Evolutionen hinter sich. Sie mussten sich an völlig andere Bedingungen und Gesellschaftsstrukturen anpassen.

Deshalb wollte ich andere Rassen haben und natürlich sollte da dann mindestens ein Hauptcharakter einer anderen Spezies angehören um da eine gute Innensicht zu haben.

Wie schwierig war es denn für dich, aus seiner, dem Menschen nun völlig anderen, Sicht zu schreiben?

Lustigerweise fand ich Zeyn in vielen Dingen einfacher als Jonas. Ich finde impulsive Charaktere einfach wesentlich einfacher zu schreiben als die überlegten. Jonas hat fast immer einen Plan, das heißt ich brauchte natürlich auch immer einen Plan, wenn ich eine Szene geschrieben habe. Er weiß im Grunde immer genau, was er vorhat und wie die Szene ausgehen soll.

Zeyn stattdessen lässt sich auf die Umstände ein und reagiert einfach nur. Das ist vom reinen Schreibprozess her einfacher.

Und in Bezug auf seine Andersartigkeit? Er hat ja einen ganz anderen Geschmack , einen ganz anderen Fokus. 

Das Komplizierteste an Zeyns Darstellung waren die ganzen Kleinigkeiten. Ich habe eine ganze Liste von ghitanischen Gesten und deren Bedeutungen, damit ich da nicht durcheinander komme. Nicken bedeutet ja etwas anderes, Kopfschütteln … Diese Liste musste ich beim Schreiben immer neben dem Rechner liegen haben und sie ist mittlerweile schon recht lang geworden – ob alles, was da drauf steht, letztlich auch im Buch geblieben ist bezweifle ich.

Während des Schreibens habe ich mich bei neuen Gesten zwar immer treiben lassen und mir überlegt, was jetzt gerade passend wäre und cool aussehen würde. Aber danach nichts durcheinander zu kommen, das war das Schwierige. Das wichtigste war, dass ich wusste, wie der Heimatplanet aussieht. Dadurch wusste ich, welche Evolutionen etwa von statten gegangen sein mussten, um Humanoide an diese Gegebenheiten anzupassen. Wenn man diese körperlichen Strukturen hat, kann man sich überlegen, welche Gesellschaften daraus entstanden sein könnten.

Hast du bei der Erschaffung der Kulturen Parallelen zu irdischen Kulturen genommen oder es komplett deiner Fantasie überlassen?

Annette Juretzki Zitat Klingonen GhitanerDie Ghitaner habe ich tatsächlich an Spezies aus anderen Serien angelehnt und nicht an hiesige Kulturen. Besonders Klingonen sind da mit eingeflossen, aber auch die Kroganer aus Mass Effect. Was mir bei ihnen aber wichtig war ist, dass sie polyamor leben und bisexuell sind. Durch diese Spezies wollte ich einfach einen Gegenentwurf haben.

Hattest du da explizit gesellschaftskritische Ambitionen?

Ich wollte schon, dass der Leser reflektiert und darüber nachdenkt, dass es auch anders geht. Man könnte natürlich denken. „Ok, das ist eine andere Spezies, natürlich funktioniert das da anders.“ Aber dann kann man auch weiterdenken und sich fragen, ob das wirklich so anders ist. Bei fremdartigen Spezies akzeptiert man es schneller. Aber je mehr man über die Kultur und die Gedanken erfährt, desto häufiger zieht man Parallelen zur Realität und dem Menschen. Dieser Aspekt ist mir bei einigen Eigenschaften wichtig gewesen.

Wenn Angehörige verschiedener Kulturen auf engem Raum zusammenarbeiten, bleibt Xenophobie nicht aus. Auch bei dir fallen rassistische Beleidigungen wie „Menschenarsch“.

Ja, was ich ganz oft benutzt habe ist „Alien“ und dann auch gefolgt von „Alien sagt man nicht“. Das soll eine Abwertung von allen anderen Spezies als der eigenen ausdrücken. Zeyn macht das auch, indem er von den Menschen als „Alien“ spricht.

Aus seiner Perspektive sind sie ja auch Aliens! Aber trotz der Unterschiede scheint es im Großen und Ganzen auf dem Raumschiff trotzdem zu funktionieren.

Das liegt vor allem daran, dass die Spezies ja schon länger in der Allianz zusammenleben, sie haben sich nicht gerade erst kennengelernt.

Trotzdem wirkt Jonas nicht wie jemand, der alle Spezies gleichermaßen respektiert, xenophobe Züge sind da durchaus manchmal erkennbar.

Annette Juretzki Zitat rassismus GewohnheitBei Jonas ist das kulturell bedingt. Letztlich kommt er aus einer faschistischen Militärdiktatur inklusive der negativen Begleiterscheinungen wie Homophobie und Rassismus. Jonas ist damit aufgewachsen und wurde dadurch geprägt. Aber er möchte eigentlich gar nicht xenophob sein und kämpft da ein bisschen gegen an. Es ist ein Balanceakt zwischen den Vorurteilen, die er von Kindesbeinen an eingeimpft bekommen hat und dem, wie er eigentlich sein möchte. Ich glaube, dass die Prägung, die man in der Kindheit bekommen hat, nur sehr schwer abzulegen ist.

Hast du selbst schon Erfahrungen mit Xenophobie machen müssen?

Ich lebe ja schon seit ich drei Jahre alt bin in Deutschland und kann akzentfrei Deutsch, aber der Nachname verrät meine polnische Herkunft. Die meisten ausländerfeindlichen Kommentare sind durch die Blume, auch oft ganz unschuldig. Besonders in der Grundschule. Da dachte ich, dass es ein Kompliment wäre, wenn ein Lehrer sagte dass ich ganz toll Deutsch sprechen könnte. Ich war aber die einzige in der Klasse, zu der er das sagte, immer und immer wieder. Die meisten, die das sagen, meinen es natürlich freundlich. Aber es kommt anders an. Deutsch ist ja so gesehen meine Muttersprache. Da fühlt man sich manchmal schon verarscht.

Floss etwas von diesen Erfahrungen in den Roman hinein?

Schon ein bisschen. Dieser Alltagsrassismus lässt einen ja nicht los. Es ist dann dieses „Wir gegen sie“, eine Gruppenbildung, um gezielt Leute auszuschließen. Das findet man auch im Roman.

Im Gegensatz zu Fremdenfeindlichkeit ist Homophobie in „Blind“ seltener. Wie bewertest du das?

Also wenn jemand besonders homophob ist dann sind es die Stormcoast-Leute. An einer Stelle wird Jonas ja auch ziemlich offen von einem von ihnen deswegen angegangen. Tina, die Stormcoast-Freundin von Jonas, mag die Freundschaft zwar. Doch ihr ergeht es da wie Jonas mit der Xenophobie: Es steckt irgendwie in ihr, aber sie will es nicht. Die Stormcoastleute sind da aber tatsächlich die einzigen.

Ich denke mir, wenn man so ein riesiges Projekt wie die Besiedlung des Weltalls hat, kann es nicht sein, dass es da noch wichtig ist, wer mit wem ins Bett geht.

Was ist für dich die treibende Kraft hinter Rassismus innerhalb von Raumfahrtsgesellschaften? 

Schubladendenken ist so einfach! „Wir gegen die“ ist leider eine treibende Kraft“. Die Stormcoastleute etwa sind ziemlich lang isoliert gewesen. Untereinander trennen sie nur zwischen Zivilist und Militär, aber nicht zwischen irgendwelchen Kulturen. Für die war der Alien bisher der Feind und sie sehen auch nach wie vor gerne das Fremde in ihnen. Die Allianz im Gesamten dagegen versucht, auf Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zu gehen, auch wenn nicht alles gut ist. Die Allianz ist nicht die Föderation aus Star Trek. Die Allianz ist weniger utopisch als vielmehr ein großer Bürokratiehaufen, der versucht, es jedem recht zu machen.

Und wie sieht es mit Angst als treibende Kraft aus?

Annette Juretzki ZitatAngst vor dem UnbekanntenAngst hat man immer vor dem, was man nicht kennt. Man sieht es ja an Deutschland: Ausländerhass ist in jenen Gebieten am stärksten, in denen es die wenigsten Ausländer gibt. Und auch das spielt bei den Stormcoast mit: Sie sind relativ neu in der Allianz. Man handelt da eher vorurteilsbehaftet. Hätte Jonas einen Ghitaner damals als Schulfreund gehabt, sähe das schon wieder anders aus.

Kam die Idee, Fremdenfeindlichkeit zu thematisieren, schon vorab oder während des Schreibprozesses?

Mir war der Gegenpol wichtig: Obwohl wir anders sind, kommen wir trotzdem miteinander aus. Und um das zu zeigen, braucht es den Gegenentwurf.

Mit welchen drei Worten würdest du „Blind“ beschreiben?

Aliens, Weltall und pew-pew!

Und dein Lieblingssatz?

„Wer zuerst nackt ist, liegt oben!“


Annette Juretzki wurde 1984 in Polen geboren, ist in Niedersachsen aufgewachsen und nach einem ausgiebigen Schwenker Richtung Bremen letztlich in Osnabrück gelandet. Auf dieser Reise lernte sie nicht nur erfolgreich Lesen und Schreiben, sondern baute auch eine leidenschaftliche Hassliebe zu ihrem Computer auf und fand durchs Pen&Paper-Rollenspiel den Mann fürs Leben, der so hartgesotten ist, dass er tatsächlich jede ihrer Geschichten liest. Außerdem studierte sie Religionswissenschaften, denn so ein Diplom kann man immer mal gebrauchen. [Sehr hübscher Pressetext!]

Teil 2 der Sternenbrand-Dilogie „Blau“ ist bereits erschienen. Wer neugierig auf „Blind“ geworden ist, findet meine Rezension hier und/oder kann es bei Amazon bestellen.

Zu Annettes Website geht’s hier entlang!

Blind Rezension Juretzki

Sternenbrand 1 – Blind

Autorin: Annette Juretzki Verlag: Traumtänzer-VerlagFormat: 494 SEITEN, SC | Bei Amazon bestellen

Irgendwann in der Zukunft. Vor 150 Jahren haben interstellare Fieslinge – hier auch Phantome genannt – eine Invasion gestartet und im Zuge dessen nahezu alle Aufzeichnungen vernichtet. Nur knapp konnten sie zurückgeschlagen werden, doch die Bewohner der Planeten wurden in alle Weiten versprengt.

Nun hat sich die gegründete Allianz zur Aufgabe gemacht, alle versprengten Verbündete wieder zu vereinen, um den Phantomen die Stirn bieten zu können. Die nämlich scheinen nur darauf zu warten, wieder zuschlagen zu können. Und so landet das Allianz-Schiff angeführt von Ktador Jonas Brand auf einem abgelegenen Planeten und wirbelt die dortigen Einheimischen rund um den jungen Mann Xenen  gehörig auf. Letztgenannter wird schließlich aufgrund seiner Sprachbegabung mit auf die Reise genommen, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Doch auf dem Schiff läuft längst nicht alles rund: Ein Maulwurf-Phantom scheint sich eingeschleust zu haben.

Zäher Einstieg

Zwar wird man sofort in die Handlung hineinkatapultiert, dennoch – oder gerade deswegen – ist es schwierig, sich in die Welt einzufinden. Kaum etwas wird erklärt, selbst die Umgebung bleibt schemenhaft und dadurch eher flach. Insgesamt wirkt die erste Szene sehr gedehnt, was umso mehr auffällt wenn man sie mit den Längen der folgenden vergleicht und in Relation mit der Reichhaltigkeit des Inhaltes setzt.

Auch die (Re-)Aktionen der Charaktere bleibt zuweilen etwas fragwürdig. Wie der junge Xenen, der sich zwar plötzlich potentiell bedrohlichen „Aliens“ gegenübersieht, aber eigentlich eher am Sexappeal des Captains Jonas interessiert zu sein scheint. Das ist schade, da man so leicht den Eindruck erhalten kann, Plot und Setting diene nur der erotischen Liebesgeschichte. Zu Glück verflüchtigt sich dieser Eindruck bald. Denn hat man sich erst in die Welt eingefunden, offenbart sich einem ein gut durchdachtes Setting mit liebenswerten Figuren und interessanten Konflikten.

Interessante Figuren

Zwar ist der Plot auch von äußeren Umständen bestimmt, der Großteil allerdings wird von den Figuren bereitgestellt. Aus unterschiedlichen Völkern zusammengewürfelt, bietet bereits die Besatzung des Raumschiffs enormes Konfliktpotential, das Annette auch gekonnt auszureizen weiß. Mit viel Feingeist fühlt sie sich in die jeweiligen Sichtweisen ein und formt so vielschichtige Völker mit spannenden Eigenheiten und eine plausible, lebendige Welt.

Dass sich auf dem Raumschiff nicht jeder untereinander grün und auch eine Portion Xenophobie mit an Bord ist, ist da obligatorisch. Doch wird es nicht einfach stumpf in den Roman geworfen, sondern reflektiert integriert. Ohne Standpauke regt Annette dabei zum Nachdenken an; der Mensch wird zum Alien. Das kommt besonders durch die Sicht des Ghitaners Zeyn zum Tragen, der die dritte und letzte Erzählperspektive des Romans einnimmt.

Ein Kammerspiel

Der gelegte Fokus auf die Figuren lässt eine gewisse Dialoglastigkeit erahnen und tatsächlich wird miteinander diskutiert. Und zwar derart ausführlich, dass sich manches zu wiederholen scheint. Dennoch sind die Ränkespiele, Zwistigkeiten und das kommunizierte Misstrauen untereinander wichtige und spannende Komponente von „Blind“.

Es führt dazu, dass die Motivationen und Figuren selbst voll wirken und man letztlich auch als Leser ins Zweifeln gerät über vormals gehegte Aversionen oder Sympathien. Niemand ist Gut oder Böse, jede Figur hat seine Eigenheiten, ob man diese nun mag oder nicht. Annette scheint es egal zu sein, ob man ihre drei Protagonisten auch leiden kann – und das ist ein verdammt positiver Punkt!

Wem kann man trauen kann und wem nicht bleibt das große Rätsel für Figuren und Leser. Irgendjemand scheint mit den Phantomen unter einer Decke zu stecken, was furchtbare Katastrophen nach sich ziehen kann. Man ahnt, dass der eigentliche Konflikt erst noch bevorsteht.

Ein nur vorläufiges Ende

Allzu abrupt mit einem herrlich fiesen Cliffhanger endet „Blind“ und lässt einige Fragen offen. Kein Wunder, war der Zweiteiler doch eigentlich ein einziger abgeschlossener Band. Dieser wurde in „Blind“ und „Blau“ zweigeteilt. Die gute Nachricht: Band 2 ist bereits erschienen. Der liegt übrigens bereits auf meinem Nachttisch und wartet darauf, gelesen zu werden!

Insgesamt ist „Blind“ nämlich ein sehr interessanter Science Fiction Roman mit Space Opera-Elementen, der seine Figuren ernst, aber nicht zu ernst nimmt. Die offen gelebte Sexualität ist ein interessanter Aspekt, der dem ganzen das geschmackvoll inszenierte Sahnehäubchen aufsetzt.

Autorin: Annette Juretzki Verlag: Traumtänzer-VerlagFormat: 494 SEITEN, SC | Bei Amazon bestellen