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Wie man Frauen schreibt

Generationen an Autoren haben sich die Zähne an ihren weiblichen Figuren ausgebissen. Selten wortwörtlich, freilich, denn wer beisst schon freiwillig in sein Manuskript? Damit ihr fortan weder unkontrolliert beissen, noch schwitzen müsst, habe ich hier den ultimativen Guide zum Schreiben weiblicher Figuren vorbereitet!

Frauen sind seltsam. Alle. Wie fremde, giftige Pflanzen dringen sie in das vertraute Territorium des starken Mannes ein und verbreiten pinkes Unheil und Chaos. Sie zu verstehen ist dem Mann von damals wie heute fast unmöglich. Logisch, sind sie doch eine eigene Spezies, ihre Taten irrational und verrückt. Halten wir uns also lieber an folgende Grundregeln:

Frauen sind wie Männer – nur ganz anders

Fast könnte man meinen, dass Frauen ganz normale Menschen mit ganz normalen Hobbies und ganz normalen Ansichten und Gefühlen sind. Das ist jedoch stark vereinfacht und sogar verharmlost. Es suggeriert, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und man sich nicht in „Naja, is‘ halt ne Frau, nech, was will sie hier?“-Reden flüchten kann.

Hobbies, die zu Frauen passen:

  • Hausarbeit
  • Handarbeiten: Nähen, Stricken, Basteln
  • Filme. Obacht: Nur den folgenden Genres zugehörig: Romance, Paranormal Romance, Romance-Romance
  • Schreiben: Gedichte, seichte Kost
  • Träumen; Fantasieren, Traumschlösser bauen, mit Vögeln singen
  • Frauenabende: Gegenseitig schminken, Sekt schlürfen, Romance gucken, Gesichtsmasken

Um es etwas diverser zu gestalten – denn wie wir gelernt haben, ist Diversität sehr wichtig – kann man von oben Genanntem abweichen, indem man einer Frau typisch männliche Hobbies verleiht. Aber: derer nicht zu viele. Sie müssen mit Bedacht eingesetzt werden, damit die Figur nicht plötzlich mit einem Mann verwechselt wird.

BonusWissen: Je weniger weibliche Attribute eine Frau erhält, desto cooler wird sie. Ist eine Frau natürlich zu cool, wird sie zu unweiblich. Frauen sind einfach nicht cool. Und auch nicht witzig, aber das setze ich mal als gegebenes Wissen voraus.

Bonus-Wissen #2: Weibliche Wut ist nicht nachvollziehbar, sondern grundsätzlich verrückt.

Stärke

Stärke ist wichtig. Starke Protagonistinnen liegen voll im Trend. Die gute Nachricht: Es ist so einfach, sie so schreiben! Man braucht derer nur drei Zutaten:

  • Eine Knarre. Knarren sind stark. In einem phantastischen Setting tut es auch ein Schwert.
  • Vergewaltigungen. Vergewaltigungen machen stark. So stark. Zum Glück hat sie Schlimmes erlebt, sonst wäre sie noch immer ganz zart.
  • Männlichkeit. Männer sind toll, Männer sind stark, Männer sind gigantisch! Um eine Frau stark sein zu lassen, braucht sie also männlich gelesene Attribute, Logisch. Das ist ein Level-Up.

Motivation

Frauen wollen von Männern beachtet werden, woraus sich ihre Motivation ergibt.
Beispiele:

  • Welten vor Unheil retten? Wenn sie dadurch den Prinzen zum Mann nehmen darf
  • Karriere: Wenn sie später 50 Jahre Mutterzeit nehmen kann
  • Sich weiterentwickeln? Wenn es bedeutet, dass sie ihr Aussehen für das männliche Auge optimiert
  • Rache: Wenn ihr Mann von einer anderen Frau hinterrücks gestohlen wurde (Verrückt!)

Frauen wollen gefallen und gefällig sein. Nur durch den Traummann und Kinder wird eine Frau erfüllt.

Boobies!

Eine Frau wird erst durch Brüste zur Frau. Frauen ohne Brüste oder gar ohne Vagina? Um das zu verstehen müsste man ja nachdenken! Nein, bleiben wir lieber im Mittelalter. Ist ja auch einfacher zu schreiben. Wenn man die Recherche außen vor lässt.

Brüste also. Beschreibt sie. Groß und ausführlich. Frauen spüren sie beim Gehen, sehen sie beim flüchtigen Spiegelblick, denken jede Minute an sie. Woher soll der Leser auch wissen, dass sie Brüste hat, wenn man sie nicht erwähnt?!? Die besten Vergleiche ergeben sich aus Früchten. Die sind ja schließlich auch großartig. Melonen, knackige Äpfel, bloß keine garstigen Orangen. Die haben nicht die gewünschte Oberfläche. Weich und glatt sollen sie sein!

Vergesst auch nicht, Frauen entsprechend zu kleiden. Auf High Heels lässt es sich hervorragend laufen und verfolgen, Nagellack trocknet innerhalb von Nanosekunden und Lippenstift verschmiert auch bei den wildesten Küssen nicht. Beine und Achseln sind bei der Frau von heute von Natur aus haarlos und insbesondere die Frau aus der Fantasywelt hat sich auf langen Reisen nicht darum oder um handelsübliche Hygiene zu sorgen. Zur Not macht es auch der eilig herbeigezauberte Spruch. Ist ja Fantasy.

Männerrunde

Das fertige Produkt kann dann in der heimeligen Männerrunde besprochen und die weibliche Figur auf ihre Perfektion hin untersucht werden. Testleserinnen sind dabei unerheblich, denn Männer wissen ohnehin alles besser. Selbst wie man Frauen richtig schreibt. Schließlich sehen nur Männer Frauen von außen, Frauen sind befangen und, natürlich verrückt. Es sei denn, es handelt sich um die eigene Protagonistin. Die ist perfekt von der splissbefreiten Haarspitze bis zur weichen Fußsohle.

Gratuliere. Du bist bereit. Bitteschön. Vergiss nicht, dich von deinen Kollegen feiern zu lassen, eine total starke Protagonistin zu haben.

Photo by Nadim Merrikh on Unsplash

Beeindruckende Bücher

Welches Buch hat euer Denken beeinflusst?

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, schrieb einst Franz Kafka. Kein Zitat könnte passender sein für diesen Artikel, der jene Bücher in den Fokus stellt, die mitten in Herz und Hirn gehen. Die es schaffen, zum Umdenken zu bewegen, bis ins Mark erschüttern oder faszinieren und derart besonders sind, dass man sie kaum vergessen kann. Vorhang auf.

Sowohl auf Twitter, als auch auf Facebook fragte ich euch, welches Buch genau das geschafft hat. Zusammen gekommen ist ein Fundus an außergewöhnlichen Büchern, die zu benennen definitiv nicht schaden kann – selbst dann, wenn es auf negative Weise zu beeindrucken wusste.

[Randbemerkung: Obwohl im Artikel viele Autorinnen vertreten sind, fehlen die Stimmen von POC’s fast gänzlich. Da muss ich bald eine spezielle Liste erarbeiten. Entsprechende Bücher gibt es schließlich genug.]

Augen öffnend

„Die 120 Tage von Sodom“

Wie „Die 120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade, das manch einen, wie Steffi, aufgrund der dort gezeigten menschlichen Abgründe abgestoßen hat.
Gerade für sie als Sozialarbeiterin wurde damit eine Grenze des Ertragbaren überschritten, hat ihr dabei allerdings auch gezeigt, wo ihre Grenzen genau liegen. „[Der ]Inhalt [ist ]an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen“, schreibt sie und kommt kurz darauf zum Fazit: „Ich bin froh, das Buch vollständig gelesen zu haben. Es ist zum Glück „nur“ eine völlig perverse Geschichte. Hat mich aber auf die Realität vorbereitet. Taucht das Thema irgendwie auf, ist die Akte für mich zu.

In eine zumindest ähnliche Kerbe schlägt für Stefan Mesch Ayn Rands „Der Streik“ , der in seinen Augen (und dem schließe ich mich persönlich an dieser Stelle sehr gerne an) ein absolut fragwürdiges Gesellschaftsbild zeichnet: „[Es ist] hanebüchen, absurd, zynisch und voller Denkfehler – aber ich bin echt einmal die Woche froh, dass ich das las. Weil ich seitdem merke, wie viele Leute um mich herum das Gesellschaftsbild „Wer stark ist, soll gefördert werden. Wer schwach ist, schwächt die Gemeinschaft: Wir müssen die Starken immer stärker machen, dann ziehen sie den Rest schon mit.“

Wer zufrieden in seiner eigenen Welt lebt, der weiß unter Umständen gar nicht, welche Abgründe sich in der Welt auftun. Das geschriebene Wort im Allgemeinen und Bücher im Besonderen können ein Fenster zur Welt sein, das einen zuweilen staunend, manchmal schmachtend, aber allzu oft eben auch fassungslos hinausschauen lässt. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Das Buch als Lebenshilfe

"Buch der fünf Ringe" von Miyamoto Musashi

Zurück zu den positiven Seiten. Dorthin, wo es das geschriebene Wort schafft, das Leben zum Besseren zu wenden. Manche Bücher können helfen, über schwierige Phasen des Lebens hinwegzukommen. Beispielsweise über Trennungen, wie Kalle Paulsen erzählt.
Das „Buch der fünf Ringe“ von Miyamoto Musashi habe ihn dazu inspiriert, „etwas pragmatischer und stoischer an Probleme heranzugehen. Ich habe damals eine ganze Menge meiner (aus heutiger Sicht) unnützen Ideale über Bord geworfen und mich selbst freier und weniger emotionsgesteuert gemacht.“

Andere Bücher lehren, dass man auch um Hilfe bitten kann, wenn man sie braucht und kleine Geschenke annehmen darf, wie Aimée zu berichten weiß, wenn sie über „Art of Asking“ von Amanda Palmers spricht. Klassische Ratgeber sind dafür schließlich auch prädestiniert, Worte zu formen, die sich im Kopf verankern sollen – und es offensichtlich auch ab und an nachhaltig schaffen.

Aha!?

Doch auch Romane sind keine unbeschriebenen Blätter. Geschichten schaffen die Brücke zwischen Phantasie und Realität, spiegeln unsere Gesellschaft mal mehr, mal weniger wider. Gerade, aber nicht nur für Kinder kann das wegweisend sein und die eigenen Ansichten schärfen. Romane zeigen uns, was sein kann, was möglich wäre. Nicht umsonst sollte meiner Ansicht nach wesentlich mehr Diversität in der Literatur aller Altersklassen herrschen.

Wolfsaga“ von Käthe Recheis hatte mich als Kind unglaublich fasziniert. Die Fabel über ein scheinbar ohnmächtiges Wolfsrudel, das sich gegen die Übermacht eines totalitären Regimes stellt und für das gesunde Miteinander kämpft, zeigte mir, dass man nicht alles hinnehmen muss, was einem präsentiert wird. Man kann aufbegehren, Flagge zeigen.

Für Tim war ein Roman Mitgrund für seinen Einstieg in den Zivildienst mit geistig behinderten Menschen. Der „zeitlos geschriebene“ Roman „Flowers for Algernon“ von Daniel Keyes habe ihn „viel über die Menschlichkeit gelehrt.“ Ähnlich in eine berufliche Richtung geschubst fühlte sich Sal von Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“: Vom Philosophiekurs über das Studium bishin zur finalen(?) Berufswahl.

Zum Nachdenken anregen; ein Ziel, das sicherlich viele Autor*innen mit ihren Werken verfolgen. Ob es darum geht, darüber nachzudenken, „was [man] mit seinem einen Leben anfangen möchte ohne eine zweite Chance zu haben“, wie es Just Platinized ausdrückt und dabei „The First 15 Lifes of Harry August“ von Claire North bedenkt. Oder um die „Aufforderung, die Augen aufzumachen, was um einen herum passiert“, wie es Carola über die „Drachenlanze„-Romanreihe von Margaret Weis und Tracy Hickman ausdrückt.

Der hier hauseigene Marcus schwört wie selbstverständlich auf „Der Herr der Ringe“ von J.R.R.Tolkien. Es habe ihn viel über Freundschaft, die Zeiten, Orte und Ansichten überdauert gelehrt und ihm gezeigt, dass man tatsächlich etwas tun kann, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Einen interessanten Gedankengang liefert auch Feuerlilie, die an dieser Stelle vom Roman „Das Kartengeheimnis“ von Jostein Gaarder spricht: „Das Buch habe ich in meinen jüngeren Teenagerjahren gelesen und die philosophischen Betrachtungen darin haben mich nachhaltig begleitet. Zum Beispiel die Idee, dass wir alle auf dieser Welt wahnsinnige Glückspilze sind. Warum? Man denke an die Pest im Mittelalter bei der 1/3 der Bevölkerung Europas gestorben sind – aber nicht unsere Vorfahren! Und so geht es weiter, sei es nun der 30-jährige Krieg, Hungersnöte oder zwei Weltkriege. Unsere Vorfahren waren immer unter den glücklichen Überlebenden. Was für eine unwahrscheinliche Kette von Glücksfällen, die schließlich zu unserer Geburt geführt hat.“

Worte bewegen, Worte laden zum Nachdenken und Fühlen ein, Worte sind magisch. Nicht selten beeindrucken sie nachhaltig über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg. Bücher können einen verändern.
Während ihr nun herzlich eingeladen seid, selbst darüber nachzudenken, welche Bücher euch auf’s Tiefste beeindruckt haben, lasse ich euch zu guter Letzt die beiden Bücher da, die mehrfach genannt worden sind. Mit Recht? Meiner Ansicht nach auf jeden Fall!


„Die unendliche Geschichte“ – Michael Ende

„Ich hab es mit 12 zum ersten Mal gelesen, danach noch weitere 5 Mal im Lauf meines Lebens. Ich habe immer neue Ebenen der Geschichte entdeckt und mit 12 mich zum ersten Mal wirklich und bewusst mit einem Buchcharakter identifizieren können. Bastian war mein Held. Und ich hab ihn intensiv beneidet um die Möglichkeit eine ganze Welt erschaffen zu dürfen mit dem letzten Staubkorn des alten Phantasiens und dem Auryn um seinen Hals.“
[Melanie Phantagrafie]

„Ich war damals 6 und das Buch brach die vierte Wand für mich offensichtlich nicht nur von Buch zu Bastian sondern auch von Bastian zu mir und das hat mein Verständnis von Fantasie gänzlich geändert.“
OddNina

„Als Mobbingopfer habe ich Bastian gefeiert!“
Katsu


Pippi Langstrumpf – Astrid Lindgren

Pippi Langstrumpf

“ Spontan würde ich sagen, dass die Bücher von Astrid Lindgren mir als Kind ein offenes Weltbild vermittelt haben. Zwar zeigt sie immer wieder soziale Unterschiede auf, aber es gibt niemals Grenzen der Menschlichkeit.“
BlackGentleman

“ Weil sie wie ich nur ein Elternteil hatte, wie ich oft allein zu Hause war, wie ich aus allem etwas anderes machte und wie ich nicht wirklich Mädchen sondern eher Burschikos/Neutrum war.“
Katsu


Headerbild by: unsplash-logoThought Catalog
Zu tussig um eine Heldin zu sein

Das Böse lauert im Make-Up: „Tussis“ auf dem Abstellgleis der Phantastik

Hübsch zu sein ist in der Popkultur kein Verbrechen – sehr wohl aber, sich für Make-Up, Mode und Co zu interessieren. So scheint es zumindest. Neben dem, dass es belächelt und als unnützen Weiberkram abgetan wird, werden diese Figuren gerne als Antagonistinnen dargestellt. Sie sind die, die es der Hauptfigur schwierig machen, sie sind die bösen Figuren, die erst auf den richtigen Pfad geführt werden müssen. Denn kann eine Person, die es liebt, sich schön zu machen, überhaupt selbst zur Heldin taugen?

Spoiler: Sie könnte. Denn auch sie ist eine Person mit mehreren Facetten. Make-Up und Co. zu lieben ist nichts, für das man sich schämen müsste. Es mag nicht so angesagt sein wie die Passion für Sammelkarten, Videospiele und Bücher, doch muss es das?

Das Thema schlägt in eine ähnliche Kerbe wie das rund um die Stärke von (weiblichen) Figuren, das ich hier bereits angesprochen hatte. Stark ist, wer ein Schwert schwingen kann, selbst in brenzligen Situationen coole Sprüche auf den Lippen hat und körperlich fit ist? Ja, das könnte Stärke bedeuten. Doch Stärke bedeutet mehr als das und schließt auch manikürte Fingernägel nicht aus.

Prinzessin Vespa Spaceballs

Sicher erinnert ihr euch an Prinzessin Vespa aus der Star Wars-Parodie „Spaceballs“: Eine Frau, die mit drölfzig Taschen reist, ihre Haare stets perfekt föhnt und sich furchtbar aufregt, sobald eine Spitze dieses wundervollen Haares angesengt wird. Sie gilt anfangs als Zicke, findet jedoch im Laufe der Geschichte zu einer geerdeteren Persönlichkeit, auch Dank des eigentlichen Helden Lone Starrs.

Trotzdem ist sie eine der wenigen „Tussis“ des Genres, die sich nicht nur auf Gehässigkeit und Unterdrückung spezialisiert haben, sondern tatsächlich auch den Antagonisten hart ans Leder gehen können. Das ist selten geworden in einer Zeit, in der die Heldinnen meist gar nicht wissen, wie hübsch sie sind oder sich morgens wahlweise nur kurz mit Bürste oder Wimperntusche pimpen und dann trotzdem die schönsten der Schönen sind.

Unsympathin?

Natürlich gilt es stets, für sein kreatives Projekt eine sympathische Figur zu finden, bevor der Leser oder Zuschauer unter einem frühzeitigen Interessensverlust leidet. Der Punkt ist der: Als von bereits besprochenen Hobbys begeisterte Frau muss man nicht unbedingt unsympathisch sein. Mn redet nur gerne davon, dass es angeblich immer so sei.

Denn die für viele allzu weibliche Lust daran, sich hübscher oder auch nur „anders“ zu machen, passt für viele scheinbar nicht in das Bild einer sympathischen Protagonistin. Dabei wäre es so großartig, mal eine vielschichtige „Tussi“ als Heldin eines Romans zu haben! Die sich gerne und ausführlich mit Make-Up beschäftigt, stundenlang shoppen geht und Sex and the City, statt Star Wars mitsprechen kann. Als Identifikationsfigur könnte sie dennoch dienen – wenn sie ansonsten sympathisch, mutig und verständlich agiert.

Nebenbei könnte sie ja auch gerne noch Star Wars-Figuren sammeln oder ein Karate-Ass sein. Wenn es denn unbedingt sein muss.

Headerbild:Tanja Heffner

Interview Elea Brandt Opfermond

Elea Brandt: „Wenn man in diesem System aufgewachsen ist und es nie anders kennengelernt hat: hinterfragt man es dann?“

Opfermond“ ist mein persönliches Romanhighlight der letzten Monate. Der Roman, der in einer dreckigen, misogynen Welt spielt, hält sich mit Gewalt und Tod nicht zurück – und das auf eine fein beschriebene Art und Weise.

Mit der Autorin Elea Brandt traf ich mich auf ein Skype-Gespräch, um über vulgäre Wortwahl, wegweisende Frauenfiguren und Moral in ihrem Roman zu sprechen.


Guddy: Mit welchen drei Wörtern würdest du „Opfermond“ beschreiben?

Elea Brandt: Uff. „Düster“. „Kompliziert“. Ein drittes … schwierig.

Wie sieht es mit „Tod“ aus?

Tod wäre auch gut, ja. Ja, doch. Ja!

Denn der Tod ist ja doch ein zentrales Thema im Roman. Hast du ihn bewusst derart prominent verarbeitet?

Es kam einfach. Was tatsächlich schon ziemlich früh feststand war dieser erste Satz: „Der Tod ist ein ständiger Begleiter.“ Der Satz kommt danach auch immer mal wieder, ist ein bisschen der rote Faden. Den Satz habe ich bestimmt vier Wochen, bevor ich mit dem Schreiben begonnen hatte, mit mir herumgetragen. Der Rest hat sich während des Schreibens entwickelt.

Da muss ich auch meiner Lektorin ein großes Kompliment aussprechen, die einen tollen Blick für Bilder hat. An vielen Stellen hat sie mitgeholfen, die Motive Leben und Tod, Helligkeit und Dunkelheit noch stärker herauszuarbeiten. Das ist finde ich ganz gut gelungen und rund geworden irgendwo.

Hast du ein konkretes Beispiel für diese Kontraste?

Elea Brandt Zitat IdraOhne groß zu spoilern: Varek hat zum Beispiel sehr viel Angst vor der Dunkelheit, was sich auch durch die Geschichte zieht. Das ist immer konnotiert mit Tod, Gefahr und natürlich auch Angst. Bei Idra dagegen hat die Dunkelheit eher etwas Positives. Sie wächst ja in einem Armenviertel auf und kennt es nicht anders, dass Nacht und Dunkelheit ihr Schutz bieten. Ich denke, das passt alles ganz gut in diese „Leben und Tod“-Thematik.

Und Varek, der als Assassine immer ein bisschen auf diesem Scheideweg ist zwischen Leben und Tod, der aber gleichzeitig dieses Leben auch ablehnt und Idra, die jeden Tag kämpft aber vor dem Tod eigentlich gar keine Angst hat, weil er ihr einfach jeden Tag begegnet. Sie ruht einfach sehr stark darin. Varek wiederum kippt zwischen diesen beiden Extremen.

Würdest du Varek grundsätzlich als ängstlicher einschätzen?

Schwierig. Ich glaube, Varek hat mit mehr Dämonen zu kämpfen, also mit mehr Schatten und dunklen Flecken, die ihn so ein Leben lang geprägt haben. Idra ist da mehr die Pragmatikerin. Die kennt zwar die typischen Gefahren, die einem auf der Straße begegnen können, aber sie hat diese Grundängste nicht so sehr. Deswegen würde ich fast sagen: Ja.

Wo mir Idra sehr ängstlich vorgekommen ist, ist in der Alten Stadt, wenn der Tod sehr stark in den Vordergrund rückt.

Genau. Das geht ein bisschen aus dem Pragmatismus raus, dem sie den ganzen Tag begegnet. Sie hat gelernt, dass hinter jeder Ecke ein Messerstecher lauern könnte. Damit kann sie umgehen. Aber dieses Mysterium des Todes, das in der Alten Stadt so präsent ist, das macht ihr Angst.

In einem Roman wie diesem ist es ganz klar, dass auch liebgewonnene Figuren zum Tod kommen.

Bei einem von ihnen muss man sagen, dass es ein DSA-Charakter ist – wie übrigens auch Idra und Esra. Ihn gab es als diese Figur also schon und ich habe ihn sozusagen in diese Geschichte hineingeschrieben. Aber viele Leser haben schon früh gemerkt oder das Gefühl gehabt, dass es ihn treffen könnte. Lustigerweise ist es in „unserem DSA-Universum“ so, dass diese Figur überlebt hat, Idra aber sterben musste.

Man merkt auch, dass du DSA-Spielerin bist. Zum Beispiel meine ich, Al’Anfa in der Stadt wiedererkannt zu haben. Wie sehr hast du dich bei der Kreation der Welt an Rollenspielwelten orientiert?

Elea Brandt Zitat OrientalischesJa, es ist das schlimmste aus Al’Anfa, Fasar und Mengbillar zusammengeschmissen, allerdings nicht so richtig bewusst. Bewusst würde ich allerdings schon sagen, dass die Atmosphäre an Fasar zumindest angelehnt ist, dieses Düster-Orientalische. Das kennt man ja so nicht. Meistens, wenn man orientalische Settings hat, ist es dieses märchenhafte 1001 Nacht-Flair. Genau das wollte ich ganz bewusst nicht. Ich wollte es archaischer. Der morbide Grundcharakter von Fasar passte dagegen ganz gut.

Hinzu kamen dann meine eigenen Ideen. Vieles baut ja auf diesem Glaubenskonstrukt auf, dem Glauben an den Blutgott. Darauf ist die Gesellschaftsstruktur entstanden. Dass es dann insgesamt Mengbillar und Al’Anfa ähnelt, liegt denke ich einfach daran, dass sich die Gesellschaftsstrukturen da ähnlich entwickelt haben.

Würdest du in dieser Stadt wohnen wollen? Vermutlich nicht, oder?

Eher nicht, nein. Das ist aber auch das, was man sich dann fragt: Wenn man in diesem System aufgewachsen ist und es nie anders kennengelernt hat: hinterfragt man es dann? Und dann lebt man vielleicht auch ganz mit dem, wie es halt ist und akzeptiert es. Aber wenn man dann mit unseren Augen, unseren Moralvorstellungen drauf sieht, ist es natürlich unvorstellbar.

Wer ist denn für dich die unmoralischste Person in deinem Roman?

Das ist interessant, denn es hängt ein bisschen davon ab, wie man Moral definiert. Aber von meinem jetzigen Standpunkt aus wohl der Khari. Er ist einfach mies. Die anderen haben zumindest eine Art Agenda, einen Plan, eine Moralvorstellung. Die muss in unserem Sinne nicht gut sein, aber sie haben zumindest eine. Die hat der Khari tatsächlich gar nicht – oder man merkt es ihm zumindest nicht an.

An einer Stelle haben zwei Personen zwar ehelichen Sex, aber wirklich einvernehmlich ist er nicht. [Sie lässt es über sich ergehen, ekelt sich aber davor] Würdest du das bereits als Vergewaltigung bezeichnen?

Ich finde es immer schwierig, das einzuschätzen, wenn man eben ganz andere gesellschaftliche Vorgaben und Vorstellungen von Sexualität hat. Von unserem heutigen Standpunkt würde ich sagen ja, definitiv. Wenn man aber in dieses System hineinschaut, dann wird er „legitim“. Weil in diesem System der Mann mehr oder weniger der Besitzer der Frau ist und dann nach diesen Statuten ist es auch legitim.

Ist es dir wichtig, so etwas im Roman zu bewerten?

Ich habe schon den Eindruck, dass es bewertet ist und ich finde es auch wichtig. Es so hinzustellen, als sei es grundsätzlich OK oder sogar romantisch, finde ich nicht gut.  Ich denke auch, dass klar wird, dass die Art und Weise, wie der Mann seine Frau behandelt oder auch wie der Zuhälter seine Huren, nicht in Ordnung ist. So ein Leben ist weder schön, noch in irgendeiner Weise wünschenswert. Es ist ein Produkt des brutalen Systems, in das sie alle hineingezwungen wurden.

Die Frauen deines Romans wirken dabei keinesfalls gebrochen.

Elea Brandt Zitat FrauenGenau. Es ist natürlich ein grundsätzlich sehr misogynes System. Von daher war es mir auch wichtig, Contra zu geben. Wenn am Ende die Männer auch die sind, die alle Fäden ziehen, wäre es auch wieder langweilig und auch nicht realistisch, selbst wenn der Mann tonangebend ist. Ich finde es auch spannend: Wenn man im Nachhinein nochmal  das Buch liest, merkt man, dass die Frauen diejenigen sind, die die Geschichte voran treiben. Das ist mir erst danach bewusst geworden.

Das ist total lustig. Augenscheinlich ist ja Varek der eigentliche Hauptpart, aber Idra gibt ihm alle wichtigen Informationen. Gleichzeitig ist auch Alrha eine treibende Kraft, ebenso wie Esra. Erst im letzten Drittel wir er aktiv. Grundsätzlich ist er der, der reagiert, statt agiert.

Du benutzt ziemlich direkte Wortwahl im Roman. Findest du, dass es daran momentan in der Phantastik mangelt?

Witzigerweise lese ich gerade „Nevernight“ von Jay Christoff und der ist tatsächlich auch sehr derb in seiner Sprache. Es kommt extrem darauf an, wie gut es zum Roman passt. Bei Idra war es es mir wichtig, weil ich es realistisch finde. Im Gegensatz dazu habe ich auch schon Fantasybücher, in denen die Charaktere, die aus einfachsten Verhältnissen kommen, sehr geschliffen daherreden. Als wären sie gerade vom Mittelaltermarkt gekommen. Und das stört mich. Klar, man möchte irgendwie eine „Mittelalter-Romantik“ herstellen. Aber es ist dann einfach nicht stimmig.

Die Leute dieser Zeit haben genau so geflucht und vulgär daher geredet wie wir heute, nur mit anderen Worten. Ich als Autorin übersetze es ja quasi nur in unser heutiges Jargon.  Und da finde ich es auch stimmig, wenn mal ordentlich auf die Kacke gehauen wird.

Gab es Schwierigkeiten, deswegen einen Verlag zu finden oder war das kein Problem?

Elea Brandt Zitat FuckDas ging überraschend flott. Ich glaube da haben wir auch nie wirklich darüber diskutiert, es war nie ein Problem. Es kam nie negativ auf. Im Gegenteil, meine Lektorin hat vielleicht sogar noch etwas hinzugefügt. Ich meine, es passt ja zu dem Lebensumfeld.

Wo ich nur aufpassen musste war, dass es nicht zu modern wird. Mir fehlt zum Beispiel das „Fuck“ …

Oh ja, mir auch! Das ist so ärgerlich! Es gibt auch keine gute Entsprechung!

Genau. Oder „Wow“ oder „krass, das kann man ja nicht schreiben. Es ist schwer, es so zu schreiben, dass es nicht nur passt, sondern auch wirkt. Das habe ich dann oft weggelassen oder geschrieben, dass sie fluchen. Das nimmt natürlich Power raus, muss aber leider manchmal sein. Denn wenn ich Fantasy lese und dann über moderne Begriffe stolpere, stört mich das sehr. Es war mir wichtig, dass alles direkt bleibt.

So, abschließende Frage! Wie lange würdest du in der Stadt wohl überleben?

Zweieinhalb Minuten …? Kommt darauf an, wenn ich wirklich in den Roman stolpern würde, würde ich vermutlich innerhalb der nächsten Minuten versklavt werden. Wenn ich schon Ahnung hätte, aber wohl auch nicht allzu lange. So gefragt sind Psychologen da nicht und ich wäre aufgeschmissen …


Elea Brandt, Psychologin und eingefleischte Rollenspielerin, kam früh mit der Phantastik in Berührung und lässt ihre Begeisterung dafür in ihre Romane und Kurzgeschichten fließen. Dabei hat sie sich auf vielschichtige Figuren, Low Fantasy, Thriller, Horror und Mystery spezialisiert, streckt aber auch gerne ihre Fühler weiter aus.

„Opfermond“ hat es im Februar übrigens auf die Phantastik-Bestenliste geschafft. Wenn das kein Grund ist, auch mal reinzuschnuppern!

Zu ihrer Website geht’s hier entlang

Annette Juretzki Interview Roman Blind

Annette Juretzki: „Angst hat man immer vor dem, was man nicht kennt.“

Die Space Opera „Blind„, erster Teil einer Dilogie, präsentiert uns nicht nur interessante Welten, sondern vor alle Dingen auch spannende Figuren. Die gehören nicht nur einer einzigen Spezies an, was unter der Crew des Raumschiffs nicht selten für Zündstoff sorgt. Neben viel „pew pew“ thematisiert der Roman somit auch Fremdenfeindlichkeit an. Über dien Hintergründe wollte ich mehr wissen und lud die Autorin Annette Juretzki daher auf ein Skype-Gespräch ein. Das wesentlich lustiger war, als es ihr Autorenfoto uns weismachen will!

Im Interview erzählt sie mehr über die Kreation fremder Spezies, die Angst vor dem Fremden und klärt die Frage, was das Komplizierteste an der Darstellung des etwas groben Ghitaners Zeyn gewesen ist.


Was war bei dir zuerst da: Der Plot von „Blind“, oder die drei Hauptfiguren? 

Jonas war quasi sofort da, weil natürlich jedes Raumschiff seinen Kapitän benötigt. Relativ schnell kam dann mit der Idee des rückständigen Planeten und als Gegenpol zur Technik auch Xenen dazu. Zwischen diesen beiden Figuren hat sich ein Vakuum gebildet, in das sich Zeyn sozusagen hineingedrängt hat. Ich hatte eigentlich gar nicht geplant, eine Figur wie Zeyn zu entwerfen: Sie passte einfach. Die ganze Geschichte drumherum hat sich erst mit der Zeit entwickelt.

Der Roman zeigt auch eine Vielfalt an unterschiedlichen Spezies. Hat Zeyn dir dabei geholfen, die Perspektive „des Anderen“ plastisch darzustellen?

Annette Juretzki Zitat AndersartigkeitIch wollte auf jeden Fall Alienrassen im Fokus haben und was mir da tatsächlich sehr wichtig war war ihre Andersartigkeit. Nicht dieses einfache „Es sind halt blaue Menschen und sie hören halt eine andere Musik.“ Ich wollte stattdessen kulturell und biologisch aus dem Vollen schöpfen. Sie sind ja nicht auf der Erde entstanden, sondern haben ganz andere Evolutionen hinter sich. Sie mussten sich an völlig andere Bedingungen und Gesellschaftsstrukturen anpassen.

Deshalb wollte ich andere Rassen haben und natürlich sollte da dann mindestens ein Hauptcharakter einer anderen Spezies angehören um da eine gute Innensicht zu haben.

Wie schwierig war es denn für dich, aus seiner, dem Menschen nun völlig anderen, Sicht zu schreiben?

Lustigerweise fand ich Zeyn in vielen Dingen einfacher als Jonas. Ich finde impulsive Charaktere einfach wesentlich einfacher zu schreiben als die überlegten. Jonas hat fast immer einen Plan, das heißt ich brauchte natürlich auch immer einen Plan, wenn ich eine Szene geschrieben habe. Er weiß im Grunde immer genau, was er vorhat und wie die Szene ausgehen soll.

Zeyn stattdessen lässt sich auf die Umstände ein und reagiert einfach nur. Das ist vom reinen Schreibprozess her einfacher.

Und in Bezug auf seine Andersartigkeit? Er hat ja einen ganz anderen Geschmack , einen ganz anderen Fokus. 

Das Komplizierteste an Zeyns Darstellung waren die ganzen Kleinigkeiten. Ich habe eine ganze Liste von ghitanischen Gesten und deren Bedeutungen, damit ich da nicht durcheinander komme. Nicken bedeutet ja etwas anderes, Kopfschütteln … Diese Liste musste ich beim Schreiben immer neben dem Rechner liegen haben und sie ist mittlerweile schon recht lang geworden – ob alles, was da drauf steht, letztlich auch im Buch geblieben ist bezweifle ich.

Während des Schreibens habe ich mich bei neuen Gesten zwar immer treiben lassen und mir überlegt, was jetzt gerade passend wäre und cool aussehen würde. Aber danach nichts durcheinander zu kommen, das war das Schwierige. Das wichtigste war, dass ich wusste, wie der Heimatplanet aussieht. Dadurch wusste ich, welche Evolutionen etwa von statten gegangen sein mussten, um Humanoide an diese Gegebenheiten anzupassen. Wenn man diese körperlichen Strukturen hat, kann man sich überlegen, welche Gesellschaften daraus entstanden sein könnten.

Hast du bei der Erschaffung der Kulturen Parallelen zu irdischen Kulturen genommen oder es komplett deiner Fantasie überlassen?

Annette Juretzki Zitat Klingonen GhitanerDie Ghitaner habe ich tatsächlich an Spezies aus anderen Serien angelehnt und nicht an hiesige Kulturen. Besonders Klingonen sind da mit eingeflossen, aber auch die Kroganer aus Mass Effect. Was mir bei ihnen aber wichtig war ist, dass sie polyamor leben und bisexuell sind. Durch diese Spezies wollte ich einfach einen Gegenentwurf haben.

Hattest du da explizit gesellschaftskritische Ambitionen?

Ich wollte schon, dass der Leser reflektiert und darüber nachdenkt, dass es auch anders geht. Man könnte natürlich denken. „Ok, das ist eine andere Spezies, natürlich funktioniert das da anders.“ Aber dann kann man auch weiterdenken und sich fragen, ob das wirklich so anders ist. Bei fremdartigen Spezies akzeptiert man es schneller. Aber je mehr man über die Kultur und die Gedanken erfährt, desto häufiger zieht man Parallelen zur Realität und dem Menschen. Dieser Aspekt ist mir bei einigen Eigenschaften wichtig gewesen.

Wenn Angehörige verschiedener Kulturen auf engem Raum zusammenarbeiten, bleibt Xenophobie nicht aus. Auch bei dir fallen rassistische Beleidigungen wie „Menschenarsch“.

Ja, was ich ganz oft benutzt habe ist „Alien“ und dann auch gefolgt von „Alien sagt man nicht“. Das soll eine Abwertung von allen anderen Spezies als der eigenen ausdrücken. Zeyn macht das auch, indem er von den Menschen als „Alien“ spricht.

Aus seiner Perspektive sind sie ja auch Aliens! Aber trotz der Unterschiede scheint es im Großen und Ganzen auf dem Raumschiff trotzdem zu funktionieren.

Das liegt vor allem daran, dass die Spezies ja schon länger in der Allianz zusammenleben, sie haben sich nicht gerade erst kennengelernt.

Trotzdem wirkt Jonas nicht wie jemand, der alle Spezies gleichermaßen respektiert, xenophobe Züge sind da durchaus manchmal erkennbar.

Annette Juretzki Zitat rassismus GewohnheitBei Jonas ist das kulturell bedingt. Letztlich kommt er aus einer faschistischen Militärdiktatur inklusive der negativen Begleiterscheinungen wie Homophobie und Rassismus. Jonas ist damit aufgewachsen und wurde dadurch geprägt. Aber er möchte eigentlich gar nicht xenophob sein und kämpft da ein bisschen gegen an. Es ist ein Balanceakt zwischen den Vorurteilen, die er von Kindesbeinen an eingeimpft bekommen hat und dem, wie er eigentlich sein möchte. Ich glaube, dass die Prägung, die man in der Kindheit bekommen hat, nur sehr schwer abzulegen ist.

Hast du selbst schon Erfahrungen mit Xenophobie machen müssen?

Ich lebe ja schon seit ich drei Jahre alt bin in Deutschland und kann akzentfrei Deutsch, aber der Nachname verrät meine polnische Herkunft. Die meisten ausländerfeindlichen Kommentare sind durch die Blume, auch oft ganz unschuldig. Besonders in der Grundschule. Da dachte ich, dass es ein Kompliment wäre, wenn ein Lehrer sagte dass ich ganz toll Deutsch sprechen könnte. Ich war aber die einzige in der Klasse, zu der er das sagte, immer und immer wieder. Die meisten, die das sagen, meinen es natürlich freundlich. Aber es kommt anders an. Deutsch ist ja so gesehen meine Muttersprache. Da fühlt man sich manchmal schon verarscht.

Floss etwas von diesen Erfahrungen in den Roman hinein?

Schon ein bisschen. Dieser Alltagsrassismus lässt einen ja nicht los. Es ist dann dieses „Wir gegen sie“, eine Gruppenbildung, um gezielt Leute auszuschließen. Das findet man auch im Roman.

Im Gegensatz zu Fremdenfeindlichkeit ist Homophobie in „Blind“ seltener. Wie bewertest du das?

Also wenn jemand besonders homophob ist dann sind es die Stormcoast-Leute. An einer Stelle wird Jonas ja auch ziemlich offen von einem von ihnen deswegen angegangen. Tina, die Stormcoast-Freundin von Jonas, mag die Freundschaft zwar. Doch ihr ergeht es da wie Jonas mit der Xenophobie: Es steckt irgendwie in ihr, aber sie will es nicht. Die Stormcoastleute sind da aber tatsächlich die einzigen.

Ich denke mir, wenn man so ein riesiges Projekt wie die Besiedlung des Weltalls hat, kann es nicht sein, dass es da noch wichtig ist, wer mit wem ins Bett geht.

Was ist für dich die treibende Kraft hinter Rassismus innerhalb von Raumfahrtsgesellschaften? 

Schubladendenken ist so einfach! „Wir gegen die“ ist leider eine treibende Kraft“. Die Stormcoastleute etwa sind ziemlich lang isoliert gewesen. Untereinander trennen sie nur zwischen Zivilist und Militär, aber nicht zwischen irgendwelchen Kulturen. Für die war der Alien bisher der Feind und sie sehen auch nach wie vor gerne das Fremde in ihnen. Die Allianz im Gesamten dagegen versucht, auf Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zu gehen, auch wenn nicht alles gut ist. Die Allianz ist nicht die Föderation aus Star Trek. Die Allianz ist weniger utopisch als vielmehr ein großer Bürokratiehaufen, der versucht, es jedem recht zu machen.

Und wie sieht es mit Angst als treibende Kraft aus?

Annette Juretzki ZitatAngst vor dem UnbekanntenAngst hat man immer vor dem, was man nicht kennt. Man sieht es ja an Deutschland: Ausländerhass ist in jenen Gebieten am stärksten, in denen es die wenigsten Ausländer gibt. Und auch das spielt bei den Stormcoast mit: Sie sind relativ neu in der Allianz. Man handelt da eher vorurteilsbehaftet. Hätte Jonas einen Ghitaner damals als Schulfreund gehabt, sähe das schon wieder anders aus.

Kam die Idee, Fremdenfeindlichkeit zu thematisieren, schon vorab oder während des Schreibprozesses?

Mir war der Gegenpol wichtig: Obwohl wir anders sind, kommen wir trotzdem miteinander aus. Und um das zu zeigen, braucht es den Gegenentwurf.

Mit welchen drei Worten würdest du „Blind“ beschreiben?

Aliens, Weltall und pew-pew!

Und dein Lieblingssatz?

„Wer zuerst nackt ist, liegt oben!“


Annette Juretzki wurde 1984 in Polen geboren, ist in Niedersachsen aufgewachsen und nach einem ausgiebigen Schwenker Richtung Bremen letztlich in Osnabrück gelandet. Auf dieser Reise lernte sie nicht nur erfolgreich Lesen und Schreiben, sondern baute auch eine leidenschaftliche Hassliebe zu ihrem Computer auf und fand durchs Pen&Paper-Rollenspiel den Mann fürs Leben, der so hartgesotten ist, dass er tatsächlich jede ihrer Geschichten liest. Außerdem studierte sie Religionswissenschaften, denn so ein Diplom kann man immer mal gebrauchen. [Sehr hübscher Pressetext!]

Teil 2 der Sternenbrand-Dilogie „Blau“ ist bereits erschienen. Wer neugierig auf „Blind“ geworden ist, findet meine Rezension hier und/oder kann es bei Amazon bestellen.

Zu Annettes Website geht’s hier entlang!

Rassismus in der Literatur: Der stille Antagonist

Stärker als je zuvor in meinem überschaubaren Leben fühle ich mich von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eingekesselt. Wann immer ich die virtuellen Zeitungen aufschlage oder die Blicke und geflüsterten Worte zufälliger Passanten erhasche bin ich mittendrin in einer Welt, die mir zusehends Sorgen macht. Rassismus: Er ist allgegenwärtig in der Literatur. Gerade weil es solch ein aktuelles Thema ist – und vielleicht auch noch lange so bleiben wird – ist es eines, das ich selber auch in meinen Romanprojekten thematisiere. Welche Stolpersteine es gibt und wie ich persönlich zu dieser Thematik stehe lest ihr hier in meinem Beitrag zur Blogreihe „Phantastische Realität„, die von Meara Finnegan initiiert wurde.

Definition

Beim Rassismus handelt es sich um eine Ideologie, bei der man Menschen aufgrund ihrer gemeinsamen Abstammung kategorisiert und im Zuge dessen über sie urteilt. Sowohl körperliche, als auch kulturelle Merkmale wirken dabei ausgrenzend und definierend; der Phänotyp entscheidet hierbei darüber, welche Rasse höher- und welche niederwertig und daher zu diskriminieren ist.

Im Bereich der Fantasy ist darüber hinaus der Begriff des Speziesismus interessant: Hier ist es die Art, die über die moralische Diskriminierung entscheidet. Mitglieder einer Art definieren sich zum einen über ihre Fortpflanzungsfähigkeit, zum anderen, dass sie möglichst viele gemeinsame Merkmale innehaben. Bis heute wurde es noch nicht zufriedenstellend und endgültig definiert. So oder so: Dort, wo man von Diskriminierung zwischen bspw. Orks, Elfen, Drachen oder anderen Arten liest, handelt es sich meistens um Speziesismus.

Dennoch werde ich mich hier in diesem Artikel der Einfachheit halber auf den Begriff des Rassismus‘ beschränken.

Wo findet sich Rassismus in der Phantastischen Literatur?

Dass Fantasy rassistisch sei liest man immer mal wieder in einschlägigen Foren. Doch kann ein Genre für sich gesprochen rassistisch sein? Vielmehr sind es der Plot und Weltenbau, die nach der Thematik verlangen. Fiktive Figuren, die ihre Weltanschauung in diesen zweifelhaften Pfaden verankert haben. Das macht allerdings nicht das Genre oder gar den Autoren rassistisch, sondern lediglich Teile der Welt, in der man sich beim Lesen befindet. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Nicht selten rankt sich in der Fantasy alles um Kriege und Schlachten. Als Leser erwartet man schier, dass sich die verschiedenen Rassen und Arten nicht ganz grün sind. Der gegen Ende hin äußerst kameradschaftliche Zwist zwischen Gimli und Legolas etwa ist ein Produkt von gegenseitigen Vorurteilen und Diskriminierung. Dass er hier gut ausgeht: Geschenkt. Es wirkt fast liebenswert. In vielen anderen Geschichten und auch Rollenspielen jedoch wird es ernster thematisiert und gipfelt nicht selten in Mord und Totschlag.

Von kleinen Seitenhieben die jeweils andere Rasse und deren (angebliche) Eigenschaften betreffend bis zu handfesten Diskriminierungen findet man in vielen Genrebüchern etwas zu dieser Thematik. Meistens wird es jedoch nicht weiter aufgegriffen und dient dem Amüsement oder der Dramatik. Das jedoch finde ich schade.

In den Händen der Autoren

Wichtig finde ich hier anzumerken, dass den Rassen oftmals ganz klare Charaktereigenschaften zugeteilt werden, die als gegeben gelten. Zwerge sind trinkfest und rau, Elfen Baumkuschler, Französinnen hübsch und Deutsche pünktlich. Ich möchte fast wetten, dass die meisten von euch bei den ersten beiden Beispielen zustimmend genickt, bei den anderen beiden jedoch latent genervt die Augen verdreht haben. Und klar: Wir wissen, dass nicht jeder Deutsche oder jeder Türke gleich ist. Aber wir glauben gleichzeitig auch zu wissen, dass der Zwerg von Natur aus so oder so ist – weil in diesem Bereich selten mit Graustufen gearbeitet wird.

Wirft man einen Blick auf gleich eine andere Art, den Ork, wird der Unterschied noch deutlicher. Sicherlich gibt es mittlerweile einige Werke, in denen den Orks mehr Persönlichkeit zugesprochen wird. Dennoch ist es häufig noch immer Usus, dass die Rasse des Orks einen zu etwas Bösem macht. Das mag bei einer Kreatur wie einer solchen für uns nicht weiter tragisch sein – wo wir wieder beim (realen) Speziesmus wären. Doch weitet sich das vielerorts auch auf menschliche Rassen aus. Böse, menschliche Rassen. Macht einen die Rasse also gut oder böse? Hat man nicht die Wahl, gibt es nicht noch andere Faktoren? Natürlich handelt es sich um Extrembeispiele, doch eigene Projekte kritisch zu hinterfragen ist nie verkehrt.

Gerade die Anfänge der Fantasy zeigten klare Feindbilder auf. Monster und finstere Gesellen, gegen die sich die Helden zu wehren hatten. Um es einfacher zu gestalten wurden Gut und Böse stilisiert und auch optisch klar getrennt. Menschen gegen Orks. Weiße Abenteurer gegen schwarze Kannibalen.

Diese Trennung zeigt sich gerne auch im Optischen. Tolkiens Elben sind blond, groß, hellhäutig, blauäugig. Die Orks? Dunkel, wild, barbarisch. Dem Guten schließen sich die Hellen an, dem Bösen die Dunklen und asiatisch angehauchten. Stereotype, die sich stark vereinfacht auch in Disneyfilmen finden und immer wieder auch in der heutigen Literatur. Der dunkle Schwarzmagier. Die blonde Jungfrau.

Diese Stereotype kreieren natürlich keinen Rassismus. Sie reflektieren ihn. Und hier sind wir bei dem, dem ich kritisch gegenüber stehe.

Wir tragen Verantwortung

Eine kommentarlose Spiegelung realer Ereignisse oder althergebrachter Klischees reichen nicht aus. Abercrombie etwa hat eine antagonistische Rasse kreiert, die recht muslimisch daherkommt. Natürlich sind es die Bösen, die Bitterbösen, um genau zu sein. Er ist jedoch nur ein Beispiel unter vielen. Muslimisch angehauchte Völker des Südens, kannibalistische Schwarze, wilde Ureinwohner. Oft sind es die selben Stereotype, die immer und immer wiedergekäut werden und die fast Scheuklappen gegenüber anderen Möglichkeiten vermuten lassen. In einer Zeit, die ohnehin von Angst vor muslimischen Terror geprägt ist.

Die phantastische Welt ist eurozentrisch. Das europäische Mittelalter mit seinen weißen Figuren ist Standard. Der weiße Mensch ist Standard. Ist Rassismus Thema, dann meist gegenüber Schwarzen, Asiaten – den Anderen. Dabei ist jeder dort „der Andere“. Für uns als Leser, denn es handelt sich um fiktive Völker. Dennoch werden die Chancen nicht genutzt, vieles verpufft in den Weiten klassischer Fantasy. Ich vermisse Fantasy, in denen nicht die herkömmlichen Kulturen im Zentrum stehen. In denen vielleicht der Weiße diskriminiert wird. In dem Rassismus kritisch angesprochen oder gar wirklich thematisiert wird. Sei es direkt oder durch die Blume.

Es ist allzu einfach, bereits ausgetretene Pfade zu bewandern und sich auf die alten Klischees zu berufen. Aber es ist eine Einfachheit, die nicht sein muss. Jede Welt ist divers. Auch die fiktive.

Was tun?

Das Thema finde ich zu wichtig, als es eingestaubt zu lassen. Was wir nicht brauchen ist ein immer wiederkehrendes Spiegelbild unserer Zeit, das im schlimmsten Fall das „Feindbild“ nur noch bestärkt. Ich finde es wichtig, seine Völker und einzelnen Figuren reflektiert zu betrachten. Die im fiktiven Dialog gesagten Dinge kritisch zu hinterfragen und in eine Diskussion zu treten, wenn es das Thema verlangt.

Aber auch, dass man sich nicht auf ein Thema beschränkt. Rassismus ist nichts, was man thematisieren muss. Genauso wenig wie ich mir vorschreiben lassen möchte, welche Sexualität meine Figuren zu pflegen haben, möchte ich euch vorschreiben welche Hautfarbe eure haben sollen. Das wäre Quatsch. Nein, wofür ich plädiere ist ein allgemein bewusster Umgang mit der Materie. Wir schreiben eben nicht nur für den weißen Menschen und wir sind auch nicht in der Pflicht diskriminierende Klischees immer und immer wieder aufzuarbeiten.

Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen von euch zum Nachdenken anregen konnte und natürlich auch, dass ihr das nicht als Bibel versteht. Es bleibt noch immer, was es ist: Nur meine Meinung.