Buchtipps Endzeit Romane

5 stille Endzeit Romane ohne Zombies

Selten in der Popkultur kommt die Endzeit ohne Gewalt und ein gewisses Maß an Action aus. Zombies weiden sich am Menschen, Städte brennen und irgendwo im Hintergrund dröhnt eine Monsterwelle heran. Die Menschheit darbt dann in der verbliebenen Gemeinschaft, aus der heraus sich wiederum Miniapokalypschen in Form des Teufels in Menschengestalt bilden.

Doch es geht auch wesentlich stiller. Dort, wo der Untergang entweder lange zurück liegt oder nur in schleichender Ruhe vonstatten gegangen ist. Dort, wo es nur einen oder zwei menschliche Protagonisten gibt, die sich in der Isolation behaupten müssen. Die Antagonisten: Hunger, die Natur und nicht selten auch der eigene Verstand.

Hier möchte ich euch fünf Bücher ans Herz legen, die allesamt nach dem Dahinscheiden der fast kompletten Menschheit spielen und in denen existentielle Fragen und Wahrheiten im Fokus stehen.

Marlen Haushofer, „Die Wand“

Haushofer die Wand

Autorin: Marlen Haushofer Verlag: List (2014) | Umfang: 288 Seiten | Sprache: Deutsch

Die aufgrund der Erzählperspektive namenlos bleibende Protagonistin macht mit ihrer Cousine und deren Mann Urlaub in einer einsamen Berghütte. Als die eines Tages von einem Ausflug in das nahe gelegene Dorf nicht mehr zurückkehren, macht sich die Protagonistin auf, um sie zu suchen – und stößt auf halbem Wege auf eine unsichtbare Wand, hinter der alles Leben auf ewig erstarrt ist. Fortan muss sie alleine in den Bergen zurecht kommen, gegen Hunger und Naturgewalten kämpfen und damit zurecht kommen, dass ihr Kosmos drastisch geschrumpft ist.

Was genau diese Wand verursacht hat erfährt man nicht und auch die Protagonistin steht der Frage ratlos gegenüber. Man verfolgt ihr Leben in der Isolation mittels tagebuchartiger Einträge, in denen sie ihre Umgebung, aber auch sich selbst reflektiert. Dass sie immerhin tierisches Geleit findet, ist Fluch und Segen zugleich, denn ein Verlust wiegt, je konzentrierter die Bezugspersonen, umso schwerwiegender.

„Die Wand“ ist ein sehr interessanter Roman, der zum Nachdenken anregt und sowohl zarte Kritik an der Gesellschaft übt, als auch die Natur in den Fokus stellt. 2011 wurde der Roman übrigens auch verfilmt, bleibt für mein Dafürhalten jedoch hinter dem Buch zurück.

Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠


Thomas Glavinic, „Die Arbeit der Nacht“

Die Arbeit der Nacht Thomas Glavinic

Autor: Thomas Glavinic Verlag: dtv (2008) | Umfang: 400 Seiten | Sprache: Deutsch

Als Jonas eines Tages aufwacht, ist alles Leben verschwunden. Weder Tier, noch Mensch zeigt sich im leer gefegten Wien. Drückende Einsamkeit lässt ihn brüchig und paranoid werden und er beginnt, die Straßen und sogar sich selbst im Schlaf zu filmen. Bald stellt er fest, dass seine Paranoia nicht unbegründet ist. Und so beginnen die seltsamen Ereignisse, die Faust enger um ihn zu schließen …

Trotz inhaltlicher Schwächen zeigt die Arbeit der Nacht auf beeindruckende Weise die Fragilität des Menschen in der Einsamkeit und schafft eine behaglich gruselige Atmosphäre. Gerade die erste Hälfte ist dadurch sehr stark, baut jedoch eine Erwartungshaltung auf, die das Ende nicht erfüllen kann. Nichtsdestotrotz ein Roman, den zu lesen sehr lohnt!

Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠ | Gewalt: ♠ | Humor: ♠


Arno Schmidt, „Schwarze Spiegel“

Arno Schmidt Schwarze Spiegel

Autor: Arno Schmidt Verlag: Suhrkamp Verlag (2006) | Umfang: 154 Seiten | Sprache: Deutsch

Fünf Jahre nach dem dritten Weltkrieg liegt die Welt noch immer in Schutt und Asche, zermürbt von atomarem Beschuss. Bleich starren menschliche Skelette aus den Trümmern der Städte hervor, in denen der namenlose Protagonist auf seinem Fahrrad durch Norddeutschland streift. Er ist alleine, hat sich mit der Isolation allerdings mehr oder weniger angefreundet.

Gezeichnet wird ein graues Bild von der Endzeit, in dem nur ab und zu ein Funke Licht aufflackert. Das Sterben der Menschheit wird nüchtern betrachtet, hin und hergerissen zwischen Genugtuung und Trauer. Stark in den Vordergrund tritt die Gesellschaftskritik, auch und besonders durch die inneren Monologe des Erzählers.

Arno Schmidt macht es allerdings nicht allzu leicht, dem Text zu folgen. Gedankliche Sprünge des Erzählers sind nicht selten, ebenso wie die Rechtschreibung nicht immer eingehalten wird und man sich auf künstlerische Freiheit beruft. Zudem findet man etliche Anspielungen auf Literatur, Politik und weiteres Zeitgenössisches, der Humor ist zynisch, aber vorhanden.

Insgesamt ein Klassiker, den man nicht nur als Freund von Endzeit-Literatur gelesen haben sollte.

Anspruch: ♠♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠♠


Cormac McCarthy, „Die Straße“

Cormac McCarthy Straße

Autor: Cormac McCarthy Verlag: Rowohlt (2016) | Umfang: 256 Seiten | Sprache: Englisch

Vater und Sohn kämpfen sich durch ein zerstörtes Nordamerika, in dem nicht nur die menschlichen Hinterlassenschaften in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Die Natur stirbt. Der Himmel ist grau, die Bäume kahl und man ernährt sich von den letzten, schäbigen Resten, die die Welt noch herzugeben hat. Auf der Suche nach Rettung zieht es die dezimierte Familie zur Küste.

Die beiden sind die meiste Zeit über allein mit sich und ihrer Not – und wollen das auch bleiben. Man kann niemandem trauen, ist stets auf der Hut und verbirgt sich, so gut es geht. Das triste Bild der Welt wird durch die Kannibalen grausam akzentuiert, ohne dass sensationsheischender Geifer aus der Schreibfeder McCarthys tropft. Erschütternd und tiefgründig erzählt, fühlt man als Leser unweigerlich mit.

Viele dürften die Verfilmung mit Viggo Mortensen aus dem Jahre 2009 kennen. Auch diese ist empfehlenswert, die Darsteller machen ihre Sache gut und der Roman wurde recht gut umgesetzt.

Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠♠♠ | Humor: ♠


Jean Hegland, „Die Lichtung“

Jean Hegland Die Lichtung

Autor: Jean Hegland Verlag: Fischer (2017) | Umfang: 300 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Die zwei jungen Schwestern Nell und Eva kämpfen noch mit dem Tod ihrer Eltern, als die Zivilisation um sie herum langsam zusammenbricht. Abgeschieden am Waldrand lebend, bekommen sie von all dem jedoch wenig mit und flüchten sich bald in ihre Zweisamkeit.

Obwohl auch im nahen Umkreis der Waldhütte einiges an Grausamkeiten geschehen, bleibt das zwischenmenschliche im Vordergrund. Die Themen, die in den Dialogen und in der Erzählung aufgegriffen werden, gehen über die eines handelsüblichen Young Adult Romans hinaus und machen es so auch für erwachsene Leser angenehm zu lesen. Die Gefühlswelten der Protagonisten rücken stärker in den Mittelpunkt als in den anderen hier vorgestellten Romanen, ohne es dadurch kitschig werden zu lassen. Der Aspekt der Natur rundet das Werk ab.

Anspruch: ♠♠ | Gefühl: ♠♠♠♠♠ | Gewalt: ♠ | Humor: ♠♠


Weitere Tipps

  • James Graham Ballard: Die Dürre (The Drought, 1964)
  • Sturm aus dem Nichts (The Wind from Nowhere, 1961)
  • Paradies der Sonne (The Drowned World, 1962)
  • Richard Cowper: -The White Bird of Kinship, bestehend aus Piper at the Gates of Dawn (Story, 1976), The Road to Corlay (1978), A Dream of Kinship (1981), A Tapestry of Time (1982)
  • George R.. Stewart: Leben ohne Ende (Earth Abides, 1949)
  • John Christopher: No Blades of Grass, 1956
  • Emily St. John Mandel: Station Eleven, 2014 (Das Licht der letzten Tage).
  • Walter M. Miller, Jr.: Lobgesang auf Leibowitz (A Canticle for Leibowitz, 1959)
  • Adrian J.Walker: The End of the World Running Club

Photo by Joseph Chan on Unsplash

Beeindruckende Bücher

Welches Buch hat euer Denken beeinflusst?

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, schrieb einst Franz Kafka. Kein Zitat könnte passender sein für diesen Artikel, der jene Bücher in den Fokus stellt, die mitten in Herz und Hirn gehen. Die es schaffen, zum Umdenken zu bewegen, bis ins Mark erschüttern oder faszinieren und derart besonders sind, dass man sie kaum vergessen kann. Vorhang auf.

Sowohl auf Twitter, als auch auf Facebook fragte ich euch, welches Buch genau das geschafft hat. Zusammen gekommen ist ein Fundus an außergewöhnlichen Büchern, die zu benennen definitiv nicht schaden kann – selbst dann, wenn es auf negative Weise zu beeindrucken wusste.

[Randbemerkung: Obwohl im Artikel viele Autorinnen vertreten sind, fehlen die Stimmen von POC’s fast gänzlich. Da muss ich bald eine spezielle Liste erarbeiten. Entsprechende Bücher gibt es schließlich genug.]

Augen öffnend

„Die 120 Tage von Sodom“

Wie „Die 120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade, das manch einen, wie Steffi, aufgrund der dort gezeigten menschlichen Abgründe abgestoßen hat.
Gerade für sie als Sozialarbeiterin wurde damit eine Grenze des Ertragbaren überschritten, hat ihr dabei allerdings auch gezeigt, wo ihre Grenzen genau liegen. „[Der ]Inhalt [ist ]an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen“, schreibt sie und kommt kurz darauf zum Fazit: „Ich bin froh, das Buch vollständig gelesen zu haben. Es ist zum Glück „nur“ eine völlig perverse Geschichte. Hat mich aber auf die Realität vorbereitet. Taucht das Thema irgendwie auf, ist die Akte für mich zu.

In eine zumindest ähnliche Kerbe schlägt für Stefan Mesch Ayn Rands „Der Streik“ , der in seinen Augen (und dem schließe ich mich persönlich an dieser Stelle sehr gerne an) ein absolut fragwürdiges Gesellschaftsbild zeichnet: „[Es ist] hanebüchen, absurd, zynisch und voller Denkfehler – aber ich bin echt einmal die Woche froh, dass ich das las. Weil ich seitdem merke, wie viele Leute um mich herum das Gesellschaftsbild „Wer stark ist, soll gefördert werden. Wer schwach ist, schwächt die Gemeinschaft: Wir müssen die Starken immer stärker machen, dann ziehen sie den Rest schon mit.“

Wer zufrieden in seiner eigenen Welt lebt, der weiß unter Umständen gar nicht, welche Abgründe sich in der Welt auftun. Das geschriebene Wort im Allgemeinen und Bücher im Besonderen können ein Fenster zur Welt sein, das einen zuweilen staunend, manchmal schmachtend, aber allzu oft eben auch fassungslos hinausschauen lässt. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Das Buch als Lebenshilfe

"Buch der fünf Ringe" von Miyamoto Musashi

Zurück zu den positiven Seiten. Dorthin, wo es das geschriebene Wort schafft, das Leben zum Besseren zu wenden. Manche Bücher können helfen, über schwierige Phasen des Lebens hinwegzukommen. Beispielsweise über Trennungen, wie Kalle Paulsen erzählt.
Das „Buch der fünf Ringe“ von Miyamoto Musashi habe ihn dazu inspiriert, „etwas pragmatischer und stoischer an Probleme heranzugehen. Ich habe damals eine ganze Menge meiner (aus heutiger Sicht) unnützen Ideale über Bord geworfen und mich selbst freier und weniger emotionsgesteuert gemacht.“

Andere Bücher lehren, dass man auch um Hilfe bitten kann, wenn man sie braucht und kleine Geschenke annehmen darf, wie Aimée zu berichten weiß, wenn sie über „Art of Asking“ von Amanda Palmers spricht. Klassische Ratgeber sind dafür schließlich auch prädestiniert, Worte zu formen, die sich im Kopf verankern sollen – und es offensichtlich auch ab und an nachhaltig schaffen.

Aha!?

Doch auch Romane sind keine unbeschriebenen Blätter. Geschichten schaffen die Brücke zwischen Phantasie und Realität, spiegeln unsere Gesellschaft mal mehr, mal weniger wider. Gerade, aber nicht nur für Kinder kann das wegweisend sein und die eigenen Ansichten schärfen. Romane zeigen uns, was sein kann, was möglich wäre. Nicht umsonst sollte meiner Ansicht nach wesentlich mehr Diversität in der Literatur aller Altersklassen herrschen.

Wolfsaga“ von Käthe Recheis hatte mich als Kind unglaublich fasziniert. Die Fabel über ein scheinbar ohnmächtiges Wolfsrudel, das sich gegen die Übermacht eines totalitären Regimes stellt und für das gesunde Miteinander kämpft, zeigte mir, dass man nicht alles hinnehmen muss, was einem präsentiert wird. Man kann aufbegehren, Flagge zeigen.

Für Tim war ein Roman Mitgrund für seinen Einstieg in den Zivildienst mit geistig behinderten Menschen. Der „zeitlos geschriebene“ Roman „Flowers for Algernon“ von Daniel Keyes habe ihn „viel über die Menschlichkeit gelehrt.“ Ähnlich in eine berufliche Richtung geschubst fühlte sich Sal von Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“: Vom Philosophiekurs über das Studium bishin zur finalen(?) Berufswahl.

Zum Nachdenken anregen; ein Ziel, das sicherlich viele Autor*innen mit ihren Werken verfolgen. Ob es darum geht, darüber nachzudenken, „was [man] mit seinem einen Leben anfangen möchte ohne eine zweite Chance zu haben“, wie es Just Platinized ausdrückt und dabei „The First 15 Lifes of Harry August“ von Claire North bedenkt. Oder um die „Aufforderung, die Augen aufzumachen, was um einen herum passiert“, wie es Carola über die „Drachenlanze„-Romanreihe von Margaret Weis und Tracy Hickman ausdrückt.

Der hier hauseigene Marcus schwört wie selbstverständlich auf „Der Herr der Ringe“ von J.R.R.Tolkien. Es habe ihn viel über Freundschaft, die Zeiten, Orte und Ansichten überdauert gelehrt und ihm gezeigt, dass man tatsächlich etwas tun kann, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Einen interessanten Gedankengang liefert auch Feuerlilie, die an dieser Stelle vom Roman „Das Kartengeheimnis“ von Jostein Gaarder spricht: „Das Buch habe ich in meinen jüngeren Teenagerjahren gelesen und die philosophischen Betrachtungen darin haben mich nachhaltig begleitet. Zum Beispiel die Idee, dass wir alle auf dieser Welt wahnsinnige Glückspilze sind. Warum? Man denke an die Pest im Mittelalter bei der 1/3 der Bevölkerung Europas gestorben sind – aber nicht unsere Vorfahren! Und so geht es weiter, sei es nun der 30-jährige Krieg, Hungersnöte oder zwei Weltkriege. Unsere Vorfahren waren immer unter den glücklichen Überlebenden. Was für eine unwahrscheinliche Kette von Glücksfällen, die schließlich zu unserer Geburt geführt hat.“

Worte bewegen, Worte laden zum Nachdenken und Fühlen ein, Worte sind magisch. Nicht selten beeindrucken sie nachhaltig über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg. Bücher können einen verändern.
Während ihr nun herzlich eingeladen seid, selbst darüber nachzudenken, welche Bücher euch auf’s Tiefste beeindruckt haben, lasse ich euch zu guter Letzt die beiden Bücher da, die mehrfach genannt worden sind. Mit Recht? Meiner Ansicht nach auf jeden Fall!


„Die unendliche Geschichte“ – Michael Ende

„Ich hab es mit 12 zum ersten Mal gelesen, danach noch weitere 5 Mal im Lauf meines Lebens. Ich habe immer neue Ebenen der Geschichte entdeckt und mit 12 mich zum ersten Mal wirklich und bewusst mit einem Buchcharakter identifizieren können. Bastian war mein Held. Und ich hab ihn intensiv beneidet um die Möglichkeit eine ganze Welt erschaffen zu dürfen mit dem letzten Staubkorn des alten Phantasiens und dem Auryn um seinen Hals.“
[Melanie Phantagrafie]

„Ich war damals 6 und das Buch brach die vierte Wand für mich offensichtlich nicht nur von Buch zu Bastian sondern auch von Bastian zu mir und das hat mein Verständnis von Fantasie gänzlich geändert.“
OddNina

„Als Mobbingopfer habe ich Bastian gefeiert!“
Katsu


Pippi Langstrumpf – Astrid Lindgren

Pippi Langstrumpf

“ Spontan würde ich sagen, dass die Bücher von Astrid Lindgren mir als Kind ein offenes Weltbild vermittelt haben. Zwar zeigt sie immer wieder soziale Unterschiede auf, aber es gibt niemals Grenzen der Menschlichkeit.“
BlackGentleman

“ Weil sie wie ich nur ein Elternteil hatte, wie ich oft allein zu Hause war, wie ich aus allem etwas anderes machte und wie ich nicht wirklich Mädchen sondern eher Burschikos/Neutrum war.“
Katsu


Headerbild by: unsplash-logoThought Catalog
Fantasy Romane mit schwarzen POC Protagonisten

5 empfehlenswerte Phantastik-Romane mit schwarzen Protagonist*innen

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, wie „weiß“ die literarische Landschaft der Phantastik ist? Nicht nur auf den Covern prangen vorrangig Menschen weißer Hautfarbe, auch innerhalb der Geschichten selbst findet man wesentlich mehr weiße Figuren als solche mit dunklem Teint. Das ist natürlich nicht rassistisch – aber zumindest schade.

In Fantasywelten kann man als Autor Völker jeglicher Couleur erstellen, in der Science Fiction ganze Planeten mit völlig neuen Rassen kreieren. Dennoch greifen die meisten weißen Autoren dabei auf Protagonisten zurück, die der „eigenen Masse“ entsprechen. Das geschieht vermutlich aus Gewohnheit und den festgefahrenen Ideen. Helden strahlen hell, während viele garstigen Völker dunkel vor sich hin stieren.

Und selbst wenn eine Hauptfigur mal nicht weiß ist, so stellt man sie sich oft als genau das vor. Verfilmungen wie Starship Troopers treiben es auf die Spitze, indem sie den Protagonisten „weißwaschen“. Auch Neil Gaiman musste für einen Schauspieler mit nicht-weißem Hintergrund für die Serienadaption „American Gods“ kämpfen.

Hier habe ich fünf Beispiele für schwarze Protagonisten in der Phantastik-Literatur zusammengesucht, die ich euch gerne empfehle. Gerne dürft ihr in den Kommentaren weitere Romane ergänzen!

Octavia E. Butler, Fledgling
Fledgling Octavia E. Butler

Autor: Octavia E. Butler Verlag: Grand Central Publishing | Umfang: 320 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Shori wacht ohne Erinnerungen und schwer verletzt in einer Höhle auf. Es dauert, bis sie herausfindet, wer und vor allem was sie ist: Eine Art Vampir, der jedoch durch Experimente aufpoliert wurde. Die Sonne etwa verbrennt zwar ihre Haut, ist jedoch nicht sofort tödlich. Auch ein Grund, weshalb sie schneller Anschluss an einen Fremden findet, von dem sie nicht nur die dringend nötige Nähe und Gesellschaft, sondern auch Blut erhält. Es wird zu einer Mensch-Vampir-Symbiose, die in dieser Welt gar nicht mal so unüblich ist.

Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach der eigenen Identität und den Mördern ihrer Eltern. Steine werden ihr dadurch sowohl von den Menschen, als auch den Vertretern ihrer eigenen Art in den Weg gelegt. Denn irgendwer hat etwas gegen Shori und diejenigen, die so verbessert wurden wie sie.

Butler schrieb eine Geschichte, die zu ihrer Zeit nicht nur ein neues Licht auf das Vampirgenre warf, sondern auch kritische Themen wie Rassismus, kulturelle Diskrepanzen und moralische Fragen bespricht. Selten wird der Leser belehrt, sondern vielmehr zum Nachdenken angeregt. Etwas, das ich bei vielen Fantasyromanen vermisse und dann ausgerechnet hier bei den Vampiren finde.

Shori. Eine eigenständige, interessante Persönlichkeit mit Biss.

Genre: Drama, Romanze | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠♠ | Gewalt: ♠♠♠ | Humor: ♠


Nnedi Okorafor, „Wer fürchtet den Tod“

Wer fürchtet den Tod Nnedi Okorafor

Autor: Nnedi Okorafor Verlag: Cross Cult | Umfang: 480 Seiten | Sprache: Englisch, Deutsch | Bestellen

Das post-apokalyptische Afrika. Die hellhäutigen Nuru  unterdrücken gewaltsam die dunkelhäutigen Okeke. Aus manchen Angriffen der Nuru auf die Okeke entstehen Kinder aus Vergewaltigungen: Die Ewu. Ihnen wird ein Hang zur Gewalt nachgesagt, wurden sie doch im Hass gezeugt. Die junge Frau Onyesonwu ist solch eine Ewu, die gemeinsam mit ihrer Mutter in einer kleinen Ortschaft inmitten der Wüste Zuflucht findet – und dort feststellt, dass sie magisch begabt ist.

Hier wird keine schöne Welt beschrieben, sondern eine, auf deren Ascheboden der Hass gedeiht. Wut ist auch das, was Onyesonwu antreibt, denn sie geht auf die Reise, um ihren Vater und Vergewaltiger ihrer Mutter zu finden und zu bestrafen.

Die Autorin bedient sich dabei einer kraftvollen Sprache, die Raum für Fantasie und Nährboden für eine Legende bietet. Brutal, unangenehm und mit viel Wut im Bauch – es ist kein Roman, den man gemütlich in der Badewanne lesen möchte und dennoch zu begeistern weiß.

Onyesonwu. Ihr Name bedeutet auf Deutsch „Wer fürchtet den Tod“. Sie eher nicht.

Genre: Endzeit | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠♠♠ | Humor: ♠


Ursula K. Le Guin, „Erdsee“

Ursula K. Le Guin Erdsee

Autor: Ursula K. Le Guin Verlag: Piper | Umfang: 196 Seiten | Sprache: Englisch, Deutsch | Bestellen

Der junge Duny – oder später Ged – ist eigentlich nur der Sohn eines Bronzeschmieds – doch in ihm ist längst Magie herangereift, die ihn zu einer berühmten Zauberschule treibt. Dort übt er sich nicht nur in profaner Magie, sondern auch in gefährlicheren Formen. Als er eines Tages unabsichtlich einen Dämon beschwört, droht die Welt, aus den Fugen zu geraten. Schafft es es, vom Gejagten zum Jäger zu werden?

Die Werke Le Guins gelten nicht umsonst als eine der wichtigsten Fantasy-Epen: Ihre Erzählweise ist fesselnd, die Welt, die sie auch hier kreiert, fantasievoll und authentisch.

In der Miniserie wird Ged von einem weißen Schauspieler verkörpert, dabei hat sich Le Guin in Interviews stets für die Diversität ihrer Figuren ausgesprochen. Tatsächlich ist Ged nur einer von vielen Figuren, die nicht dem weißen Phänotyp entsprechen.

Ged. Schnell von sich selbst überzeugt, stellt er bald heraus, dass er Demut üben muss.

Genre: Fantasy | Anspruch: ♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠♠


Mat Johnson, „Pym“

Pym Mat Johnson

Autor: Mat Johnson Verlag: Spiegel & Grau | Umfang: 384 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Der afroamerikanische Literatur-Professor Chris Jaynes ist fasziniert von dem einzigen Roman Edgar Allan Poes „Die Erzählung des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ [Der auch tatsächlich existiert] und begibt sich auf dessen Spuren in die Antarktis. Dort, so Poe, soll es das horroreske Land des vollkommenen Schwarz geben – inklusiver schwarzer Menschen mit schwarzen Zähnen. Jaynes rekrutiert eine Crew aus ausnahmslos schwarzen Menschen und startet in ein unglaubliches Abenteuer.

Die zusammengewürfelte Crew ist fast ebenso grotesk wie einige der Szenen, die Jaynes tief in die Abgründe und Mysterien Amerikas und Poes Geschichte führen. Gespickt mit beissendem Humor, treffender Gesellschaftskritik, triefender Satire und einer gewissen „Oddness“ ist Pym sicherlich nicht für jeden etwas – doch es ist definitiv ein Roman, den man gelesen haben sollte, denn viele solcher Art gibt es nicht.

Chris Jaynes. Ein Professor, der sich für Diversität einsetzt und an der Universität an gewisse Grenzen stößt.

Genre: Satire, Fantasy | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠♠♠♠


Nisi Shawl, „Everfair“

Nisi Shawl Everfair

Autor: Nisi Shawl Verlag: Tor Books | Umfang: 384 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Was wäre geschehen, wenn der Kongo Dampftechnologie entwickelt hätte, als Ende des 19. Jahrhunderts Belgiens König Leopold II das Land an sich reissen wollte? Vielleicht Everfair, der im gleichnamigen Roman durch das tapfere Eingreifen von Idealisten entstandene Staat. Eine von Steampunk durchtränkte Utopie, die noch immer mit gesellschaftlichen Konflikten und politischen Zwisten zu kämpfen hat und deren Protagonisten so vielfältig sind wie das Leben selbst.

Durch die Augen vieler Protagonisten zeichnet Shawl eine vielschichtige Welt mit den Problemen auch unserer Zeit wie Rassismus und Vorurteilen gegenüber anderen sexuellen Orientierungen, aber auch den Problemen, die Kolonialisierungen mit sich bringen. Dabei bleibt sie unterhaltsam und fantasievoll, kreiert ein Setting, das man in dieser Form selten zu Gesicht bekommt.

Genre: Steampunk | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠


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