Die große Empörung

Ist der Rausch der Empörung wichtiger als die Sache selbst?

Empörung ist die neue Ware, Likes der wohlverdiente Lohn. Gegenseitiger Hass rollt durch das Internet und nimmt alles mit: Freund*in, Feind*in, Hauptsache man hat sich so richtig ausgekotzt. Der guten Sache wegen. Der Punkt ist oft allerdings: Die Sache selbst bleibt dabei oft genug auf der Strecke.

„Die Sache“: Das kann ein tolerantes Miteinander sein, Feminismus, Rassismus oder Ableismus. Es kann die Bitte nach Diversität sein. „Die Sache“ ist allerdings aktuell irgendwo in irgendeine Nische verbannt worden. Lieber ignoriert oder ätzt man. Und das finde ich aktuell leider verdammt unerträglich. Hier mal ein paar der Dinge, von denen ich wünschte, sie wären anders.

Anerkennung statt Ablehnung

Das, was in solchen Debatten fehlt, ist – die Debatte. Es gibt kein „Hm, warum ist es dir so wichtig, dass Repräsentation herrscht?“ sondern lediglich ein „ICH habe es IMMER SCHON so gekannt, also ist alles andere unnütz!“ Man müsste sich ja sonst ein Mindestmaß anstrengen und alte Pfade verlassen. Gerade Menschen über 20 tun sich da manchmal schwer. Schließlich, nun ja, habe man es „immer schon so gemacht“ und „uiuiui, wo kämen wir denn da hin, wenn man IN DER PHANTASTIK plötzlich anfangen müsste, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.!“ (Spoiler: Die Phantastik hat sehr wohl auch Verantwortung.)

Dabei würde es schlicht ausreichen, wenn man Betroffenen zuhört. Wenn man nicht alles als unabdingbare Forderung, sondern als Bitte sieht. Gerade als weißer heterosexueller cis-Mann ist man verwöhnt. Das ist so. Das ist kein Vorwurf, sondern eine simple Tatsache. Ihr werdet euer Leben lang innerhalb dieser sozialen Komponente gepampert. Man macht euch da keinen Vorwurf,schließlich habt ihr Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit etc. nicht am eigenen Leibe erfahren. Ein Vorwurf wird erst dann erbracht, wenn ihr euch weigert, zuzuhören. Beispielsweise zum Thema Heldinnen. Und natürlich kann es sein, dass ihr an anderer Stelle Diskriminierung erfahrt, etwa durch eine (geistige) Behinderung oder Krankheit. Das möchte euch niemand absprechen. Ich selbst bin als weißer Mensch privilegiert.

Leider – und das beobachte ich einfach viel zu häufig – schmeisst ihr euch stattdessen lieber auf den Boden, strampelt mit Armen und Beinen und brüllt, dass das alles viel zu anstrengend sei. Fun fact: Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit, Ableismus und vieles mehr ist vermutlich wichtiger als eure Befindlichkeiten.

Hört zu. Denkt nach. Damit wäre vielen bereits geholfen.

Disclaimer: Und mit „ihr“ meine ich „uns“. Ich kann in vielen Belangen auch vieles besser machen und lernen. Auch ich muss zuhören.

Hilfe statt Hass

Aber ach, wäre die geeky Welt (Nazis u.ä. außen vor gelassen) doch schön, wenn es nur um die bösen cis-Männer und ihre Befindlichkeiten ginge. Dann könnte man sich Zeit nehmen und ihnen in Ruhe erklären, weshalb Gendersternchen gar nicht so schlimm sind und alles halb so schwierig ist, wie man es sich vorstellt. Nein, auf der anderen Seite stehen nämlich schon die Fackelträger*innen bereit und scharren mit den Füßen.

Er hat „dumm“ gesagt, steinigt ihn!“ Hinter diesem Ausruf des zumeist twitter’schen Zorns steht die Kritik am Ableismus, also Kritik an Behindertenfeindlichkeit, hier in Gestalt von entsprechenden Äußerungen. Kurz: Die Kritik ist eine an sich sehr gute Sache. Behindertenfeindliche Begriffe werden zu oft unbedarft geäußert. Es ist in der Alltagssprache verankert und diese strukturellen Problematiken aufzuzeigen ist wichtig. Leider wird nicht aufgezeigt, sondern direkt scharf geschossen. Gerade Ableismus ist allerdings etwas, das der Masse erst seit kürzester Zeit entgegen geworfen wird; eine in Relation zur Masse betrachtet(!) sehr junge Kritik, mit der die meisten noch nie in Berührung gekommen sind. Gleichzeitig tut man so, als müsste jede*r bereits woke sein und um die Problematik wissen. Breaking News: Es kann nicht jede*r perfekt sein.

„Muss ich jetzt jede*n der*die Scheiße labert pampern oder was?!?“

Natürlich nicht. Aber ist euch nie in den Sinn gekommen, dass es gegenteiligen Effekt hat, gleich draufloszuschießen gerade wenn die betroffene Person gar keine Ahnung hat, worum es geht? Dabei wäre es so einfach, kurz statt aggressiv „Du bist scheiße!“ zu sagen, es kurz zu erklären. Oder einen Link zu einem großartigen Artikel bereitzustellen. Man könnte damit zum Nachdenken anregen. Zum Umdenken. Ist das nicht wichtiger als der Rausch der Empörung?
Denn darum scheint es euch zu gehen: Um Empörung. Ihr called diese Leute dann aus. Ihr wollt keine Debatte, ihr wollt kein Umdenken. Das, was ihr wollt, sind Likes. Euch folgt auf Twitter – denn das ist die in diesen Fällen oft gewählte Plattform – eure treue Bubble, die sich ebenfalls primär empören möchte. Ihr feiert ein Likefest und suhlt euch im gemeinsamen Hass gegen den Unwissenden, der nicht ganz so gebildet (übrigens Klassismus) ist wie ihr. Ui, toll. Geht es euch noch um die Sache? Oder doch nur um Polemik? Glaubt ihr wirklich, ihr gewinnt, nur weil ihr euch in eurer Bubble suhlt und um euch tretet?

Wir drehen uns im Kreis.

Lasst uns kämpfen!

Natürlich ist es super, wenn man auf problematische Strukturen aufmerksam macht! Natürlich dürfen Rassismus, Misogynie, TERFs und vielem mehr kein Raum gegeben werden! Lasst uns darum kämpfen, dass diese Gruppen kleiner werden! Lasst uns für mehr Diversität kämpfen und für marginalisierte Menschen! Lasst uns laut sein! Sehr laut und unbequem!

Aber wie können wir gewinnen, wenn wir blind um uns schießen? Wie können wir eine Zeit des Umdenkens einleiten, wenn wir statt Wissen blanken Hass verteilen? Nur in Extremen zu denken und zu verurteilen hilft nicht der Sache, sondern eurer Bubble. Oder geht ihr auch außerhalb Twitters auf die Barrikaden? Nehmt ein Mikro in die Hand und mobilisiert? Auch dort würde es nicht reichen, eine Reihe von rassistischen Arschlöchern aufzuzählen.
„Person XY hat das gesagt! Und dann hat Person Y diesen Kack erzählt! Haha seht euch diese Schweine an!“ Ja, das ist mal eine tolle Kundgebung. Vermutlich würdet ihr stattdessen eine Rede vorbereiten. Aufzeigen, warum es so furchtbar ist. Zwar im gemeinsamen Frust mobilisieren, aber nicht mit blinden Roundhousekicks glänzen. Zumindest habe ich das bei Demos nie in der Form erlebt. War trotzdem empowernd. So ganz ohne reines Outcallen.

Tja.

Ich persönlich finde es wichtig – und ich bin auch von Ismen betroffen, welche man mir leider oder zum Glück nicht immer ansieht – zu reflektieren und zum Nachdenken anzuregen. Als ich vor Jahren begonnen habe, über Diversität in der Popkultur zu schreiben, war das Feld noch leer. Es gab schlichtweg kaum andere Blogs oder Youtuber, die über solche Themen gesprochen haben. Zum Glück ist das nun anders und die Gesellschaft generell offener und eher bereit, nachzudenken. Auch Dank der vielen Own Voices, die aus ihrer eigenen Sicht darlegen. Gelernt habe ich von ihnen. Nicht von jenen, die ihren Feed ausschließlich mit dem Outcallen Anderer füllen.


Header: unsplash-logoHasan Almasi
Supergirl Female Hero

Warum „Ihr habt doch genug Heldinnen“ Bullshit ist

„Weißt du, Mädchen, Heldinnen gab es schon immer in der Popkultur. Ellen Ripley, Leia, Black Widow, Hermione, Lara Croft. Was willst du also? Warum feiert ihr alle Captain Marvel nun krass? Heldinnen gab es schon immer, d’uh…!“

Disclaimer: Gleiches gilt übrigens auch für die Repräsentation von bspw. POC und LGBT*s.

Dass in solchen Aufzählungen aber nur sehr selten Frauenfiguren auftreten, die tatsächlich titelgebend sind, wird vergessen. Dass es sich dabei sehr häufig nur um Nebenfiguren handelt, wird vergessen. Dass die genannten Filme vor teilweise über 30 Jahren veröffentlicht wurden, wird vergessen. Dass es nicht darum geht, dass es Heldinnen gibt, sondern darum, wie sie dargestellt werden, ob sie im Fokus stehen und wie es um ihre Sichtbarkeit bestellt ist, das wird vergessen.

Repräsentation damals – weil ich nur ein Mädchen bin

Als ich ein Mädchen war, gab es zahlreiche weibliche Hauptfiguren. Wir hatten Ronja Räubertochter, Regina Regenbogen – und ab hier muss ich bereits meine Erinnerungen anstrengen. Zählt April O’Neil? Ja, sie ist sowohl Figur, als auch weiblich, aber die Helden sind und bleiben die Turtles. Also weiter. Leia Organa? Ja, sehr starke Frau, aber wurde sie tatsächlich als Heldin inszeniert? Nein, weiter. Und so kann ich endlos weitermachen. Weibliche Charaktere, ja, sie existierten. Schon immer. Aber waren sie Helden, oder nur Sidekicks? Waren sie da, um als Gruppenmitglied irgendeine Quote zu erfüllen? Oder durften sie den Ton angeben? Wurden sie von den Medien gehyped?
Ausnahmen bestätigen keine Regel.
Meine Helden waren männlich. Zu Karneval habe ich mich als Ninja Turtle Leonardo verkleidet. In Videospielen war ich als Mann unterwegs. Und das war für mich okay. Wir alle können uns in andere Wesen hineinversetzen. „Dann bin ich eben Leonardo“.

Aber ich habe mich nie oder nur sehr selten gesehen. Zu sehen, wie jemand, der so aussieht wie man selbst, Großartiges bewirkt, kann unglaublich inspirierend sein und das Selbstvertrauen stärken. „Wenn sie das kann – weshalb nicht auch ich?“ Zahlreiche Studien belegen, dass sich die Repräsentation in den Medien positiv und negativ auswirken kann. Weiße Jungs werden empowered – Mädchen und POC eher nicht und sogar negativ beeinflusst.

Representation matters

„Wenn man ein weißes Mädchen, schwarzes Mädchen oder ein schwarzer Junge ist“, so etwa eine Studie aus dem Hause der Indiana University, „wird man nach dem Konsum heutiger elektronischer Medien zu schlechterem Selbstwertgefühl neigen. Wenn man dagegen ein weißer Junge ist, fühlt man sich tendenziell besser.“ Grund dafür ist die Repräsentation. Weiße, männliche Helden und positive Vorbilder überschwemmen Kino, Videospiele und TV. Sich selbst immer und immer wieder in diesen Rollen zu sehen, hat eine gewisse Macht. Und damit ist nicht gemeint, dass sich jeder weiße Junge wie ein Held fühlt. Es geht um das grundlegende, stille Bewusstsein. Nicht um das Individuum, sondern sich selbst als Mitglied einer starken Gruppe.

Weiße Männer sind daran gewohnt. Sie können nicht sehen, dass andere nicht so empfinden – und reagieren aufmüpfig, wenn ihnen dieses Selbstverständnis entzogen wird, wenn sie plötzlich gezwungen werden, sich in andere hineinzuversetzen statt sich selbst zu sehen wie sonst auch. „Ihr habt doch schon drei aktuelle Heldinnen (von denen zwei einfach Nebenfiguren neben dem tollen Protagonisten sind), was wollt ihr denn noch?!“ Dann wird von „ungevögelten Feminazis“ geredet und davon, dass die „bösen Social Justice Warriors“ die Geekkultur zerstören.

Wait frakking what?

Captain Marvel ist eine verdammte titelgebende Frau in einer Riege aus etlichen Marvel-Männern! Black Panther ist ein schwarzer titelgebender Mann in einer wogenden Masse weißer Leiber! Es geht nicht darum, dass Captain Marvel die erste großartige Frauenfigur ist – was sie nicht ist. Sondern darum, dass es zum Glück immer selbstverständlicher wird. Darum, dass auch Mädchen sich immer häufiger in solchen Rollen sehen. Eine positive Repräsentation bewirkt, dass Betroffene empowert werden. Wie kommt man dazu, das zu hinterfragen? Wer glaubt ihr zu sein, dass ihr da etwas Negatives sehen wollt? Wie fragil ist euer Verständnis von Männlichkeit, wenn ihr euch daran stört, dass Nick Fury abspült?

Eure Helden werden euch nicht genommen. Ihr werdet auch in Zukunft noch unzählige weiße Männer auf großer Leinwand sehen, zu denen ihr aufschauen könnt.

Filme werden durch häufigere, großartige Frauenrollen nicht schlechter. Euch wird nichts genommen, wenn ihr einmal nicht im Mittelpunkt steht.

Captain Marvel – genau wie Black Panther, Wonder Woman und Rey –
schafft das, was lange verwehrt blieb. Dass sich Mädchen und POC endlich sehen. Dass ihnen die Bühne gegeben wird, die sie, genau wie weiße Jungs, verdienen. Als Fokus. Nicht nur als Randfigur oder Figur längst vergangener Zeiten. Als Regelmäßigkeit, nicht als Exot*in.

Mädchenaugen strahlen im Kino und sie fragen vermehrt nach Kostümen. Black Panther ist ein verdammt wichtiger Film für viele Schwarze. Nur, weil du es nicht siehst, heißt es nicht, dass es nichts bedeutet.

Und ja, es wird Zeit für weitere Beispiele. Für eine muslimische Ms. Marvel, die es über Comicbände hinaus schafft. Für schwarze titelgebende Heldinnen. Für alle weiteren Facetten menschlichen Seins. Überall.

Wer sich gegen Vielfalt und Inklusion einsetzt, hat nicht nur Star Trek nicht verstanden. Sondern auch Marvel nicht.

Glaube mir, weißer Mann: Auch du wirst dich in andersgeschlechtliche Helden mit anderer Hautfarbe und sexueller Orientierung hineinversetzen können. Wir schaffen das schon seit Jahrzehnten Tag für Tag.

I believe in you. You can do it.

Headerbild „Little Super Girl“ by Nathan Rupert

FedCon 2018 Rückblick

FedCon – mehr als nur Kostümshow

Husker, Starbuck, Boomer und Helo – das sind nicht irgendwelche berühmte Hundenamen, sondern die Callsigns von fiktiven Figuren der besten Serie der Welt. [Ja, ich halte es wie die Ärzte und behaupte es einfach in den Raum hinein. Deal with it!] Vergangenes Wochenende tummelten sich nicht nur die Darsteller eben jener Figuren auf der FedCon, sondern gleich der halbe Cast aus der Science-Fiction Serie „Battlestar Galactica“. Mit hüpfendem Fanherzen stolperte ich also direkt in das Maritim Hotel in Bonn und damit eine andere Welt hinein.

[Ein paar Fotos von der Con gibt’s übrigens hier.]

Wie in all den Jahren zuvor stellten auch bei der FedCon 27 die Panel das Herzstück dar. Hier drapieren sich die Darsteller, Astronauten und Vortragende formschön auf der Bühne, um aus ihrem Leben und ihrer Arbeit zu plaudern und Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Anders als bei anderen Conventions beschränkt sich das Gelände auf wenige kleine Säle. Das Rahmenprogramm ist ebenso überschaubar, wenngleich beeindruckend: In den für Fanart reservierten drei Räumen findet man Gemälde, Stickereien, Comics und auch detaillierte Nachbauten wie etwa von Helios Models and Lighting.

Lange allerdings hält man sich meistens nicht in der Rahmenhandlung auf. Es gilt schließlich, grünes Alienbier zu trinken, mit netten Fans zu reden und verdammt nochmal die Stars, die man von der kleinen und auch großen Leinwand kennt, in Farbe und bunt zu sehen! Und live! Und vielleicht deren Hand zu schütteln und mit nervös zitternder Stimme Smalltalk mit ihnen zu halten! Auch das passiert. Zum Beispiel, wenn man, wie ich, an der Bar versehentlich in James Callis rennt, sich dabei mit Bier bekleckert und dann doch irgendwie nett behandelt wird. Er hatte einen guten Tag. Ich auch.

Zurück zu den Panels. Zu ihnen gibt es stets zwei Meinungen. Pro Gehirn, versteht sich. Ich fasse zusammen:

  • „Mir egal was Thema ist, hauptsache er/sie unterhält mich und ich kann aus der halben Ferne schmachten!“
  • „Peinlich. Sind doch auch nur Menschen wie du und ich, warum sollte ich denen dann zuhören?“
  • „Mich interessiert es einfach nicht.“
  • „OMFG DA IST XY AUF DER BÜHNE!!!!“
  • „Habe die Serie gesehen und freue mich einfach, die Darsteller live zu erleben!“
  • „Super, toll, aber Hauptsache keine politischen Diskussionen!“

Keine Politik? Mitnichten.

Dabei haben Darsteller meistens mehr zu sagen als „Ja, Co-Star YZ ist nett, danke der Nachfrage.“ Ich selbst, die keinen großartigen Starkult betreibt – diesen bei anderen jedoch toleriere – interessiere mich besonders dafür, wofür deren Herz brennt. Wofür sie sich einsetzen, wofür sie ihre Stimme erheben und ihre Reichweite benutzen. Denn die haben sie. Da nur über das Wetter zu reden würde ich als vergeudet empfinden.

So kam auch nahezu kein Panel ohne politische Seitenhiebe auf den allseits beliebten Trump oder einen Hauch von Gesellschaftskritik aus. Von der Ankündigung der Darstellerin Mary McDonnell „Begrüßt nun die Mutter der Galactica und die Präsidentin, die wir alle gerne hätten!“ über deutliche Spitzen gegen die US-Regierung bishin zu tiefgreifender Kritik an dem kulturellen Völkermord in Kanada. Es wurde über Sexismus in der Branche gesprochen, Rollenbilder und Rassismus. Bei letzterem Thema fiel es manchem, wie etwa Rekha Sharma schwer, auf deutschem Boden darüber zu sprechen. Verziehen? Vielleicht. Vergessen? Definitiv nicht.

Kommt die Sprache auf all das, wird einem bewusst, wie viel die Science-Fiction für uns alle getan hat und noch immer tut. Star Trek als Vorreiter des diversen Casts. Wo Schwarze und Weiße sich küssen, Asiaten und Russen auf der Brücke sitzen und Mensch wieder Mensch, und nicht nur Rasse sein darf. Nicht die Waffe ist das Mittel der Wahl, sondern Diplomatie, Empathie und das Wort. Eine Welt, die wir uns wohl alle so sehr wünschen und die auf dem Bildschirm zumindest für kurze Zeit Realität wird. Das gibt Hoffnung und inspiriert.

Dass die FedCon 27 ganz unter dem Stern der Galactica stand passt da hervorragend. Es ist eine Serie, die ganz bewusst Rollenbilder aufgebrochen hat. „Die große Kunst war es, gar nicht zu thematisieren, dass Figur XY weiblich ist“, so Katee Sackhoff, die in der Serie Starbuck spielt. Eine Rolle, die in der originalen Serie noch männlich war. „Es war kein Thema und somit stand nicht mehr ihr Geschlecht im Fokus, sondern sie als Person mitsamt ihren Fähigkeiten.“ Da spielt es auch eine Rolle, dass fast Grace Park die Rolle bekommen hätte. Man hat offenbar nicht nach einer weißen, blonden Frau gesucht. Grace Park ist koreanischer Abstammung.

BSG macht auf vielen Ebenen so vieles richtig. Wir haben eine Präsidentin, Soldatinnen und so ziemlich jede Ethnie vertreten. Wir haben darüberhinaus auch männliche Figuren, die weinen und kleiner als ihre Liebhaberin sein dürfen. „Ich dachte mir: Neben ihr bin ich doch kein Mann mehr, sondern ein Hobbit!“, gab James „Gaius Baltar“ Callis preis, dessen Schauspielkollegin Trisha Helfer – in der Serie seine Geliebte – ihn deutlich überragt. Aber auch hierbei wurde sich bewusst dafür entschieden.

In gewisser Weise war BSG seiner Zeit voraus. Und das, wo Star Tek doch so viele Jahrzehnte zuvor bereits die Weichen hatte stellen können. Viel ist noch zu tun, auch im Land der Science-Fiction – aber es ist verdammt gut dabei. Man mag dieses Genre gerne belächeln, es als Schund abtun oder es in die Freak-Ecke abschieben. Dann gibt man jedoch auf gröbste Weise zu, keine Ahnung zu haben. Weder von der Bedeutung, noch von Stil, Erzählweise oder schauspielerischem und künstlerischem Können. Science-Fiction ist mehr als Verkleidungen, ist mehr als Laser und Raumschiffe. Es ist Vorreiter, Weichensteller und Inspiration. Science-Fiction ist das Sinnbild geistigen Fortschritts.

Und die FedCon?

Auf der FedCon tummelt man sich unter Gleichgesinnten. Unter Menschen, die es verstehen sollten.Es ist tatsächlich eine große Familie, in der man keine 5 Minuten alleine bleibt. So entspinnen sich binnen Sekunden lustige, und/oder interessante Gespräche, die den kleinsten gemeinsamen Nenner im Fandom finden. Es ist ein Wochenende, aus dem man sich die Rosinen herauspicken kann. Für mich war es dieses Mal das Eintauchen in das BSG-Universum. Ich habe mich in den Geschichten darüber gesuhlt und mich von Herzen darüber gefreut, dass sich die Darsteller noch immer so gut zu verstehen scheinen.

Wer sich Trekkie nennt, aber Rassismus fördert, hat Star Trek nie verstanden.

Edward James Olmos FedCon 2018
James Callis FedCon 2018
Kandyse McClure FedCon 2018
Katee Sackhoff FedCon
Mary McDonnell Fedcon2018
Rekha Sharma Fedcon2018
Tahmoh Penikett FedCon 2018
Robert Picardo FedCon
Welche Verantwortung hat Phantastik PAN18

„Welche Verantwortung hat Phantastik?“ – Ein Nachwort zum #PAN18

Vergangene Woche fand das dritte PAN-Branchentreffen der Phantastik unter dem Banner „Träumen Androiden von Freiheit? – Über Gesellschaft und Politik in der Phantastik“ in Köln statt. Deutschsprachige AutorInnen tummelten sich, oft mit Kaffee, häufiger mit Enthusiasmus bewaffnet, im Odysseum und lauschten Vorträgen, beteiligten sich an Podiumsdiskussionen und netzwerkten. Insgesamt, das kann ich schon vorweg nehmen, war es ein unglaublich inspirierendes und spannendes Treffen mit großartigen Menschen! Doch gesagt wurde nicht alles.

Bei der Podiumsdiskussion „Rassismus – Sexismus – Homophobie – welche Verantwortung hat die Phantastik?“ war ich selbst als „Stimme auf dem Sofa“ beteiligt. Vorab versprach ich mir anregende Diskussionen über jene kritische Themen. Insbesondere das Themenfeld Rassismus, das mir besonders am Herzen liegt und dessen Besprechung ich fernab des Treffens viel Zeit widme, wollte ich besprochen wissen.

Denn während Frauen beim Branchentreffen die Überzahl ausmachten und auch einige aus dem LGBT-Bereich vertreten waren, so sah es bei Menschen mit etwa Migrationshintergrund oder dunklerer Hautfarbe anders aus. Autor und ebenfalls Panelteilnehmer  Akram el Bahay war einer der verschwindend wenigen dort, auf die das zutraf. Bezeichnenderweise drehte sich beim Panel dann auch alles um Sexismus und Homophobie. Das ist nicht schlecht, sind es doch auch wichtige Themen – doch fielen dadurch andere Themen komplett unter den Tisch.

Viel Wert wurde während der Diskussion beispielsweise auf Dumbledore gelegt. Die populäre Figur aus dem Harry Potter-Universum, die Autorin Rowling später nebenbei als schwul geoutet hatte. Definitiv ein spannendes Thema, über das sich diskutieren lässt – aber es erstickte leider jedes andere Thema im Keim. Kaum sprachen wir auf dem Sofa über etwas anderes, kam die nächste Wortmeldung aus dem Publikum wieder auf den Zauberer zurück. Und wieder. Und wieder. Und immer. Wieder. Insgesamt hätte ich mir hier eine andere Handhabung gewünscht. Aber zurück zum Wesentlichen:

Rassismus ist der Antagonist der Phantastik

In einem vergangenen Artikel bin ich bereits auf versteckten Rassismus (Und auch: Speziesismus) innerhalb der Phantastik eingegangen, weshalb ich das Thema hier nur oberflächlich anreissen möchte. Phantastische Welten leben von ihrem Weltenbau und den dort hausenden Kreaturen und Völkern. Bereits dies ist nicht selten Brutstätte kritischer Gedankengänge. Die meisten Leser begrüßen Sachverhalte, die man leicht einordnen kann. Wir sehen die hübschen Elfen, die goldgierigen Zwerge und die gemeinen Orks und denken uns: „Genau so muss es sein! Diese Rassen sind so und nicht anders!“ Wir sprechen den Völkern Eigenschaften zu, die auf die einzelnen Individuen ebenso zutreffen und geltend sind. Nicht der Einzelne zählt, sondern die Masse. So werden aus den Elfen die Guten und aus den Orks die Bösen. Elben im Herrn der Ringe sind gut und hell. Orks im Herrn der Ringe böse und dunkel.

Beides – auf alle übertragene Eigenschaften und die Helligkeit als Indikator für Gut oder Böse – sind Faktoren, auf die wir als Autoren achten können, sollten, meiner Meinung nach sogar müssen. Sonst laufen wir Gefahr, Rassismus zu reflektieren ohne ihn zu hinterfragen. Wir greifen sonst auf Althergebrachtes zurück: Die „besten“falls noch antagonistisch angelegten Wüstenvölker, die wir wie selbstverständlich muslimisch anlegen, ohne uns über die Bedeutung dessen bewusst zu werden. Das Motiv „des Anderen“ – wobei wir hier meist von einem eurozentrischen Weltbild ausgehen.

„Wir“ – das sind die Weißen. Die „Normalen“. Wir gehen von unserem Blick aus, den wir auf die kreierte Welt und die dortigen fiktiven Kulturen wie selbstverständlich übertragen. Und das ist schade. Wir sind in der Lage, uns die durchdachtesten Plots auszudenken, vielschichtige Figuren zu entwerfen und auf die Vielfalt der Figuren in Geschlecht und Sexualität zu achten – aber sobald es um Völker geht, greifen wir bequem auf Klischees zurück. Die sind nicht per se rassistisch – prägen aber ein rassistisches Bild.

Die Schubladen

Der Mensch denkt in Kategorien, er giert danach, sich auch selbst in welche einzuteilen.  „Ich bin Ein Europäer!“ – „Ich bin heterosexuell!“ –  „Ich bin eine Rheinländerin!“ – „Ich bin ein Geek!“ – der Drang, in eine Schublade zu gehören, ist bei den meisten groß. Er möchte innerhalb dieser Schublade dazugehören. Das allein ist nicht schlimm. Es half und hilft dem Menschen, sich und seine Welt einzuordnen.

Mal angenommen, als Autor könnte man bei der Figuren- und Völkererschaffung auf einen Schrank voller Ideen zurückgreifen. Der Schrank vieler wäre unglaublich groß. Die einzelnen Schubladen wären beschriftet mit „Mann“, „Frau“, Weiß“, „Schwarz“ und vielem mehr. Doch während die „Weiß“-Schublade riesig wäre, voll von Schattierungen, Gut und Böse, Diesem und Jenem, ist die „Schwarz“-Schublade klein. „Rassismus“ finden wir darin, „Sklaverei“, „Afrika“, „Zebra“ und weitere Klischees. Und natürlich: Uns fehlen oftmals die Berührungspunkte.

Hier möchte ich jedem Autoren ans Herz legen, die Sichtweisen anderer realer Völker kennenzulernen. Lasst uns Erfahrungsberichte von Menschen lesen, die die Apartheid miterlebt haben! (Wie etwa „Farbenblind„) Lasst uns Romane von afrikanischen, asiatischen, südamerikanischen Autoren lesen! Schauen wir Dokumentationen, lauschen Interviews, erhören die Stimmen derjeniger, die uns fremd sind. Sensibilisiert euch für andere Denkweisen und versucht, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Und nicht zuletzt: Sprecht mit Menschen. Tauscht euch aus!

Vielfalt in den Figuren

Phantastische Romane mit nicht-weißen Protagonisten sind rar gesät. (Hier hatte ich mal 5 empfehlenswerte vorgestellt) Und selbst wenn die Hautfarbe einer Person nicht näher definiert wird, so stellt man sie sich meistens weiß vor. Soweit ich weiß (Korrektur immer gerne gesehen), wird die Hautfarbe Hermiones im Harry Potter-Original, also den Büchern, nicht explizit erwähnt – und trotzdem gab es einen Aufschrei, als bekannt wurde, dass die Schauspielerin es Theaterstücks schwarz sein würde.

Die Vorlage durch die Schauspielerin innerhalb der Verfilmungen Emma Watson wiegt für viele zu stark. Dabei ist sie nur eine von vielen möglichen Repräsentationen. Hätte man für die Theaterrolle jemanden amerikanisches – also nicht britisches – gewählt, wäre es wohl in Ordnung gewesen. Vermutlich auch dann, wenn jene Schauspielerin nicht exakt wie Emma Watson aussehen würde. Dabei spielt, anders als die Struktur der Haare, die Hautfarbe keine Rolle.

Und doch tut sie es. In den Köpfen der Leser und der Masse. So sehr, dass Verlage ihre Cover „weißwaschen“, weil sie befürchten, sonst keine Käufer zu finden. So sehr, dass auch als klar nicht-weiß ausgelegte Figuren in Serien- oder Filmadaptionen mit weißen Schauspielern belegt wurden und werden. Siehe Starship Troopers.

Und hier zeigt sich auch die Wichtigkeit der Repräsentation. Dort, wo keine herrscht, findet keine Sichtbarkeit. Wir als Weiße haben gut reden, denn wir finden fast überall Menschen, die unserem Phänotyp entsprechen. In unserer Heimat erfahren wir keinen Rassismus – was uns blind machen kann für die Sorge, Ängste und Nöte Anderer. „Uns geht’s doch gut! Ich habe Rassismus noch nie erlebt!“ Ähnlich wie die Frau, die sich mit Männern konfrontiert sieht „Sexismus in der Branche? Habe ich als Mann nicht erlebt, also gibt es ihn nicht! Basta!“

Und die, die dem weißen Phänotyp nicht entsprechen? Sie finden Repräsentationen meistens in den Nebenrollen oder in Serien, die „extra für Schwarze“ mit ausschließlich schwarzem Cast sind. Warum? Warum nicht selbst auch schwarze Figuren einführen? Warum nicht die Weißen als „die anderen“ einführen? Warum nicht Figuren, statt wandelnde Hautfarben entwerfen?

Repräsentation ist wichtig

„Representation matters“ – das wird einem bei Filmen wie Black Panther und dem Hashtag  schmerzlich bewusst. Endlich sehen sich Schwarze auf großer Leinwand – nicht als Randfigur, sondern als Hauptpersonen, Weltenretter, Helden. Nicht weißgewaschen, nicht als schwarze Abziehbilder eines eigentlichen Weißen, sondern als eigenständige Persönlichkeiten mit eigener Kultur. Eine, die zählt und ernstgenommen wird.

Wir als Autoren können Welten erschaffen, Geschichten spinnen, Emotionen hervorrufen Menschen zum Nachdenken anregen. Auf eine einfache Art und Weise können wir es durch unsere Themen und Figuren schaffen, ein Bewusstsein zu entwickeln. Wenn der Leser nur für weiße, heterosexuelle, in unseren Breiten als „normal“ geltende Menschen mitfiebern kann, weil er über andere einfach nicht liest, ist das verschenktes Potential, das aber so einfach ausgeschöpft werden könnte.

Lasst uns über den Tellerrand schauen. Lasst uns Diskussionen führen, kreativ werden und versuchen, Klischees zu überwinden. Lasst uns vielschichtige Figuren jeglicher Couleur entwerfen. Weil wir uns bewusst sind. Nicht, weil wir gezwungen werden.

Sondern weil wir es können.


Header: Vinicius Henrique

Kamala Khan Ms marvel Cosplay

Die Wiener Polizei und Ms. Marvel gemeinsam im Cosplayhimmel

Am 13. Januar fand der Marvel-Tag 2018 statt: Deutschsprachige Comicläden zelebrierten den von Panini Comic eingeführten Tag zu Ehren Marvels, dessen Comics und Figuren. Mitten drin: Der Wiener Comicladen „Bunbury’s Comics“ und eine ganz famose Ms. Marvel-Cosplayerin.

Selbstverständlich waren alle der bei Bunbury’s Comics zugegenen Cosplayer ansehnlich, aber da mir Kamala Khan alias Ms. Marvel besonders am Herzen liegt (hier gibt es btw. meine Besprechung zum ersten ihrer Comicbände), werde ich die Fotos im Besonderen vorstellen.

Johanna Knaack ist Teil des Cosplay-Duos Astronautpool und macht in Schwarz und Rot, fotografiert von Stefan Gutternigh und Eva Amann alias „4eyes2view“ und unterstützt durch Phil eine verdammt gute Figur. Bei den Fotos hat sogar die Wiener Polizei höchstselbst als Hintergrunddekoration mitgespielt. „Und ja, wir haben sogar gefragt ob das okay ist und sie mit Comics bestochen“, so Bunbury’s Comics.

Weitere Bilder findet ihr hinter den entsprechenden Links.

Fotografen | Cosplay-Duo | Bunbury’s ComicFB-Album mit allen Fotos des Marvel-Tags

Schwarze Charaktere in Videospielen Games

Die Darstellung schwarzer Figuren in Videospielen – Eine Zeitreise

Böse Zungen mögen behaupten, dass Videospiele bei schwarzen Figuren kaum mehr als rassistische Klischees kennen. Vodoozauber, Goldkettchen und gewaltbereite Schläger: Das sind Stereotypen, an die dann viele denken. Und tatsächlich besitzt die Repräsentation von Minderheiten in Videospielen noch Ecken und Kanten -- doch glätten sich diese zusehends. Im Laufe der Jahre hat ein Wandel stattgefunden, den ich euch hier näher bringen möchte.

Dabei werde ich nicht jede einzelne schwarze Videospielfigur die es je gegeben hat nennen, sondern lediglich jene, die die Entwicklung der Darstellungen deutlich machen. Es soll keine Liste aller Figuren sein.

Im Jahre 1979 tauchte der erste Schwarze in einem Videospiel auf und das auf eine denkbar klassische Weise: Als Basketballspieler. Das Spiel „Basketball“ für den Atari800 brauchte noch keine Namen für seine Protagonisten, zumal diese lediglich charakterlose Spielsteine sind. Um die beiden Spielfiguren voneinander unterscheiden zu können, wurden sie verschieden eingefärbt. Obwohl die Figur also streng genommen durchaus „schwarz“ ist, dient sie nicht der Darstellung einer bestimmten Person oder gar Ethnie.

Punch Out Mike Tyson

Popularität ist der Schlüssel

Das änderte sich in den 80ern. Dort, nämlich 1987, trat der damalige Box-Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson höchstselbst auf die Videospielbühne. In dem Boxspiel Punch Out mimt er den Endgegner, der gemeinhin als einer der schwierigsten gilt. Als schwarze Berühmtheit in einem Spiel bildet er jedoch nur die Vorhut: Es folgten Stars wie Michael Jordan und Tiger Woods, die in Sportspielen auftreten durften.

In dieser Zeit stellten schwarze Figuren in Videospielen häufig Athleten oder Berühmtheiten dar. Eine mögliche Erklärung wäre die japanische Dominanz innerhalb der Spielekultur dieser Zeit. Japan bildet eine relativ homogene Gesellschaft mit vergleichsweise geringer ethnischer Vielfalt. So sind etwa 99% der Bewohner Japaner, die restlichen 1% teilen sich vornehmlich in Koreaner, Chinesen und Brasilianer auf. Im Vergleich dazu sind in den USA zu 77% Weiße und zu 13% Schwarze anzutreffen.

Als Inspiration für schwarze Charaktere wurde daher gerne die amerikanische Popkultur mit seinen spärlichen Stereotypen der „people of color“ heran gezogen, was sich auch später in Spielen wie Tekken und Dead or Alive niederschlagen wird: Zack wird Dennis Rodman und Raven einem Wesley Snipe in der Rolle des Blade nachempfunden. Und auch in dem US-Spiel Moonwalker spielt man eine schwarze Berühmtheit: Michael Jackson. Ohne Waffen sondern mit der Kraft der Musik und mit der Eleganz des Tanzes rettet man dort Kinder vor dem bösen Mr. Big.

michael-jacksons-moonwalker

Neben medienwirksamen Berühmtheiten traten schwarze Figuren vor allem als Kämpfer in Beat ‚em Ups auf. Das Genre lebt von seinen überstilisierten Figuren; es zelebriert die Klischees. Das schließt Schwarze nicht aus, beschränkt sich aber auch nicht auf sie. Dadurch zeigen sie auch wunderbar die gängigen Klischees zu bestimmten Personengruppen auf.

Das Klischee

Es beginnt 1991 mit den kleinen, agilen Eddie Hunter, genannt „Skate“. Im Spiel Streets of Rage ist er nicht nur ein fideler Skater, sondern auch ein passionierter Break Dancer, der dem Gegner mit seinen Moves Schaden zufügen kann. Wild grinsend und ebenfalls breakdancend schließt sich DeeJay aus Street Fighter an, der dem realen Kampfsportler und Schauspieler Billy Blanks nachempfunden ist.  Der tumbe, boxende Balrog aus dem selben Spiel gleicht dagegen einem Mike Tyson.

Auch der breakdancende Discobesucher darf nicht fehlen. Im Spiel „Kaiser Knuckel“ aus dem Jahre 1994 tänzelt sich Boggy durch die Gegner, wobei die japanischen Entwickler mit dem Outfit einige Jahre daneben lagen und sich vermutlich älterer Musikvideos bedient hatten. Aus dem selben Jahre stammt Fight Fever, in dem man den Basketballer Magic Dunker spielen kann.

Breakdance und Boxen: Zwei Hauptzutaten für das Rezept „Klischee eines Afro-Amerikaners“. Eine fast schon ruhmvolle Ausnahmen bilden vereinzelt Kämpfer wie Dudley, der erstmalig 1997 in Street Fighter 3 auszuwählen war und der ein britischer Gentleman und Geschäftsmann ist. Dem Turnier wohnt er bei, um sich neue Rosen für seinen Garten zu gönnen und die Trauer über sein vermisstes Auto zu überwinden. Das ist für ein Beat ‚em Up schon erstaunlich viel Klischeebruch im Spiel.

Zuletzt sei aus diesem Genre noch einer zu nennen: Birdie aus der Street Fighter Alphaserie, in der er ab 1995 ein spielbarer Charakter ist. Er ist ein britischer Punker, der als Kneipenschläger angefangen hatte und eine etwas eigenwillige „Frisur“ zur Schau trägt. Etwas anderes ist jedoch in diesem Kontext erwähnenswerter: Im originalen Street Fighter von 1987 traf man bereits auf ihn, allerdings nur als Gegner. Damals war er noch weiß. Den Umstand erklärt er im dritten Alpha damit, dass er damals krank und entsprechend blass gewesen sei.

Im Rollenspiel angekommen

Mit dem 1997 erschienenen siebten Final Fantasy Teil konnte man erstmals innerhalb dieser Reihe einen Schwarzen spielen; den dezent gewaltbereiten Anführer einer Widerstandsbewegung Barrett Wallace. Aufgrund seiner Ähnlichkeit zu Mr. T stand der Charakter seiner Zeit in der Kritik, zumal er gerade in der amerikanischen Version recht dumm klingt. Hinter der mies gelaunten, rauen Fassade ist er jedoch komplexer als man meinen könnte, war nicht nur ein fürsorglicher Ehemann, sondern ist auch ein guter Vater seiner Adoptivtochter.

Mit Might&Magic 6 startend unternehmen wir nun eine kleine Exkursion in die Rollenspielgefilde. In jenem besagten Spiel aus dem Jahre 1998, The Mandate of Heaven, gibt es genau eine Gegnergruppe, die schwarz ist. Es sind Kannibalen, die Leichen aufspießen, Knochen herumliegen lassen und weiße Jungfrauen entführen. Es ist die bis dato wohl feindlichste Darstellung von schwarzen Menschen. Trotzdem gibt es unter den NPCs viele Farbige und auch für die Helden kann man mittels vorgefertigter Portraits eine dunkle Hautfarbe wählen. Prozentual gesehen sind es aber weitaus mehr weiße als schwarze Avatare, aus denen man wählen kann.

Ähnlich mau sieht die Portraitvielfalt in anderen Rollenspielen dieser Zeit aus. Baldurs Gate, DSA … selten kann man Portraits von Helden dunkler Hautfarbe finden -- wenn überhaupt.

Shadow Man Game

Tod, Knochen, dunkle Magie: Vodoo

Ende der 90er scheint die Zeit des Vodoos angebrochen zu sein. Im 1998 erschienenen Action-Adventure Akuji the Heartless spielt man den Voodoopriester und Krieger Akuji, dem das Herz  bei seiner Hochzeit aus der Brust gerissen wurde. Dank des Vodoozaubers ist er dazu verdammt, in der Unterwelt zu leben. Erst wenn er die Seelen seiner Vorfahren gesammelt hat, wird ihm ein Weg in die Welt der lebenden gewährt, um Rache zu nehmen und seine Braut zu retten.

Ein Jahr später kommt die Videospieladaption von Garth Ennis‘ Comic „Shadow Man“ in die Läden. Dort spielt man Michael leRoi, der bei einer Schießerei seine Familie verliert und selber Dank Vodoo schwerverletzt überlebt. Von der Vodoopriesterin mit dem klangvollen Namen Nettie bekommt er eine Vodoomaske, die ihn nicht nur von einem Fluch erlöst, sondern ihn auch zwischen den Welten wandeln lässt und unter ihrer Herrschaft stehen lässt.

Der Schwarze dient hier dem Mittel zum Zweck, das dunkle Thema „Vodoo“ in ein Spiel einzubauen. Gleichzeitig ist er endlich als Protagonist angekommen. Er ist nicht nur Nebenfigur oder einer unter vielen, sondern der, um den sich alles dreht, die wichtigste Person im Spiel. Die, in deren Rolle man als Spieler schlüpft.

Cole Train Gears of War

Die Wutfigur

Aus vielen Actionfilmen gerade der 70er und 80er kennt man den gewalttätigen Sidekick, der oftmals dem Archetypen des „wütenden, fluchenden Schwarzen“ entspricht. Eine Trope, die witzig klingt, im Kern jedoch einen bitteren Geschmack enthält. Der „angry black man“ fühlt sich missverstanden, im Nachteil gegenüber dem Weißen und ständig benachteiligt, weshalb sich die Wut in ihm angestaut hat. Der Comic Relief bagatellisiert die eigentlichen Probleme. Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass jede wütende schwarze Figur komplett diesem Typ entspricht -- aber es schadet nicht, die Wurzeln zu kennen.

Auch vor Videospielen macht dieses Klischee nicht Halt. Seargent Avery Johnson aus Halo etwa schickt seine Leute fluchend herum, bleibt ansonsten allerdings eindimensional. Ein weiteres prominentes Beispiel unter vielen ist Gears of Wars Augustus „Cole Train“ Cole. Er ist der einzige, der bei jedem Satz flucht und dabei laut und aggressiv ist. Trotzdem: Er ist charismatisch und cool, war nie kriminell und steht für seine Freunde ein. Zudem hat er eine Vergangenheit, die ihn sentimental zurück blicken lässt und ihm zusätzlich Tiefe verleiht. Hier vermischen sich Klischees mit einer stimmigen Hintergrundgeschichte, die die in ihm vereinten Stereotypen zu etwas meines Erachtens nach sehr interessantem machen.

Von Gewalt und Gefluche ist es erzählerisch nicht mehr weit zum Verbrechen. In dem kontrovers diskutierten GTA: San Andreas aus dem Jahre 2004 spielt man Carl „CJ“ Johnson, der zu Beginn ins Gefängnis gesteckt wird. Man fühlt sich als Spieler den weißen Officers ausgeliefert, was einen kleinen Spiegel der realen Situationen darstellt. CJs Leben ist geprägt von Gewalt, Verbrechen und erlebtem Hass. Zwar ist das Spiel eine Parodie, zeigt jedoch gut und bewusst den Blick auf, den die Medien auf Schwarze haben. Auch ist CJ kein einseitiger Charakter. Er zeigt sich reflektierter als die Protagonisten früherer GTA-Teile, zeigt Reue und ist im Kern ein guter Mensch. Er liebt es nicht, zu töten.

Bis hier sind es in erster Linie tatsächlich Stereotypen oder stereotyp dargestellte Figuren, die einer bestimmten Richtung folgen und keine großen Überraschungen bieten. Dennoch sind sie deutlich weiter entwickelter als die Prügelknaben, Sportler und Stars der ersten Zeit. Und es wird noch deutlich differenzierter werden, wie die nächsten Spiele zeigen.

Admiral David Anderson Mass Effect

Die 2000er: Es wird differenzierter

2004 erschien Half-Life 2, wo Alyx Vance als Partnerin von Gordon Freeman vorgestellt wird. Die Halbasiatin ist eine gebildete Hackerin und kennt sich nicht nur mit Maschinen aus, sondern ist auch eine überlegte Kämpferin. Ihre witzige Art bildet einen netten Gegenpol zum stummen Protagonisten. Es ist eine durchweg positive Figur, die zudem auch noch gut ohne Klischees auskommt.

2007 lernte man in Mass Effect den damaligen Captain und jetzigen Admiral David Anderson kennen. Obwohl eine militärische Figur, ist er doch ruhig, vermag es, eine Autorität auszustrahlen, die weder Gefluche, noch Aggression braucht. Als Kriegsheld und politische Größe ist er der Mentor des Protagonisten und einer der wenigen durchweg positiv dargestellten schwarzen Charakteren in Videospielen bislang.

In Team Fortress 2 des selben Jahres erfolgt schließlich ein Bruch des Erwarteten. Der einäugige Sprengstoffexperte Demoman ist zwar vom Phänotypen her ein Schwarzer, doch sind es vor allem die Klischees schottischer Wurzeln, die ihn prägen. Hier wird gut aufgezeigt, dass die Hautfarbe keine Nationalitätszugehörigkeit beinhaltet, was ich persönlich sehr wichtig finde,. Zu oft gerät es in Vergessenheit.

2009 gibt uns mit Sazh eine der wenigen schwarzen Figuren des Franchises: Sazh von Final Fantasy 13. Sein Afro ist derart prominent, dass sogar ein Vögelchen darin wohnt. Er als Figur ist schön ausgearbeitet und mit einer Tiefe versehen, die den anderen Figuren der Reihe kaum nachsteht. Seine Liebe zu seinem Sohn ist riesig und das, was ihn antreibt. Trotz des Afros eine Figur mit erfreulich wenigen klischeebehafteten Aspekten. Auch wenn er vorhanden ist, so präsentiert die Reihe doch eine verschwindend geringe Anzahl von ethnisch diversen Haupt- und Nebenfiguren.

Die Kontroverse um Resident Evil 5

Doch kommen wir zu den kleinen Skandälchen rund um das Thema. 2009 erschien Resident Evil 5, das in Afrika spielt. Chris Redfield tötet dort fast ausschließlich schwarze Infizierte. Bereits nach dem Trailer wurden einige kritische Stimmen laut, wobei ich stellvertretend den Videospielkritiker N’Gai Croal zitieren möchte:

Es geht nicht darum, dass man keine schwarzen Zombies haben darf. Allerdings stimmt die Bildsprache im Trailer mit klassisch rassistischer Bildsprache überein. Nicht witzig, aber durchaus interessant war, dass es so viele Gamer gab, die es nicht sehen konnten. Sie konnten es wirklich wortwörtlich einfach nicht sehen. Dabei wäre es zu simpel, zu sagen: „Ach, damals haben sie spanische Zombies in Resident Evil 4 erschossen und nun sind es schwarze Zombies, weshalb die Leute nun verärgert sind. Nein, die Symbolik ist nicht die selbe. Es hat nicht die selbe Geschichte, nicht das selbe Gewicht.“, N’Gai Croal in einem Interview mit MTV

Diese Symbolik ist für US-Amerikaner verständlicher als für uns (weiße) Europäer, die wir über die amerikanische Geschichte und speziell den dortigen Anfeindungen gegenüber Schwarzen nicht allzu vertraut sind. Die Aggression ist stärker noch verankert als hier, die Bilder mit mehr Assoziationen behaftet. Es sind diese drastischen Bilder, die vielen in den Sinn kommen und die Trailer wie diesen für sie so unerträglich machen, in denen Schwarz von Weißen verprügelt und erschossen werden. Die Bilder rufen Erinnerungen wach, lassen bittere Fragen und Assoziationen aufkommen. Während die einen nur Zombies unter vielen sehen, sehen die anderen ein unreflektiertes, visuelles Aufwärmen der Geschichte.

Nicht vergessen werden darf hier Sheva Alamar, Chris Redfields Sidekick, die vom zweiten Spieler gespielt werden kann. Ihre Funktion im Singleplayer ist hauptsächlich, den Protagonisten durch das fremde Land zu führen. Sie selbst nimmt dabei kaum eine narrative Rolle ein. Kennzeichnend ist auch, dass sie im Gegensatz zu den Bewohnern dieses Landstriches eine hellere Hautfarbe hat. Auch das bot Zündstoff, da dadurch die Wildheit der Schwarzen noch akzentuiert werden würde. Die einzige durchweg positive Figur neben Chris ist, obwohl sie dort heimisch ist, ebenfalls nicht schwarz. Gerade weil Schwarze noch unterrepräsentiert waren und auch noch sind, war das wie ein Schlag in die Magengrube.

Left4Dead hat es ein Jahr zuvor anders und wohlwollender gemeint: Unter den Zombies gibt es sowohl Schwarze, als auch Weiße. Auch die Figuren sind diverser. Der schwarze IT Experte Louis etwa ist eigentlich ein ganz normaler Typ, dass er überlebt hat, hat mit seinen Waffenskills sicher nichts zu tun. Er ist des Japanischen mächtig, spielt Xbox und ist ein optimistischer Kerl. Im zweiten Teil sind sogar zwei der vier Überlebenden schwarz.

Lee Everett Walking Dead

Die Komplexität steigt

Neben den noch kommenden, bekannten Klischees wie Dead or Alives Zakk, der dem Basketballer Dennis Rodman nachempfunden wurde fallen in den kommenden Jahren vielmehr die vielschichtigeren Charaktere auf. 2012 etwa spielt man zum ersten Mal in der Assassins Creed-Serie eine weibliche Figur, namentlich Aveline de Grandpré. Die erbitterte Kämpferin hat französische und haitianische Wurzeln und hilft anderen, der Sklaverei zu entfliehen. Ihre Methoden sind grausam, doch ihr letztendliches Ziel ist Freiheit und Frieden. Das Spiel ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch ein Team aus weißen Entwicklern eine gut recherchierte, fundierte und diverse Figur erschaffen können, ohne dass auf Klischees zurückgegriffen wird.

Auch The Walking Dead führt im selben Jahr einen komplexen Charakter ein: Lee Everett. Zwar sitzt er ganz Klischee gleich in der ersten Szene als festgenommener Mörder in einem Streifenwagen, doch entpuppt sich seine Geschichte als vielschichtiger und tragischer als gedacht. Er ist wider Erwarten kein Gangster, hat sowohl Schwächen, als auch stark ausgebildete Stärken wie Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit. Vor seiner Kurzschlusstat arbeitete er als Professor der Geschichte an einer Universität. Sein größtes Plus ist die Tatsache, dass er ein ganz normaler Mensch ist. Es ist weder seine Hautfarbe, die ihn definiert oder ihn zu einer interessanten Figur macht, noch ein daraus resultierendes Klischee.

Klischees sind schlecht? Für manche ist auch das Gegenteil nicht gut genug. Remember me präsentiert 2013 eine Protagonistin, die zwar phänotypisch schwarz ist, deren Ethnie jedoch keinerlei Rolle spielt. In dem Action-Adventure sucht die ehemalige Elite-Gedächtnis-Jägerin nach ihren eigenen, geraubten Erinnerungen und verhält sich nicht stereotyp, verfällt also nicht in den noch vor wenigen Jahren so beliebten Slang und bedient keine sichtlichen Stereotypen. Was ich erfrischend finde, war für viele andere ein Aufreger, da die kulturelle Identität nicht klar abgegrenzt worden sei. Doch muss man diese definieren? Ist es nicht viel schöner, wenn das nicht immer eine Rolle spielen muss? Creative Director Jean-Maxime Moris antwortete auf die Frage, weshalb Nilin nicht weiß sei, mit einem simplen: „Es war keine bewusste Entscheidung. Es hat sich von Anfang an einfach richtig angefühlt.“ Nicht die Hautfarbe steht im Vordergrund. Sondern die Person.

Das Adventure Broken Age geht 2014 ähnliche Wege. Man kann zwischen zwei Kindern als Protagonisten frei wechseln und entsprechend das Abenteuer erleben. Einer der beiden Protagonisten ist das Mädchen Vella Tartine. Dass man ein schwarzes Mädchen spielen kann, ist erfrischend ebenso wie die Tatsache, dass sie sich selbst und die Welt rettet -- eine Heldin, die für viele junge Spieler als Repräsentationsfigur herhalten kann.

Aufgedrängt, zu selten, zu doof -- weitere Kritik

Im Jahr 2015 sorgte das Survival-Spiel Rust noch während der Entwicklung für Empörung unter den Spielern: Es wurde angekündigt, dass man sein Aussehen zufällig zugeteilt bekommt, statt selber entscheiden zu können. Man ist, was man ist, ob nun weiß, schwarz oder irgendetwas dazwischen. Schwupps, drohten manche Spieler mit Boykott, andere kritisierten einfach die fehlende Wahlmöglichkeit. Auf der anderen Seite zu stehen, scheint für manche unerträglich zu sein.

Einer der Entwickler verzeichnete auf den Servern einen drastischen Anstieg an rassistischen Äußerungen. Auf einen Schimpfwortfilter wurde jedoch zunächst verzichtet, da sich das Problem innerhalb der Spielwelt wohl alleine erledigt: Die Spieler, die mit solchen Äußerungen glänzten, waren immer in der Minderheit und häufig formierten sich die anderen Spieler, um etwas dagegen zu unternehmen.

Und auch Spiele gänzlich ohne schwarze Figuren provozierten Debatten: The Witcher 3: Wild Hunt ist nicht für seine charakterliche Diversität bekannt. Man spielt einen sehr weißen, männlichen, heterosexuellen Protagonisten. Doch Stein des Anstoßes war und ist der Mangel an schwarzen Figuren innerhalb der gesamten Welt. Dies ist eigentlich ein eigenes Thema wert, sagen möchte ich dazu nur eines: Ein Muss besteht für keinen Spieleentwickler. Niemand MUSS diesen oder jenen Quotencharakter einfügen. Mehr noch: Das bloße Einfügen eines Quotencharakters finde ich persönlich sehr schwach. Das, was ich präferiere, ist eine realistische Darstellung. Das schließt positive, wie auch negative Darstellungen ein – und manchmal auch das Fehlen einer Gruppierung. Sobald eine Gruppierung, eine Ausrichtung, ein Volk jedoch einseitig dargestellt wird, hat es meiner Meinung nach deutliches Verbesserungspotential.

Fifa 17 führte 2016 einen neuen Single Player ein und entschied sich für einen schwarzen Protagonisten. Man verfolgt und spielt Alex Hunters Karriere von der Pike an und erfährt nach und nach mehr über seine Hintergründe, was das Spiel an sich dreidimensionaler macht. Sowohl für Mafia 3, als auch Watch Dogs 2 wurden ebenfalls schwarze Protagonisten gewählt, die durch ihre Hintergründe glänzen. Mit Nadine Ross führte Uncharted 4 derweil eine graue Nebenfigur ein, die dem Protagonisten stark zusetzt. Sie ist die Anführerin einer Söldnergruppe und schafft spielend den Spagat zwischen klischeehafter, „weiblicher Grazie“ und „männlicher Derbheit“.

Mittlerweile machen viele kleinere Entwickler(studios) durch ihre Spiele auf die Problematiken aufmerksam, mit denen insbesondere Schwarze häufig in Berührung kommen. 2017 erschien das Browserspiel Hair Nah, das mit dem Reizthema „Andere Leute fassen ungefragt meine Haare an“ spielt. Das Haar vieler schwarzer Frauen sieht interessant und ungewöhnlich für Weiße aus, sodass sie oft ungefragt zugreifen. Das scheint ein Problem zu sein, das viele schwarze Frauen kennen. In dem Spiel muss man diese tatschenden Hände abwehren.

Im selben Jahr versuchte das Spiel „We are Chicago“ die Hintergründe von Schwarzen in Chicago zu beleuchten. Aus Sicht Aarons erfährt man Mobbing und Rassismus. Das Spiel kam bei Kritikern gut und bei Spielern schlecht an, was primär an dem Gameplay und der Grafik liegt. Mitunter wird es aber auch aufgrund der Thematik diffamiert und als „Nigga Simulator“ verunglimpft. Liebe Gesellschaft, da ist noch viel zu tun …

Representation matters

Insgesamt sind Schwarze in Videospielen noch immer unterrepräsentiert und oft einseitig dargestellt, doch im Vergleich zu früher immerhin Charakterköpfe und nicht mehr zwingend nur Abziehbildchen. Repräsentation ist wichtig, nach wie vor. Kinder und auch Erwachsene sollen sehen, dass sie nicht alleine sind, dass sie alles werden können, wenn sie nur wollen, dass ihre Umgebung sie sieht und als das wahrnimmt, was sie sind: Menschen mit Stärken, Schwächen und nicht nur bestehend aus Klischees.

Als Entwickler neigt man wahrscheinlich aber auch dazu, erst an sich selbst zu denken. Rund 76% der Entwickler sind weiß, nur etwa 3% schwarz. Das dürfte ein Mitgrund sein, weshalb schwarze Figuren noch immer unterrepräsentiert sind. Man muss mehr Möglichkeiten schaffen, die Industrie öffnen und Kontakte erweitern und nicht in seiner eigenen, ethnischen Bubble bleiben.

Im Laufe meiner Recherchen zu diesem Video und nach all den Berichten, Artikeln und Aussagen, die ich im Zuge dessen gelesen habe, habe ich erst wirklich gemerkt, wie feinfühlig man dieses Thema angehen muss und wie schwierig es bereits ist, über dieses Thema nur zu sprechen. Zu schnell wird man in eine Ecke gedrängt, zu dünn ist das Eis, auf dem man wandelt. Diese Tatsache allein zeigt bereits, dass da einiges an Nachhol- und Gesprächsbedarf besteht. Nicht unbedingt im Bereich der Videospiele, sondern auch und besonders im realen Leben.


Quellen:
Demografie JapansLänderdaten EthnienListe von schwarzen VideospielcharakterenFormulierungsratgeber für JournalistenBuch: Ultimate History of Video GamesInternational Game Developers AssociationChildren Now, Fair Play? Violence, Gender and Race in Video GamesRust-Debatte |
sowie diverse Websites von Publishern, einige Let’s Plays und eigene Spielerinnerungen.
Die Bezeichnung „Schwarzer“ ist laut der bpb die politisch korrekte Ausdrucksweise. Die Nennung der Hautfarbe erfolgt hier ausschließlich deshalb derart inflationär, da diese Kern der Untersuchung ist.

Sonnenstein Cosplay

[NSFW] Sonnenstein Cosplay

Sonnenstein“ (engl.: Sunstone) ist ein Webcomic des Künstlers Stjepan Sejic, der seine Leser mit ins Reich des BDSMs mitnimmt und dabei die Liebesbeziehung zwischen Lisa und Allison in den Fokus rückt. Der Comic ist nicht nur einfühlsam erzählt, sondern sieht auch noch ziemlich gut aus. Wie kann man dem besser huldigen als mit einem Cosplay?

Sicherlich sind die Outfits und Make Ups von Lisa und Allison leichter nachzustellen als die aufwändig gestalteten Figuren anderer Fandoms. Doch geht es auch um die Darstellung und die in den Fotos wohnende Atmosphäre – und die ist verdammt gut getroffen.

Während die gebürtige Ukrainerin Lina UwU in die Rolle des Rotschopfs Lisa schlüpft, mimt die Deutsch-Polin Leontha Allison. Beide machen vor der Kamera Sarenka z Aparatems eine gute Figur und zeigen einmal mehr, dass BDSM durchaus auch ästhetisch und ohne viel Klischee dargestellt werden kann. Mehr Fotos aus der Sonnenstein-Cosplayshoot findet ihr hier.

Übrigens lohnt sich auch ein oder zwei oder mehr Blicke in den Comic selbst. Es beschreibt BDSM weitaus authentischer als bspw. ein Shades of Grey. Auf Deutsch ist er bei Panini Comics Deutschland erhältlich. 

Eine deutsche Leseprobe findet ihr hier.

Sonnenstein Cosplay

Warum können nicht alle Filme im Star Wars – Universum spielen?!

Thilo hat mich da auf einen ganz famosen Trailer gestoßen, der eine Liebe zwischen Vertretern verschiedener Spezies thematisiert. Ein bisschen Brokeback Mountain im Weltall. Dieser Trailer ist nur ein Spaßtrailer -- aber er bringt mich auf eine Frage, die mich schon seit Anbeginn der Zeit quält: Warum nur kann nicht jeder Film „Star Wars“ sein?

Längst nicht jeder stellt sich diese Frage. Für viele herrscht derzeit ein Overkill an star wars’schen Filmen: Erst Episode VII, dann Rogue One, dann Episode VIII, dann Han Solo -- wo soll denn all das noch hinführen?! Dabei gibt es doch noch mehr Filme, die auf der Erde spielen und niemand beschwert sich!

Lasst mich erklären

Ich persönlich liebe einfach die Welt aus Star Wars. Die Legenden, Figuren, Völker und Spezies. Die Raumschlachten, Planeten, Lichtschwerter. Die Macht. Die Welt ist reich an Hintergründen, mystischer und märchenhafter als viele -aber natürlich nicht alle -- anderen fiktiven Welten. Warum also nicht mehr Filme mit diesem Setting drehen? Und die müssen mit den Trilogien nicht mal etwas zu tun haben!

So viele Möglichkeiten!

Horror. Ja, Aspekte von „Last Jedi“ fand ich tatsächlich in Ansätzen horroresk. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwo im Universum auch übernatürliche Erscheinungen gibt. Oder Figuren, die andere benutzen, foltern, in Angst und Schrecken versetzen. So viele der Settings laden geradezu dazu ein, Blut und Angst sprechen zu lassen! Ich träume von Filmen wie „Das Schweigen der Tauntauns“, „Tatooine Werewolf“ und das unaussprechliche „The Sixth Sith“!

RomCom. Er trifft sie, er trifft ihn und sie trift Wookie. Irrungen, Wirrungen und irgendwo im Hintergrund sieht man einen Trupp Sturmtruppler vorbei flanieren. Außerdem bekommt das Wort „Fernbeziehung“ eine ganz neue Bedeutung.

Drama. Kriegsfilme. Logisch. So viel Potential. Rogue One hätte so  ein Drama sein können, das mich fasziniert, es aber leider nicht geschafft. Aber auch abseits des Krieges haben Leute schon immer Dramen durchlitten. Nur dass man im Star Wars-Universum mehr Konflikte in Form von Rassismus, planetaren Verstrickungen und mehr hat.

Komödie. Das, was Spaceballs ist und „The Last Jedi“ fast geworden wäre. Dabei muss es nicht um Sci-Fi-Parodien gehen, sondern kann auch ganz profane Comedy einschließen.


Man könnte nun sagen: Aber warum überhaupt Star Wars? Die Antwort ist simpel: Warum nicht? Speziell Star Wars-Horror würde mich unglaublich reizen, da ich die Verbindung klar vor mir sehe, aber so noch nicht erfahren konnte. Star Wars ist eine Zutat, die man nutzen könnte. Plus: Man muss nicht alles gucken. Ich schaue mir auch nicht jeden Superheldenfilm an. Und ja: Auch Superheldenfilme dürfen sich auch gerne mal vom typischen Genre abkapseln!

Bis jetzt sind mir die Verfilmungen noch zu nah beieinander. Rogue One hatte wieder den Todesstern, hatte aber zumindest mehr Ansätze in Richtung erwachsender Dramatik als die Trilogien. Ich hoffe darauf, dass die anderen eigenständigen Verfilmungen abgenabelt werden. Natürlich werden mit Obi-Wan und Han Solo wieder bekannte Figuren auftauchen. Aber vielleicht wird ein Ausflug in komplett andere Genres gewagt. Star wars ist schließlich mehr als Science Fantasy/Märchen.

Das haben schon andere Medien im Bereich Star Wars gezeigt. Aber nun: Genießet den Trailer!

Die Reaktionen zu „The Problem with Apu“ zeigen die Arroganz des Unbeteiligten

Vor wenigen Wochen hat der südasiatisch-amerikanische Comedian Hari Kondabolu eine Dokumentation über südasiatische Repräsentation in der US-amerikanischen Popkultur mit Fokus auf die Simpsons-Figur Apu veröffentlicht. Die Reaktionen darauf sind bezeichnend.

Der Trailer, der auch auf Youtube zu sehen ist, zeigt dabei, wie unterhaltsam und gleichzeitig reflektiert Kondabolu selbst mit der Thematik umgeht. Er geht nicht mit grantig erhobenem Zeigefinger auf die Zuschauer, die USA oder die Simpsons zu, sondern erklärt trotz allem gut gelaunt, was an Apu Nahasapeemapetilon ihn so stört und was an ihm toxisch sein kann.

Die Simpsons sind bissig und parodieren etliche Gruppen, US-Amerikaner eingeschlossen. Doch während andere Minderheiten auch weitere Identifikationsfiguren oder Repräsentationen in der Popkultur erfahren, blieb das bei Südasiaten lange aus. „Es gibt einfach keine andere Repräsentation [abgesehen von Apu]!“, beschwert sich der im Trailer zu sehende südasiatisch-stämmige Schauspieler Utkarsh Ambudgar und zeigt damit das Hauptproblem auf. Denn wo der Durchschnittszuschauer keinen anderen Inder außer Apu „kennt“ wird er weniger hinterfragen und das Gesehene in sich aufnehmen.

Dass Kondabolu die Simpsons trotz Apu mag, wird deutlich. Aber als jemand, der sein ganzes Leben lang mit den von Apu angerichteten Vorstellungen in den Köpfen der Umwelt leben musste, ist es sein gutes Recht, das aufzuzeigen. Zu hinterfragen, zu kritisieren. Nichts anderes macht er -- und das ist vollkommen legitim.

Das gegen die eigene Stirn geschlagene Brett

Den meisten Unbeteiligten ist das egal. Sie wollen es aktiv nicht sehen. Sie schlagen sich selber ein Brett vor den Kopf und rufen:“ Du Weichei, komm mal klar und hör auf zu heulen!“ Sie schreiben schlechte Kritiken, ohne den Film gesehen oder verstanden zu haben.

„Weiß der Typ nicht, dass die Simpsons eine Satireshow ist, die sich über alle Stereotype lustig macht?“

Die Sache ist: Dass sich über den Stereotyp des geldgeilen, kinderreichen, armen, etwas dümmlichen Inders  lustig gemacht wird ist nicht das Problem. Dass es keine anderen Repräsentationen, Interpretationen und Vorbilder gibt und die Simpsons damit wegweisend in den Köpfen der Masse sind, wiegt da schwerer. Und ja, es ist generell eher fragwürdig, nach unten zu treten denn einflussreichere Gruppen oder Personen zu persiflieren.

Es ist von Bedeutung, wer solch eine Figur kreiert -- und wer sie spricht. Im Falle Apus sind es Weiße. Das steht in einer langen Tradition. Die Frage ist: Ist das so großartig?

Das Sinnbild allgemeiner Ignoranz

In den Kommentaren wird Kondabolu als Weichei beschimpft, als jemand, der sich von allem und jedem beleidigt fühlt, als Memme. Ich lese die Kommentare und bin sauer, dass sich niemand auch nur die Mühe gemacht hat, die Intention und Problematik hinter dem Video zu verstehen. Es ist ein Trauerspiel, in dem sich die schimpfende Masse lächerlich macht, ohne es selber zu merken. Leider ist es eben eine Masse und keine Minderheit.

Es geht nicht darum, die Simpsons zu verteufeln. Kondabolu selbst mag die Serie und führt sie als eine der Hauptinspirationsquellen für sein Schaffen als Comedian an. Eben weil es sie sich über alles und jeden lustig macht. Das ist okay. Das darf sein. Über sich selbst und andere zu lachen ist völlig legitim -- solange man weiß, dass es nur eine Karikatur ist. Solange „Apu“ nicht das einzige ist, womit man verbunden wird.

Es schadet nicht, über die Probleme anderer nachzudenken. Es schadet nicht, sich einen Moment Zeit zu nehmen und zuzuhören. Es schadet auch nicht, darüber nachzudenken. Ohne am Ende gedankenlos loszukrähen und den Gegenüber zu verunglimpfen.

Sei nicht wie Homer Simpson. Denk weiter als von hier bis „Oh ein Donut!“

Quo vadis, Gamergirl?

Gamerinnen – Zockerweibchen – sind keine Seltenheit mehr. Doch woher kommen sie – und warum treten sie meist nur im Rudel auf? 

Damals

1982 rollte Ms. Pac Man als erste weibliche Spielfigur über die Bildschirme, doch der Siegeszug der Gamerinnen an sich sollte erst viel später stattfinden. Mit dem “Barbie Fashion Designer” wurde 1996 ein Videospiel extra für Mädchen auf den Markt geworfen. Rosa, Fashion, eine idealisierte und klischeehafte Frauenfigur mit auftoupierten Haaren und falschen Wimpern. Das war das Bild, das die Spielemacher von den Bedürfnissen der weiblichen Kundschaft besaß. Und trotzdem: Die Zielgruppe weiblicher Gamer war Mitte der 90er endlich entdeckt worden. Die Marktlücke war erkannt, man roch eine zusätzliche Geldquelle. Auch wenn der Anteil weiblicher Gamer zu dem Zeitpunkt insgesamt noch relativ gering gewesen ist, bildeten sie doch einen nicht zu vernachlässigbaren Anteil der Casual Gamer im Besonderen.

Die Mitwirkenden in der Spieleindustrie waren, wie auch heute, zum größten Teil männlich. Damals betrug der Anteil rund 90% und man setzt(e) weiterhin auf Klischees. Haustiere, Barbie, Bauernhöfe. Mit den Sims kam im Jahre 2000 dann das Spiel auf den Markt, das weibliche und männliche Gamer gleichsam fesselte, wo jedoch der Frauenanteil weitaus höher war und ist. Frauen spielen vermehrt Videospiele, die a) hübsch aussehen b) in denen es um den Spaß, nicht primär um Siege geht und in denen der soziale Aspekt im Vordergrund steht. Hinter den Sims steckt nicht nur eine so einfache, wie auch geniale Idee, sondern auch eine Community, die sich gegenseitig mit neu kreierten ingame-Kleidungsstücken, Möbeln und Häusern versorgt. Es folgten MMORPGs und später die sogenannten “Social Games” auf Plattformen wie Facebook, die den sozialen Aspekt akzentuierten. Rollenspiele, Adventures, allgemein eher auf Rätsel, Entwicklung und Geschichte ausgelegte Spiele, rundeten die Welt der typischen Gamerin ab.

Die Frauen wurden nach und nach auch in der Community präsenter, das Bild des “Zockerweibchens”  setzte sich fest und wurde zelebriert.  Mädchen – ob Gamerin oder nicht – lutschten plötzlich an Controllern herum, räkelten sich lasziv und nur mit vor die nackten Brüste gehaltener Spielekonsole vor der Kamera und wurden von der hechelnden Gamerschaft gefeiert. Das war die eine Seite. Auf der anderen Seite wurden und werden Gamerinnen als reale Gegner innerhalb des Videospieles selbst beschimpft. Sobald es um das Spiel selbst und nicht um nackte Brüste und angesabberte Controller ging, hatte (und hat) man es als Frau nicht unbedingt leicht. Besonders bemerkenswerte Ausgüsse geistigen Abfalls wurden damals auf der Seite “Fat, ugly or slutty” gesammelt und der Spiegel hat jüngst über Sexismus gegenüber Gamerinnen geschrieben.

Und heute?

Mittlerweile sind fast 50% der deutschen Gamer weiblich. [Quelle] Es scheint, als wäre man im allgemeinen Verständnis irgendwie angekommen, selbst über die Klischee-Genres hinaus. Die ESL (Electronic Sports League) wurde um eine “female league” erweitert. Reine Frauenteams, die gegeneinander zocken – nicht etwa in Sachen Pokemon, sondern Counterstrike. Im Spiel, wo die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau schwinden, hört niemand die Brüste wackeln, eine friedliche Koexistenz von Mann und Frau scheint langsam möglich und akzeptiert zu werden.

Doch trotzdessen, dass die Gleichberechtigung immer weiter Fuß fasst und sich selbst der hinterste Dorfmacho eingestehen muss, dass man nach der Niederlage gegen eine Frau nicht unbedingt mit sexistischen Beleidigungen um sich werfen muss, scheinen sich die Frauen noch nicht ganz in die Welt hinauszutrauen. Sie rotten sich zusammen, erstellen Bloggemeinschaften rein weiblicher Besetzung, spielen in rein weiblichen Teams und gründen Frauengilden. Sie grenzen sich ab, anstatt sich einzugliedern. Mehr noch: Man macht ganz bewusst auf den Status als Frau aufmerksam. Blognamen tragen plakativ “with curves”, “girl” oder “sexy” mit sich herum. Man macht sich selber zur (teils sexualisierten) Randgruppe. “Hallo, ich bin ein Gamergirl! Hört ihr?! Ein sexy Ga-mer-girl!” Mädels, das habt ihr nicht nötig.

Eine rein männliche Podcast- oder Blogtruppe wird doch auch nicht mit dem Prädikat „male“ oder „manly“ versehen. Gut, ab und zu sieht man vielleicht“ bearded“ oder eben „mit Bart“ oder dergleichen, wenn das Geschöpf besonders stolz auf eben jenen ist. Wahrscheinlich ist „Stolz“ auch bei den „girlygirlfemalegamergirls“ der Grund. Man ist stolz, eine unter wenigen zu sein, ein strahlendes Einhorn? Die Sache ist doch: Man ist nicht eine unter wenigen, sondern eine unter vielen. Wir drängen uns nur selber in diese Außenseiterrolle hinein – oder werden gedrängt, weil wir drängen lassen. Oder andersherum: Hat man vielleicht Angst, ohne dieses „Alleinstellungsmerkmal“ weniger attraktiv, weniger interessant, weniger gut zu sein?

Die Schuldfrage

Sind wir also die Schuldigen? Ich finde nicht. „Schuld“ hat hier die Gesellschaft insgesamt, was das „männliche Ego“ und auch die „weibliche Zurückhaltung“, um in den Klischees zu bleiben, inkludiert. Events wie jenes vom MediaMarkt letzte Woche, bei dem „Zockerfrauen“ gegen „Zockerfrauen“ antraten, machen es nicht besser. Soll hier ein Schutzraum geboten werden? Glaubt man, dass Frauen per se schlechter sind als „Gamerboys“? Sich anders vielleicht gar nicht erst trauen? Die Eventbeschreibung jedenfalls ist hilarious:

Mädels, liebt Euer Freund FIFA 18 so sehr wie Euch? Und Jungs, traut Ihr Eurem Mädel zu, Euch das neue FIFA 18 + 1 x PlayStation 4 + 2 Controllern in einem epischen Live-Battle zu erspielen? Dann Männer stark bleiben – Mädels an den Controller!(…) Die zwei Siegerinnen aus der jeweiligen Runde haben die Möglichkeit im großen Finale das volle Paket für Ihren geliebten Zocker abzusahnen (…) Jede Teilnehmerin muss von ihrem Mann (egal ob Freund oder Kumpel) begleitet werden – der bekommt nämlich eine ganz besondere Rolle! (…)!!! Achtung Männer !!! (…)Während dem Spiel dürft Ihr Eurer Zocker-Queen nicht helfen! Nur anfeuern, feiern und fluchen ist erlaubt – wer Spiel-Tipps gibt scheidet aus. [Quelle: Facebook-Event]

W. T. F. Eigentlich geht es nicht darum, dass Frauen ihre Zockerleidenschaft mal auf einer kleineren Bühne ausleben dürfen – sondern um die Belustigung der Männer. Die, natürlich, die eigentlichen Gamingexperten sind. Weil Frauen natürlich grundsätzlich kein FIFA zocken?

Ja, die Gamesbranche ist in manchen Bereichen, etwa dem E-Sport, eine Männerdomäne. Aber soll das heißen, dass wir uns als Frauen unsere eigenen Süppchen köcheln sollen? Dass wir uns – obwohl wir Ahnung von der Materie haben – lieber „save“ in Frauenteams zusammentun, als uns unter männliche Kollegen zu mischen? Werdet doch mal Chefin eines eigenen (gemischten) Gamingblogs! You can fucking do this! Der Weg in die Zukunft sollte sich nicht von geschlechtlichen Barrieren kennzeichnen lassen. Wir sind nunmal alle Gamer, ob Schwanz oder nicht.

Headerbild: Erik Lucatero
Schwache Charaktere in der Popkultur

Warum wir auch schwache Figuren brauchen

Stets liegt der Fokus allgemeiner Betrachtung auf den starken Figuren. Filme bräuchten mehr starke Frauen, Love Interests sollten generell stark sein und überhaupt wird häufig gerade über die Stärke weiblicher Figuren gesprochen. Mit Recht: Im Vergleich zu starken männlichen sind starke weibliche Figuren deutlich unterrepräsentiert; es herrscht noch ein Ungleichgewicht, das korrigiert gehört. Doch abseits dieser Diskussion möchte ich euren Blick heute auf die Schwachen unter den Figuren lenken und letztlich erklären, weshalb ich sie trotz ihrer stiefmütterlichen Behandlung ziemlich wichtig finde.

Doch was ist „Schwäche“ überhaupt? Der Duden findet dafür, wie hier links zu sehen, natürlich gleich mehrere Bedeutungen und klar definierte Worte. Es kann fehlende körperliche Kraft bedeuten ebenso wie charakterliche oder moralische Unvollkommenheit. Schwäche, so wissen wir, ist nichts gutes. Es zeugt von einem Mangel und von Unzulänglichkeit. Man ist „nicht gut genug“ für etwas oder gar jemanden. Schwäche kann nicht nur einem selber schaden, sondern auch anderen. Und natürlich liegt es in der Natur des Menschen, sich stets zu verbessern, also Schwächen auszubügeln, vielleicht sogar zu Stärken zu machen. Man will nicht „das schwächste Glied in der Kette sein“. Gleichzeitig wird Schwäche meines Erachtens nach aber auch falsch ausgelegt, Schwäche in Figuren projiziert, wo gar keine herrscht.

Warum braucht es also schwache Figuren?

Starke Figuren treiben einen Plot voran. Sie sind, um in Extrembeispielen zu denken, willensstark und zielstrebig, straucheln wenn, dann nur vorübergehend und geben den Ton an. Sie dienen als Identifikationsfigur, an der man sich nicht nur misst, sondern aus derer Entwicklung man auch Kraft schöpfen kann. Gerade dann, wenn die Figur vielleicht etwas schwächer angefangen hat. Ohne Schwäche kann jedoch keine Stärke existieren. Es ist wie bei der Idee von Gut und Böse: Kann man „gut“ sein, wenn es kein „böses“ Beispiel gibt? Die schwache Figur lässt die Stärke Anderer erstrahlen.

Das ist besonders dann wichtig, wenn man feministische Standpunkte vertritt. Gäbe es ausschließlich starke weibliche Figuren – wäre das nicht „default„, der Standard? Könnte eine Buffy oder eine Laura Roslin als stark gelten, wenn man jede weibliche Figur derart verzerren würde? Gleiches gilt natürlich für die männlichen Konterparts.

Schwächen sind menschlich. Schwächen sind sogar okay. Angst – oder gar Feigheit – kennt vermutlich jeder, der nach Sichtung eines Horrorfilms durch nächtlich stille Gassen schleichen musste. In Ansätzen sind solche Schwächen auch durchaus bei den Protagonisten der Fiktion zu finden: Unzulänglichkeiten, die die Figur nur umso liebenswerter machen sollen. Die richtig schwachen Figuren jedoch sind selten.

Beispiele schwacher Figuren

Meine Twitter-Follower fragte ich heute, welche tollen schwachen Figuren aus Sci-Fi und Fantasy sie kennen. Das Antwortspektrum fiel recht mager aus. Vielleicht, weil es gar nicht so viele gut geschriebene schwache Figuren gibt? Oder wird in schwachen Figuren einfach generell wenig Gutes gesehen? Ein paar Antworten gab es derer aber natürlich schon. Hiccup aus Drachenzähmen leicht gemacht wurde etwa genannt. Dessen Schwäche ist in erster Linie körperlich, weshalb er im Laufe seiner Entwicklung auch charakterliche Schwäche wie mangelhaftes Selbstbewusstsein und Schüchternheit zeigt. Dennoch ist er die treibende Kraft hinter dem Plot. Allerdings: Ihm passiert etwas. Erst durch die äußeren Umstände und mit Hilfe seiner Freunde wird er zu einer Figur, die die Geschichte voran treibt.

Auch Helden wie Han Solo wurden genannt. Han Solo, der nicht nur einmal Opfer eigener Gier wird. Im Herzen jedoch ist er stark, sogar gut. Er überwindet seine Gier, ist ohnehin mutig, zielstrebig, geschickt und klug. Eine andere als schwach genannte star wars’sche Figur ist dagegen Jar Jar Binks. Er wiederum ist allerdings derart schwach und unsympathisch, dass er keinesfalls als Held gelten kann.

Die meisten der dort genannten Figuren sind körperlich schwach oder besitzen lediglich schwache Komponente, sind also nicht im Gesamten schwach. Ich zumindest würde sie nicht als „schwache Figur“ bezeichnen. Es gibt nur eine Ausnahme, bei der das zutrifft: Theon Greyjoy aus Game of Thrones. Und er, meine Damen und Herren, ist tatsächlich auch der Grund, weshalb ich diesen Artikel nun schreibe.

Das Beispiel „Theon Greyjoy“

Theon beginnt stärker als er nun ist. Anfangs narzisstisch und selbstbewusst, wird ihm dieses Selbstbewusstsein bald genommen. Mittlerweile ist er ein psychisches Wrack, leidet an verschiedenen psychischen Erkrankungen. Man kann es ihm nicht verübeln: Gefoltert, seines Penis‘ beraubt, in Gefangenschaft gehalten, auf alle erdenklichen Weisen malträtiert: Dieser Mann ist mittlerweile nur noch ein Schatten seiner Selbst.

In einer Szene der aktuellsten Staffel wird seine Schwester entführt. Er muss zusehen – und krümmt keinen Finger. Schwach. So unfassbar schwach. Von Freund und Feind wird er deswegen verhöhnt. Das ist nicht das Verhalten eines Helden. Nicht, dass er je einer gewesen wäre. Und doch finde ich es sehr positiv, dass diese Schwäche gezeigt wird. Er war ein Opfer, die Narben auf seiner Seele sind spürbar. Viele Zuschauer vergessen das. Vergessen über all die strahlenden, furchtlosen Helden, dass gewisse Situationen Traumata hervorrufen können. Die meisten Helden bleiben stark. Ihnen machen viele auch furchtbare – Dinge nichts aus. Wenn es sie verändert, macht es sie nur noch stärker. Das ist schade – denn Schwäche gehört dazu. Mehr noch: Schwäche ist manchmal die einzige logische Konsequenz.

So oder so: Theon ist kein „fan favourite“. Das liegt aber sicherlich nicht nur an seinen vielen Schwächen.

Schwache weibliche Figuren im Speziellen

Der Ruf nach starken weiblichen Figuren ist derart laut, dass der Blick auf Figurentiefe generell zu verschwimmen scheint. Eine fiktive Frau hat heutzutage stark zu sein, um den Ansprüchen zu genügen. Das ist nicht per se etwas Schlechtes. Allerdings kann es auch ad absurdum geführt werden. In der neuen Star Trek Serie Discovery etwa kommt man keine 2 Minuten weit, ohne auf eine neue starke weibliche Figur zu treffen. Das ist einerseits gut, andererseits frage ich mich: Muss eine Frau tough sein? Es ist diese strenge bis teilweise aggressive Art, die scheinbar als stark gilt. Als in Ansätzen schwache weibliche Figur wird Sylvia Tilly eingeführt. Sie redet viel, zeigt aber doch nach und nach mehr Durchsetzungsfähigkeit bereits in einer einzigen Episode.

Schwache Figuren sind kein Muss. Doch sie akzentuieren die Stärken Anderer, sind Plotgeber, Hindernisse, zeigen Menschlichkeit. Das Problem, das ich sehe ist, dass gerade weibliche Protagonisten scheinbar nicht mehr schwach sein dürfen. Und das, obwohl Schwäche keine Schwäche sein muss. Sie kann im Gegenteil sehr spannend sein. Solange die weiblichen Figuren nicht alle schwach sind, sehe ich kein Problem. Das einzige, was ich momentan sehe, ist eine Art Angst vor Schwäche.

Warum ist das so? Warum darf es keine schwachen Frauen in Film, Fernsehen und Literatur geben? Weil es keine schwachen Frauen gibt? Das kann ich direkt verneinen. Weil Schwäche immer unsympathisch ist? Ach, ich bin auch eine schwache Frau und meine Katze findet mich trotzdem sympathisch. Oder vielleicht einfach nur, weil man Angst hat, mit schwachen Hauptpersonen ein Risiko einzugehen? Steht doch zu den Schwächen eurer Hauptfiguren. Egal, ob sie männlich oder weiblich ist. Solange  ihr nicht vergesst, dass weder Frauen, noch Männer die Stärke mit Löffeln gefressen haben, ist doch alles gut.

Vielleicht sollten wir auch einfach aufhören in Kategorien wie „stark“ oder „schwach“ zu denken und auf das achten, was wirklich zählt: Komplexität und Tiefe. Dann klappt es auch mit den sympathischen und glaubwürdigen Figuren.

Headerbild by: Larm Rmah

Leserfrage der Woche: Der ultimative Geek?

(…) und was macht deiner Meinung nach den ultimativen Geek aus?”

Manchmal bekommt man Leserbriefe, die einen wirklich nachdenken lassen. Wie dieser hier von Martin. Der ultimative Übergeek also. Der ist leicht zu beschreiben, dieses bewundernswerte Wesen. Leset und neidet ihn.

Der ultimative Geek…

  • … trägt Geekshirts. Immer. Er hat mindestens 365 Stück davon im Schrank, wovon eines natürlich lustiger und kreativer ist als das andere. Je einzigartiger, desto besser. Beliebte Themen schwanken je nach Saison, die beliebten Seiten wie Qwertee jedoch bleiben. Der aller-ultimativste Geek trägt hierbei zwei Shirts übereinander. Kann man bei Rüstungshemden übrigens auch machen, wenn der Spielleiter nicht aufpasst. Rüstungsschutz!
  • … hat jedes Spiel, das es gibt und geben wird durchgespielt. Drei Mal. Er kennt jeden Lösungsweg, jeden Dialogstrang und weiß alles besser als die Spieleentwickler selbst. Wenn man Fragen zum Spiel hat, fragt man als erstes ihn.
  • … hat keine Wohnung. Er hat einen Geektempel. Der Toaster toastet kleine Darth Cylons in die Brote, die Zimmer werden von Lichtschwertern beleuchtet und er schläft in Gandalf-Bettwäsche. Ikea ist ihm zu normal, er kauft nur ausgewählte Fanobjekte ein.
  • … ist offensichtlich reich.
  • … ist ein wandelndes Lexikon. Wer hat bei der dritten Episode der fünften Staffel von The Walking Dead Regie geführt? Was ist das Lieblingsgericht des fünften Doktors? Und was heißt nochmal “Ich werde dein Blut aus deiner Hirnschale trinken!” auf Klingonisch? Er kennt die Antwort.
  • … hat kein einziges, rotes Oberteil im Kleiderschrank. Obviously.

Ich denke, dass es offensichtlich geworden ist, dass ich nicht an den ultimativen Geek glaube. Zumindest nicht an den, der von außen als solcher zu erkennen ist. Ist man mehr Geek als der andere, weil die Kleiderwahl erscheinen lässt, als hätte man den Webshop ThinkGeeks ausgeraubt? Ein Zelda-Kettenanhänger macht niemanden “mehr geek” als den anderen, ebensowenig wie es die Kenntnis über die Namen jedes Nebencharakters von Torchwood macht.

Meine Antwort auf die Eingangsfrage ist eigentlich ziemlich simpel gestrickt und riecht ziemlich nach Cheese: Der ultimative Geek ist mit Leidenschaft dabei.

Er fiebert mit den Charakteren seiner favorisierten Serie mit, sammelt vielleicht jeden Schnipsel auf, den er über die Serie/whatever finden kann. Er bekommt eine Gänsehaut, wenn er die Titelmelodie seines Franchises hört. Den ersten Ton eines Star Wars Filmes etwa oder auch den diffusen Ton der Enterprisetüren. Wahrscheinlich sammelt er, kennt sich mit mindestens einem Genre aus, war schon auf einer Convention. Die Themen beschäftigen ihn, er redet darüber, will mehr wissen. Und weiß vermutlich noch, wann er zum ersten Mal einen Ent gesehen hat.

Er muss nicht alles kennen, kein Universalgeek sein. Nicht jede Serie gucken oder jedes Spiel gespielt habe. Er muss nicht wissen, wer zuerst geschossen hat. Es kommt nicht darauf an, wer den längsten Schwanz hat. Den hat, wie wir alle wissen, ja auch das Marsupilami. Nein, im Grunde genommen gibt es nur erste Plätze auf der Geekrangskala der Unendlichkeit. Hey, ich bin eine verdammte Waage, ich stehe auf das Gleichgewicht, Frieden und Harmonie! Außerdem glauben Waagen nicht an Horoskope.

Also Martin: Man braucht kein volles Regal mit Actionfiguren, Comics und Videospielen zu haben, um ein ultimativer Geek zu sein. Ich selber besitze übrigens auch nicht besonders viel. Nichts Stoffliches, ich kann dementsprechend mit keiner überdimensionalen Collection angeben. Den Geek habe ich im Herzen. [absolut nicht kitschiger Themesong zum Gesagten]

Oder habt ihr andere Definitionen? Ist durchaus möglich! Vielleicht sagt ihr auch, dass man unbedingt XY gesehen haben muss oder mindestens 40 Teefury-Shirts besitzen muss, um “ultimativ” zu sein. Dann ist das auch ok, ihr könnt meine imaginären Geekmedaillen dann gerne haben 🙂 (Nicht, dass ich welche hätte. Mist.)

„Was hat die Bundeswehr eigentlich auf der gamescom zu suchen?“ Im Interview.

Einhundert Messebesucher habe ich gefragt: Nennen Sie etwas, das auf die gamescom gehört. Die Antwort „Bundeswehr“ ist kein einziges Mal gefallen. Und das ist an sich auch gut so, denn Videospiele haben mit der Bundeswehr in etwa so viel gemein wie ein possierlicher, handelsüblicher Oktopus mit Cthulhu: Irgendwie sehen beide für Laien mit ihren Tentakeln ähnlich aus, doch ist das eine nur ein niedliches Tierchen mit Kulleraugen und das andere der gottverlassene, Große Alte, der für den Tod allen Lebens verantwortlich sein könnte! Und, naja… irgendwie ist er auch nur fiktiv.

Die Bundeswehr also. Steht dort einfach so in der Familienhalle herum und rekrutiert ahnungslose Gamer. Oder so. So habe ich mich mit Manuela Langer, ihres Zeichens Schatzmeisterin der Piratenpartei, unterhalten. Ihr zwar kleiner, dafür jedoch farblich piratesk schreiender Stand befindet sich geschützt außerhalb der gamescom-Tore und lockt mit süßem Popcorn. Zum Thema „Bundeswehr auf der gamescom“ bezieht sie klar Stellung:

„Wir finden, dass die Bundeswehr auf der gamescom nichts verloren hat. Es ist eine Spielemesse. Wäre das jetzt beispielsweise eine Berufsbildungsmesse, dürfte die Bundeswehr ganz selbstverständlich als Arbeitgeber auftreten. Aber warum kommt die Bundeswehr an und versucht, auf der gamescom zu rekrutieren? Welcher Gedanke steckt dahinter? Steckt da der Gedanke hinter, dass sich Gamer leichter zu Soldaten ausbilden lassen würden? Dass sie weniger Hemmungen haben, zu schießen? Wir glauben, dass die Bundeswehr da eine klare Verbindung sieht, die aber tatsächlich nicht da ist. Grundsätzlich sollte die Bundeswehr also nicht auf der gamescom vertreten sein. Von den Messebesuchern haben wir als Partei bezüglich unserer Meinung auch sehr viel positive Resonanz bekommen. Wir hatten hier auch eine Postkarte, auf der wir diesen Gedanken ausdrücken und viele haben diese Postkarten mitgenommen, weil sie auch diese Meinung vertreten, dass die Bundeswehr hier nicht vertreten sein sollte.“ (Manuela Langer, Schatzmeisterin der Piratenpartei im Landkreis Köln)

Nun, was ist die eine Seite ohne die andere? Sehr eindimensional. Daher bin ich kurzerhand zur Bundeswehr gestiefelt, die ich natürlich sofort an den formschönen Panzern erkenne. Die guten Damen und Herren zeigen sich charmant, aber seriös und halten statt blutbesudelter Controller Infobroschüren in den Händen.

Hier treffe ich auf Oberleutnant Nils Feldhoff, der sich tapfer meinen Fragen stellt – und damit Licht ins Dunkel bringt.

Bundeswehr auf der gamecom

„Die Präsenz der Bundeswehr auf der gamescom ist umstritten – sie habe hier nichts zu suchen und würde aufgrund falscher Annahmen zu rekrutieren versuchen. Alles Spekulieren hilft natürlich nichts, also gebe ich das Wort an Sie weiter: Was genau suchen Sie denn nun hier auf der gamescom?“ 

„Wir sind im Zuge der Nachwuchsgewinnung in der Öffentlichkeitsarbeit hier am Bundeswehrstand beziehungsweise auf der gamescom vertreten. Schwerpunkt sind bei uns natürlich ganz klar die digitalen Kräfte. Das, was von Frau von der Leyen im Endeffekt neu ausgerufen wurde. Ebenso liegt der Schwerpunkt auf der Cyberabwehr und ich glaube, da braucht man nicht so viel Fantasie mitzubringen um zu erkennen, dass man hier auf der gamescom das geeignete Publikum dafür findet: IT-affine, junge Leute. Wir haben hier auch ein relativ junges Publikum und wir stellen uns so dar, dass man ein bisschen die Türen und Pforten öffnet, damit man einfach mal sehen kann, was unsere Informatiker, die wir tatsächlich dabei haben, auch jetzt schon in der Bundeswehr machen und leisten. Hier finden reine Informationsgespräche statt, die die Leute aufklären sollen.“

„Sehen Sie denn eine Verbindung zwischen der Bundeswehr und Videospielen?“

„Wir versuchen – und das machen wir hier auf der gamescom auch ganz strikt – eine klare Trennung zwischen Ego-Shootern und der Bundeswehr herzustellen. Wir befinden uns hier in der so deklarierten Familien- und Freizeithalle, in der es sehr unwahrscheinlich ist, dass auch Anbieter von Kriegsspielen vertreten sind. Aber da ist die Bundeswehr auch im Bereich der Aufklärung unterwegs und versucht, dem Besucher, der Interesse an der Bundeswehr hat, ganz klar sofort die Augen zu öffnen und zu sagen: „Hör mal, das sind zwei grundverschiedene Welten in denen du dich gerade bewegst. Ein Shooter hat mit dem Soldatenleben nichts gemein. Die Bundeswehr ist kein Spiel.“

„Wie sieht es mit dem Klientel aus? Wer kommt hier primär zu Ihnen?“

„Jegliche Personengruppen von der jungen Dame bis zum älteren Akademiker oder Professor sind hier vertreten. Ebenso Familien, die einfach nur einen Einblick bekommen möchten. Da bietet sich die gamescom natürlich an, denn draußen haben sie seltener die Gelegenheit dazu.“

„Kommen auch Interessenten zu Ihnen, die auf Sie den Eindruck machen, nur wegen kruden „Rumgeballerns“ mit dem Gedanken zu spielen, zur Bundeswehr zu gehen? Würden Sie das so überhaupt bemerken?“

„Das merkt man schon ziemlich gut, ja. Da darf man nicht in Schubladen denken und irgendwelche Bereiche direkt abkapseln beziehungsweise das merkt man schon ziemlich direkt. Viele sind aber auch einfach interessiert und wollen sich mal die Fahrzeuge angucken, die wir als Eyecatcher dabei haben. Die sind natürlich sehr imposant. Ansonsten nehmen wir eine ganz klare Trennung vor. Wenn sich solche Leute herauskristallisieren, nehmen wir sie sehr schnell zur Seite und erklären ihnen, dass das so keine Zukunft hat. Da sind wir sehr strikt.“

„Fallen Ihnen denn hier auf der gamescom verstärkt solche Typen auf?“

„Nein, das kommt hier erstaunlich selten vor. Klar sind die Leute in gewissen Bereichen „vorgebildet“, indem sie teilweise Waffen und Gerätschaften kennen und auch wissen, was diese oder jene Panzerung aushält. Das ist auch alles „nice to know“. Das beschäftigt uns allerdings relativ wenig, da vor jeder eigentlichen Einstellung immer eine sehr lange Arbeitsschleife und Prüfungen vorweg gehen. Angefangen von Informationsgesprächen über das Karriereberatungsgespräch, wo dann auch über die Risiken, Tod und Verwundung aufgeklärt werden muss. Da ist nichts Spontanes dabei, nur weil man sich auf der gamescom zum Stand der Bundeswehr verirrt. Hier kann man sich nicht einfach so einschreiben.“

„Das kommt überraschend, aber: Wir haben Sonntag und somit stehen wir am Ende der Messe. Sicher haben Sie in den letzten Tagen einiges hören müssen: Auch negative Resonanz bezüglich ihrer Präsenz auf der Messe?“ 

„Wir haben tatsächlich mitbekommen, dass draußen vor der gamescom unter anderem die Piratenpartei dort nachgemachte Flyer von uns verteilt hat. Die kamen hier allerdings zerrissen bei uns an mit dem O-Ton: „Draußen laufen ein paar Spinner herum, die was gegen die Bundeswehr haben.“ Das ist das, was im Endeffekt bei uns ankommt. Hier direkt vor Ort haben wir allerdings kein negatives Feedback erhalten.“

„Und positives Feedback?“

„Ja, das haben wir durchweg bekommen, sodass wir die gamescom auch in Zukunft als Plattform nutzen werden. So werden wir auch im kommenden Jahr definitiv wieder hier vertreten sein. Unser Fazit ist also absolut positiv. In jeglicher Hinsicht.“

„Danke für das Gespräch!“


IT bei der Bundeswehr

Ein Besucher – männlich, 17, CoD-Spieler – drückt es so aus: „Natürlich weiß ich, dass Shooter und Bundeswehr nicht das gleiche sind. Und die Killerspieldebatte ist ja auch aktuell. Aber weshalb sollte ich davon abgehalten werden, mich genau deswegen auch genau hier darüber genauer zu informieren?“

Warum ich das Konzept des „starken weiblichen Charakters“ ätzend finde

Ist Weibsvolk anwesend? Heute ist schließlich der Weltfrauentag! Grund genug, sich endlich wieder die Nägel zu lackieren und die Küche zu putzen!

… oder sich Gedanken über das Frauenbild in der Popkultur zu machen. Nein, der Fokus soll hier nicht auf der allseits bekannten und beseufzten Sexualisierung liegen, auch nicht auf irgendeiner ominöse Quote. Sondern auf der Art von Heldin, die gemeinhin als „stark“ betitelt wird. Vielleicht geht ihr kurz einen Moment in euch und überlegt: „Was bedeutet dieses „stark“ eigentlich für mich?“

Physische Stärke? Kampftalent? Der Gefahr trotzen? Sich wie ein Mann benehmen?

Sucht man einfach mal nach „strong women in comics“ findet man in erster Linie Charaktere, die „kick-ass“ sind: Wonder Woman, She-Hulk, Red Sonja – Jeder Taschendieb würde sich drei Mal überlegen, bevor er solch eine Dame um ein paar Münzen erleichtert. Physische Stärke und/oder kämpferischer Skill ist oft das erste, das einem in den Sinn kommt (außer dir natürlich, der gerade schurkenhaft kichernd die Kommentarsektion sucht um meine Worte zu widerlegen). Der Ruf nach mehr starken Frauen deckt dann auch gerne genau diese Sparte ab: Gebt uns mehr weibliche Arschtreter! Bestenfalls natürlich solche, die gleichzeitig hochgradig intelligent und gutaussehend sind, doch ist das nichts, das bei männlichen Charakteren groß anders wäre.

Wo ich gerade „männlich“ eintippe: Wie oft werden solche Protagonisten als „stark“ beschrieben? Richtig: Selten bis nie. Bei Männern scheint man es nicht für nötig zu erachten, sie noch zusätzlich zu definieren: Sie sind es scheinbar automatisch. Warum braucht es bei Frauen diesen Zusatz? Weil man grundsätzlich annimmt, dass sie schwach sind.

Männer und Frauen sind nicht gleich. Bereits rein biologisch präsentieren sich einige mehr, und einige weniger offensichtliche Unterschiede. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass der Mann im Mittel stärker ist als die Frau. Ich habe kein Problem damit, wenn es mehr physisch starke männliche, als weibliche Charaktere gibt. Womit ich jedoch durchaus meine Schwierigkeiten habe, ist die Annahme, nur eine physisch starke/gewandte/fitte Protagonistin könne stark sein. Mir scheint es, die Frau verliere automatisch an Stärke, sobald sie gekidnappt wird. Ist eine Peach schwächer als eine Michonne? Nicht unbedingt.

Die gute Frau Peach wird gekidnappt. Immer und immer wieder. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Spiele einer mehr oder weniger zusammenhängenden Storyline folgen, hat die Dame also bereits einiges erlebt – und reckt dennoch in ihrem pinken Kleidchen stolz das Kinn, während sie nebenbei ihr Königreich wieder regiert und einen anlächelt, als wäre nichts gewesen. Sie kann Bowser nicht den Hintern versohlen, dafür jedoch zeigt sie andere starke Eigenschaften.

Peach ist natürlich ein stark stilisiertes Beispiel, schließlich ist die Geschichte hinter den Jump’n’Runs (und den etlichen weiteren Ablegern des Klempneruniversums) eher alibimäßig vorhanden, als wirklich durchdacht. Sie dient hier lediglich als einfaches Beispiel, das in wesentlich komplexerer Art und Weise auch auf weitere Charaktere übertragbar ist.

Die Existenz von Schwäche schließt Stärke nicht aus. Das wäre eine denkbar flache Charakterzeichnung, die ich weder bei männlichen, noch bei weiblichen Charakteren sehen muss. Eine Frau darf schwach sein und ich sehe eine klare Daseinsberechtigungen für die kochenden, weinenden, shoppenden Charaktere dieser Welt. Wenn es nicht die einzigen Wesenszüge weiblicher Charaktere bleiben. Auch Weiblichkeit kann stark sein und ein pinkes Kleidchen macht einen nicht schwächer.

Präsidentin Roslin, Battlestar Galactica

Ich brauche keine „starke Frau“ in einem Comic, Film oder Videospiel. Nicht, wenn damit die Kampfsau gemeint ist. Eine der stärksten, weiblichen Charaktere ist in meinen Augen Präsidentin Laura Roslin aus Battlestar Galactica. Auf ihren Schultern lastet das Schicksal der gesamten Menschheit, ihr Körper wird von einer unheilbaren Krankheit gebeutelt und dennoch schafft sie es immer wieder, die Schultern zu straffen und resolut Entscheidungen zu fällen. Trägt sie dabei eine Knarre? Braucht sie eine „starke Pose“ mit geballter Faust? Nein.

Ein weiblicher Charakter wird nicht stark, nur weil man ihn vermännlicht und mit ballernden Penisprothesen ausstattet.

Es gibt mehr starke Charaktere dieser oder jener Art, als manche denken wollen.