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Wie man Frauen schreibt

Generationen an Autoren haben sich die Zähne an ihren weiblichen Figuren ausgebissen. Selten wortwörtlich, freilich, denn wer beisst schon freiwillig in sein Manuskript? Damit ihr fortan weder unkontrolliert beissen, noch schwitzen müsst, habe ich hier den ultimativen Guide zum Schreiben weiblicher Figuren vorbereitet!

Frauen sind seltsam. Alle. Wie fremde, giftige Pflanzen dringen sie in das vertraute Territorium des starken Mannes ein und verbreiten pinkes Unheil und Chaos. Sie zu verstehen ist dem Mann von damals wie heute fast unmöglich. Logisch, sind sie doch eine eigene Spezies, ihre Taten irrational und verrückt. Halten wir uns also lieber an folgende Grundregeln:

Frauen sind wie Männer – nur ganz anders

Fast könnte man meinen, dass Frauen ganz normale Menschen mit ganz normalen Hobbies und ganz normalen Ansichten und Gefühlen sind. Das ist jedoch stark vereinfacht und sogar verharmlost. Es suggeriert, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und man sich nicht in „Naja, is‘ halt ne Frau, nech, was will sie hier?“-Reden flüchten kann.

Hobbies, die zu Frauen passen:

  • Hausarbeit
  • Handarbeiten: Nähen, Stricken, Basteln
  • Filme. Obacht: Nur den folgenden Genres zugehörig: Romance, Paranormal Romance, Romance-Romance
  • Schreiben: Gedichte, seichte Kost
  • Träumen; Fantasieren, Traumschlösser bauen, mit Vögeln singen
  • Frauenabende: Gegenseitig schminken, Sekt schlürfen, Romance gucken, Gesichtsmasken

Um es etwas diverser zu gestalten – denn wie wir gelernt haben, ist Diversität sehr wichtig – kann man von oben Genanntem abweichen, indem man einer Frau typisch männliche Hobbies verleiht. Aber: derer nicht zu viele. Sie müssen mit Bedacht eingesetzt werden, damit die Figur nicht plötzlich mit einem Mann verwechselt wird.

BonusWissen: Je weniger weibliche Attribute eine Frau erhält, desto cooler wird sie. Ist eine Frau natürlich zu cool, wird sie zu unweiblich. Frauen sind einfach nicht cool. Und auch nicht witzig, aber das setze ich mal als gegebenes Wissen voraus.

Bonus-Wissen #2: Weibliche Wut ist nicht nachvollziehbar, sondern grundsätzlich verrückt.

Stärke

Stärke ist wichtig. Starke Protagonistinnen liegen voll im Trend. Die gute Nachricht: Es ist so einfach, sie so schreiben! Man braucht derer nur drei Zutaten:

  • Eine Knarre. Knarren sind stark. In einem phantastischen Setting tut es auch ein Schwert.
  • Vergewaltigungen. Vergewaltigungen machen stark. So stark. Zum Glück hat sie Schlimmes erlebt, sonst wäre sie noch immer ganz zart.
  • Männlichkeit. Männer sind toll, Männer sind stark, Männer sind gigantisch! Um eine Frau stark sein zu lassen, braucht sie also männlich gelesene Attribute, Logisch. Das ist ein Level-Up.

Motivation

Frauen wollen von Männern beachtet werden, woraus sich ihre Motivation ergibt.
Beispiele:

  • Welten vor Unheil retten? Wenn sie dadurch den Prinzen zum Mann nehmen darf
  • Karriere: Wenn sie später 50 Jahre Mutterzeit nehmen kann
  • Sich weiterentwickeln? Wenn es bedeutet, dass sie ihr Aussehen für das männliche Auge optimiert
  • Rache: Wenn ihr Mann von einer anderen Frau hinterrücks gestohlen wurde (Verrückt!)

Frauen wollen gefallen und gefällig sein. Nur durch den Traummann und Kinder wird eine Frau erfüllt.

Boobies!

Eine Frau wird erst durch Brüste zur Frau. Frauen ohne Brüste oder gar ohne Vagina? Um das zu verstehen müsste man ja nachdenken! Nein, bleiben wir lieber im Mittelalter. Ist ja auch einfacher zu schreiben. Wenn man die Recherche außen vor lässt.

Brüste also. Beschreibt sie. Groß und ausführlich. Frauen spüren sie beim Gehen, sehen sie beim flüchtigen Spiegelblick, denken jede Minute an sie. Woher soll der Leser auch wissen, dass sie Brüste hat, wenn man sie nicht erwähnt?!? Die besten Vergleiche ergeben sich aus Früchten. Die sind ja schließlich auch großartig. Melonen, knackige Äpfel, bloß keine garstigen Orangen. Die haben nicht die gewünschte Oberfläche. Weich und glatt sollen sie sein!

Vergesst auch nicht, Frauen entsprechend zu kleiden. Auf High Heels lässt es sich hervorragend laufen und verfolgen, Nagellack trocknet innerhalb von Nanosekunden und Lippenstift verschmiert auch bei den wildesten Küssen nicht. Beine und Achseln sind bei der Frau von heute von Natur aus haarlos und insbesondere die Frau aus der Fantasywelt hat sich auf langen Reisen nicht darum oder um handelsübliche Hygiene zu sorgen. Zur Not macht es auch der eilig herbeigezauberte Spruch. Ist ja Fantasy.

Männerrunde

Das fertige Produkt kann dann in der heimeligen Männerrunde besprochen und die weibliche Figur auf ihre Perfektion hin untersucht werden. Testleserinnen sind dabei unerheblich, denn Männer wissen ohnehin alles besser. Selbst wie man Frauen richtig schreibt. Schließlich sehen nur Männer Frauen von außen, Frauen sind befangen und, natürlich verrückt. Es sei denn, es handelt sich um die eigene Protagonistin. Die ist perfekt von der splissbefreiten Haarspitze bis zur weichen Fußsohle.

Gratuliere. Du bist bereit. Bitteschön. Vergiss nicht, dich von deinen Kollegen feiern zu lassen, eine total starke Protagonistin zu haben.

Photo by Nadim Merrikh on Unsplash

Kaffeegeist

[Gastartikel] Ketten-Kurzgeschichte – Teil 4

Vor rund 4 Wochen hatte ich die Ketten-Kurzgeschichte ins Leben gerufen: Verschiedene Autor*innen und Blogger*innen schreiben gemeinsam an einer (Kurz-)Geschichte. Und das, ohne dass man jeweils weiß, wie es weitergeht. Dies ist nun der vierte Part.

Ich möchte hier noch keine Zusammenfassung der ominösen Geschehnisse rund um die Protagonistin Özlem bieten, sondern euch vielmehr nahelegen, die vorherigen drei Part zu lesen. Diese finden sich hier:

Und nun: Vorhang auf für Part 4, geschrieben von Iris Schäfer! Ihr einen Besuch abstatten kann man auf Twitter.


Der Zettel war beim ersten Mal noch nicht in ihrer Jackentasche gewesen, da war sie sich ganz sicher! Vielleicht verlor sie doch den Verstand? Özlem schaute auf ihr Handgelenk, es war erst 20:13 Uhr. Was sollte sie bis 23 Uhr machen? Sollte sie sich überhaupt darauf einlassen, sich mit einem völlig Fremden an einem dunklen Ort zu treffen?

Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie jemanden an ihrer Jacke gesehen hatte, aber sie war sich sicher, dass niemand an der Garderobe war, nachdem sie ihr Mobiltelefon in die Jacke gesteckt hatte. Die Billard-Jungs hatten sie nicht so abgelenkt, ganz bestimmt nicht. Und wie kam der Zettel in ihre Tasche?

Irgendwie war sie ja doch neugierig. Langsam schlenderte sie wieder Richtung Strand, sie musste noch fast drei Stunden rumkriegen. Gab es irgendwo was zu essen? Gut, dass sie ihr Portemonnaie nicht auch in der Jacke hatte! Das wäre ja was geworden, wenn das auch weg gewesen wäre! Allein die Papiere und die Kreditkarten!

Ah, der kleine Italiener… Hungrig suchte sie sich einen Tisch und studierte die Speisekarte.

Einen großen Antipasti-Teller und einen Espresso später verließ sie das Restaurant wieder. Sie hatte sich entschieden, ja, sie würde den geheimnisvollen „Kommandanten“ treffen. Eine gute halbe Stunde war noch Zeit, und so ging sie langsam in Richtung der alten Post. Vielleicht war es sinnvoll, sich die Lage dort noch mal anzuschauen. Jane Bond auf geheimer Mission, kicherte sie nervös in sich hinein.

Die alte Post machte ihren Namen alle Ehre: ein großes, freistehendes Backsteingebäude mit kleinen Türmchen an allen vier Ecken. Ein ganz schöner Klotz, der irgendwie so gar nicht in die Umgebung passte. Soweit sie wusste, hat der Eigentümer inzwischen Büros dort vermietet. Kleine Gassen einmal rund um das Gebäude, eine Treppe führte zum Eingang hoch. Heutzutage wäre das schon wegen der Barrierefreiheit gar nicht mehr möglich, ging es Özlem durch den Kopf.

Sie schaute nervös auf ihren Fitnesstracker, es war zehn Minuten vor elf. Hier stand sie auf dem Präsentierteller, mitten im Mondlicht. Schnell zog sie sich in den Schatten eines Wohnhauses zurück, von wo sie einen guten Blick auf den Eingang der ehemaligen Post hatte. Sie schaute sich um, aber niemand weit und breit zu sehen. Die Fenster in den Häusern waren entweder dunkel, oder es flimmerte bläulich. Hier, in diesem Winkel des Ortes, war es erstaunlich ruhig in den Straßen. Fast zu ruhig.

Wieder der Blick zur Uhr, ob er wirklich kommen würde? Kannte sie ihn vielleicht? Wo blieb er nur, der geheimnisvolle Kommandant? Und was wollte er von ihr? In der Ferne hörte sie die Turmuhr der Kirche. Da ertönte eine dunkle Stimme hinter ihr: „Dreh dich nicht um!“

[…]


Den nächsten Part wird voraussichtlich träumerin stellen.
Photo by Toa Heftiba on Unsplash

Aller Anfang ist … Käsekuchen.

Eine leere Seite.

Was für die meisten gar nicht so bedrohlich klingt ist für mich und viele andere Schreiberlinge der blanke Horror. Weiß und leer scheint die Seite am Beginn des Manuskripts sagen zu wollen: „Ha! Du hast noch nichts geschafft. Hörst du? Nichts! Und du wirst auch nie etwas schreiben. Niemals!“

Dann schwebt der Zeigefinger über der Tastatur, während man schweissgebadet nach der besten Formulierung für den allerersten Satz sucht. Wobei: Muss es gleich die „beste Formulierung“ sein? Reicht nicht eine „gute“? Oder eine, die „ganz in Ordnung“ ist? Ach, Hauptsache es ist ein Satz! Oder ein Wort. Na ja, letztlich würde es doch auch reichen, wenn es nur ein Buchstabe ist? Oder…?

Und so hadert man, denkt angestrengt nach, blättert in Romanen anderer Autoren, geht im Zimmer auf und ab, grübelt, googelt nach den „besten ersten Sätzen“, denkt, denkt, denkt.Und raucht. Aus den Ohren.

Nein, die leere Seite ist nicht mein Freund, weder auf der ersten Seite des Manuskripts, noch des Kapitels. Denn sie bedeutet, dass man erstmalig die Bilder, die man sich im Kopf zur jeweiligen Szene gemacht hat, in Worte fassen muss. Dass man endlich anfangen müsste. Verdammt, dieser Druck! Ist der erste Satz jedoch erst geschrieben schreibt es sich schon von ganz alleine. Dabei reicht es mir oft sogar, wenn da irgendetwas steht. Der erste Satz muss nicht mal Sinn ergeben – gelöscht werden kann er schließlich später noch! Hauptsache, die Seite ist nicht mehr so leer und bedrohlich.

Dabei habe ich bei schneller Durchsicht meines noch unbearbeiteten Manuskripts folgende, literaturpreisverdächtige erste Sätze gefunden:

  • „Erster Satz.“
  • „Käsekuchen wäre jetzt geil!“
  • „Ashinari würde gerne bei Zrasi anrufen, doch leider gibt es in ihrer Welt kein Telefon.“
  • „Der Tag, an dem alle sterben, es sei denn, sie sind eh schon tot.“
  • „Blut, Blut, Blut und noch mehr Blut!“
  • „Naturelle [natriumarm]: Natürliches Mineralwasser ohne Kohlensäure.“

Fehlt eigentlich nur noch ein: „Wenn ich das später lese bin ich doof.“

So oder so: Man muss anfangen. Da führt leider kein Weg dran vorbei. Der erste Satz muss nicht gut sein, denn er kann später immer noch überarbeitet werden. Ist man erst einmal im Fluss, schreibt es sich auch ohne genialen Startsatz gut. Hoffentlich.

Momentan arbeite ich an zwei Projekten. Das eine ist ein humoristischer Fantasyroman, in dem eine alte Dame mit Knieproblemen und einem akuten Erdbeer-Vanillemarmeladenproblem die Welt retten muss.

(Die ersten Sätze: Die fürchterlichsten Unfälle geschehen daheim. Das hatten schon Kalypses Uroma und deren Großvater gesagt, lange bevor der Satz in Mode kam. Kalypse hätte es also besser wissen müssen. Trotzdem saß sie nun mit lang ausgestreckten Beinen an ihrem Lieblingsplatz, von derart viel Wolle umgeben, dass man meinen könnte, sie würde sich selber stricken und nicht bloß ein Paar Wintersocken. Das Schlimme dabei war nicht etwa das wurmzerfressene Holz, aus dem der Schaukelstuhl bestand und bei jedem Knarrzen mit baldiger Selbstaufgabe drohte. Auch nicht das Feuer, das behaglich in seinem Kamin vor sich her fackelte und dabei gefährlich nah an den Korb mit den Wollknäueln kam. Sondern die ganz einfache Tatsache, dass sie sich Zuhause befand.
Ja, sie hätte es definitiv besser wissen müssen.

Das andere soll ebenfalls ein Roman werden, allerdings eine wesentlich ernstere Richtung einschlagen. Von diesem Projekt allerdings habe ich bislang nur Plotideen, eine grobe Struktur und die Hauptpersonen. An sich erzählt es die Vorgeschichte meines vorangegangenen Manuskriptes.

So oder so: Die ersten Sätze sind furchtbar und sind die bei mir am häufigsten überarbeiteten!

Und: Kennt ihr das Problem der ersten Sätze? Wie löst ihr es? 🙂


Picture by Dustin Gaffke via Flickr.com under the following creative commons: Attribution-ShareAlike

Meine erste Zombiestory

Ich habe die erste Zombiestory meines Lebens wiedergefunden, die ich euch nicht vorenthalten will! Immerhin ist sie.. ungewöhnlich für ein kleines Kind. Eingebettet ist sie in einer Zeitung die ich damals für mein Mein kleines Pony-Völkchen kreiert hatte. Die wahnwitzige Auflage betrug, glaube ich, etwa fünf Stück und war im Format 4x2cm für  zwei Ponymark käuflich zu erwerben. Die Zombiestory war im Ponyland keine Geschichte, sondern bittere Wahrheit, der Zeitungsartikel kündigte das drohende Unheil an.

Damals, in der Grundschule (zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Minizeitschrift war ich 8, maximal 9 Jahre alt, was auch die Rechtschreibung erklären könnte) wollte ich bereits Journalistin werden und habe einiges erstellt, von Kurzgeschichten bis zu ganzen Zeitungen in „Originalgröße“. Die habe ich sogar verkauft – auf der Straße an ahnungslose Passanten, die mir für damals 10-50 Pfennig einfach was Gutes tun wollten. Leider war die Dorfstraße auf dem Weg zum Ölberg nicht hoch frequentiert, sonst wäre ich nun vermutlich Multimillionärin. Ganz sicher.

Doch zurück zur prähistorischen Zombiestory die ich erstellt hatte, um mit meinen Ponys spannende Abenteuer im heimischen Wohnzimmer zu erleben. Laut Zeitungsbericht beginnt die ganze Chose mit unkontrollierter Blutabgabe und scheint sich zunächst um eine ordinäre Seuche zu handeln. Zumindest bis die Ponys eines schönen Tages nicht nur Blut speien, sondern auch noch nach Gehirn und Gedärm dürsten. Selbige Ponys habe ich dann auch noch schön mit rotem Nagellack markiert und ihnen die Haare abgeschnitten. Unschön, wenn sie in der nächsten Kampagne wieder mit schönem Haar glänzen sollten.

Übrigens herrschte zu diesem Zeitpunkt obendrein auch noch Krieg in meinem Ponyland. Meine Ponys hatten es nicht leicht. Noch heute höre ich manchmal ein Stöhnen aus den Kartons im Keller, in dem meine Ponys über vergangene Zeiten jammern.

Der Verlauf der pony’schen Zombiekalypse

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Der Bürgermeister wird gefressen.

Ein Sondereinsatzkommando (bestehend aus drei Kindern. Logisch.) verschanzt die restlichen Bewohner in der Schule.

Die Zombieponies kriechen umher und fressen Kohlköpfe, da sie keine Gehirne finden können

Zombiepony „Scarlett“ raubt die kleine Schwester von Lars, meinem Lieblingspony und Mitglied des Sondereinsatzkommandos.

Lars und seine zwei Freunde stürmen die Zombieponyhauptzentrale.

Alles fliegt in die Luft (dargestellt durch ein mit roter Wasserfarbe eingefärbtes Mehl-Wasser-Gemisch, mit dem ich ganz zur Freude meiner Mutter Teile meines Kinderzimmers in apokalyptische Optik verwandelt hatte)

Die Zombieponys werden von der Ponyprinzessin wieder zurückverwandelt.

Alle haben überlebt – nur der Bürgermeister nicht, der bleibt tot.

Die drei Sondereinsatzkommando-Kids werden gefeiert und es gibt eine große Party.

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Kleine Notiz am Rande: ich hatte tatsächlich eine sehr schöne Kindheit, die Ideen für die ganzen Zombieexzesse habe ich mir von heimlichen Fernsehsessions geholt. Ich bin trotzdem ein ganz normaler Mensch geworden! Fast.

Rassismus in der Literatur: Der stille Antagonist

Stärker als je zuvor in meinem überschaubaren Leben fühle ich mich von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eingekesselt. Wann immer ich die virtuellen Zeitungen aufschlage oder die Blicke und geflüsterten Worte zufälliger Passanten erhasche bin ich mittendrin in einer Welt, die mir zusehends Sorgen macht. Rassismus: Er ist allgegenwärtig in der Literatur. Gerade weil es solch ein aktuelles Thema ist – und vielleicht auch noch lange so bleiben wird – ist es eines, das ich selber auch in meinen Romanprojekten thematisiere. Welche Stolpersteine es gibt und wie ich persönlich zu dieser Thematik stehe lest ihr hier in meinem Beitrag zur Blogreihe „Phantastische Realität„, die von Meara Finnegan initiiert wurde.

Definition

Beim Rassismus handelt es sich um eine Ideologie, bei der man Menschen aufgrund ihrer gemeinsamen Abstammung kategorisiert und im Zuge dessen über sie urteilt. Sowohl körperliche, als auch kulturelle Merkmale wirken dabei ausgrenzend und definierend; der Phänotyp entscheidet hierbei darüber, welche Rasse höher- und welche niederwertig und daher zu diskriminieren ist.

Im Bereich der Fantasy ist darüber hinaus der Begriff des Speziesismus interessant: Hier ist es die Art, die über die moralische Diskriminierung entscheidet. Mitglieder einer Art definieren sich zum einen über ihre Fortpflanzungsfähigkeit, zum anderen, dass sie möglichst viele gemeinsame Merkmale innehaben. Bis heute wurde es noch nicht zufriedenstellend und endgültig definiert. So oder so: Dort, wo man von Diskriminierung zwischen bspw. Orks, Elfen, Drachen oder anderen Arten liest, handelt es sich meistens um Speziesismus.

Dennoch werde ich mich hier in diesem Artikel der Einfachheit halber auf den Begriff des Rassismus‘ beschränken.

Wo findet sich Rassismus in der Phantastischen Literatur?

Dass Fantasy rassistisch sei liest man immer mal wieder in einschlägigen Foren. Doch kann ein Genre für sich gesprochen rassistisch sein? Vielmehr sind es der Plot und Weltenbau, die nach der Thematik verlangen. Fiktive Figuren, die ihre Weltanschauung in diesen zweifelhaften Pfaden verankert haben. Das macht allerdings nicht das Genre oder gar den Autoren rassistisch, sondern lediglich Teile der Welt, in der man sich beim Lesen befindet. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Nicht selten rankt sich in der Fantasy alles um Kriege und Schlachten. Als Leser erwartet man schier, dass sich die verschiedenen Rassen und Arten nicht ganz grün sind. Der gegen Ende hin äußerst kameradschaftliche Zwist zwischen Gimli und Legolas etwa ist ein Produkt von gegenseitigen Vorurteilen und Diskriminierung. Dass er hier gut ausgeht: Geschenkt. Es wirkt fast liebenswert. In vielen anderen Geschichten und auch Rollenspielen jedoch wird es ernster thematisiert und gipfelt nicht selten in Mord und Totschlag.

Von kleinen Seitenhieben die jeweils andere Rasse und deren (angebliche) Eigenschaften betreffend bis zu handfesten Diskriminierungen findet man in vielen Genrebüchern etwas zu dieser Thematik. Meistens wird es jedoch nicht weiter aufgegriffen und dient dem Amüsement oder der Dramatik. Das jedoch finde ich schade.

In den Händen der Autoren

Wichtig finde ich hier anzumerken, dass den Rassen oftmals ganz klare Charaktereigenschaften zugeteilt werden, die als gegeben gelten. Zwerge sind trinkfest und rau, Elfen Baumkuschler, Französinnen hübsch und Deutsche pünktlich. Ich möchte fast wetten, dass die meisten von euch bei den ersten beiden Beispielen zustimmend genickt, bei den anderen beiden jedoch latent genervt die Augen verdreht haben. Und klar: Wir wissen, dass nicht jeder Deutsche oder jeder Türke gleich ist. Aber wir glauben gleichzeitig auch zu wissen, dass der Zwerg von Natur aus so oder so ist – weil in diesem Bereich selten mit Graustufen gearbeitet wird.

Wirft man einen Blick auf gleich eine andere Art, den Ork, wird der Unterschied noch deutlicher. Sicherlich gibt es mittlerweile einige Werke, in denen den Orks mehr Persönlichkeit zugesprochen wird. Dennoch ist es häufig noch immer Usus, dass die Rasse des Orks einen zu etwas Bösem macht. Das mag bei einer Kreatur wie einer solchen für uns nicht weiter tragisch sein – wo wir wieder beim (realen) Speziesmus wären. Doch weitet sich das vielerorts auch auf menschliche Rassen aus. Böse, menschliche Rassen. Macht einen die Rasse also gut oder böse? Hat man nicht die Wahl, gibt es nicht noch andere Faktoren? Natürlich handelt es sich um Extrembeispiele, doch eigene Projekte kritisch zu hinterfragen ist nie verkehrt.

Gerade die Anfänge der Fantasy zeigten klare Feindbilder auf. Monster und finstere Gesellen, gegen die sich die Helden zu wehren hatten. Um es einfacher zu gestalten wurden Gut und Böse stilisiert und auch optisch klar getrennt. Menschen gegen Orks. Weiße Abenteurer gegen schwarze Kannibalen.

Diese Trennung zeigt sich gerne auch im Optischen. Tolkiens Elben sind blond, groß, hellhäutig, blauäugig. Die Orks? Dunkel, wild, barbarisch. Dem Guten schließen sich die Hellen an, dem Bösen die Dunklen und asiatisch angehauchten. Stereotype, die sich stark vereinfacht auch in Disneyfilmen finden und immer wieder auch in der heutigen Literatur. Der dunkle Schwarzmagier. Die blonde Jungfrau.

Diese Stereotype kreieren natürlich keinen Rassismus. Sie reflektieren ihn. Und hier sind wir bei dem, dem ich kritisch gegenüber stehe.

Wir tragen Verantwortung

Eine kommentarlose Spiegelung realer Ereignisse oder althergebrachter Klischees reichen nicht aus. Abercrombie etwa hat eine antagonistische Rasse kreiert, die recht muslimisch daherkommt. Natürlich sind es die Bösen, die Bitterbösen, um genau zu sein. Er ist jedoch nur ein Beispiel unter vielen. Muslimisch angehauchte Völker des Südens, kannibalistische Schwarze, wilde Ureinwohner. Oft sind es die selben Stereotype, die immer und immer wiedergekäut werden und die fast Scheuklappen gegenüber anderen Möglichkeiten vermuten lassen. In einer Zeit, die ohnehin von Angst vor muslimischen Terror geprägt ist.

Die phantastische Welt ist eurozentrisch. Das europäische Mittelalter mit seinen weißen Figuren ist Standard. Der weiße Mensch ist Standard. Ist Rassismus Thema, dann meist gegenüber Schwarzen, Asiaten – den Anderen. Dabei ist jeder dort „der Andere“. Für uns als Leser, denn es handelt sich um fiktive Völker. Dennoch werden die Chancen nicht genutzt, vieles verpufft in den Weiten klassischer Fantasy. Ich vermisse Fantasy, in denen nicht die herkömmlichen Kulturen im Zentrum stehen. In denen vielleicht der Weiße diskriminiert wird. In dem Rassismus kritisch angesprochen oder gar wirklich thematisiert wird. Sei es direkt oder durch die Blume.

Es ist allzu einfach, bereits ausgetretene Pfade zu bewandern und sich auf die alten Klischees zu berufen. Aber es ist eine Einfachheit, die nicht sein muss. Jede Welt ist divers. Auch die fiktive.

Was tun?

Das Thema finde ich zu wichtig, als es eingestaubt zu lassen. Was wir nicht brauchen ist ein immer wiederkehrendes Spiegelbild unserer Zeit, das im schlimmsten Fall das „Feindbild“ nur noch bestärkt. Ich finde es wichtig, seine Völker und einzelnen Figuren reflektiert zu betrachten. Die im fiktiven Dialog gesagten Dinge kritisch zu hinterfragen und in eine Diskussion zu treten, wenn es das Thema verlangt.

Aber auch, dass man sich nicht auf ein Thema beschränkt. Rassismus ist nichts, was man thematisieren muss. Genauso wenig wie ich mir vorschreiben lassen möchte, welche Sexualität meine Figuren zu pflegen haben, möchte ich euch vorschreiben welche Hautfarbe eure haben sollen. Das wäre Quatsch. Nein, wofür ich plädiere ist ein allgemein bewusster Umgang mit der Materie. Wir schreiben eben nicht nur für den weißen Menschen und wir sind auch nicht in der Pflicht diskriminierende Klischees immer und immer wieder aufzuarbeiten.

Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen von euch zum Nachdenken anregen konnte und natürlich auch, dass ihr das nicht als Bibel versteht. Es bleibt noch immer, was es ist: Nur meine Meinung.