Plastikfolien-bei-Büchern

„Das jungfräuliche Buch“ – nicht ohne meine Folie!

Während es der Piper Verlag kürzlich angekündigt hat, ist es bei Hanser Literatur und den Ullstein Verlagen bereits im Gange: Viele der Hardcover werden ohne Folien ausgeliefert. Das bedeutet weniger Plastikmüll, aber auch schier verängstigte Kund*innen. Denn das Buch droht, angegrabbelt zu werden … [Hier bitte dramatische Musik einfügen. Danke.]

Die meisten Hardcover sind ohnehin bereits in Schutzumschläge gehüllt – doch dienen sie nurmehr der Zierde und nicht mehr dem eigentlichen Schutz. Richtig geschützt ist ein Buch schließlich erst dann, wenn es auch den widrigsten Stürmen mittels einer Plastikfolie gefeit ist.
Da sich an dieser Stelle der Zentralrat der unfolierten Taschenbücher empört zeigt, hier noch eine kleine Anmerkung: Auch Taschenbücher werden zuweilen in Folien gesteckt. Leider.

So viel Plastikmüll fällt übrigens in der Hamburger Buchhandlung Lüders wöchentlich an:

Anschaulich wird auch von Ullstein dargestellt, wie viel Plastik anfällt: Allein bei der Erstauflage von einem groß als „ohne Folie“ beworbenen Roman werden rund 4 Fußballfelder Einschweissfolie eingespart.

Mein Buch darf nicht angegrabbelt werden!

Es ist an sich also eine gute Sache, dass bei den Verlagen nun ein Umdenken stattfindet. Wenn da nicht all die garstigen Gegenargumente wären:

*“Bücher sehen ohne Folie so angegrabbelt aus!“
*“Die Remissionen werden ansteigen und das Müllproblem dadurch nur verlagert!“

Grob gesagt: Die Angst vor der Entjungferung des reinen Buches ist groß. Angst vor angedellten Stellen (die auch durch Folien nicht verhindert werden können), Kratzern, Schandflecken. Das Buch, so der geneigte Bücherfreund, soll makellos sein. Die Buchhandlung scheint in den Köpfen dann zu einem Wühltisch des Chaos‘ zu verkommen, in dem Bücher zerfetzt, mit Schokoladenfingern angegrapscht und in den Höllenschlund geworfen werden. Man könnte auch zusammenfassend unken, dass es gar nicht um den Inhalt ginge, sondern nur um die schnöde Hülle.

Würden wir nicht jede kleinste Macke, jede Andeutung fremder Finger konsequent ablehnen, würde das Müllproblem durch den Wegfall der Folien nicht verlagert werden.
Ich für mich verstehe den Wunsch nach dem äußerlich perfekten Buch nicht – man nimmt es nach dem Kauf ohnehin in die Hand und – huch! – benutzt es. Man liest. Den Inhalt. Nicht den Umschlag. Der verschwindet am Ende ohnehin meistens im Buchregal und was dem Auge bleibt, ist der Rücken.

WIR als Leser*innen müssen umdenken

Der Schriftsteller und Verleger (Traumtänzer-Verlag) Lysander Schretzlmeier findet dazu klare Worte: „(…) Das Umdenken muss schon beim Leser, beim Käufer, anfangen. Manche – um nicht zu sagen, die meisten – Leute beschweren sich wegen jeder noch so kleinen Macke, die ein neues Produkt, in unserem Fall ein neues Buch, hat. Das Resultat ist, dass alles säuberlich und am besten mehrfach in Folie geschweißt wird, damit das Produkt ja nicht verletzt wird.

Ich habe einen kleinen Verlag und hasse Plastik. Anfangs habe ich die Bücher nicht einschweißen lassen. Mittlerweile mache ich es unbedingt. Selbst wenn ich super vorsichtig mit ihnen umgehe – die Post, die Zwischenhändler, die ganzen Stationen, die das Buch durchläuft, ehe es in seinem neuen Zuhause landet – die Wahrscheinlichkeit, dass es auf der langen Reise und beim vielen Herumgepacke irgendwann einen Kratzer abbekommt, ist vorhanden. Und dann ist das Geschrei vonseiten manchen LESERS groß! HIER muss man als Mensch, der etwas gegen die massive Umweltbelastung tun will, umdenken. Lieber habe ich doch ein Buch mit einem Kratzer als die Weltmeere voller Plastik! Aber solange das ein beträchtlicher Teil der Konsumenten – von allen Produkten, nicht nur Büchern – nicht so sieht, wird es so weitergehen …

Makellosigkeit > Müllvermeidung?

Die Frage, die sich uns stellen sollte, ist doch die: Weshalb ist uns ein perfekter Umschlag wichtiger als Müllvermeidung? Selbst wenn man nicht in jedem anderen Gebiet Müllvermeidung anstrebt, wäre es doch hier so simpel. Jeder kleine Schritt wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich persönlich finde es großartig, dass nun immer mehr Verlage versuchen, Folien zu vermeiden. Hoffentlich wird es bald vermehrt der Fall sein – und die Leser*innen es verzeihen.

Wie steht ihr dazu? Folie oder #ohnefolie?