Zu tussig um eine Heldin zu sein

Das Böse lauert im Make-Up: „Tussis“ auf dem Abstellgleis der Phantastik

Hübsch zu sein ist in der Popkultur kein Verbrechen – sehr wohl aber, sich für Make-Up, Mode und Co zu interessieren. So scheint es zumindest. Neben dem, dass es belächelt und als unnützen Weiberkram abgetan wird, werden diese Figuren gerne als Antagonistinnen dargestellt. Sie sind die, die es der Hauptfigur schwierig machen, sie sind die bösen Figuren, die erst auf den richtigen Pfad geführt werden müssen. Denn kann eine Person, die es liebt, sich schön zu machen, überhaupt selbst zur Heldin taugen?

Spoiler: Sie könnte. Denn auch sie ist eine Person mit mehreren Facetten. Make-Up und Co. zu lieben ist nichts, für das man sich schämen müsste. Es mag nicht so angesagt sein wie die Passion für Sammelkarten, Videospiele und Bücher, doch muss es das?

Das Thema schlägt in eine ähnliche Kerbe wie das rund um die Stärke von (weiblichen) Figuren, das ich hier bereits angesprochen hatte. Stark ist, wer ein Schwert schwingen kann, selbst in brenzligen Situationen coole Sprüche auf den Lippen hat und körperlich fit ist? Ja, das könnte Stärke bedeuten. Doch Stärke bedeutet mehr als das und schließt auch manikürte Fingernägel nicht aus.

Prinzessin Vespa Spaceballs

Sicher erinnert ihr euch an Prinzessin Vespa aus der Star Wars-Parodie „Spaceballs“: Eine Frau, die mit drölfzig Taschen reist, ihre Haare stets perfekt föhnt und sich furchtbar aufregt, sobald eine Spitze dieses wundervollen Haares angesengt wird. Sie gilt anfangs als Zicke, findet jedoch im Laufe der Geschichte zu einer geerdeteren Persönlichkeit, auch Dank des eigentlichen Helden Lone Starrs.

Trotzdem ist sie eine der wenigen „Tussis“ des Genres, die sich nicht nur auf Gehässigkeit und Unterdrückung spezialisiert haben, sondern tatsächlich auch den Antagonisten hart ans Leder gehen können. Das ist selten geworden in einer Zeit, in der die Heldinnen meist gar nicht wissen, wie hübsch sie sind oder sich morgens wahlweise nur kurz mit Bürste oder Wimperntusche pimpen und dann trotzdem die schönsten der Schönen sind.

Unsympathin?

Natürlich gilt es stets, für sein kreatives Projekt eine sympathische Figur zu finden, bevor der Leser oder Zuschauer unter einem frühzeitigen Interessensverlust leidet. Der Punkt ist der: Als von bereits besprochenen Hobbys begeisterte Frau muss man nicht unbedingt unsympathisch sein. Mn redet nur gerne davon, dass es angeblich immer so sei.

Denn die für viele allzu weibliche Lust daran, sich hübscher oder auch nur „anders“ zu machen, passt für viele scheinbar nicht in das Bild einer sympathischen Protagonistin. Dabei wäre es so großartig, mal eine vielschichtige „Tussi“ als Heldin eines Romans zu haben! Die sich gerne und ausführlich mit Make-Up beschäftigt, stundenlang shoppen geht und Sex and the City, statt Star Wars mitsprechen kann. Als Identifikationsfigur könnte sie dennoch dienen – wenn sie ansonsten sympathisch, mutig und verständlich agiert.

Nebenbei könnte sie ja auch gerne noch Star Wars-Figuren sammeln oder ein Karate-Ass sein. Wenn es denn unbedingt sein muss.

Headerbild:Tanja Heffner

Fantasy Romane mit schwarzen POC Protagonisten

5 empfehlenswerte Phantastik-Romane mit schwarzen Protagonist*innen

Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, wie „weiß“ die literarische Landschaft der Phantastik ist? Nicht nur auf den Covern prangen vorrangig Menschen weißer Hautfarbe, auch innerhalb der Geschichten selbst findet man wesentlich mehr weiße Figuren als solche mit dunklem Teint. Das ist natürlich nicht rassistisch – aber zumindest schade.

In Fantasywelten kann man als Autor Völker jeglicher Couleur erstellen, in der Science Fiction ganze Planeten mit völlig neuen Rassen kreieren. Dennoch greifen die meisten weißen Autoren dabei auf Protagonisten zurück, die der „eigenen Masse“ entsprechen. Das geschieht vermutlich aus Gewohnheit und den festgefahrenen Ideen. Helden strahlen hell, während viele garstigen Völker dunkel vor sich hin stieren.

Und selbst wenn eine Hauptfigur mal nicht weiß ist, so stellt man sie sich oft als genau das vor. Verfilmungen wie Starship Troopers treiben es auf die Spitze, indem sie den Protagonisten „weißwaschen“. Auch Neil Gaiman musste für einen Schauspieler mit nicht-weißem Hintergrund für die Serienadaption „American Gods“ kämpfen.

Hier habe ich fünf Beispiele für schwarze Protagonisten in der Phantastik-Literatur zusammengesucht, die ich euch gerne empfehle. Gerne dürft ihr in den Kommentaren weitere Romane ergänzen!

Octavia E. Butler, Fledgling
Fledgling Octavia E. Butler

Autor: Octavia E. Butler Verlag: Grand Central Publishing | Umfang: 320 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Shori wacht ohne Erinnerungen und schwer verletzt in einer Höhle auf. Es dauert, bis sie herausfindet, wer und vor allem was sie ist: Eine Art Vampir, der jedoch durch Experimente aufpoliert wurde. Die Sonne etwa verbrennt zwar ihre Haut, ist jedoch nicht sofort tödlich. Auch ein Grund, weshalb sie schneller Anschluss an einen Fremden findet, von dem sie nicht nur die dringend nötige Nähe und Gesellschaft, sondern auch Blut erhält. Es wird zu einer Mensch-Vampir-Symbiose, die in dieser Welt gar nicht mal so unüblich ist.

Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach der eigenen Identität und den Mördern ihrer Eltern. Steine werden ihr dadurch sowohl von den Menschen, als auch den Vertretern ihrer eigenen Art in den Weg gelegt. Denn irgendwer hat etwas gegen Shori und diejenigen, die so verbessert wurden wie sie.

Butler schrieb eine Geschichte, die zu ihrer Zeit nicht nur ein neues Licht auf das Vampirgenre warf, sondern auch kritische Themen wie Rassismus, kulturelle Diskrepanzen und moralische Fragen bespricht. Selten wird der Leser belehrt, sondern vielmehr zum Nachdenken angeregt. Etwas, das ich bei vielen Fantasyromanen vermisse und dann ausgerechnet hier bei den Vampiren finde.

Shori. Eine eigenständige, interessante Persönlichkeit mit Biss.

Genre: Drama, Romanze | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠♠ | Gewalt: ♠♠♠ | Humor: ♠


Nnedi Okorafor, „Wer fürchtet den Tod“

Wer fürchtet den Tod Nnedi Okorafor

Autor: Nnedi Okorafor Verlag: Cross Cult | Umfang: 480 Seiten | Sprache: Englisch, Deutsch | Bestellen

Das post-apokalyptische Afrika. Die hellhäutigen Nuru  unterdrücken gewaltsam die dunkelhäutigen Okeke. Aus manchen Angriffen der Nuru auf die Okeke entstehen Kinder aus Vergewaltigungen: Die Ewu. Ihnen wird ein Hang zur Gewalt nachgesagt, wurden sie doch im Hass gezeugt. Die junge Frau Onyesonwu ist solch eine Ewu, die gemeinsam mit ihrer Mutter in einer kleinen Ortschaft inmitten der Wüste Zuflucht findet – und dort feststellt, dass sie magisch begabt ist.

Hier wird keine schöne Welt beschrieben, sondern eine, auf deren Ascheboden der Hass gedeiht. Wut ist auch das, was Onyesonwu antreibt, denn sie geht auf die Reise, um ihren Vater und Vergewaltiger ihrer Mutter zu finden und zu bestrafen.

Die Autorin bedient sich dabei einer kraftvollen Sprache, die Raum für Fantasie und Nährboden für eine Legende bietet. Brutal, unangenehm und mit viel Wut im Bauch – es ist kein Roman, den man gemütlich in der Badewanne lesen möchte und dennoch zu begeistern weiß.

Onyesonwu. Ihr Name bedeutet auf Deutsch „Wer fürchtet den Tod“. Sie eher nicht.

Genre: Endzeit | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠♠♠ | Humor: ♠


Ursula K. Le Guin, „Erdsee“

Ursula K. Le Guin Erdsee

Autor: Ursula K. Le Guin Verlag: Piper | Umfang: 196 Seiten | Sprache: Englisch, Deutsch | Bestellen

Der junge Duny – oder später Ged – ist eigentlich nur der Sohn eines Bronzeschmieds – doch in ihm ist längst Magie herangereift, die ihn zu einer berühmten Zauberschule treibt. Dort übt er sich nicht nur in profaner Magie, sondern auch in gefährlicheren Formen. Als er eines Tages unabsichtlich einen Dämon beschwört, droht die Welt, aus den Fugen zu geraten. Schafft es es, vom Gejagten zum Jäger zu werden?

Die Werke Le Guins gelten nicht umsonst als eine der wichtigsten Fantasy-Epen: Ihre Erzählweise ist fesselnd, die Welt, die sie auch hier kreiert, fantasievoll und authentisch.

In der Miniserie wird Ged von einem weißen Schauspieler verkörpert, dabei hat sich Le Guin in Interviews stets für die Diversität ihrer Figuren ausgesprochen. Tatsächlich ist Ged nur einer von vielen Figuren, die nicht dem weißen Phänotyp entsprechen.

Ged. Schnell von sich selbst überzeugt, stellt er bald heraus, dass er Demut üben muss.

Genre: Fantasy | Anspruch: ♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠♠


Mat Johnson, „Pym“

Pym Mat Johnson

Autor: Mat Johnson Verlag: Spiegel & Grau | Umfang: 384 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Der afroamerikanische Literatur-Professor Chris Jaynes ist fasziniert von dem einzigen Roman Edgar Allan Poes „Die Erzählung des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ [Der auch tatsächlich existiert] und begibt sich auf dessen Spuren in die Antarktis. Dort, so Poe, soll es das horroreske Land des vollkommenen Schwarz geben – inklusiver schwarzer Menschen mit schwarzen Zähnen. Jaynes rekrutiert eine Crew aus ausnahmslos schwarzen Menschen und startet in ein unglaubliches Abenteuer.

Die zusammengewürfelte Crew ist fast ebenso grotesk wie einige der Szenen, die Jaynes tief in die Abgründe und Mysterien Amerikas und Poes Geschichte führen. Gespickt mit beissendem Humor, treffender Gesellschaftskritik, triefender Satire und einer gewissen „Oddness“ ist Pym sicherlich nicht für jeden etwas – doch es ist definitiv ein Roman, den man gelesen haben sollte, denn viele solcher Art gibt es nicht.

Chris Jaynes. Ein Professor, der sich für Diversität einsetzt und an der Universität an gewisse Grenzen stößt.

Genre: Satire, Fantasy | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠♠♠♠


Nisi Shawl, „Everfair“

Nisi Shawl Everfair

Autor: Nisi Shawl Verlag: Tor Books | Umfang: 384 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Was wäre geschehen, wenn der Kongo Dampftechnologie entwickelt hätte, als Ende des 19. Jahrhunderts Belgiens König Leopold II das Land an sich reissen wollte? Vielleicht Everfair, der im gleichnamigen Roman durch das tapfere Eingreifen von Idealisten entstandene Staat. Eine von Steampunk durchtränkte Utopie, die noch immer mit gesellschaftlichen Konflikten und politischen Zwisten zu kämpfen hat und deren Protagonisten so vielfältig sind wie das Leben selbst.

Durch die Augen vieler Protagonisten zeichnet Shawl eine vielschichtige Welt mit den Problemen auch unserer Zeit wie Rassismus und Vorurteilen gegenüber anderen sexuellen Orientierungen, aber auch den Problemen, die Kolonialisierungen mit sich bringen. Dabei bleibt sie unterhaltsam und fantasievoll, kreiert ein Setting, das man in dieser Form selten zu Gesicht bekommt.

Genre: Steampunk | Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠


Header:Oladimeji Odunsi

Interview Elea Brandt Opfermond

Elea Brandt: „Wenn man in diesem System aufgewachsen ist und es nie anders kennengelernt hat: hinterfragt man es dann?“

Opfermond“ ist mein persönliches Romanhighlight der letzten Monate. Der Roman, der in einer dreckigen, misogynen Welt spielt, hält sich mit Gewalt und Tod nicht zurück – und das auf eine fein beschriebene Art und Weise.

Mit der Autorin Elea Brandt traf ich mich auf ein Skype-Gespräch, um über vulgäre Wortwahl, wegweisende Frauenfiguren und Moral in ihrem Roman zu sprechen.


Guddy: Mit welchen drei Wörtern würdest du „Opfermond“ beschreiben?

Elea Brandt: Uff. „Düster“. „Kompliziert“. Ein drittes … schwierig.

Wie sieht es mit „Tod“ aus?

Tod wäre auch gut, ja. Ja, doch. Ja!

Denn der Tod ist ja doch ein zentrales Thema im Roman. Hast du ihn bewusst derart prominent verarbeitet?

Es kam einfach. Was tatsächlich schon ziemlich früh feststand war dieser erste Satz: „Der Tod ist ein ständiger Begleiter.“ Der Satz kommt danach auch immer mal wieder, ist ein bisschen der rote Faden. Den Satz habe ich bestimmt vier Wochen, bevor ich mit dem Schreiben begonnen hatte, mit mir herumgetragen. Der Rest hat sich während des Schreibens entwickelt.

Da muss ich auch meiner Lektorin ein großes Kompliment aussprechen, die einen tollen Blick für Bilder hat. An vielen Stellen hat sie mitgeholfen, die Motive Leben und Tod, Helligkeit und Dunkelheit noch stärker herauszuarbeiten. Das ist finde ich ganz gut gelungen und rund geworden irgendwo.

Hast du ein konkretes Beispiel für diese Kontraste?

Elea Brandt Zitat IdraOhne groß zu spoilern: Varek hat zum Beispiel sehr viel Angst vor der Dunkelheit, was sich auch durch die Geschichte zieht. Das ist immer konnotiert mit Tod, Gefahr und natürlich auch Angst. Bei Idra dagegen hat die Dunkelheit eher etwas Positives. Sie wächst ja in einem Armenviertel auf und kennt es nicht anders, dass Nacht und Dunkelheit ihr Schutz bieten. Ich denke, das passt alles ganz gut in diese „Leben und Tod“-Thematik.

Und Varek, der als Assassine immer ein bisschen auf diesem Scheideweg ist zwischen Leben und Tod, der aber gleichzeitig dieses Leben auch ablehnt und Idra, die jeden Tag kämpft aber vor dem Tod eigentlich gar keine Angst hat, weil er ihr einfach jeden Tag begegnet. Sie ruht einfach sehr stark darin. Varek wiederum kippt zwischen diesen beiden Extremen.

Würdest du Varek grundsätzlich als ängstlicher einschätzen?

Schwierig. Ich glaube, Varek hat mit mehr Dämonen zu kämpfen, also mit mehr Schatten und dunklen Flecken, die ihn so ein Leben lang geprägt haben. Idra ist da mehr die Pragmatikerin. Die kennt zwar die typischen Gefahren, die einem auf der Straße begegnen können, aber sie hat diese Grundängste nicht so sehr. Deswegen würde ich fast sagen: Ja.

Wo mir Idra sehr ängstlich vorgekommen ist, ist in der Alten Stadt, wenn der Tod sehr stark in den Vordergrund rückt.

Genau. Das geht ein bisschen aus dem Pragmatismus raus, dem sie den ganzen Tag begegnet. Sie hat gelernt, dass hinter jeder Ecke ein Messerstecher lauern könnte. Damit kann sie umgehen. Aber dieses Mysterium des Todes, das in der Alten Stadt so präsent ist, das macht ihr Angst.

In einem Roman wie diesem ist es ganz klar, dass auch liebgewonnene Figuren zum Tod kommen.

Bei einem von ihnen muss man sagen, dass es ein DSA-Charakter ist – wie übrigens auch Idra und Esra. Ihn gab es als diese Figur also schon und ich habe ihn sozusagen in diese Geschichte hineingeschrieben. Aber viele Leser haben schon früh gemerkt oder das Gefühl gehabt, dass es ihn treffen könnte. Lustigerweise ist es in „unserem DSA-Universum“ so, dass diese Figur überlebt hat, Idra aber sterben musste.

Man merkt auch, dass du DSA-Spielerin bist. Zum Beispiel meine ich, Al’Anfa in der Stadt wiedererkannt zu haben. Wie sehr hast du dich bei der Kreation der Welt an Rollenspielwelten orientiert?

Elea Brandt Zitat OrientalischesJa, es ist das schlimmste aus Al’Anfa, Fasar und Mengbillar zusammengeschmissen, allerdings nicht so richtig bewusst. Bewusst würde ich allerdings schon sagen, dass die Atmosphäre an Fasar zumindest angelehnt ist, dieses Düster-Orientalische. Das kennt man ja so nicht. Meistens, wenn man orientalische Settings hat, ist es dieses märchenhafte 1001 Nacht-Flair. Genau das wollte ich ganz bewusst nicht. Ich wollte es archaischer. Der morbide Grundcharakter von Fasar passte dagegen ganz gut.

Hinzu kamen dann meine eigenen Ideen. Vieles baut ja auf diesem Glaubenskonstrukt auf, dem Glauben an den Blutgott. Darauf ist die Gesellschaftsstruktur entstanden. Dass es dann insgesamt Mengbillar und Al’Anfa ähnelt, liegt denke ich einfach daran, dass sich die Gesellschaftsstrukturen da ähnlich entwickelt haben.

Würdest du in dieser Stadt wohnen wollen? Vermutlich nicht, oder?

Eher nicht, nein. Das ist aber auch das, was man sich dann fragt: Wenn man in diesem System aufgewachsen ist und es nie anders kennengelernt hat: hinterfragt man es dann? Und dann lebt man vielleicht auch ganz mit dem, wie es halt ist und akzeptiert es. Aber wenn man dann mit unseren Augen, unseren Moralvorstellungen drauf sieht, ist es natürlich unvorstellbar.

Wer ist denn für dich die unmoralischste Person in deinem Roman?

Das ist interessant, denn es hängt ein bisschen davon ab, wie man Moral definiert. Aber von meinem jetzigen Standpunkt aus wohl der Khari. Er ist einfach mies. Die anderen haben zumindest eine Art Agenda, einen Plan, eine Moralvorstellung. Die muss in unserem Sinne nicht gut sein, aber sie haben zumindest eine. Die hat der Khari tatsächlich gar nicht – oder man merkt es ihm zumindest nicht an.

An einer Stelle haben zwei Personen zwar ehelichen Sex, aber wirklich einvernehmlich ist er nicht. [Sie lässt es über sich ergehen, ekelt sich aber davor] Würdest du das bereits als Vergewaltigung bezeichnen?

Ich finde es immer schwierig, das einzuschätzen, wenn man eben ganz andere gesellschaftliche Vorgaben und Vorstellungen von Sexualität hat. Von unserem heutigen Standpunkt würde ich sagen ja, definitiv. Wenn man aber in dieses System hineinschaut, dann wird er „legitim“. Weil in diesem System der Mann mehr oder weniger der Besitzer der Frau ist und dann nach diesen Statuten ist es auch legitim.

Ist es dir wichtig, so etwas im Roman zu bewerten?

Ich habe schon den Eindruck, dass es bewertet ist und ich finde es auch wichtig. Es so hinzustellen, als sei es grundsätzlich OK oder sogar romantisch, finde ich nicht gut.  Ich denke auch, dass klar wird, dass die Art und Weise, wie der Mann seine Frau behandelt oder auch wie der Zuhälter seine Huren, nicht in Ordnung ist. So ein Leben ist weder schön, noch in irgendeiner Weise wünschenswert. Es ist ein Produkt des brutalen Systems, in das sie alle hineingezwungen wurden.

Die Frauen deines Romans wirken dabei keinesfalls gebrochen.

Elea Brandt Zitat FrauenGenau. Es ist natürlich ein grundsätzlich sehr misogynes System. Von daher war es mir auch wichtig, Contra zu geben. Wenn am Ende die Männer auch die sind, die alle Fäden ziehen, wäre es auch wieder langweilig und auch nicht realistisch, selbst wenn der Mann tonangebend ist. Ich finde es auch spannend: Wenn man im Nachhinein nochmal  das Buch liest, merkt man, dass die Frauen diejenigen sind, die die Geschichte voran treiben. Das ist mir erst danach bewusst geworden.

Das ist total lustig. Augenscheinlich ist ja Varek der eigentliche Hauptpart, aber Idra gibt ihm alle wichtigen Informationen. Gleichzeitig ist auch Alrha eine treibende Kraft, ebenso wie Esra. Erst im letzten Drittel wir er aktiv. Grundsätzlich ist er der, der reagiert, statt agiert.

Du benutzt ziemlich direkte Wortwahl im Roman. Findest du, dass es daran momentan in der Phantastik mangelt?

Witzigerweise lese ich gerade „Nevernight“ von Jay Christoff und der ist tatsächlich auch sehr derb in seiner Sprache. Es kommt extrem darauf an, wie gut es zum Roman passt. Bei Idra war es es mir wichtig, weil ich es realistisch finde. Im Gegensatz dazu habe ich auch schon Fantasybücher, in denen die Charaktere, die aus einfachsten Verhältnissen kommen, sehr geschliffen daherreden. Als wären sie gerade vom Mittelaltermarkt gekommen. Und das stört mich. Klar, man möchte irgendwie eine „Mittelalter-Romantik“ herstellen. Aber es ist dann einfach nicht stimmig.

Die Leute dieser Zeit haben genau so geflucht und vulgär daher geredet wie wir heute, nur mit anderen Worten. Ich als Autorin übersetze es ja quasi nur in unser heutiges Jargon.  Und da finde ich es auch stimmig, wenn mal ordentlich auf die Kacke gehauen wird.

Gab es Schwierigkeiten, deswegen einen Verlag zu finden oder war das kein Problem?

Elea Brandt Zitat FuckDas ging überraschend flott. Ich glaube da haben wir auch nie wirklich darüber diskutiert, es war nie ein Problem. Es kam nie negativ auf. Im Gegenteil, meine Lektorin hat vielleicht sogar noch etwas hinzugefügt. Ich meine, es passt ja zu dem Lebensumfeld.

Wo ich nur aufpassen musste war, dass es nicht zu modern wird. Mir fehlt zum Beispiel das „Fuck“ …

Oh ja, mir auch! Das ist so ärgerlich! Es gibt auch keine gute Entsprechung!

Genau. Oder „Wow“ oder „krass, das kann man ja nicht schreiben. Es ist schwer, es so zu schreiben, dass es nicht nur passt, sondern auch wirkt. Das habe ich dann oft weggelassen oder geschrieben, dass sie fluchen. Das nimmt natürlich Power raus, muss aber leider manchmal sein. Denn wenn ich Fantasy lese und dann über moderne Begriffe stolpere, stört mich das sehr. Es war mir wichtig, dass alles direkt bleibt.

So, abschließende Frage! Wie lange würdest du in der Stadt wohl überleben?

Zweieinhalb Minuten …? Kommt darauf an, wenn ich wirklich in den Roman stolpern würde, würde ich vermutlich innerhalb der nächsten Minuten versklavt werden. Wenn ich schon Ahnung hätte, aber wohl auch nicht allzu lange. So gefragt sind Psychologen da nicht und ich wäre aufgeschmissen …


Elea Brandt, Psychologin und eingefleischte Rollenspielerin, kam früh mit der Phantastik in Berührung und lässt ihre Begeisterung dafür in ihre Romane und Kurzgeschichten fließen. Dabei hat sie sich auf vielschichtige Figuren, Low Fantasy, Thriller, Horror und Mystery spezialisiert, streckt aber auch gerne ihre Fühler weiter aus.

„Opfermond“ hat es im Februar übrigens auf die Phantastik-Bestenliste geschafft. Wenn das kein Grund ist, auch mal reinzuschnuppern!

Zu ihrer Website geht’s hier entlang

Opfermond Elea Brandt Rezension

Dreckiger Fantasy-Thriller mit Gewaltanteilen: Opfermond

Autorin: Elea Brandt VerlagMantikore-Verlag | Format: 437 Seiten, SC | Bestellen

Für die beiden Protagonisten ist ausgerechnet ein Gevatter allzu häufiger Gast: Der Tod. Während ihm die Hure Idra meist auf dreckiger Straße als passiver Beobachter begegnet, reicht ihm der Assassine Varek höchstselbst die Hand. Ein Auftrag führt ihn nun jedoch auf die andere Seite: Er muss einen Mord aufklären. Dabei dringt er tief in die Geheimnisse der Stadt des Blutigen Gottes ein – und die sind eng mit einem düsteren Kult verwoben.

[Ein Interview mit Elea Brandt über ihren Roman und das Drumherum findet ihr hier]

Sex, Drugs & Rock’n’Death

In Opfermond darf „Eindringen“ wörtlich aufgefasst werden. Elea Brandt beschreibt ihre kreierte Welt wie sie ist: Direkt, blutig, von Sex gesprenkelt. Die große Kunst dabei ist, dass nichts gekünstelt wirkt. Die Sexszenen scheinen nicht zu existieren, um irgendjemanden scharf zu machen, sondern weil die Szene oder die Figur sie erfordern. Es ist genauso wenig pornographisch wie die Gewalt aufgesetzt. Dieses Natürliche ist etwas, das mir bei fast allen anderen Fantasyromanen [die ich gelesen habe] fehlt. Die Welt wirkt dadurch real, die Figuren plausibel und vielschichtig. Nicht die Lust an Sex und Brutalität steht im Fokus, sondern die Maschinerie und Geschichten dahinter.

Es bildet die Basis für die Figuren, die sich mal mehr, mal weniger gut durch die Welt bewegen. Wir verfolgen zwei Protagonisten, die sehr unterschiedlich sind und sich inmitten der korrupten Stadt doch in einem einen: Ihre Moral. Die ist nicht immer mit der unseren vergleichbar, doch stets plausibel und in sich schlüssig. Auch wenn Varek ein Auftragsmörder ist, so hat er doch Skrupel, einen Zwist, der ihn von innen aufzufressen droht. Und das auf eine in dem Genre typischen weniger sexy-dramatische, als auf interessante Art und Weise.

Opfermond Zitat

Zu dem Genannten würde keine blumige Wortwahl passen. Folgerichtig greifen viele Figuren auf harte Worte zurück. „Scheiße“, „Ficken“ und das obligatorische „Schwanz“ darf da natürlich nicht fehlen, auch nicht im eigentlichen Fließtext. Das passt allerdings alles wunderbar zu der jeweiligen Figur.

Ein größtenteils dichter Plot

Der Sog in die Stadt bleibt über weite Strecken bestehen. Man fragt sich, was hinter dem Mord und der aufkeimenden Krankheit steckt, wer Freund und wer Feind ist. Vieles bleibt dabei lange im Nebel, gerade dicht genug, um den nächsten Schritt nur erahnen zu können. Die Zutaten wie ein blutiger Kult, zwielichtige Würdenträger, Rauschkraut und Sterbende, aus deren Augen Blut tropft fügen sich zu einem spannenden Ganzen zusammen. Über die Kapitel hinweg werden langsam lose Fäden verknüpft und Personen bekommen durch gewonnene Hinweise interessante Aspekte hinzu.

Die Suche nach dem Mörder funktioniert bei Opfermond dann am besten, wenn ganz nah an die Figuren herangezoomt wird und man neue Gegenden der Stadt betritt, die einen durch die Beschreibungen in ihren Bann nehmen. Allerdings zieht sich das Indiziensammeln durch Varek im ersten Drittel. Er reagiert, statt zu agieren und das tut dem Plot nicht unbedingt gut. Von Person zu Person gelenkt, mangelt es dort an Spannung.

Diese Personen – größtenteils Familie, Liebhaber und andere Bekannte des Ermordeten – sind im Gesamten interessante und voll wirkende Persönlichkeiten. Selbst wer nicht noch häufiger im Roman auftauchen wird, erhält eine fundierte Beschreibung und agiert wie eine Person und nicht wie ein Baustein des Plots. Nur bei einem Aspekt kam ich ins Grübeln: Die Frauen erscheinen zu Beginn entweder als berechnende Verführerinnen oder als dreckige, einfach gestrickte Huren. Zum Glück ist es kein Eindruck, der sich über den gesamten Roman halten kann, was auch dezent langweilig wäre.

Ein Highlight?

Mein persönlicher Eindruck: Ich bin eine furchtbare kritische Leserin und breche sicher 90% der Bücher ab, die ich lese. Opfermond allerdings hat mich grundsätzlich überzeugt. Die Beschreibungen lassen sofort atmosphärische Bilder entstehen und die Figuren sind angenehm grau, ohne dass ihre Graustufen nur Mittel zum Zweck sind. Man merkt, dass die Autorin jahrelange Rollenspielerin ist.

Und daher kann ich schlichtweg nur eine absolute Kaufempfehlung aussprechen.


Story:               
Schreibstil:      
Atmosphäre:   
Figuren:            
Phoenixfaktor

Autorin: Elea Brandt VerlagMantikore-Verlag | Format: 437 Seiten, SC | Bestellen

Warum Vielfalt in Kinderbüchern wichtig ist + Empfehlungen nicht normativer Bücher

Man kann Menschen nicht früh genug vermitteln, dass Vielfalt existiert und es okay ist, „anders“ zu sein. Nicht nur bieten Bücher dabei einen Blick in andere Welt, sondern auch Raum für Identifikation. Leider wird diese durch (uU. diskriminierende) Stereotype oft unmöglich gemacht und Minderheiten erfahren eine Darstellung, die das in der Gesellschaft herrschende Ungleichgewicht schmerzlich spiegelt.

Die ersten Jahre prägen und je häufiger man etwas sieht, desto normaler erscheint es einem. Kinder imitieren das, was die Eltern einem vorleben – und sie lernen auch aus Kinderbüchern. Die erweitern ihre Welt und lassen sie eintauchen in eine für sie existierende Realität, in der auch Elefanten Feuerwehrmänner werden können. Mit der Diversität in Kinderbüchern ist es allerdings nicht weit her. Heteronormative, weiße Familien, in denen die Mütter Hausfrauen und die Väter Geschäftsmänner oder Polizisten sind, beherrschen das Bild. Besagte Elefanten-Feuerwehrmänner sind häufiger anzutreffen als Menschen, die nicht weiß, nicht be-hindert, nicht cis sind.

Die Masse bestimmt das, was man kauft, man müsste bewusst suchen, um Bücher zu finden, deren Figuren nicht „der Norm“ entsprechen. Wenn man dann etwas gefunden hat, bewegt es sich meist im gezielt pädagogischen Bereich. Dort soll Kindern bewusst gezeigt werden, dass es auch anders geht, dass Rassismus und Vorurteile nicht erstrebenswert sind und dass es Grenzen gibt, die aber übertreten werden dürfen. Solche problemorientierten Plots sind durchaus gut, gerade dann, wenn solch ein Problem akut in einem Kind oder einer Gruppe auftritt. Das kann und darf aber nicht alles sein.Vielfalt sollte nicht als unnormal wahrgenommen und das Finden der eigenen Identität nicht als Grenzüberschreitung dargestellt werden. Ist es erstrebenswert, eine Realität abzubilden, die nur eine stark vereinfachte sogenannte Norm kennt?

Erfährt man bestimmte Aspekte – Beziehungsformen, Ethnien, Religionen, Be-hinderungen uvm.- nur durch Stereotype, wie soll sich eine differenzierte Sichtweise entfalten? Kinder übernehmen von der Umwelt, den Bezugspersonen und nicht zuletzt den Medien; Filmen, Büchern, Werbung.

Diversität sollte nicht stets als alleiniges definierendes und dadurch nicht selten herabwürdigendes Merkmal stehen. Menschen haben wesentlich mehr Facetten, man wird nicht durch ein einziges, als unnormal geltendes Merkmal bestimmt, das noch dazu stark heruntergebrochen wird. Außerdem ist es für eben jene poc, nicht gendertypischen, be-hinderten (…) Kinder schön und empowernd, „sich selbst“ in den Büchern sehen zu können. Zu sehen, was man sein und werden könnte. Selbst dann, wenn man kein weißer Junge ist.

Was also tun?

Ein Blick ins eigene Bücherregal schadet nicht: Hatte man nur normative Bücher gekauft oder hat man Raum für Bücher, die über den eigenen Horizont blicken lassen? Kann man versuchen, dem Kind Mehrwert zu bieten?

Hier findet ihr eine Auswahl an Kinderbüchern, die entweder vielfältige Figuren beinhalten oder sich thematisch gänzlich um diverse Themen drehen. Wenn ihr weitere solcher Bücher kennt, verlinkt sie ruhig in den Kommentaren! Die hier aufgelisteten Bücher sind für Kinder ab 2 bis ca. 8 Jahren, wobei ich die nur grob in zwei Altersklassen unterteilt habe. Letztlich kommt es sicher auch auf das jeweilige Kind ab, ab wann dieses oder jenes Buch genau geeignet ist.

Dies hier ist ersteinmal nur ein Rundumschlag. Auf einzelne Themen werde ich in gesonderten Beiträgen noch eingehen.

Ab 2 Jahren

Ich mag ... schaukeln, malen, Fußball, Krach (Die Großen Kleinen)

Ich mag … schaukeln, malen, Fußball, Krach (Die Großen Kleinen)

Jede Doppelseite (das Buch ist 98-Seiten stark) stellt ein anderes Kind vor, das irgendetwas besonders mag. Fernab von Geschlechterklischees, denn es werden auch Mädchen mit „männlichen“ Hobbies und Jungs mit „weiblichen“ vorgestellt. Auch sehen die Kinder alle anders aus: Von dick bis dünn, hell- bis dunkelhäutig ist alles dabei. Ein schönes Bilderbuch, das zeigt, wie verschieden man sein kann, ohne dass dabei der Zeigefinger erhoben wird.

Verlag: Carlsen | Autorin: Constanze von Kitzing | Illustrationen: Constanze von Kitzing | Bestellen

Zusammen aus dem Gerstenberg Verlag

Zusammen!

Auch hier steht Vielfalt auf dem Programm. In witzigen Reimen wird erklärt, dass man gemeinsam und trotz aller Unterschiede alles schaffen kann. Egal, ob der andere im Rollstuhl sitzt, ein Mädchen ist oder, Göttin bewahre, eine Brille trägt.

Verlag: Gerstenberg Verlag | Autorin: Daniela Kulot | Illustrationen: Daniela Kulot | Bestellen

Nelly und die Berlinchen – Rettung auf dem Spielplatz

Nelly und die Berlinchen – Rettung auf dem Spielplatz

Drei Mädchen erleben Abenteuer auf dem Spielplatz. Dass sie nebenbei afrodeutsch, muslimisch oder die Tochter einer alleinerziehenden Mutter sind, ist dabei nebensächlich. Im Fokus steht ihre Freundschaft, die Entführung eines Teddybären und Berlin.

Verlag: HaWandel Verlag | Autorin: Karin Beese | Illustrationen: Mathilde Rousseau | Bestellen

Weitere Tipps für dieses Alter:


Ab 4 Jahren

[Manche auch erst ab 5 oder 6 – da ich selbst keine Kinder habe, überlasse ich die genaue Beurteilung den Eltern.]

Lukas ist wie Lukas Kinderbuch

Lukas ist wie Lukas

Die Brüder Tord und Lukas sind beste Freunde. Tord bewundert an seinem größeren Bruder dessen Lebensfreude und es fällt ihm nicht auf, dass Lukas das Down-Syndrom hat, bis dieser von den anderen Kindern plötzlich vom Fußballspiel ausgeschlossen wird, weil er „anders“ ist. Das Buch geht einfühlsam mit seinen Protagonisten um und verknüpft die Themen Behinderung, Freundschaft und Toleranz sehr gut miteinander.

Verlag: Ravensburger Buchverlag | Autorin: Dagmar H. Mueller | Illustrationen: Susanne Szesny | Bestellen

Paul und die Puppen

Paul spielt eigentlich Fußball – bis er sich mit seinen Puppen zu den Mädchen gesellt und sie sich mit Ballkleidern verkleiden. Auch wenn sich die anderen Jungs zuerst darüber lustig machen, stoßen sie am Ende aber doch dazu und die geschlechtlichen Normen werden endlich aufgelöst. Ebenfalls schön ist, dass Kinder unterschiedlicher Ethnien auftauchen.

Verlag: Beltz & Gelberg | Autorin und Illustrationen: Pija Lindenbaum | Bestellen

Prinzessin Pompeline traut sich

Die schöne Prinzessin Pompeline soll sich endlich trauen und ihren Prinzen auswählen! Eigensinnig wie sie ist, schert sie sich jedoch wenig um die Avancen der schicken Verehrer. Außerdem hat sie doch ohnehin schon ein Auge auf jemand ganz anderen geworfen: Prinzessin Hedwig. Dem Widerspruch ihrer Eltern zum Trotz, stehen die Prinzessinnen zu ihrer Liebe und schaffen es am Ende sogar, Eltern zu werden, was im Nachwort erläutert wird.

Verlag: Carl-Auer Kids | Autorin: Christel Rech-Simon | Bestellen

Zwei Papas für Tango

Die Pinguine Silo und Roy kümmern sich nicht um all die hübschen Pinguindamen und bauen sich gemeinsam ein Netz. Was für die Tierpfleger unvorstellbar ist, ist für die beiden das Natürlichste auf der Welt! Und so wird Tango auch das erste Pinguinjunge, das von zwei Vätern aufgezogen wird. Die Geschichte rund um die Regenbogenfamilie ist sehr schön erzählt und illustriert und fokussiert sich auf Silo und Roy als Paar.

Verlag: Thienemann  Verlag | Autorin: Edith Schreiber-Wicke  | Illustrationen: Carola Holland | Bestellen

Am Tag, als Saida zu uns kam

Am Tag, als Saída zu uns kam

Saída kommt eines Tages ohne Koffer und scheinbar ohne Worte an. Im Laufe der Zeit freundet sie sich mit einem einheimischen Mädchen an und gemeinsam überwinden sie nach und nach die sprachliche Barriere. Poetisch ist das Buch definitiv und wohl eher für Kinder ab 6 Jahren geeignet. Es geht darum, gemeinsam Hürden zu nehmen und an Erfahrungen mit der jeweils anderen Kultur, sowie dem Austausch zu wachsen.

Verlag: Peter Hammer Verlag | Autorin und Illustrationen:  Susana Gómez Redondo | Bestellen

Weitere Tipps für diese Altersklassen:

Photo by Andrew Ebrahim on Unsplash

Aller Anfang ist … Käsekuchen.

Eine leere Seite.

Was für die meisten gar nicht so bedrohlich klingt ist für mich und viele andere Schreiberlinge der blanke Horror. Weiß und leer scheint die Seite am Beginn des Manuskripts sagen zu wollen: „Ha! Du hast noch nichts geschafft. Hörst du? Nichts! Und du wirst auch nie etwas schreiben. Niemals!“

Dann schwebt der Zeigefinger über der Tastatur, während man schweissgebadet nach der besten Formulierung für den allerersten Satz sucht. Wobei: Muss es gleich die „beste Formulierung“ sein? Reicht nicht eine „gute“? Oder eine, die „ganz in Ordnung“ ist? Ach, Hauptsache es ist ein Satz! Oder ein Wort. Na ja, letztlich würde es doch auch reichen, wenn es nur ein Buchstabe ist? Oder…?

Und so hadert man, denkt angestrengt nach, blättert in Romanen anderer Autoren, geht im Zimmer auf und ab, grübelt, googelt nach den „besten ersten Sätzen“, denkt, denkt, denkt.Und raucht. Aus den Ohren.

Nein, die leere Seite ist nicht mein Freund, weder auf der ersten Seite des Manuskripts, noch des Kapitels. Denn sie bedeutet, dass man erstmalig die Bilder, die man sich im Kopf zur jeweiligen Szene gemacht hat, in Worte fassen muss. Dass man endlich anfangen müsste. Verdammt, dieser Druck! Ist der erste Satz jedoch erst geschrieben schreibt es sich schon von ganz alleine. Dabei reicht es mir oft sogar, wenn da irgendetwas steht. Der erste Satz muss nicht mal Sinn ergeben – gelöscht werden kann er schließlich später noch! Hauptsache, die Seite ist nicht mehr so leer und bedrohlich.

Dabei habe ich bei schneller Durchsicht meines noch unbearbeiteten Manuskripts folgende, literaturpreisverdächtige erste Sätze gefunden:

  • „Erster Satz.“
  • „Käsekuchen wäre jetzt geil!“
  • „Ashinari würde gerne bei Zrasi anrufen, doch leider gibt es in ihrer Welt kein Telefon.“
  • „Der Tag, an dem alle sterben, es sei denn, sie sind eh schon tot.“
  • „Blut, Blut, Blut und noch mehr Blut!“
  • „Naturelle [natriumarm]: Natürliches Mineralwasser ohne Kohlensäure.“

Fehlt eigentlich nur noch ein: „Wenn ich das später lese bin ich doof.“

So oder so: Man muss anfangen. Da führt leider kein Weg dran vorbei. Der erste Satz muss nicht gut sein, denn er kann später immer noch überarbeitet werden. Ist man erst einmal im Fluss, schreibt es sich auch ohne genialen Startsatz gut. Hoffentlich.

Momentan arbeite ich an zwei Projekten. Das eine ist ein humoristischer Fantasyroman, in dem eine alte Dame mit Knieproblemen und einem akuten Erdbeer-Vanillemarmeladenproblem die Welt retten muss.

(Die ersten Sätze: Die fürchterlichsten Unfälle geschehen daheim. Das hatten schon Kalypses Uroma und deren Großvater gesagt, lange bevor der Satz in Mode kam. Kalypse hätte es also besser wissen müssen. Trotzdem saß sie nun mit lang ausgestreckten Beinen an ihrem Lieblingsplatz, von derart viel Wolle umgeben, dass man meinen könnte, sie würde sich selber stricken und nicht bloß ein Paar Wintersocken. Das Schlimme dabei war nicht etwa das wurmzerfressene Holz, aus dem der Schaukelstuhl bestand und bei jedem Knarrzen mit baldiger Selbstaufgabe drohte. Auch nicht das Feuer, das behaglich in seinem Kamin vor sich her fackelte und dabei gefährlich nah an den Korb mit den Wollknäueln kam. Sondern die ganz einfache Tatsache, dass sie sich Zuhause befand.
Ja, sie hätte es definitiv besser wissen müssen.

Das andere soll ebenfalls ein Roman werden, allerdings eine wesentlich ernstere Richtung einschlagen. Von diesem Projekt allerdings habe ich bislang nur Plotideen, eine grobe Struktur und die Hauptpersonen. An sich erzählt es die Vorgeschichte meines vorangegangenen Manuskriptes.

So oder so: Die ersten Sätze sind furchtbar und sind die bei mir am häufigsten überarbeiteten!

Und: Kennt ihr das Problem der ersten Sätze? Wie löst ihr es? 🙂


Picture by Dustin Gaffke via Flickr.com under the following creative commons: Attribution-ShareAlike

Rassismus in der Literatur: Der stille Antagonist

Stärker als je zuvor in meinem überschaubaren Leben fühle ich mich von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eingekesselt. Wann immer ich die virtuellen Zeitungen aufschlage oder die Blicke und geflüsterten Worte zufälliger Passanten erhasche bin ich mittendrin in einer Welt, die mir zusehends Sorgen macht. Rassismus: Er ist allgegenwärtig in der Literatur. Gerade weil es solch ein aktuelles Thema ist – und vielleicht auch noch lange so bleiben wird – ist es eines, das ich selber auch in meinen Romanprojekten thematisiere. Welche Stolpersteine es gibt und wie ich persönlich zu dieser Thematik stehe lest ihr hier in meinem Beitrag zur Blogreihe „Phantastische Realität„, die von Meara Finnegan initiiert wurde.

Definition

Beim Rassismus handelt es sich um eine Ideologie, bei der man Menschen aufgrund ihrer gemeinsamen Abstammung kategorisiert und im Zuge dessen über sie urteilt. Sowohl körperliche, als auch kulturelle Merkmale wirken dabei ausgrenzend und definierend; der Phänotyp entscheidet hierbei darüber, welche Rasse höher- und welche niederwertig und daher zu diskriminieren ist.

Im Bereich der Fantasy ist darüber hinaus der Begriff des Speziesismus interessant: Hier ist es die Art, die über die moralische Diskriminierung entscheidet. Mitglieder einer Art definieren sich zum einen über ihre Fortpflanzungsfähigkeit, zum anderen, dass sie möglichst viele gemeinsame Merkmale innehaben. Bis heute wurde es noch nicht zufriedenstellend und endgültig definiert. So oder so: Dort, wo man von Diskriminierung zwischen bspw. Orks, Elfen, Drachen oder anderen Arten liest, handelt es sich meistens um Speziesismus.

Dennoch werde ich mich hier in diesem Artikel der Einfachheit halber auf den Begriff des Rassismus‘ beschränken.

Wo findet sich Rassismus in der Phantastischen Literatur?

Dass Fantasy rassistisch sei liest man immer mal wieder in einschlägigen Foren. Doch kann ein Genre für sich gesprochen rassistisch sein? Vielmehr sind es der Plot und Weltenbau, die nach der Thematik verlangen. Fiktive Figuren, die ihre Weltanschauung in diesen zweifelhaften Pfaden verankert haben. Das macht allerdings nicht das Genre oder gar den Autoren rassistisch, sondern lediglich Teile der Welt, in der man sich beim Lesen befindet. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Nicht selten rankt sich in der Fantasy alles um Kriege und Schlachten. Als Leser erwartet man schier, dass sich die verschiedenen Rassen und Arten nicht ganz grün sind. Der gegen Ende hin äußerst kameradschaftliche Zwist zwischen Gimli und Legolas etwa ist ein Produkt von gegenseitigen Vorurteilen und Diskriminierung. Dass er hier gut ausgeht: Geschenkt. Es wirkt fast liebenswert. In vielen anderen Geschichten und auch Rollenspielen jedoch wird es ernster thematisiert und gipfelt nicht selten in Mord und Totschlag.

Von kleinen Seitenhieben die jeweils andere Rasse und deren (angebliche) Eigenschaften betreffend bis zu handfesten Diskriminierungen findet man in vielen Genrebüchern etwas zu dieser Thematik. Meistens wird es jedoch nicht weiter aufgegriffen und dient dem Amüsement oder der Dramatik. Das jedoch finde ich schade.

In den Händen der Autoren

Wichtig finde ich hier anzumerken, dass den Rassen oftmals ganz klare Charaktereigenschaften zugeteilt werden, die als gegeben gelten. Zwerge sind trinkfest und rau, Elfen Baumkuschler, Französinnen hübsch und Deutsche pünktlich. Ich möchte fast wetten, dass die meisten von euch bei den ersten beiden Beispielen zustimmend genickt, bei den anderen beiden jedoch latent genervt die Augen verdreht haben. Und klar: Wir wissen, dass nicht jeder Deutsche oder jeder Türke gleich ist. Aber wir glauben gleichzeitig auch zu wissen, dass der Zwerg von Natur aus so oder so ist – weil in diesem Bereich selten mit Graustufen gearbeitet wird.

Wirft man einen Blick auf gleich eine andere Art, den Ork, wird der Unterschied noch deutlicher. Sicherlich gibt es mittlerweile einige Werke, in denen den Orks mehr Persönlichkeit zugesprochen wird. Dennoch ist es häufig noch immer Usus, dass die Rasse des Orks einen zu etwas Bösem macht. Das mag bei einer Kreatur wie einer solchen für uns nicht weiter tragisch sein – wo wir wieder beim (realen) Speziesmus wären. Doch weitet sich das vielerorts auch auf menschliche Rassen aus. Böse, menschliche Rassen. Macht einen die Rasse also gut oder böse? Hat man nicht die Wahl, gibt es nicht noch andere Faktoren? Natürlich handelt es sich um Extrembeispiele, doch eigene Projekte kritisch zu hinterfragen ist nie verkehrt.

Gerade die Anfänge der Fantasy zeigten klare Feindbilder auf. Monster und finstere Gesellen, gegen die sich die Helden zu wehren hatten. Um es einfacher zu gestalten wurden Gut und Böse stilisiert und auch optisch klar getrennt. Menschen gegen Orks. Weiße Abenteurer gegen schwarze Kannibalen.

Diese Trennung zeigt sich gerne auch im Optischen. Tolkiens Elben sind blond, groß, hellhäutig, blauäugig. Die Orks? Dunkel, wild, barbarisch. Dem Guten schließen sich die Hellen an, dem Bösen die Dunklen und asiatisch angehauchten. Stereotype, die sich stark vereinfacht auch in Disneyfilmen finden und immer wieder auch in der heutigen Literatur. Der dunkle Schwarzmagier. Die blonde Jungfrau.

Diese Stereotype kreieren natürlich keinen Rassismus. Sie reflektieren ihn. Und hier sind wir bei dem, dem ich kritisch gegenüber stehe.

Wir tragen Verantwortung

Eine kommentarlose Spiegelung realer Ereignisse oder althergebrachter Klischees reichen nicht aus. Abercrombie etwa hat eine antagonistische Rasse kreiert, die recht muslimisch daherkommt. Natürlich sind es die Bösen, die Bitterbösen, um genau zu sein. Er ist jedoch nur ein Beispiel unter vielen. Muslimisch angehauchte Völker des Südens, kannibalistische Schwarze, wilde Ureinwohner. Oft sind es die selben Stereotype, die immer und immer wiedergekäut werden und die fast Scheuklappen gegenüber anderen Möglichkeiten vermuten lassen. In einer Zeit, die ohnehin von Angst vor muslimischen Terror geprägt ist.

Die phantastische Welt ist eurozentrisch. Das europäische Mittelalter mit seinen weißen Figuren ist Standard. Der weiße Mensch ist Standard. Ist Rassismus Thema, dann meist gegenüber Schwarzen, Asiaten – den Anderen. Dabei ist jeder dort „der Andere“. Für uns als Leser, denn es handelt sich um fiktive Völker. Dennoch werden die Chancen nicht genutzt, vieles verpufft in den Weiten klassischer Fantasy. Ich vermisse Fantasy, in denen nicht die herkömmlichen Kulturen im Zentrum stehen. In denen vielleicht der Weiße diskriminiert wird. In dem Rassismus kritisch angesprochen oder gar wirklich thematisiert wird. Sei es direkt oder durch die Blume.

Es ist allzu einfach, bereits ausgetretene Pfade zu bewandern und sich auf die alten Klischees zu berufen. Aber es ist eine Einfachheit, die nicht sein muss. Jede Welt ist divers. Auch die fiktive.

Was tun?

Das Thema finde ich zu wichtig, als es eingestaubt zu lassen. Was wir nicht brauchen ist ein immer wiederkehrendes Spiegelbild unserer Zeit, das im schlimmsten Fall das „Feindbild“ nur noch bestärkt. Ich finde es wichtig, seine Völker und einzelnen Figuren reflektiert zu betrachten. Die im fiktiven Dialog gesagten Dinge kritisch zu hinterfragen und in eine Diskussion zu treten, wenn es das Thema verlangt.

Aber auch, dass man sich nicht auf ein Thema beschränkt. Rassismus ist nichts, was man thematisieren muss. Genauso wenig wie ich mir vorschreiben lassen möchte, welche Sexualität meine Figuren zu pflegen haben, möchte ich euch vorschreiben welche Hautfarbe eure haben sollen. Das wäre Quatsch. Nein, wofür ich plädiere ist ein allgemein bewusster Umgang mit der Materie. Wir schreiben eben nicht nur für den weißen Menschen und wir sind auch nicht in der Pflicht diskriminierende Klischees immer und immer wieder aufzuarbeiten.

Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen von euch zum Nachdenken anregen konnte und natürlich auch, dass ihr das nicht als Bibel versteht. Es bleibt noch immer, was es ist: Nur meine Meinung.