Lieblingsbücher

5 Lieblingsbücher

Da auf Twitter gerade #ZeigtHerEureLieblingsbücher herumgeistert, dachte ich: Ach, machste einfach mal mit! Viel Nostalgie ist dabei, viele Bücher und Zeilen, mit denen ich viel Schönes verbinde. Auch wird man wieder einmal feststellen, dass ich Wölfen stets sehr zugeneigt war – damn, es gibt aber auch phantastische Bücher mit wölfischen Protagonisten! So, without further ado:

Wolfsaga

Ein Rudel lebt friedlich in seinem Tal. Eines Tages hört man von einem „Rudel Zahllos“ – ein Rudel, das, angeführt von Shogar Khan, alle anderen unterwirft um zusammen ein unfassbar riesiges, alles andere vernichtende Rudel zu kreieren. Gier nach Macht trifft auf das Vertrauen auf alte, soziale Werte.

Was auf mich zunächst durch den „Führer“ Schogar Khan wie ein Vergleich mit dem Naziregime wirkte, kristallisiert sich als Parabel heraus, die sich auf das gesamte Miteinander und die Menschen bezieht. Diese werden nicht explizit genannt sondern treten als stilisierte Gestalten in den Alpträumen Shirikis, eines Wolfes des zuerst genannten Rudels, auf. Insgesamt kann man das Rudel Zahllos als Metapher verstehen; es steht für den Menschen. Deshalb ist der Mensch als eigener Charakter in diesem Roman auch überflüssig.

Recheis verknüpft die Natur, die tierische Sichtweise gekonnt mit der des Menschen, wobei sie die Wölfe emotional und gedanklich stark vermenschlicht, ohne es grotesk aussehen zu lassen.

Verlag: dtv | Genre: Abenteuer | Autorin: Käthe Recheis | Amazonlink

Krieg und Frieden

Sehr platt gesagt handelt es sich bei Krieg und Frieden um das russische Game of Thrones des 19. Jahrhunderts.Im historischen Kontext napoleanischer Zeit treten schier unendlich viele Protagonisten vornehmlich der russischen Oberschicht auf, die im Ränkespiel zwischen den antagonistischen Kräften Krieg und Frieden wandeln.

Der Roman ist sehr komplex, dabei unglaublich interessant und mit lebendigen Figuren gespickt, die die epische Erzählung von über 1,5k Wörtern abrunden und dabei auch nicht philosophische Annäherungen auslassen.

Mittlerweile gibt es etliche Verfilmungen und Hörspiele zu diesem Stoff, an die ich mich jedoch noch nicht wirklich herangetraut habe. Lieber setze ich mich jetzt noch einmal an dieses gewaltige Werk – beim ersten Lesen verpasst man och noch so einiges!

Verlag: diverse | Genre: Historischer Roman | Autor: Leo Tolsto | Amazonlink

Herrin der Wölfe 

„Die Herrin der Wölfe“ bildet den Start der Pentalogie rund um die Heilerin Dione, die nicht nur telepathischen Kontakt mit dem Wolf Gray Hishn aufnehmen kann, sondern in deren Händen auch das Schicksal der gesamten Welt liegt.

Was derart auf seine wichtigen Punkte heruntergebrochen klingt wie ein 08/15 Weltenretter-Fantasyschinken, besitzt doch deutlich mehr Tiefe und Individualität. Der Fokus liegt auf den Charakteren, die alle ihr eigenes Päckchen zu tragen haben ohne dabei in die „Eltern von Orks gefressen“-Vergangenheitsfalle getappt zu sein. Die gezeigte Welt ist rau und staubig, bietet Sklavenhändlern ebenso viel Raum wie der dezent und daher natürlich wirkenden, fantastischen Flora und Fauna.

Es war mit der erste Low Fantasyroman, den ich je gelesen habe und er hat mich auch aufgrund der klaren, modernen Sprache abgeholt. Er verknüpft Fantasy mit Abenteuer und führt Charaktere zusammen, die nicht in tiefste Klischeesümpfe versinken müssen, um interessant zu sein. Und es ist erfrischend blutig, ohne dabei Seen aus Gedärm zu zeigen.

Verlag: Goldmann | Genre: Low Fantasy | Autorin: Tara K. Harper | Amazonlink

Fürst der Wölfe

Hier ist der Name Programm: Fokus liegt tatsächlich auf Wölfen, genauer dem „Fürst“ der Wölfe, Athaba. Dessen Leben begleitet man von Beginn an, erlebt ihn als Welpen inmitten des Wurfes an putzigen Fellknäueln. Als Wolf unter vielen im Rudel scheint es ihm nicht unbedingt bestimmt, Leitwolf zu werden – und zunächst ein Unfall, wenig später ein Mensch reisst ihn völlig aus dem Rudel heraus. Er wird eingesperrt und per Luftpost irgendwohin gebracht – doch das kleine Flugzeug stürzt ab, Athaba und ein Mensch sind die einzigen Überlebenden. Während sich Athaba aufmacht, sein Rudel zu suchen, schließt sich ihm der Mensch an und es beginnt ein spannender Abenteuerroman, der zur Abwechslung mal nicht aus des Menschen Sicht erzählt wird.

Kilworth ist für mich der König der „tierischen“ Romane. Ob aus Sicht von Wieseln, Mäusen oder Wölfen, ihm gelingt es stets, die richtigen Worte zu finden ohne dabei albern oder kindlich zu wirken. „Der Fürst der Wölfe“ ist nicht nur aus naheliegendem Grund – der Wolf steht im Mittelpunkt – mein Liebling, sondern auch, weil er meiner Meinung nach am besten geschrieben wurde. Man muss keine Fantasy mögen, um dieses Buch schätzen zu können.

Verlag: Blanvalet | Genre: Abenteuer | Autor: Garry Kilworth | Amazonlink

Ronja Räubertochter

Ronja Räubertochter füge ich nur der Vollständigkeit halber ein, denn tatsächlich bräuchte ich es hier an dieser Stelle nicht zu erläutern. Ronja Räubertochter habe ich irgendwann, ich muss 5 gewesen sein, zu Ostern geschenkt bekommen. Damals habe ich noch in Belgien gelebt. Auf jeden Fall avancierte es quasi über Nacht zu meinem absoluten Lieblingsbuch. Mit Recht. Natürlich.

Astrid Lindgren hat es geschafft, einen Fantasyroman für Kinder und Jugendliche zu verfassen, der die Leserschaft und deren Fantasie ungaublich ernst nimmt und dabei doch nicht das Zauberhafte vermissen lässt. Ronja Räubertochter war mein erster, wirklicher Einstieg in die Fantasy und ich bin Frau Lindgren wirklich dankbar für die wunderbare Darstellung der Wesen, der Familienbande und nicht zuletzt der weiblichen Heldin, mit der ich mich damals wirklich identifizieren konnte.

Verlag: Oetinger | Genre: Fantasy | Autor: Astrid Lindgren | Amazonlink

Header by: unsplash-logoJaredd Craig
Bücher für Gamer*innen

7 lesenswerte Bücher für Gamer:innen

Viele tun es regelmäßig und mit ausdauernder Leidenschaft. Morgens, abends, nachts, ja manchmal sogar in öffentlichen Verkehrsmitteln! Die Rede ist, wie es der Titel fast vermuten lässt, natürlich vom Lesen. Das Genre ist dabei nicht festgelegt, kann der:die gemeine Gamer:in ganz nach Fasson doch sowohl nach Fantasy, als auch Romantikliteratur und mehr greifen. Hier möchte ich euch aber nun derer sechs Titel vorstellen, die Gaming und geschriebenes Wort wunderbar miteinander verbinden.

Wenn ihr weitere Beispiele habt – gerne her damit! Außerdem: Findet hier eine Liste der Romane, die als Vorlagen für Videospielen dienten. Passt ja ein wenig zusammen.

Fiktion

Constantin Gillies – „Extraleben“

Zwei Mittdreißiger nerden sich nicht nur gegenseitig zu, sondern finden eines schönen Tages auch noch eine versteckte, nach Verschwörungstheorie duftende Botschaft inmitten eines alten C64-Spiels. Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden hüpfen vergnügt in einen Oldtimer und wagen auf der Suche nach weiteren Hinweisen eine heiße Schnitzeljagd quer durch die Weltgeschichte und insbesondere die USA.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht der Roadtrip an sich, sondern die gedankliche Zeitreise in die Anfänge der Videospielzeit. Nostalgiegefühl dringt durch jede Pore der Seiten, wenn sich die beiden die Dialogklinke in die Hand geben und über die alten Gerätschaften fachsimpeln dass man am Ende fast meint, selber einen C64 auseinander nehmen zu können.

Mancheiner wird für diesen Nostalgietrip vielleicht zu jung sein – für jeden früher als 1990 Geborenen könnte der Griff zu diesem Buch aber ein warmes Glücksgefühl im Konsolendaumen hervorrufen.

Unterhaltung: ♦♦♦♦
Anspruch: ♣♣

Austin Grossman – „You“

Weniger fidel geht es in diesem knapp betitelten Buch zu. Protagonist Russel wuchs zu Zeiten der ersten Homecomputer auf. Damals, als Pong noch neu und jeder Mausklick aufregend war, zockte und nerdete er mit vier Freunden Tag für Tag derart enthusiastsich, dass er mit ihnen den ersten Grundstein für eine Videospielfirma legte: Black Arts. Doch diese Zeit jugendlicher Frohlockung war einmal. Nun steht Russel, mittlerweile um die 40, vor den Toren eben jener Firma um dort bei seinen ehemaligen Freunden anzuheuern. Jetzt ist zwar die Firma groß, ihr Spiel „Realms of Gold“ erfolgreich, doch die alten Freunde wirken fremd und auch innerhalb der Spielestätte ist nicht alles so glorreich, wie es scheint.

Durch viele Rückblenden gewürzt erfahren wir durch Russel das Auf und Ab seines Lebens, tauchen ein in eine Welt jungen Spieldesigns und Freundschaft. Der eigene Spieleavatar wirkt greifbar, ein Gefühl, das Russel kaum in Worte fassen und so mancher Gamer doch gut verstehen kann. Es ist eine Reise zur Erschaffung eines Mythos, in nachdenkliche Worte gekleidet, die doch auch die freudenstrahlende Passion immer wieder aufblitzen lassen.

Unterhaltung: ♦♦♦
Anspruch: ♣♣♣

Ernest Cline – „Ready Player One“

Wir schreiben das Jahr 2044. Wieder einmal hat es das Leben, wie wir es kennen, dahingerafft und Platz für primär eine neue Welt gegeben: Der virtuellen. Diese nennt sich wohlklingenderweise OASIS und wird von den Menschen sowohl für Freizeit, als auch Arbeit genutzt. Als dessen Erfinder stirbt, hinterlässt er nicht nur ein unfassbares Vermögen – sondern auch eine Art virtuelle Schnitzeljagd , deren Ziel sein Kontoguthaben ist. Doch wo fängt die wilde Jagd an? Wo sind all die Hinweise verborgen? Und wo verdammt ist denn nun dieses easterigste aller eggs?!

In einer für Dystopien sehr ungewöhnlichen, unterhaltsam-lockeren Art folgen wir dem Jungen Wade, der als einer der ersten eine heiße Spur aufnimmt und uns mit auf eine abenteuerliche Reise durch bunte Pixel, 80er Jahre Shizzle und erfreulich viel Nerdtum nimmt. Wer hier nicht alle paar Minuten über eine Referenz seufzt oder schmunzelt, ist wohl auch nicht mehr zu helfen.

Unterhaltung: ♦♦♦♦♦
Anspruch: ♣♣


Non-Fiktion

Jane McGonigal – „Besser als die Wirklichkeit!: Warum wir von Computerspielen profitieren und wie sie die Welt verändern“

Besser als die WIrklichkeit - Cover

Wie genau definiert sich das eigentlich: „Spiel“? Warum spielt sich ein Tetris auch nach unendlich vielen Versuchen noch so reizvoll? Und sind Videospiele wirklich so schlimm wie ihr Ruf?

In dieser äußerst interessanten Symbiose aus Psychologie und Videospielfakten wagt McGonigal einen positiven Blick in die Welt des Gamings. Auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fundierend, erklärt sie nicht nur wortgewandt, was so viele Menschen an Konsolen und PCs fesselt, sondern auch, wie man die diversen Spielprinzipien auf das reale Leben übertragen und was man auch als Arbeitgeber von ihnen lernen könnte.

Ich selber hatte beim Lesen einige Aha-Momente und wurde trotz seiner wissenschaftlichen Basis wunderbar unterhalten.

Unterhaltung: ♦♦♦
Anspruch: ♣♣♣♣

David Sheff – „Nintendo, ‚Gameboy’“

Nintendo - Cover

Hinter diesem doch recht drögen Titel verbirgt sich die spannende und nicht immer gesetzlich einwandfreie Reise Nintendos von seinen ersten Anfängen als Spielkartenproduzent bis zum aktuellen Hype um – Gameboy und SNES. Denn, ja, das Buch stammt aus den frühen 90ern. In Internetzeitrechnung ist das Werk also bereits ausgestorben.

Das allerdings soll kein Hindernis sein. Ganz im Gegenteil ist sein Blick auf die Ursprünge aus heutiger Sicht frischer; eine Zeitreise auf bedruckten Seiten, die ihresgleichen sucht. Gerade für diejenigen, die gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen, sei dieses Buch wärmstens empfohlen, setzt es den Fokus doch auf die Business-Seite des japanischen Unternehmens.

Ein besonderes Schmankerl bilden die letzten Kapitel. Diese beschäftigen sich mit Nintendos Zukunftsplänen. Wohlgemerkt aus Sicht der 90er. Aus heutiger Sicht ist dies dezent amüsant zu lesen, kam doch manches dezent anders als gedacht.

Unterhaltung: ♦♦
Anspruch: ♣♣♣♣

Jordan Mechner – „The Making of Prince of Persia: Journals 1985 – 1993

Prince of Persia - Cover

Wer schon immer gerne in fremden Tagebüchern herumgeschnüffelt hat wird an diesem Werk wohl seine helle Freude finden. Doch auch für Leser mit weniger zweifelhaften Hobbys wird diese Lektüre ein kleines Nerdfest sein. Bei diesem Titel befinden wir uns in den Tagebucheinträgen Jordan Mechners, besser bekannt als Mastermind hinter dem Klassiker Prince of Persia. Man schaut ihm bei seinen ersten Gehversuchen als Gamedesigner über die Schulter, trocknet seine imaginären Tränchen bei ersten Misserfolgen und wohnt letrztlich doch noch beim bekannten Erfolg bei.

Dabei tänzelt Mechner auf unterhaltsame Weise zwischen Informationen und kurzweiligen Anekdoten hin und her. Die Tagebuchform lockert das Lesen auf, bietet abwechslungsreiche Abschnitte. Vermutlich war man selten näher an der Entstehung eines Spiels dran wie bei diesem Making Of.

Unterhaltung: ♦♦♦♦
Anspruch: ♣♣♣

Matt Barton – Dungeons and Desktops: The History of Computer Role-Playing Games

Dungeons and Desktops - Cover

Für mich als alte Rollenspielhäsin sowohl im P&P, als auch im Videospielbereich ist solch eine Übersicht über die digitalen Rollenspiele natürlich eine kleine Schatztruhe. Barton führt auf satten 451 Seiten so ziemlich jedes halbwegs wichtige CRPG von Beginn an bis 2008 auf und lässt dem geneigten Leser dabei das ein oder andere „Hach“ entweichen. Dabei erhält man Informationen beispielsweise über die Wichtigkeit bestimmter Spiele für das Genre, wann welches Feature zuerst aufgetreten ist und wie sich einzelne Spiele im Markt behauptet haben.

Diese Historie der Computerrollenspiele ist nicht vollständig. Dennoch sind auch hier Geheimtipps zu finden und man erhält einen detaillierten Überblick, der seinesgleichen sucht. Der fällt recht trocken aus, Humor oder eine ausführliche Darstellung seiner eigenen Meinung sucht man vergebens. Einem Rollenspielnerd jedoch würde ich es definitiv empfehlen.

Unterhaltung: ♦♦
Anspruch: ♣♣

5 Fantasy Romantasy

5 romantische Fantasy-Romane, die auch das härteste Herz erweichen können

Romance: Das Genre, in dem sich die holde Maid schmachtend in die Arme des barbusigen Helden schmiegt und Schlachten und Schmachten die rosige Essenz bilden. Ob diese Romanze nun den ganzen Plot einnimmt oder nur einzelne Passagen ist unerheblich, denn was Liebe beinhaltet, kann nur einseitiges Autorenhandwerk bedeuten! Außerdem ist es Frauenkram und als solcher – Halt, stop, jetzt reden die Bücher!

Also, gut, eigentlich rede ich hier. Vielleicht werden die Bücher in einem zukünftigen Artikel für sich sprechen. Hier nun möchte ich euch derer 5 Romane phantastischer Autorinnen (Wie? Da ist auch ein männlicher Autor dabei?! Naja, der ist mitgemeint.) vorstellen, die definitiv lesenswert sind. Obwohl sie – Oh Schreck! – Liebesgeschichten beinhalten. (Zum Thema „Frauenkram ist generell kacke“ an anderer Stelle.)

Lynn Flewelling – „Die Schattengilde“

Als der junge Jäger Alec zwar ungerechtfertigt, dafür jedoch umso vehementer in den Kerker geworfen wird, wähnt er sein Schicksal schon besiegelt. Zum Glück für ihn wird nur wenig später ein Gaukler zu ihm in die Zelle geworfen, der sich als letzte Rettung entpuppt. Doch nicht nur das: Er ist weitaus mehr als nur ein Geck und selbst ihn nur Spion, Schurke oder Dieb zu nennen wäre der Beschreibung zu wenig. Dieser Mann vieler Gesichter nimmt Alec erst als Schützling, dann als Schüler und später auch als Liebhaber auf. Das ganze natürlich während sich um die beiden ein komplizierter politischer Sturm zusammenbraut, den es auch noch irgendwie abzuwehren gilt.

Die Romanze innerhalb dieser Reihe nimmt zwar zunächst nur einen kleinen Teil ein, dafür wird sie jedoch umso feinfühliger gewebt. Die Gefühle entwickeln sich langsam, authentisch. Obwohl für den größtenteils in den Wäldern aufgewachsenen Alec die Liebe zwischen zwei Männern Neuland ist, ist sie innerhalb der Gesellschaft doch als gleichwertige Beziehungs- und Erotikform akzeptiert. Das ist gerade zu der Zeit Ende der 90er, in der die Bücher geschrieben wurden, erfrischend.

William Goldman – „Die Brautprinzessin“

Ähnlich wie das nicht minder empfehlenswerte Erwachsenen-Märchen „Der Sternenwanderer“ von Neil Gaiman ist auch Goldmans Brautprinzessin den meisten eher durch die Verfilmung bekannt. Im Zentrum steht der Stalljunge Westley, der sich in die schöne Butterblume verliebt und auszieht, um ihr zu bestmöglichem Leben zu verhelfen. Zurück kommt er allerdings nicht, scheinbar dahingerafft von dem bitterlichen Piraten Roberts. Während Butterblume eines schnöden Tages anderweitig verheiratet werden soll, stürmt ein ominöser, schwarzgekleideter Scherge aufs Spielfeld – und der Kampf um die wahre Liebe kann beginnen.

Eingebettet in einen Plot, in dem ein Großvater seinem Enkel das eigentliche Märchen vorliest, zeigt sich Die Brautprinzessin unheimlich unterhaltsam. Mit Ironie gespickt, fühlt der Leser sowohl Herz, als auch Schmerz und fiebert richtiggehend mit. Es ist eine Geschichte voller überraschender Wendungen und einer Liebe, die so herrlich süß ist, dass man seine Wohnung spontan rosa streichen möchte. Und das im allerbesten Sinne. Selten habe ich so sehr über die „wahre Liebe“ fabuliert bekommen wie in dieser Geschichte, ohne davon Karies zu kriegen. Chapeau!

Colette Moody – „The Sublime and Spirited Voyage of Original Sin“

Wer des Englischen mächtig ist und zu einem aufregenden Piratenabenteuer mit nur latent historischem Einschlag greifen möchte, dem sei dieses Werk von Colette Moody ans Herz gelegt. Hier schreiben wir das Jahr 1702 und Piratentochter Gayle Malvern übernimmt nach einer Verletzung ihres Vaters dessen Schiff, die Original Sin. Um die Verwundeten des vorangegangenen Kampfes zu versorgen, klaut sie einer Stadt kurzerhand ihren Arzt. Ungünstg nur, dass sie nicht den Arzt, sondern stattdessen seine Frau, die Näherin Celia erwischt. Oder sagen wir besser: Zum Glück, denn zwischen Gayle und Celia entspinnt sich mehr als nur ein Kidnap-Verhältnis.

Nein, historisch korrekt geht es hierbei nicht zu. Das Piratensetting ist derart stark romantisiert, dass man sich der Mannschaft nur zu gerne selber anschließen möchte. Ein Abenteuer jagt das nächste, Säbelduelle sind fast an der Tagesordnung und über allem weht die frische, salzige Brise piratesker Unterhaltung. Ineinander finden Gayle und Celia nicht nur Liebe, sondern auch Hoffnung, ihre Romanze ist frisch, nur dezent tragisch und auf alle Fälle sehr unterhaltend. Hier werfen sich die Frauen nicht starken Männern an die Brust, sondern starken Frauen.

Maria V. Snyder – „Die Yelena-Reihe“

Yelena hat Glück im Unglück: Kurz vor ihrer Hinrichtung nimmt sie das Angebot an, Vorkosterin des Kommandanten von Ixia zu werden und gegebenenfalls für ihn zu sterben. Doch damit nicht genug: Sicherheitschef Valek will ganz sicher gehen und mischt ihr daher Schmetterlingsstaub in jedes Essen. Und der wird sie vergiften, wenn sie nicht täglich das Gegenmittel von ihm erhält. Eine Flucht scheint daher aussichtslos und das, wo sie bald fliehen muss – denn sie beginnt, Magie zu entwickeln. Und die ist, natürlich, verboten. Dass sie sich ausgerechnet in Valek verliebt, ist in dieser Liste an Romance-Büchern obligatorisch und Stoff für schön tragische Subplots.

„1.000 Ways To Die“ könnte der Alternativtitel lauten, da sich die Protagonistin stets ihrem baldigen Ende entgegen zu neigen scheint. Die Geschichte ist rund, spannend und birgt so manchen Wendepunkt. Eine gute Basis für die Liebesgeschichte, die sich im ersten Band beginnt, zu entfalten. Natürlich handelt es sich bei den beiden Turteltäubchen jeweils um verkappte Mary Sues. Das sollte man verzeihen können, sonst ist der Griff zu diesen Büchern nervenaufreibend. Valek ist ein Mary-Stu wie er im Buche steht: Herausragend gut aussehend, der vielleicht beste Kämpfer weit und breit und hach, was hat er doch für tolle Äuglein. Ihr merkt es schon: Yelena ist eher etwas für die männerliebende Leserschaft. Schmacht. Wenn man sich darauf einlassen kann ist es eine verdammt gute Wahl in Sachen Romantasy!

Lynn Raven – „Der Kuss des Kjer“

Heilerin Lijanas wird von Mordan, Kriegsherr der ebenso behaarten wie brutalen Kjer, entführt und denkt folgerichtig nur noch an die Flucht. Zumindest die ersten Tage und Wochen lang. Dann nämlich beginnt sie zu ahnen, dass unter dem harten Kern Mordans ein weicher, verletzlicher Kern steckt, der im scharfen Kontrast zu seinen Taten zu stehen scheint. Mehr und mehr fühlt sie sich zu ihm hingezogen und schafft es, tiefer zu blicken. Das klingt kitschig und erfüllt auf den ersten Blick gleich mehrere, altbackene und zum Teil problematische Tropes – was mich hadern ließ, diesen Roman hier aufzuführen. Dem Thema werde ich uU. noch einen eigenen Artikel widmen müssen. Aber die Beziehung klingt toxischer als sie tatsächlich ist.

Autorin Raven schafft es, sich geschickt zwischen aufkeimender Liebesbande, schnurrendem Bestien-Klischee und dem tatsächlich noch vorhandenem Plot entlangzuhangeln und einen in die Geschichte hineinzusaugen. Die Beziehung zwischen den beiden Protagonist*innen wird nachvollziehbar aufgebaut und präsentiert sich fern des Stockholm-Syndroms. Zudem ist der tatsächliche Romantikanteil angenehm dezent. Gewürzt wird die Romanze durch zwei rivalisierende Völker, ein kriegerischer Zwist und einen Antagonisten, dessen menschliche Abgründe zur Abwechslung einmal mehr das Individuum, denn die ganze Welt betreffen.

TW: Rape (eines Mannes)


Header: unsplash-logoSharon McCutcheon
Header Wie man Frauen schreibt

Wie man Frauen schreibt

Generationen an Autoren haben sich die Zähne an ihren weiblichen Figuren ausgebissen. Selten wortwörtlich, freilich, denn wer beisst schon freiwillig in sein Manuskript? Damit ihr fortan weder unkontrolliert beissen, noch schwitzen müsst, habe ich hier den ultimativen Guide zum Schreiben weiblicher Figuren vorbereitet!

Frauen sind seltsam. Alle. Wie fremde, giftige Pflanzen dringen sie in das vertraute Territorium des starken Mannes ein und verbreiten pinkes Unheil und Chaos. Sie zu verstehen ist dem Mann von damals wie heute fast unmöglich. Logisch, sind sie doch eine eigene Spezies, ihre Taten irrational und verrückt. Halten wir uns also lieber an folgende Grundregeln:

Frauen sind wie Männer – nur ganz anders

Fast könnte man meinen, dass Frauen ganz normale Menschen mit ganz normalen Hobbies und ganz normalen Ansichten und Gefühlen sind. Das ist jedoch stark vereinfacht und sogar verharmlost. Es suggeriert, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und man sich nicht in „Naja, is‘ halt ne Frau, nech, was will sie hier?“-Reden flüchten kann.

Hobbies, die zu Frauen passen:

  • Hausarbeit
  • Handarbeiten: Nähen, Stricken, Basteln
  • Filme. Obacht: Nur den folgenden Genres zugehörig: Romance, Paranormal Romance, Romance-Romance
  • Schreiben: Gedichte, seichte Kost
  • Träumen; Fantasieren, Traumschlösser bauen, mit Vögeln singen
  • Frauenabende: Gegenseitig schminken, Sekt schlürfen, Romance gucken, Gesichtsmasken

Um es etwas diverser zu gestalten – denn wie wir gelernt haben, ist Diversität sehr wichtig – kann man von oben Genanntem abweichen, indem man einer Frau typisch männliche Hobbies verleiht. Aber: derer nicht zu viele. Sie müssen mit Bedacht eingesetzt werden, damit die Figur nicht plötzlich mit einem Mann verwechselt wird.

BonusWissen: Je weniger weibliche Attribute eine Frau erhält, desto cooler wird sie. Ist eine Frau natürlich zu cool, wird sie zu unweiblich. Frauen sind einfach nicht cool. Und auch nicht witzig, aber das setze ich mal als gegebenes Wissen voraus.

Bonus-Wissen #2: Weibliche Wut ist nicht nachvollziehbar, sondern grundsätzlich verrückt.

Stärke

Stärke ist wichtig. Starke Protagonistinnen liegen voll im Trend. Die gute Nachricht: Es ist so einfach, sie so schreiben! Man braucht derer nur drei Zutaten:

  • Eine Knarre. Knarren sind stark. In einem phantastischen Setting tut es auch ein Schwert.
  • Vergewaltigungen. Vergewaltigungen machen stark. So stark. Zum Glück hat sie Schlimmes erlebt, sonst wäre sie noch immer ganz zart.
  • Männlichkeit. Männer sind toll, Männer sind stark, Männer sind gigantisch! Um eine Frau stark sein zu lassen, braucht sie also männlich gelesene Attribute, Logisch. Das ist ein Level-Up.

Motivation

Frauen wollen von Männern beachtet werden, woraus sich ihre Motivation ergibt.
Beispiele:

  • Welten vor Unheil retten? Wenn sie dadurch den Prinzen zum Mann nehmen darf
  • Karriere: Wenn sie später 50 Jahre Mutterzeit nehmen kann
  • Sich weiterentwickeln? Wenn es bedeutet, dass sie ihr Aussehen für das männliche Auge optimiert
  • Rache: Wenn ihr Mann von einer anderen Frau hinterrücks gestohlen wurde (Verrückt!)

Frauen wollen gefallen und gefällig sein. Nur durch den Traummann und Kinder wird eine Frau erfüllt.

Boobies!

Eine Frau wird erst durch Brüste zur Frau. Frauen ohne Brüste oder gar ohne Vagina? Um das zu verstehen müsste man ja nachdenken! Nein, bleiben wir lieber im Mittelalter. Ist ja auch einfacher zu schreiben. Wenn man die Recherche außen vor lässt.

Brüste also. Beschreibt sie. Groß und ausführlich. Frauen spüren sie beim Gehen, sehen sie beim flüchtigen Spiegelblick, denken jede Minute an sie. Woher soll der Leser auch wissen, dass sie Brüste hat, wenn man sie nicht erwähnt?!? Die besten Vergleiche ergeben sich aus Früchten. Die sind ja schließlich auch großartig. Melonen, knackige Äpfel, bloß keine garstigen Orangen. Die haben nicht die gewünschte Oberfläche. Weich und glatt sollen sie sein!

Vergesst auch nicht, Frauen entsprechend zu kleiden. Auf High Heels lässt es sich hervorragend laufen und verfolgen, Nagellack trocknet innerhalb von Nanosekunden und Lippenstift verschmiert auch bei den wildesten Küssen nicht. Beine und Achseln sind bei der Frau von heute von Natur aus haarlos und insbesondere die Frau aus der Fantasywelt hat sich auf langen Reisen nicht darum oder um handelsübliche Hygiene zu sorgen. Zur Not macht es auch der eilig herbeigezauberte Spruch. Ist ja Fantasy.

Männerrunde

Das fertige Produkt kann dann in der heimeligen Männerrunde besprochen und die weibliche Figur auf ihre Perfektion hin untersucht werden. Testleserinnen sind dabei unerheblich, denn Männer wissen ohnehin alles besser. Selbst wie man Frauen richtig schreibt. Schließlich sehen nur Männer Frauen von außen, Frauen sind befangen und, natürlich verrückt. Es sei denn, es handelt sich um die eigene Protagonistin. Die ist perfekt von der splissbefreiten Haarspitze bis zur weichen Fußsohle.

Gratuliere. Du bist bereit. Bitteschön. Vergiss nicht, dich von deinen Kollegen feiern zu lassen, eine total starke Protagonistin zu haben.

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Ich kann keine Geschichte erzählen, die nicht die meine ist

Ganze 359 Seiten misst „Das Flüstern der Verstoßenen.“ Es hatte mein erster Roman werden sollen. Tage, Wochen, Monate – ach, Jahre habe ich mit dem Plotten und Schreiben verbracht. Doch längst fühlt sich die Geschichte nicht mehr richtig für mich an. Es ist einfach nicht mehr meine.

Ganz fertig ist sie ohnehin nicht. Es fehlen ein paar Szenen und zusammengeflickt werden müssten die Kapitel auch noch. Trotzdem: Über Jahre war die Geschichte mein kleines Baby, mein erstes, richtiges Schreibprojekt. Manche von euch können sich vielleicht auch noch an den ein oder anderen kleinen Blogbeitrag erinnern.

Erzählen wollte ich eine Geschichte über die (weggenommene) Freiheit des Menschen, über Rassismus, über Fremdenfeindlichkeit und Hass. Ich hatte damals – völlig blinderweise – den Eindruck, dass es so etwas nicht geben würde. Nicht, dass ich mich besonders innovativ gefühlt hätte – ich hatte einfach den Eindruck, dass es solche Romane mit POC-Protagonisten und derartigen Themen innerhalb des Genres Fantasy nicht geben würde und ich wollte damit zur Diversität beitragen. (Wobei natürlich dahingestellt ist, ob es überhaupt hätte veröffentlicht werden können. Hust hust.)

Aber zum Glück wurde dieser Eindruck von Dutzenden Romanen zertrampelt. Octavia E. Butler, N. K. Jemisin und Nnedi Okorafor sind nur die zur Zeit vielleicht populärsten Gesichter unter vielen. Unglaublich großartige Romane sind in den letzten Jahren (und Jahrzehnten) von diesen Frauen – und natürlich auch Männern – erschaffen worden. Das, was ich hatte erzählen wollen, ist unter ihrer Feder besser aufgehoben und es wäre anmaßend, diese Feder mit Gewalt an mich reissen zu wollen.

So ist „Das Flüstern der Verstoßenen“ mein erster ernster Schreibversuch, bei dem ich viel gelernt habe. Über das Schreiben, über mich und über die Annahme von guter und konstruktiver Kritik. Die Figuren und den Plot liebe ich noch immer, aber so richtig „komplett“ fühlte er sich nicht an. Ich weiß nun auch, wieso. (Nebst dem Fakt, dass es schlicht …. mein erstes Schreibprojekt war.) Und das ist okay.

Und was kommt jetzt?

Seit längerer Zeit liebäugel ich mit einem anderen Projekt: Endzeit in einem phantastischen Setting soll es sein. Ich hatte mir überlegt, welche Geschichte in mir steckt und welche ich gerne erzählen möchte, weil es mich betrifft. Und so entspann sich in meinem Kopf eine Geschichte über persönliche Freiheit, Käfige, depressive Anleihen und Glück an der Einsamkeit. Über Freundschaft, phantastische Welten und ein paar kleine Zombies. Weil… ich Zombies einfach mag. Jede zweite Nacht träume ich von ihnen. Und ja, das ist gruselig. Vielleicht war ich in meinem früheren Leben eine Zombiemaske oder so. WHO KNOWS?!

Auf jeden Fall würde ich diese Geschichte nicht nur schreiben, sondern hier auf meinem Blog auch über den Werdegang erzählen. Vielleicht habt ihr ja Lust, dem zu folgen? Dann könnt ihr es euch gerne hier gemütlich machen!

Ich plotte dann mal. Und ich habe wahnsinnig Lust darauf!

Photo by Guilherme Stecanella on Unsplash

Vom Roman zum Videospiel: Das Buch als Quelle

Das gemeine Videospiel hat seinen Weg längst in die Bibliotheken unserer Städte gefunden. Harmlos steht es nur wenige Regale entfernt von Klassikern wie Moby Dick und Das fliegende Klassenzimmer. Und das ist auch richtig so! Neben den Gesellschaftsspielen, die man sich dort zumeist auch ausleihen kann, machen sie schließlich auch eine gute Figur! Manch Story eines Videospiels könnte man ohne weiteres zwischen zwei oder gar mehr Buchdeckel pressen! Das erscheint gerade dann nicht wundersam, wenn man die Spiele bedenkt, die tatsächlich auf Romanen basieren.

Hier in diesem Artikel möchte ich euch die Buchvorlagen aus verschiedenen Bereichen vorstellen.

Basis: Franchise

Natürlich fallen einem dazu als erstes die riesigen Franchises ein. Herr der Ringe etwa, das mittlerweile nicht nur Verfilmungen, unfassbare Merchandisemengen und musikalische Interpretationen erfahren hat, sondern eben auch Videospiele. Die ersten Hobbit-Pixel flimmerten im Jahre 1986 als Text-Adventure für den Commodore C64 über die Bildschirme. Ob Abenteuer mit Legosteinen, MMORPGs oder Strategie: Mittelerde bot Schauplatz für viele verschiedene Spiele. Kein Wunder, wenn man den ausufernden Weltenbau Tolkiens betrachtet, dessen Kreativität und die Erschaffung einer solch reichen, phantastischen Welt, sicher noch einigen Videospielen mehr ein Heim geben könnte. Dass die erfolgreiche Verfilmungen Anstoß für etliche weitere Adaptionen bot, ist obligatorisch.

Ebenso populäre wie starke Pferde sind beispielsweise auch Harry Potter und Das Lied von Eis und Feuer. Hier sind die Videospieladaptionen Begleitprodukte der Filme bzw. Serie und basieren primär auf eben jenen. Glücklicherweise handelt es sich hierbei um keinen billigen Fanservice; die Spiele fangen die Atmosphären, Figuren und Plots gut ein und führen den Spieler tiefer in die Lore hinein.

Teilweise folgen auch die Dune-Videospiele eher dem Geist der Verfilmungen und nicht des Originals von Frank Herbert, was sich natürlich auch an der Optik festmachen lässt. Hier wird weniger etwas eigenes kreiert, als auf Altbewährtem aufgebaut. Gerade Dune II besticht darüber hinaus aber durch sein für damalige Zeiten innovatives Spielkonzept. Es ist eines der ersten Echtzeit-Strategiespiele und verknüpfte erstmalig diverse Faktoren wie Rohstoff-Management, Echtzeitkämpfe und einiges mehr zu einem einzigen Spielkonzept.

Auch Alice im Wunderland war und ist bereits Stoff etlicher Adaptionen in verschiedenen Medien und Kunstrichtungen. Der folgende Titel kreiert jedoch etwas eigenes. American McGee’s Alice entführt den Spieler in eine verstörend brutale Welt, die das Prinzip des Originals ungewöhnlich interpretiert. Hier sitzt Alice, traumatisiert durch den Feuertod ihrer Eltern, in einer Irrenanstalt und flüchtet sich ins Reich der Fantasie. Dort, im Wunderland, hat sie es nicht nur mit skurrilen, sondern hauptsächlich mit stark verfremdeten Figuren Lewis Carrolls zu tun. Obwohl ungleich grausamer, ist die Basis des Buches doch gut zu erkennen. Schließlich sind weder Alice im Wunderland, noch Alice hinter den Spiegeln rein für Kinder konzipiert und bergen so manch Geheimnis, das nicht wirklich jugendfrei ist.

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Aus östlicher Richtung

Wesentlich näher ans Original schmiegt sich die Witcher-Reihe, die ihren Anfang im Jahre 2007 nahm. Sie basiert auf den Kurzgeschichten und Romanen Andrzey Sapkowskis und bedient sich sowohl der düster-phantastischen Welt und dessen Magie, als auch der Figuren. Hierzulande waren die Romane vor den Spielen eher unbekannt, wurden sie doch erst 2008 ins Deutsche übersetzt. Sowohl Spiele, als auch Bücher zeichnen eine düstere Welt voller grausamer Figuren aus der polnischen Sagenwelt, kriegerischen Auseinandersetzungen und zwischenmenschlichem Zwist. Fantasy, die man sich nicht entgehen lassen sollte, wenn man es etwas rauher und dunkler mag.

„Dunkel“ ist ein gutes Stichwort für den nächsten Kandidaten. Mit Metro 2033 und dem Nachfolger Metro 2034 schrieb Dmitry Glukhovsky Romane über die Gesellschaft nach der atomaren Apokalypse, über der stets der Schatten eines drohenden Krieges schwebt. Deren Handlung wird in den Videospielen aufgenommen und nur an wenigen Stellen verändert oder akzentuiert. Passend zum Setting, in dem sich die Menschen in den Untergrund geflüchtet haben und nun vor atomar verseuchten Kreaturen zittern müssen, wurden die Spiele als Ego-Shooter realisiert.

Ebenfalls russischen Ursprungs ist das Setting von S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl. Picknick am Wegesrand“ nennt sich der von Arkadi und Boris Strugazki geschrieben Science Fiction-Roman und beschreibt das Leben und die Konflikte von Menschen, die am Rande von Sperrgebieten wohnen, an deren Zäunen eigentlich „Aliens haften für Ihre Kinder“ stehen sollte. Dort nämlich kann man Hinterlassenschaften – Artefakte – von Außerirdischen finden, die dezent negative Auswirkungen auf den Menschen haben. Die Videospiele basieren nur lose auf dem Werk. Als Spieler kämpft man sich primär durch eine verseuchte Stadt.

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Horror in Pixeln

Düstere Fantasywelten, Dystopien, Atom-Apokalypse – kann ein Setting noch viel schlimmer werden? Oh ja, und ob! Würzen wir die Romanseiten einfach mit abgedrifteter Biochemie, fleischgewordenen Alpträumen und Tentakeln! Hurra!

Moment! Hat da jemand „Tentakel“ gesagt? Dann kann H.P.Lovecraft nicht weit sein. Tatsächlich sind seine Werke Vorbild für so manchen Künstler jeglicher Couleur. So auch für Spieleentwickler. Nicht nur die direkten Adaptionen wie „Cthulhu – Dark Corners of the Earth“, die ein im besten Sinne grauenhaftes Ambiente kreieren, sind da zu nennen, sondern auch die Kleinode, die keinen berühmten Namen im Titel tragen.

Darkness Within: In Pursuit of Loath Nolder etwa ließ sich im Jahre 2007 und mit einem recht altmodisch erscheinenden Gameplay mit sehr viel Text von den lovecraft’schen Erzählungen inspirieren und auch mit Bloodborne wurde tief in die Cthulhu-Mythos Kiste gelangt. Und das sind nur ein paar wenige Beispiele. Daran merkt man, wie reich und voll das Werk Lovecrafts war und noch immer ist.

Doch war er nicht der einzige, der zum Gruseln einlud. Harlan Ellison etwa entwarf mit der Kurzgeschichte „I have no mouth“eine düstere Zukunft, in der ein von Menschen selbst erschaffener Supercomputer die Macht an sich reisst und sich an den Qualen der neuen Dienerschar ergötzt. Ein Roman, der, ebenso wie seine Spieleadaption „I have no Mouth, and I must scream“, nicht unterhalten, sondern zum Nachdenken anregen will. Das Adventure beschwört die Atmosphäre des Romans gekonnt herauf.

In eine andere Richtung geht das Spiel „Parasite Eve“. In dem RPG spielt man eine Frau, die andere mit nur einer Berührung in Flammen aufgehen lassen kann. Ja, sie ist eine Mutantin, gehört jedoch nicht zu Professor Xaviers Schergen. Vielmehr haben sich ihre Mitochondrien, die sogenannten Kraftwerke der Zellen, weiter- und ein Eigenleben entwickelt – was alles andere als positive Folgen für die gesamte Menschheit haben könnte. Dieser Biochemie-Horror ist im Pixelformat als Action RPG weniger detailreich als die Buchvorlage gleichen Namens von Hideaki Sena. Nach Lektüre des Buches wird man vermutlich alles über Mitochondrien und abstruse biologische Versuche wissen als man wollte.

Fantasy Books

Phantastisch adaptiert

Denkt man an Fantasy und auch an den Witcher zurück, vermutet man hinter einer Computerspiel-Adaption wahrscheinlich ein Rollenspiel. Betrayal at Krondor ist solch ein Kandidat. Das Rollenspiel von 1993 basiert auf der Midkemia-Saga von Raymond Feist und spielt in einer vom Spaltkrieg zerrütteten Fantasywelt. Das Videospiel stellt dabei einen interessanten Sonderfall in der hier zusammengestellten Liste dar. Zwar hat Feist nicht selber an den Dialogen mitgearbeitet, doch zählt es offiziell zum Kanon der Welt und wurde fünf Jahre später auch in Romanform niedergeschrieben.

Ruft man „Fantasyroman!“ in den Wald hinein, schallt es erst „Herr der Ringe!“ zurück und nach einer kleinen Handvoll anderer Namen auch noch „DieShannara-Chroniken! Also wirklich nur das Buch, nicht die Serie!“. Weit vor der TV-Serie gab es aber auch noch das Computerspiel. Das Adventure beinhaltet die Welt und Figuren der Vorlage von Terry Brooks, hat jedoch eine eigene Story zu bieten. Obwohl es als Sequel zu „Das Schwert von Shannara“ fungiert, muss man es nicht gelesen haben, um der Story folgen zu können.

Doch nicht nur Adventures und Rollenspiele, nein, die Fantasy bahnt sich ihren Weg auch in die Liga der First Person Shooter. Gemeint ist das Rad der Zeit von Robert Jordan, bei dem man statt mit schweren Pumpguns mit Zaubern um sich schießt. Dabei ist das Spiel detailliert und bietet eine atmosphärische Umgebung. Wer also die Nase voll von Ego Shootern im Kriegssetting hat – und sich vor einer Grafik aus dem Jahre 2002 nicht fürchtet -, kann unter anderem zu diesem Titel greifen!

Zwischen Licht und Schatten

In der Adaption der Terry Pratchett’schen Scheibenwelt geht es originalgetreu zu. Erstmalig 1986 als Text-Adventure erschienen, folgte „The Colour of Magic“ sehr stark dem literarischen Vorbild. Auch „Discworld“, 1995 für die Playstation und den PC erschienen, fängt den für diese Romane so geliebten Humor in Form eines Adventures ein. Lose basiert es auf dem Roman „Wachen! Wachen!“, wobei der Protagonist ausgetauscht wurde und man nun den Zauberer Rincewind spielt. Zwei weitere Spiele folgten, die die Scheibenwelt in formschöne Pixel packte.

Humoristische Romane allgemein geben meiner Meinung nach besten Stoff für Adventures ab. Per Anhalter durch die Galaxis etwa wurde 1984 ebenfalls als solches konzipiert und folgt dem Buch zunächst sehr nah, ehe es sich weiter und weiter vom Original fortbewegt, ohne dabei an Qualität und treffender Ironie einzubüßen.

Fort von Humor und Licht hin zu Dystopie und Schattengewächsen. Das Spiel „Shadow Complex“ etwa spielt parallel des dystopischen Romans Empire“ von Orson Scott Card, in dem ein zweiter Amerikanischer Bürgerkrieg thematisiert wird. Auch ein kriegerisches Setting hat das Spiel Spec Ops: The Line. Es basiert auf dem Roman„Heart of Darkness“ von Joseph Conrad, das auf sehr lesenswerte Weise die traumatischen Erlebnissen eines Soldaten im Herzen Afrikas behandelt. Das Spiel versetzt die Handlung in die Wüste Dubais. Man spielt Captain Walker, Leiter eines Squads aus zwei Soldaten auf der Suche nach dem verloren gegangenen Kameraden Konrad. Man muss moralische Entscheidungen treffen und sieht die Konsequenzen. Wie das Buch spielt das Spiel mit menschlicher Fragilität.

Tiefgründig geht es auch in „Atlas wirft die Welt ab“ bzw. seit 2012: „Der Streik“ von Ayn Rand zu. Protagonistin Dagny Taggart, die in den USA der 50er Jahre das ominöse Verschwinden von Großindustriellen zu verhindern versucht. Der zurecht vielbeachtete Shooter „BioShock“ wurde von diesem Buch inspiriert, übernimmt viel von dessen Philosophie wie bspw. den Objektivismus, Aristoteles, Industrie vs. Kirche und Staat. Einige Namen wurden der Vorlage angelehnt. Auch Fallout ließ sich von dieser Autorin inspirieren. Referenzen finden sich zum Beispiel in Form von Postern: „Wer ist Atlas?

Zuletzt ein winziges Ratespiel. In welchem Spiel findet sich dieses Zitat „Nothing is an absolute reality, all is permitted“ aus dem Buch „Alamut“ von Vladimir Bartol wieder? Kleiner Tipp: Der Roman spielt im 11. Jahrhundert in der persischen Festung Alamut, die von einem Missionaren und dessen Assassinen geführt wird.

Und die Klassiker?

Bücher gibt es schon seit mehr als hundert Jahren. Ich weiß, das ist ein Schlag ins Gesicht. Neben beispielsweise der Bibel, die es unter Schirmherrschaft des christlichen Publishers Wisdom Tree selbstverständlich auch in die pixeligen Weiten unserer Wohnzimmer geschafft hat, sind es derer noch mehr Titel älterer Semester.

Als eines der größten Werke der Weltliteratur gilt „Die Göttliche Komödie“ des italienischen Dichters Dante Alighieri, die erst kurz vor dessen Tod 1321 vollendet wurde. Sie schildert eine Reise durch die drei Reiche des Jenseits, allerlei Seelen von Verstorbenen begegnend. Das Videospiel „Dante’s Inferno“ ist dabei natürlich weniger philosophisch, sondern weitaus actionbeladener. Man durchstreift „hackend und slayend“ die neun Zirkel der Hölle, sich durch allerlei garstiges Seelenzeug kämpfend. Ein großer Spaß! Und das meine ich ernst.

Zwei Jahrhunderte später und ein paar viele Länder weiter östlich wurde „Die Reise nach Westen“ verfasst. Der Klassiker chinesischer Literatur stammt von Wu Cheng’en und spielt in einer phantastischen Version des alten Chinas, die Reisen des steinernen Affen Sun Wukong. Etwas weniger gesellschaftskritisch als die Vorlage zeigt sich das Action-Adventure Enslaved: Odyssey To The West. Hier spielt man den Menschen Monkey, dem das affenartige Design immerhin geblieben ist. Es spielt in einer post-apokalyptischen Welt 150 Jahre in der Zukunft; Plot und Figuren sind nichtsdestotrotz stark an das Buch angelehnt.

Unsere Reise durch Zeit und Raum führt uns nun ins Schottland des 19. Jahrhunderts. Dort ersann Robert Louis Stevenson die berühmte Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, die bis heute unzählige Kreative inspirieren konnte. Kein Wunder also, dass es auch Stoff für Videospiele bietet. In einem 1988 erschienen Spiel ist Dr. Jekyll auf dem Weg zu seiner Hochzeit, wird dabei jedoch stets von nervigen Passanten aufgehalten. Ist der Doktor erbost, verwandelt nicht nur er sich, sondern auch die Passanten: In Dämonen, die vernichtet gehören. Andere Adaptionen gehen dabei einen werkgetreueren Weg.


Hier endet meine Vorstellung von Büchern, die als Vorlage für Videospiele dienten. Sicherlich gibt es derer mehr, denn nicht nur gibt es mittlerweile unendlich viele Spiele, Autoren lassen sich auch gerne inspirieren. Inwieweit Spiel A auf Roman X basiert, lässt sich nicht immer nachvollziehen. Definitiv ist die Auswahl aber groß, jedes Genre abgedeckt. Man kann so viel mit und aus Büchern machen! Selbst Videospiele.

Buchtipps Endzeit Romane

5 stille Endzeit Romane ohne Zombies

Selten in der Popkultur kommt die Endzeit ohne Gewalt und ein gewisses Maß an Action aus. Zombies weiden sich am Menschen, Städte brennen und irgendwo im Hintergrund dröhnt eine Monsterwelle heran. Die Menschheit darbt dann in der verbliebenen Gemeinschaft, aus der heraus sich wiederum Miniapokalypschen in Form des Teufels in Menschengestalt bilden.

Doch es geht auch wesentlich stiller. Dort, wo der Untergang entweder lange zurück liegt oder nur in schleichender Ruhe vonstatten gegangen ist. Dort, wo es nur einen oder zwei menschliche Protagonisten gibt, die sich in der Isolation behaupten müssen. Die Antagonisten: Hunger, die Natur und nicht selten auch der eigene Verstand.

Hier möchte ich euch fünf Bücher ans Herz legen, die allesamt nach dem Dahinscheiden der fast kompletten Menschheit spielen und in denen existentielle Fragen und Wahrheiten im Fokus stehen.

Marlen Haushofer, „Die Wand“

Haushofer die Wand

Autorin: Marlen Haushofer Verlag: List (2014) | Umfang: 288 Seiten | Sprache: Deutsch

Die aufgrund der Erzählperspektive namenlos bleibende Protagonistin macht mit ihrer Cousine und deren Mann Urlaub in einer einsamen Berghütte. Als die eines Tages von einem Ausflug in das nahe gelegene Dorf nicht mehr zurückkehren, macht sich die Protagonistin auf, um sie zu suchen – und stößt auf halbem Wege auf eine unsichtbare Wand, hinter der alles Leben auf ewig erstarrt ist. Fortan muss sie alleine in den Bergen zurecht kommen, gegen Hunger und Naturgewalten kämpfen und damit zurecht kommen, dass ihr Kosmos drastisch geschrumpft ist.

Was genau diese Wand verursacht hat erfährt man nicht und auch die Protagonistin steht der Frage ratlos gegenüber. Man verfolgt ihr Leben in der Isolation mittels tagebuchartiger Einträge, in denen sie ihre Umgebung, aber auch sich selbst reflektiert. Dass sie immerhin tierisches Geleit findet, ist Fluch und Segen zugleich, denn ein Verlust wiegt, je konzentrierter die Bezugspersonen, umso schwerwiegender.

„Die Wand“ ist ein sehr interessanter Roman, der zum Nachdenken anregt und sowohl zarte Kritik an der Gesellschaft übt, als auch die Natur in den Fokus stellt. 2011 wurde der Roman übrigens auch verfilmt, bleibt für mein Dafürhalten jedoch hinter dem Buch zurück.

Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠


Thomas Glavinic, „Die Arbeit der Nacht“

Die Arbeit der Nacht Thomas Glavinic

Autor: Thomas Glavinic Verlag: dtv (2008) | Umfang: 400 Seiten | Sprache: Deutsch

Als Jonas eines Tages aufwacht, ist alles Leben verschwunden. Weder Tier, noch Mensch zeigt sich im leer gefegten Wien. Drückende Einsamkeit lässt ihn brüchig und paranoid werden und er beginnt, die Straßen und sogar sich selbst im Schlaf zu filmen. Bald stellt er fest, dass seine Paranoia nicht unbegründet ist. Und so beginnen die seltsamen Ereignisse, die Faust enger um ihn zu schließen …

Trotz inhaltlicher Schwächen zeigt die Arbeit der Nacht auf beeindruckende Weise die Fragilität des Menschen in der Einsamkeit und schafft eine behaglich gruselige Atmosphäre. Gerade die erste Hälfte ist dadurch sehr stark, baut jedoch eine Erwartungshaltung auf, die das Ende nicht erfüllen kann. Nichtsdestotrotz ein Roman, den zu lesen sehr lohnt!

Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠ | Gewalt: ♠ | Humor: ♠


Arno Schmidt, „Schwarze Spiegel“

Arno Schmidt Schwarze Spiegel

Autor: Arno Schmidt Verlag: Suhrkamp Verlag (2006) | Umfang: 154 Seiten | Sprache: Deutsch

Fünf Jahre nach dem dritten Weltkrieg liegt die Welt noch immer in Schutt und Asche, zermürbt von atomarem Beschuss. Bleich starren menschliche Skelette aus den Trümmern der Städte hervor, in denen der namenlose Protagonist auf seinem Fahrrad durch Norddeutschland streift. Er ist alleine, hat sich mit der Isolation allerdings mehr oder weniger angefreundet.

Gezeichnet wird ein graues Bild von der Endzeit, in dem nur ab und zu ein Funke Licht aufflackert. Das Sterben der Menschheit wird nüchtern betrachtet, hin und hergerissen zwischen Genugtuung und Trauer. Stark in den Vordergrund tritt die Gesellschaftskritik, auch und besonders durch die inneren Monologe des Erzählers.

Arno Schmidt macht es allerdings nicht allzu leicht, dem Text zu folgen. Gedankliche Sprünge des Erzählers sind nicht selten, ebenso wie die Rechtschreibung nicht immer eingehalten wird und man sich auf künstlerische Freiheit beruft. Zudem findet man etliche Anspielungen auf Literatur, Politik und weiteres Zeitgenössisches, der Humor ist zynisch, aber vorhanden.

Insgesamt ein Klassiker, den man nicht nur als Freund von Endzeit-Literatur gelesen haben sollte.

Anspruch: ♠♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠ | Gewalt: ♠♠ | Humor: ♠♠♠


Cormac McCarthy, „Die Straße“

Cormac McCarthy Straße

Autor: Cormac McCarthy Verlag: Rowohlt (2016) | Umfang: 256 Seiten | Sprache: Englisch

Vater und Sohn kämpfen sich durch ein zerstörtes Nordamerika, in dem nicht nur die menschlichen Hinterlassenschaften in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Die Natur stirbt. Der Himmel ist grau, die Bäume kahl und man ernährt sich von den letzten, schäbigen Resten, die die Welt noch herzugeben hat. Auf der Suche nach Rettung zieht es die dezimierte Familie zur Küste.

Die beiden sind die meiste Zeit über allein mit sich und ihrer Not – und wollen das auch bleiben. Man kann niemandem trauen, ist stets auf der Hut und verbirgt sich, so gut es geht. Das triste Bild der Welt wird durch die Kannibalen grausam akzentuiert, ohne dass sensationsheischender Geifer aus der Schreibfeder McCarthys tropft. Erschütternd und tiefgründig erzählt, fühlt man als Leser unweigerlich mit.

Viele dürften die Verfilmung mit Viggo Mortensen aus dem Jahre 2009 kennen. Auch diese ist empfehlenswert, die Darsteller machen ihre Sache gut und der Roman wurde recht gut umgesetzt.

Anspruch: ♠♠♠♠ | Gefühl: ♠♠♠ | Gewalt: ♠♠♠♠ | Humor: ♠


Jean Hegland, „Die Lichtung“

Jean Hegland Die Lichtung

Autor: Jean Hegland Verlag: Fischer (2017) | Umfang: 300 Seiten | Sprache: Englisch | Bestellen

Die zwei jungen Schwestern Nell und Eva kämpfen noch mit dem Tod ihrer Eltern, als die Zivilisation um sie herum langsam zusammenbricht. Abgeschieden am Waldrand lebend, bekommen sie von all dem jedoch wenig mit und flüchten sich bald in ihre Zweisamkeit.

Obwohl auch im nahen Umkreis der Waldhütte einiges an Grausamkeiten geschehen, bleibt das zwischenmenschliche im Vordergrund. Die Themen, die in den Dialogen und in der Erzählung aufgegriffen werden, gehen über die eines handelsüblichen Young Adult Romans hinaus und machen es so auch für erwachsene Leser angenehm zu lesen. Die Gefühlswelten der Protagonisten rücken stärker in den Mittelpunkt als in den anderen hier vorgestellten Romanen, ohne es dadurch kitschig werden zu lassen. Der Aspekt der Natur rundet das Werk ab.

Anspruch: ♠♠ | Gefühl: ♠♠♠♠♠ | Gewalt: ♠ | Humor: ♠♠


Weitere Tipps

  • James Graham Ballard: Die Dürre (The Drought, 1964)
  • Sturm aus dem Nichts (The Wind from Nowhere, 1961)
  • Paradies der Sonne (The Drowned World, 1962)
  • Richard Cowper: -The White Bird of Kinship, bestehend aus Piper at the Gates of Dawn (Story, 1976), The Road to Corlay (1978), A Dream of Kinship (1981), A Tapestry of Time (1982)
  • George R.. Stewart: Leben ohne Ende (Earth Abides, 1949)
  • John Christopher: No Blades of Grass, 1956
  • Emily St. John Mandel: Station Eleven, 2014 (Das Licht der letzten Tage).
  • Walter M. Miller, Jr.: Lobgesang auf Leibowitz (A Canticle for Leibowitz, 1959)
  • Adrian J.Walker: The End of the World Running Club

Photo by Joseph Chan on Unsplash

Kaffeegeist

[Gastartikel] Ketten-Kurzgeschichte – Teil 4

Vor rund 4 Wochen hatte ich die Ketten-Kurzgeschichte ins Leben gerufen: Verschiedene Autor*innen und Blogger*innen schreiben gemeinsam an einer (Kurz-)Geschichte. Und das, ohne dass man jeweils weiß, wie es weitergeht. Dies ist nun der vierte Part.

Ich möchte hier noch keine Zusammenfassung der ominösen Geschehnisse rund um die Protagonistin Özlem bieten, sondern euch vielmehr nahelegen, die vorherigen drei Part zu lesen. Diese finden sich hier:

Und nun: Vorhang auf für Part 4, geschrieben von Iris Schäfer! Ihr einen Besuch abstatten kann man auf Twitter.


Der Zettel war beim ersten Mal noch nicht in ihrer Jackentasche gewesen, da war sie sich ganz sicher! Vielleicht verlor sie doch den Verstand? Özlem schaute auf ihr Handgelenk, es war erst 20:13 Uhr. Was sollte sie bis 23 Uhr machen? Sollte sie sich überhaupt darauf einlassen, sich mit einem völlig Fremden an einem dunklen Ort zu treffen?

Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie jemanden an ihrer Jacke gesehen hatte, aber sie war sich sicher, dass niemand an der Garderobe war, nachdem sie ihr Mobiltelefon in die Jacke gesteckt hatte. Die Billard-Jungs hatten sie nicht so abgelenkt, ganz bestimmt nicht. Und wie kam der Zettel in ihre Tasche?

Irgendwie war sie ja doch neugierig. Langsam schlenderte sie wieder Richtung Strand, sie musste noch fast drei Stunden rumkriegen. Gab es irgendwo was zu essen? Gut, dass sie ihr Portemonnaie nicht auch in der Jacke hatte! Das wäre ja was geworden, wenn das auch weg gewesen wäre! Allein die Papiere und die Kreditkarten!

Ah, der kleine Italiener… Hungrig suchte sie sich einen Tisch und studierte die Speisekarte.

Einen großen Antipasti-Teller und einen Espresso später verließ sie das Restaurant wieder. Sie hatte sich entschieden, ja, sie würde den geheimnisvollen „Kommandanten“ treffen. Eine gute halbe Stunde war noch Zeit, und so ging sie langsam in Richtung der alten Post. Vielleicht war es sinnvoll, sich die Lage dort noch mal anzuschauen. Jane Bond auf geheimer Mission, kicherte sie nervös in sich hinein.

Die alte Post machte ihren Namen alle Ehre: ein großes, freistehendes Backsteingebäude mit kleinen Türmchen an allen vier Ecken. Ein ganz schöner Klotz, der irgendwie so gar nicht in die Umgebung passte. Soweit sie wusste, hat der Eigentümer inzwischen Büros dort vermietet. Kleine Gassen einmal rund um das Gebäude, eine Treppe führte zum Eingang hoch. Heutzutage wäre das schon wegen der Barrierefreiheit gar nicht mehr möglich, ging es Özlem durch den Kopf.

Sie schaute nervös auf ihren Fitnesstracker, es war zehn Minuten vor elf. Hier stand sie auf dem Präsentierteller, mitten im Mondlicht. Schnell zog sie sich in den Schatten eines Wohnhauses zurück, von wo sie einen guten Blick auf den Eingang der ehemaligen Post hatte. Sie schaute sich um, aber niemand weit und breit zu sehen. Die Fenster in den Häusern waren entweder dunkel, oder es flimmerte bläulich. Hier, in diesem Winkel des Ortes, war es erstaunlich ruhig in den Straßen. Fast zu ruhig.

Wieder der Blick zur Uhr, ob er wirklich kommen würde? Kannte sie ihn vielleicht? Wo blieb er nur, der geheimnisvolle Kommandant? Und was wollte er von ihr? In der Ferne hörte sie die Turmuhr der Kirche. Da ertönte eine dunkle Stimme hinter ihr: „Dreh dich nicht um!“

[…]


Den nächsten Part wird voraussichtlich träumerin stellen.
Photo by Toa Heftiba on Unsplash

Wir schreiben: Ketten-Kurzgeschichte

Vor einiger Zeit (Böse Zungen würden nun „Pah! Vor Jahren, Guddy, Jahren!“) fragte ich auf Twitter, wer denn Lust auf eine Art Kettenkurzgeschichte/-brief für (Buch-)Blogger*innen hätte. Gemeldet hatten sich dann tatsächlich einige – und die Idee fiel aus Zeitgründen einfach mal unter den Tisch. Nun ist sie aber wiederauferstanden wie [hier schlechten Osterwitz einfügen] und ich darf euch den offiziellen Startschuss präsentieren! Tadaa!

Die Idee: Eine – also ich – gibt die Einleitung vor und tippt die nächste Person an, die dann den nächsten Absatz schreibt und auf dem eigenen Blog samt Link zu diesem Artikel hier veröffentlicht. Nach dem gleichen Schema wiederholt es sich, bis die letzte schließlich mit antippt, damit ich die ganze Sache mit einem hoffentlich hübschen Ende versehe.

Das ganze ist natürlich ein Experiment. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie gut das funktionieren wird, finde es aber sehr interessant!

Im Überblick

  • Bei einem erfolgreichen Abschluss werde ich einen gesonderten Artikel veröffentlichen und dort die Geschichte im Ganzen vorstellen. Einen Titel für die Geschichte gibt es noch nicht.
  • Jede teilnehmende Person schreiben einen Part und hat dafür ~eine Woche Zeit. Beim Umfang könnte man sich an einer oder zwei Normseiten orientieren. Bedenkt bitte, dass zu viele neue Informationen und neu eingeführte Figuren je nach Teilnehmer*innenzahl sehr unübersichtlich werden können. Respektiert auch die Inhalte der vorherigen Poster*innen: Am Ende soll eine komplette Geschichte stehen, bei der bestenfalls niemand die Ideen der anderen manipuliert hat.
  • Getaggt werden darf nur eine*r. Allerdings auch nicht nach Gutdünken, sondern abgesprochen: Fragt vorher nach, ob jemand Lust dazu hat. Natürlich sollte die Person auch einen Blog haben oder zumindest irgendwo einen Gastbeitrag veröffentlichen wollen/können. (Zur Not biete ich auch meinen Blog an.) Falls ihr selbst gerne mitmachen wollen würdet, meldet euch gerne: Ich füge das dann in meine Liste potentiell Interessierter ein. Fragt mich einfach und ich gebe euch einen Tweet o.ä. einer interessierten Person. 🙂 Aktuell gehe ich von einer Teilnehmer*innenzahl von 10-15 aus, korrigiere das aber nach Bedarf nach oben oder unten.
  • Inhaltlich: Keine Sex- oder (potentiell triggernde) Gewaltszenen. Erlaubt ist ansonsten, von dem ihr denkt, dass es zum bereits Geschriebenen passen könnte.
  • Ablauf pro Part: Du wirst getaggt – du schreibst einen Artikel – Du verlinkst auf diesen Artikel – du suchst und taggst die nächste Person | Jeder nur ein Kreuz/ einen Part!

Alles klar soweit? Falls nicht, einfach fragen! 🙂 Und somit stelle ich euch nun die Einleitung vor. Ich tagge übrigens Roland vom Blog Nerdlicht.

Einleitung

Wie schaffen es andere Autoren, Anfänge zu schreiben ohne dabei wahnsinnig zu werden? Warum wurde noch kein Anfangsgenerator erfunden? Und weshalb malte sie lieber stundenlang comiceske Gesichter in den Sand, anstatt ernsthaft an ihrem Roman zu arbeiten?!
Seufzend warf Özlem das Ästchen, das ihr bis eben noch als Zeichenutensil gedient hatte, von sich und starrte auf das abendliche Meer hinaus. Nicht einmal das hatte ihr zu grandiosen Ideen verholfen. Hieß es nicht, dass man beim Duschen, Joggen und beim Beobachten von Menschen und Natur auf die besten Ideen kommt? Nun: Sie hatte heute fast eine ganze Stunde lang geduscht, war zum Strand gejoggt – im Schrittempo, um ehrlich zu sein, aber immerhin – und Menschen hatte es heute genug zu beobachten gegeben! Und Möwen. Wobei es nicht immer einfach gewesen war, die lärmenden, zankenden Jugendlichen und Möwen auseinander zu halten. Interessante Ideen waren ihre dadurch keine gekommen.

Heute würde das also nichts mehr werden mit dem Bestseller-Auftakt. Özlem barg Stift und unberührtes Notizbuch aus dem Sand, erhob sich und klopfte sich die Natur von der Kleidung.
Wieder glitt ihr Blick zu den sanften Wellen. Sie atmete tief durch.
Blaue Endlosigkeit, sich verlierend im Nebel des Horizonts. Salzig wisperte der Wind in endloser Litanei, durchmischt von den entfernten Schreien der Vögel.
Früher war sie oft hier gewesen. Hatte einfach nur dagesessen und auf das Wasser gestarrt, von Seeabenteuern und Meermenschen geträumt. Sich ausgemalt, wie es wäre, hinab auf den Grund des Meeres zu gleiten und das unentdeckte Land zu betreten. Stunden hatte sie in ihrer Fantasie verbracht, das Rauschen des Meeres im Ohr und feinen Sand zwischen den Zehen.

Nun stand sie einfach da. Stand da und sah das Meer. Wasser. Moleküle. Naturdokumentationen hatten ihr all das offenbart, was sie sich als Kind nur hatte ausmalen können.
Aber ich bin schön, schien das Meer zu flüstern. Glitzernd spielte es mit den letzten Sonnenstrahlen, malte mit weißer Gischt Formen in die Wellen. Einem Wettrennen gleich, welche Form aus Gischt zuerst den Strand erreichen würde.

Müde lächelnd holte Özlem ihr Handy aus der Hosentasche und drehte sich mit dem Rücken zum Meer. Ein Selfie konnte nicht schaden. Eine schwarze Locke wischte sie sich aus der Stirn, dann überprüfte sie ihr Gesicht und ihre Kleidung und lehnte sich in die perfekte Position. Sie drückte den Auslöser, noch bevor sie auf den Strand im Hintergrund des Bildes achtete.
War das…?
Mit einem Ruck drehte sie sich um.
[…]


Teil 2: Nerdlicht
Teil 3: Verwaltet
Teil 4: Iris Schäfer


Photo by Atul Vinayak on Unsplash

Plastikfolien-bei-Büchern

„Das jungfräuliche Buch“ – nicht ohne meine Folie!

Während es der Piper Verlag kürzlich angekündigt hat, ist es bei Hanser Literatur und den Ullstein Verlagen bereits im Gange: Viele der Hardcover werden ohne Folien ausgeliefert. Das bedeutet weniger Plastikmüll, aber auch schier verängstigte Kund*innen. Denn das Buch droht, angegrabbelt zu werden … [Hier bitte dramatische Musik einfügen. Danke.]

Die meisten Hardcover sind ohnehin bereits in Schutzumschläge gehüllt – doch dienen sie nurmehr der Zierde und nicht mehr dem eigentlichen Schutz. Richtig geschützt ist ein Buch schließlich erst dann, wenn es auch den widrigsten Stürmen mittels einer Plastikfolie gefeit ist.
Da sich an dieser Stelle der Zentralrat der unfolierten Taschenbücher empört zeigt, hier noch eine kleine Anmerkung: Auch Taschenbücher werden zuweilen in Folien gesteckt. Leider.

So viel Plastikmüll fällt übrigens in der Hamburger Buchhandlung Lüders wöchentlich an:

Der Inhalt ist nicht verfügbar.
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Anschaulich wird auch von Ullstein dargestellt, wie viel Plastik anfällt: Allein bei der Erstauflage von einem groß als „ohne Folie“ beworbenen Roman werden rund 4 Fußballfelder Einschweissfolie eingespart.

Mein Buch darf nicht angegrabbelt werden!

Es ist an sich also eine gute Sache, dass bei den Verlagen nun ein Umdenken stattfindet. Wenn da nicht all die garstigen Gegenargumente wären:

*“Bücher sehen ohne Folie so angegrabbelt aus!“
*“Die Remissionen werden ansteigen und das Müllproblem dadurch nur verlagert!“

Grob gesagt: Die Angst vor der Entjungferung des reinen Buches ist groß. Angst vor angedellten Stellen (die auch durch Folien nicht verhindert werden können), Kratzern, Schandflecken. Das Buch, so der geneigte Bücherfreund, soll makellos sein. Die Buchhandlung scheint in den Köpfen dann zu einem Wühltisch des Chaos‘ zu verkommen, in dem Bücher zerfetzt, mit Schokoladenfingern angegrapscht und in den Höllenschlund geworfen werden. Man könnte auch zusammenfassend unken, dass es gar nicht um den Inhalt ginge, sondern nur um die schnöde Hülle.

Würden wir nicht jede kleinste Macke, jede Andeutung fremder Finger konsequent ablehnen, würde das Müllproblem durch den Wegfall der Folien nicht verlagert werden.
Ich für mich verstehe den Wunsch nach dem äußerlich perfekten Buch nicht – man nimmt es nach dem Kauf ohnehin in die Hand und – huch! – benutzt es. Man liest. Den Inhalt. Nicht den Umschlag. Der verschwindet am Ende ohnehin meistens im Buchregal und was dem Auge bleibt, ist der Rücken.

WIR als Leser*innen müssen umdenken

Der Schriftsteller und Verleger (Traumtänzer-Verlag) Lysander Schretzlmeier findet dazu klare Worte: „(…) Das Umdenken muss schon beim Leser, beim Käufer, anfangen. Manche – um nicht zu sagen, die meisten – Leute beschweren sich wegen jeder noch so kleinen Macke, die ein neues Produkt, in unserem Fall ein neues Buch, hat. Das Resultat ist, dass alles säuberlich und am besten mehrfach in Folie geschweißt wird, damit das Produkt ja nicht verletzt wird.

Ich habe einen kleinen Verlag und hasse Plastik. Anfangs habe ich die Bücher nicht einschweißen lassen. Mittlerweile mache ich es unbedingt. Selbst wenn ich super vorsichtig mit ihnen umgehe – die Post, die Zwischenhändler, die ganzen Stationen, die das Buch durchläuft, ehe es in seinem neuen Zuhause landet – die Wahrscheinlichkeit, dass es auf der langen Reise und beim vielen Herumgepacke irgendwann einen Kratzer abbekommt, ist vorhanden. Und dann ist das Geschrei vonseiten manchen LESERS groß! HIER muss man als Mensch, der etwas gegen die massive Umweltbelastung tun will, umdenken. Lieber habe ich doch ein Buch mit einem Kratzer als die Weltmeere voller Plastik! Aber solange das ein beträchtlicher Teil der Konsumenten – von allen Produkten, nicht nur Büchern – nicht so sieht, wird es so weitergehen …

Makellosigkeit > Müllvermeidung?

Die Frage, die sich uns stellen sollte, ist doch die: Weshalb ist uns ein perfekter Umschlag wichtiger als Müllvermeidung? Selbst wenn man nicht in jedem anderen Gebiet Müllvermeidung anstrebt, wäre es doch hier so simpel. Jeder kleine Schritt wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich persönlich finde es großartig, dass nun immer mehr Verlage versuchen, Folien zu vermeiden. Hoffentlich wird es bald vermehrt der Fall sein – und die Leser*innen es verzeihen.

Wie steht ihr dazu? Folie oder #ohnefolie?

Buchempfehlung: Der Fluss dazwischen

Kenia zu Zeiten des Kolonialismus: Ein Fluss fließt durch ein Tal, das die beiden Höhenzüge Kameno und Makuyu voneinander trennt. Er steht sinnbildlich für die eintretende Trennung des Landes zwischen alten Traditionen und neuen, christlichen Tugenden. Waiyaki, ein Sohn Kamenos und traditioneller Werte, verliebt sich in ein Mädchen Makuyus, dessen Eltern zum Christentum übergetreten sind. So beginnt eine Geschichte, die mehr ist als Romeo und Julia, stattdessen tieferen Einblick in eine andere Zeit und eine andere Kultur gibt.

Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, die oft fließend ineinander übergehen und einen Zeitraum von über einem Jahrzehnt beschreiben. In dieser Zeit wächst Waiyaku vom Jungen zu einem Mann heran. Von seinem Vater wird er zur christlichen Missionsschule geschickt, um sich dort das Wissen der Weißen zueigen zu machen. Ein Glücksgriff, denn dieses Wissen bildet später die Basis, auf der er eigene, unabhängige Schulen errichten kann, die allen Agĩkũyũ-Kindern offen steht. Denn so semi-friedlich die Koexistenz zwischen Kolonialisten und den einheimischen Agĩkũyũ auch über Jahre hinweg war – die kulturellen Differenzen ziehen im Laufe der Erzählung immer größere Kreise. Diese führen letztlich nicht nur zum Ausschluss der nicht-christlichen Kindern in den Missionarsschulen, sondern auch zu schier ausweglosen Konflikten zwischen den Parteien, die sich bis in die Interna ziehen.


Zwischen Altem und Neuem

Der Autor Ngũgĩ wa Thiong’o, 1938 in Kenia geboren, zeichnet hier eine kulturelle Grenze, die zwar auf mehr oder minder strikte Weise besteht, jedoch überschritten werden kann. In der Figur des Joshua findet sich ein Mann, der zwar beschnitten ist, jedoch nun militant das Christentum vertritt. Im Gegenteil dazu tritt ein ehemaliger Anhänger Joshuas als glühender Vertreter alter Agĩkũyũ-Traditionen auf. Inmitten dessen stehen vor allem Waiyaku, der sich primär um das gesammelte Wissen kümmert und die Tochter Joshuas Nyambura. Sie verliebt sich nicht nur in Waiyaku, sondern stellt auch die christlichen Werte in Frage, ohne sich gleich auf die „andere Seite“ zu stellen. Schließlich ist es ihre Schwester, die sich gegen den Vater stellt und ohne dessen Wissen eine Beschneidung vornehmen lässt.

„Vater und Mutter sind beschnitten. Sind sie keine Christen? Die Beschneidung hat sie nicht daran gehindert, Christen zu werden. Auch ich habe den Glauben der Weißen angenommen.Trotzdem weiß ich, dass es schön ist, eine richtige Frau zu werden und alle Bräuche unseres Stammes zu lernen.“

Aus „Der Fluss dazwischen“, Ngũgĩ wa Thiong’o, geäußert von der Figur Mithoni, Seite 34

Obwohl die christlichen Missionare tendenziell schlechter wegkommen und gerade in den Anfängen des Romans als militant und aggressiv beschrieben werden, kommen doch alle vorgestellten Seiten zum Zuge. Die einzelnen Figuren agieren und äußern sich wertend, der allgemeine Tenor der Erzählung ist jedoch betrachtend und zeigend.
Nicht unbedingt die Kolonialisierung steht im Mittelpunkt, sondern die Konflikte der einzelnen Menschen, die aus ihrer Situation heraus entstehen.

Beschneidungen

Nebst der Missionierung und dem Einfall der Weißen ist es die Praktik der Beschneidung, die mir als westlicher Leserin ins Auge fällt. Sowohl für Jungen, als auch Mädchen bildet sie in der Kultur der Agĩkũyũ ein Initiationsritus, der sie zu vollwertigen Männern bzw. Frauen werden lässt. Insbesondere der männliche Blick findet hier ein Sprachrohr; der Schmerz, der zugefügt wird und doch weit hinter dem Stolz und dem Zugehörigkeitsgefühl verblasst. Zwar stirbt im Zuge der Beschneidung ein Mädchen, doch wird dies nicht kritisch im Bezug auf die Praktik reflektiert, sondern in Bezug zur Religion des Mädchens – dem Christentum – gesetzt.

Als Leser*in ist man an dieser Stelle nicht eingeladen, zu werten. Zentrum bleibt die Betrachtung der Tradition: Die Wichtigkeit, die bestimmte Praktiken und Ansichten innerhalb einer Kultur haben, ist nicht abzustreiten und keinesfalls von heute auf morgen absetzbar. Nicht, ohne einen Ersatz zu bieten, nicht, ohne dem Zeit zu lassen.

Das, was man bei dieser Erzählung für sich mitnehmen kann, ist ein Blick in ein für westliche Augen fremdes Volk. Ein Plädoyer aber auch dafür, Neues anzunehmen – wie Waiyuki in seinen Bemühungen, Toiletten in seinen unabhängigen Schulen installieren zu lassen, was bei den Ältesten jedoch für Unmut sorgt – und keinen einzelnen Führern zu folgen, aus deren Mündern der Hass spricht.


Fazit

„Der Fluss dazwischen“ ist ein Roman, der auf wenigen Seiten vieles zu berichten weiß. Er öffnet keine Augen, aber vielleicht das Herz. Seine Darstellung zeigt Einblicke in die Vergangenheit einzelner Menschen Kenias, die sich zu lesen lohnt.

Autor: Ngũgĩ wa Thiong’o | Übersetzung: Anita Jörges | Verlag: Unionsverlag

Beeindruckende Bücher

Welches Buch hat euer Denken beeinflusst?

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, schrieb einst Franz Kafka. Kein Zitat könnte passender sein für diesen Artikel, der jene Bücher in den Fokus stellt, die mitten in Herz und Hirn gehen. Die es schaffen, zum Umdenken zu bewegen, bis ins Mark erschüttern oder faszinieren und derart besonders sind, dass man sie kaum vergessen kann. Vorhang auf.

Sowohl auf Twitter, als auch auf Facebook fragte ich euch, welches Buch genau das geschafft hat. Zusammen gekommen ist ein Fundus an außergewöhnlichen Büchern, die zu benennen definitiv nicht schaden kann – selbst dann, wenn es auf negative Weise zu beeindrucken wusste.

[Randbemerkung: Obwohl im Artikel viele Autorinnen vertreten sind, fehlen die Stimmen von POC’s fast gänzlich. Da muss ich bald eine spezielle Liste erarbeiten. Entsprechende Bücher gibt es schließlich genug.]

Augen öffnend

„Die 120 Tage von Sodom“

Wie „Die 120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade, das manch einen, wie Steffi, aufgrund der dort gezeigten menschlichen Abgründe abgestoßen hat.
Gerade für sie als Sozialarbeiterin wurde damit eine Grenze des Ertragbaren überschritten, hat ihr dabei allerdings auch gezeigt, wo ihre Grenzen genau liegen. „[Der ]Inhalt [ist ]an Widerwärtigkeit kaum zu übertreffen“, schreibt sie und kommt kurz darauf zum Fazit: „Ich bin froh, das Buch vollständig gelesen zu haben. Es ist zum Glück „nur“ eine völlig perverse Geschichte. Hat mich aber auf die Realität vorbereitet. Taucht das Thema irgendwie auf, ist die Akte für mich zu.

In eine zumindest ähnliche Kerbe schlägt für Stefan Mesch Ayn Rands „Der Streik“ , der in seinen Augen (und dem schließe ich mich persönlich an dieser Stelle sehr gerne an) ein absolut fragwürdiges Gesellschaftsbild zeichnet: „[Es ist] hanebüchen, absurd, zynisch und voller Denkfehler – aber ich bin echt einmal die Woche froh, dass ich das las. Weil ich seitdem merke, wie viele Leute um mich herum das Gesellschaftsbild „Wer stark ist, soll gefördert werden. Wer schwach ist, schwächt die Gemeinschaft: Wir müssen die Starken immer stärker machen, dann ziehen sie den Rest schon mit.“

Wer zufrieden in seiner eigenen Welt lebt, der weiß unter Umständen gar nicht, welche Abgründe sich in der Welt auftun. Das geschriebene Wort im Allgemeinen und Bücher im Besonderen können ein Fenster zur Welt sein, das einen zuweilen staunend, manchmal schmachtend, aber allzu oft eben auch fassungslos hinausschauen lässt. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Das Buch als Lebenshilfe

"Buch der fünf Ringe" von Miyamoto Musashi

Zurück zu den positiven Seiten. Dorthin, wo es das geschriebene Wort schafft, das Leben zum Besseren zu wenden. Manche Bücher können helfen, über schwierige Phasen des Lebens hinwegzukommen. Beispielsweise über Trennungen, wie Kalle Paulsen erzählt.
Das „Buch der fünf Ringe“ von Miyamoto Musashi habe ihn dazu inspiriert, „etwas pragmatischer und stoischer an Probleme heranzugehen. Ich habe damals eine ganze Menge meiner (aus heutiger Sicht) unnützen Ideale über Bord geworfen und mich selbst freier und weniger emotionsgesteuert gemacht.“

Andere Bücher lehren, dass man auch um Hilfe bitten kann, wenn man sie braucht und kleine Geschenke annehmen darf, wie Aimée zu berichten weiß, wenn sie über „Art of Asking“ von Amanda Palmers spricht. Klassische Ratgeber sind dafür schließlich auch prädestiniert, Worte zu formen, die sich im Kopf verankern sollen – und es offensichtlich auch ab und an nachhaltig schaffen.

Aha!?

Doch auch Romane sind keine unbeschriebenen Blätter. Geschichten schaffen die Brücke zwischen Phantasie und Realität, spiegeln unsere Gesellschaft mal mehr, mal weniger wider. Gerade, aber nicht nur für Kinder kann das wegweisend sein und die eigenen Ansichten schärfen. Romane zeigen uns, was sein kann, was möglich wäre. Nicht umsonst sollte meiner Ansicht nach wesentlich mehr Diversität in der Literatur aller Altersklassen herrschen.

Wolfsaga“ von Käthe Recheis hatte mich als Kind unglaublich fasziniert. Die Fabel über ein scheinbar ohnmächtiges Wolfsrudel, das sich gegen die Übermacht eines totalitären Regimes stellt und für das gesunde Miteinander kämpft, zeigte mir, dass man nicht alles hinnehmen muss, was einem präsentiert wird. Man kann aufbegehren, Flagge zeigen.

Für Tim war ein Roman Mitgrund für seinen Einstieg in den Zivildienst mit geistig behinderten Menschen. Der „zeitlos geschriebene“ Roman „Flowers for Algernon“ von Daniel Keyes habe ihn „viel über die Menschlichkeit gelehrt.“ Ähnlich in eine berufliche Richtung geschubst fühlte sich Sal von Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“: Vom Philosophiekurs über das Studium bishin zur finalen(?) Berufswahl.

Zum Nachdenken anregen; ein Ziel, das sicherlich viele Autor*innen mit ihren Werken verfolgen. Ob es darum geht, darüber nachzudenken, „was [man] mit seinem einen Leben anfangen möchte ohne eine zweite Chance zu haben“, wie es Just Platinized ausdrückt und dabei „The First 15 Lifes of Harry August“ von Claire North bedenkt. Oder um die „Aufforderung, die Augen aufzumachen, was um einen herum passiert“, wie es Carola über die „Drachenlanze„-Romanreihe von Margaret Weis und Tracy Hickman ausdrückt.

Der hier hauseigene Marcus schwört wie selbstverständlich auf „Der Herr der Ringe“ von J.R.R.Tolkien. Es habe ihn viel über Freundschaft, die Zeiten, Orte und Ansichten überdauert gelehrt und ihm gezeigt, dass man tatsächlich etwas tun kann, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Einen interessanten Gedankengang liefert auch Feuerlilie, die an dieser Stelle vom Roman „Das Kartengeheimnis“ von Jostein Gaarder spricht: „Das Buch habe ich in meinen jüngeren Teenagerjahren gelesen und die philosophischen Betrachtungen darin haben mich nachhaltig begleitet. Zum Beispiel die Idee, dass wir alle auf dieser Welt wahnsinnige Glückspilze sind. Warum? Man denke an die Pest im Mittelalter bei der 1/3 der Bevölkerung Europas gestorben sind – aber nicht unsere Vorfahren! Und so geht es weiter, sei es nun der 30-jährige Krieg, Hungersnöte oder zwei Weltkriege. Unsere Vorfahren waren immer unter den glücklichen Überlebenden. Was für eine unwahrscheinliche Kette von Glücksfällen, die schließlich zu unserer Geburt geführt hat.“

Worte bewegen, Worte laden zum Nachdenken und Fühlen ein, Worte sind magisch. Nicht selten beeindrucken sie nachhaltig über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg. Bücher können einen verändern.
Während ihr nun herzlich eingeladen seid, selbst darüber nachzudenken, welche Bücher euch auf’s Tiefste beeindruckt haben, lasse ich euch zu guter Letzt die beiden Bücher da, die mehrfach genannt worden sind. Mit Recht? Meiner Ansicht nach auf jeden Fall!


„Die unendliche Geschichte“ – Michael Ende

„Ich hab es mit 12 zum ersten Mal gelesen, danach noch weitere 5 Mal im Lauf meines Lebens. Ich habe immer neue Ebenen der Geschichte entdeckt und mit 12 mich zum ersten Mal wirklich und bewusst mit einem Buchcharakter identifizieren können. Bastian war mein Held. Und ich hab ihn intensiv beneidet um die Möglichkeit eine ganze Welt erschaffen zu dürfen mit dem letzten Staubkorn des alten Phantasiens und dem Auryn um seinen Hals.“
[Melanie Phantagrafie]

„Ich war damals 6 und das Buch brach die vierte Wand für mich offensichtlich nicht nur von Buch zu Bastian sondern auch von Bastian zu mir und das hat mein Verständnis von Fantasie gänzlich geändert.“
OddNina

„Als Mobbingopfer habe ich Bastian gefeiert!“
Katsu


Pippi Langstrumpf – Astrid Lindgren

Pippi Langstrumpf

“ Spontan würde ich sagen, dass die Bücher von Astrid Lindgren mir als Kind ein offenes Weltbild vermittelt haben. Zwar zeigt sie immer wieder soziale Unterschiede auf, aber es gibt niemals Grenzen der Menschlichkeit.“
BlackGentleman

“ Weil sie wie ich nur ein Elternteil hatte, wie ich oft allein zu Hause war, wie ich aus allem etwas anderes machte und wie ich nicht wirklich Mädchen sondern eher Burschikos/Neutrum war.“
Katsu


Headerbild by: unsplash-logoThought Catalog
Trevor Noah Farbenblind Rezension

Weshalb du „Farbenblind“ von Trevor Noah lesen solltest

Autor: Trevor Noah Verlag: Blessing Verlag | Format: 336 Seiten, HC

Trevor Noahs Autobiographie hätte seinen Aufstieg vom armen Kind Afrikas zum international gefeierten Comedian und Show Host in den Fokus stellen können. Solche Geschichten appellieren an den Träumer in uns und finden stets ihre begeisterten und innerlich neidenden Zuhörer. Trevor hat es sich jedoch nicht so einfach gemacht. Statt des American Dreams thematisiert er seine Kindheit und Jugend in einem von Rassismus und Armut geprägten Umfeld der Apartheid. Und das geht unter die Haut.

Obwohl man dem Buch manches – wie etwa eine fehlende Kontinuität in der Erzählführung und mangelhafte Selbstreflexion seitens des Autoren – ankreiden könnte, ist es ein Werk, das man gelesen haben sollte. Nicht nur, weil es sich trotz der ernsten Thematik unterhaltsam liest und den ein oder anderen Lacher birgt, sondern vor allen Dingen weil es uns, die sich in unserem Eurozentrismus suhlen, den Horizont erweitern kann.

Der Nabel der Welt …

… ist nicht Deutschland. Ja nicht einmal Europa oder der ganze eurasische Kontinent. Nicht die Welt bestimmt den Nabel, sondern jedes Individuum für sich. Genau diesen Umstand stellt Trevor hier eindrucksvoll zur Schau. Aus der Sichtweise eines Chamäleons, das überall und nirgends richtig zu Hause ist, hat er gelernt, die Perspektiven zu erkennen und spielerisch zwischen ihnen zu wechseln. Er erläutert, wie Sprache Barrieren schafft, aber auch Verbindungen herstellt wo eigentlich gar keine herrschten.

Wer als Deutscher den Namen „Hitler“ hört, denkt an Antisemitismus, Hass und Tod. Undenkbar, sein Kind so zu nennen, undenkbar, im Kreis um einen Tänzer zu stehen und mit der typischen Hip Hop-Bewegung den Arm im Takt zu bewegen, während man „Go Hitler!“ ruft. Die Episode, die in der Autobiographie dazu erzählt wird, ist im ersten Moment verstörend – doch nur dann, wenn man es aus seiner eigenen Sicht betrachtet. Hier jedoch wird man dazu angehalten, die Perspektive zu ändern, mit den Augen eines Jugendlichen Afrikas zu sehen. Aus seiner Sicht ist nicht Hitler die abscheulichste anzunehmende Person, sondern jemand ganz anderes, den wir Europäer gar nicht erst mit ins Fadenkreuz genommen hätten.

Farbenblind Trevor Noah Zitat

Apartheid?

Viel erfährt man über die teils desaströsen Umstände zu Zeiten der Apartheid. Dabei wird es nicht zum Geschichtsbuch oder zur Aneinanderreihung von Fakten, Daten und Zahlen, sondern geprägt von persönlichen Eindrücken. Das macht es lebendiger und griffiger gerade für das europäische Auge. Vielleicht erfährt man nicht die ganzen Hintergründe, doch man erfährt das, ebenso zählt: Das Empfinden der Betroffenen. Wie fühlt es sich an, von der eigenen Mutter auf offener Straße verleugnet zu werden? Als Kind eines weißen Mannes und einer schwarzen Mutter war man als Verbrechen geboren; die Fortpflanzung der Eltern stand unter strenger Strafe.

„Farbige“ werden dort die Früchte einer solchen Liebe – oder zuweilen auch Gewalt – genannt. Sie gehören weder zu den Schwarzen, noch zu den Weißen und bilden eine eigene Gruppe mit eigenen Regeln, eigener Sprache bishin zur eigenen Kultur. Sie sind Produkt eines Systems, das die Menschen gegeneinander aufbringen möchte, um die eigene Macht zu erhalten. Ein System, das in „Farbenblind“ eindrucksvoll präsentiert wird und bei dessen Vorstellung man nur den Kopf stellen kann.

„Nelson Mandela hat einmal gesagt: »Wenn man zu einem Mann in einer Sprache spricht, die er versteht, erreicht man seinen Verstand. Wenn man zu ihm in seiner Sprache spricht, erreicht man sein Herz.« Er hatte ja so recht. Wenn man sich bemüht, die Sprache des anderen zu sprechen, selbst wenn es nur ein paar Sätze hier und da sind, sagt man damit: »Ich erkenne eure Kultur an. Ihr habt eine eigene Identität. Ich sehe euch als

Erfahrungsberichte wie jener Trevor Noahs sind extrem wertvoll nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern vor allen Dingen auch für die Unbeteiligten. Die eigene Perspektive wird in Frage gestellt und der Geist für die Sichtweisen Anderer geschärft.

Auch Autoren profitieren davon

Vielleicht überraschenderweise möchte ich dieses Buch insbesondere auch Autoren ans Herz legen. Jene, die vielschichtige Figuren und spannende, authentische Welten erschaffen möchten. Meistens behilft man sich dabei nämlich des eigenen und von Natur aus beschränkten Horizontes. Das ist keine Schande, denn man kann nicht überall gewesen sein und alles gesehen und mit jedem gesprochen haben.

Doch gerade wer in die Fremde schreibt, mit seinen Worten andere Kontinente erschafft und Personen zum Leben erweckt, für den ist solch ein Buch Gold wert. Versetzt euch in andere Perspektiven, liest mit offenem Geist und willendem Herzen. „farbenblind“ ist, wie anfangs erwähnt, kein perfektes Buch. Aber es kann Emotionen wecken und den Horizont erweitern – in der bestmöglichen Weise.

Zu tussig um eine Heldin zu sein

Das Böse lauert im Make-Up: „Tussis“ auf dem Abstellgleis der Phantastik

Hübsch zu sein ist in der Popkultur kein Verbrechen – sehr wohl aber, sich für Make-Up, Mode und Co zu interessieren. So scheint es zumindest. Neben dem, dass es belächelt und als unnützen Weiberkram abgetan wird, werden diese Figuren gerne als Antagonistinnen dargestellt. Sie sind die, die es der Hauptfigur schwierig machen, sie sind die bösen Figuren, die erst auf den richtigen Pfad geführt werden müssen. Denn kann eine Person, die es liebt, sich schön zu machen, überhaupt selbst zur Heldin taugen?

Spoiler: Sie könnte. Denn auch sie ist eine Person mit mehreren Facetten. Make-Up und Co. zu lieben ist nichts, für das man sich schämen müsste. Es mag nicht so angesagt sein wie die Passion für Sammelkarten, Videospiele und Bücher, doch muss es das?

Das Thema schlägt in eine ähnliche Kerbe wie das rund um die Stärke von (weiblichen) Figuren, das ich hier bereits angesprochen hatte. Stark ist, wer ein Schwert schwingen kann, selbst in brenzligen Situationen coole Sprüche auf den Lippen hat und körperlich fit ist? Ja, das könnte Stärke bedeuten. Doch Stärke bedeutet mehr als das und schließt auch manikürte Fingernägel nicht aus.

Prinzessin Vespa Spaceballs

Sicher erinnert ihr euch an Prinzessin Vespa aus der Star Wars-Parodie „Spaceballs“: Eine Frau, die mit drölfzig Taschen reist, ihre Haare stets perfekt föhnt und sich furchtbar aufregt, sobald eine Spitze dieses wundervollen Haares angesengt wird. Sie gilt anfangs als Zicke, findet jedoch im Laufe der Geschichte zu einer geerdeteren Persönlichkeit, auch Dank des eigentlichen Helden Lone Starrs.

Trotzdem ist sie eine der wenigen „Tussis“ des Genres, die sich nicht nur auf Gehässigkeit und Unterdrückung spezialisiert haben, sondern tatsächlich auch den Antagonisten hart ans Leder gehen können. Das ist selten geworden in einer Zeit, in der die Heldinnen meist gar nicht wissen, wie hübsch sie sind oder sich morgens wahlweise nur kurz mit Bürste oder Wimperntusche pimpen und dann trotzdem die schönsten der Schönen sind.

Unsympathin?

Natürlich gilt es stets, für sein kreatives Projekt eine sympathische Figur zu finden, bevor der Leser oder Zuschauer unter einem frühzeitigen Interessensverlust leidet. Der Punkt ist der: Als von bereits besprochenen Hobbys begeisterte Frau muss man nicht unbedingt unsympathisch sein. Mn redet nur gerne davon, dass es angeblich immer so sei.

Denn die für viele allzu weibliche Lust daran, sich hübscher oder auch nur „anders“ zu machen, passt für viele scheinbar nicht in das Bild einer sympathischen Protagonistin. Dabei wäre es so großartig, mal eine vielschichtige „Tussi“ als Heldin eines Romans zu haben! Die sich gerne und ausführlich mit Make-Up beschäftigt, stundenlang shoppen geht und Sex and the City, statt Star Wars mitsprechen kann. Als Identifikationsfigur könnte sie dennoch dienen – wenn sie ansonsten sympathisch, mutig und verständlich agiert.

Nebenbei könnte sie ja auch gerne noch Star Wars-Figuren sammeln oder ein Karate-Ass sein. Wenn es denn unbedingt sein muss.

Headerbild:Tanja Heffner