Halle Bailey ist Arielle
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Warum regen wir uns über eine Schwarze Arielle auf?

Halle Bailey wird Disneys neue Arielle. Halle: Eine junge Frau mit ansteckendem Lächeln und einem hübschen Gesicht, die mit ihrer Ausstrahlung einer Arielle sicherlich würdig ist. Das Problem für viele dabei: Sie ist Schwarz.

Die Frage, die zunächst im Raum steht, ist diese: Warum war Arielle überhaupt weiß? Als Meerjungfrau ist sie eine fiktive Kreatur und könnte nahezu jede Hautfarbe besitzen oder sogar von Schuppen, statt Haut bekleidet sein. Sie könnte getupft, gestreift oder mit Kästchen versehen sein. Sie wird jedoch stets weiß dargestellt – weil weiße Haut bis vor gar nicht allzu langer Zeit der etablierte Standard in der Popkultur war. Ihre in den meisten Vorlagen weiße Haut ist okay. Eine dunkle wäre es jedoch auch. Die Hautfarbe hat storytechnisch schlichtweg keine Relevanz.

Was uns zum nächsten Punkt führt:

„Aber Pocahontas wird auch nie von einer Weißen gespielt! HA!“

Nun. Bei Pocahontas ist ihre Ethnie Teil der erzählten Geschichte. Würde ihre Figur mit einer Weißen gecastet werden, würde das weder der Figur, noch dem Plot gerecht werden. Schlimmer: Es würde sich um Whitewashing handeln. Eine eigentlich nicht-weiße Figur wird der „weißen Norm“ angepasst, die jedoch nicht in der Realität, sondern lediglich in strukturell geprägten Köpfen existiert.

Ähnliches konnte man bereits mit dem Aladdin-Casting beobachten: Die Rolle der Jasmin wurde zwar mit Naomi Scotts von jemandem besetzt, die einen nicht-weißen Hintergrund hat. Allerdings liegt dort die Sachlage des Colorism nahe, da sie deutlich europäische Gesichtszüge und eine vergleichsweise helle Haut besitzt. (Siehe Artikel “ „Der Live-Action Aladdin und was er mit Orientalismus und Colorism zu tun hat„)

Hollywood ist nach wie vor weiß, POC sind zwar auf dem Vormarsch, aber weiterhin werden vorrangig weiße Menschen in den Hauptrollen gecastet. Und ja, das ist ein Problem. Man schließt aktiv aus. Wenn man sich ansieht, wie viele weiße Disney-Prinzessinnen es gibt, wird schnell klar: Sie bilden die große Mehrheit. Viel wichtiger: Ihre Herkunft hat so gut wie nie etwas mit dem Plot zu tun. Sie haben das Privileg, sein zu dürfen. Während die POC-Prinzessinnen häufig über ihre Hautfarbe definiert werden. Nicht immer – aber doch häufig. Warum diese Struktur also nicht weiter aufbrechen?

Kurzum: Man sollte auf den Kontext achten. Gehört die Hautfarbe oder Ethnie zur Figur? Oder hat sie wenig bis keinerlei Relevanz?

„Aber wenn Weiße in POC-Rollen gecastet werden, ist der Aufschrei auch groß! Doppelmoral!“

Wie bereits angedeutet, castet die westliche Welt eher ungerne POC-Darsteller*innen. Warum? Weil man dafür angeblich einen eigenen Plot „braucht“, der sich um die Ethnie rankt. Das ist natürlich zu kurz gedacht, denn obwohl bspw. Han Solo weiß ist, hat seine Weißheit nichts mit seiner Herkunft zu tun. Er könnte beispielsweise schwarz sein, ohne dass es einen Unterschied machen würde. Aber daran denkt die westliche Welt kaum. Schwarze werden meist nur gecastet, wenn es sein „Muss“. Und das ist ein Problem.

Als Positivbeispiel möchte ich hier Star Trek einfügen, die divers casten, ohne dass die Rollen auf ihre Ethnien beschränkt sind.

Es gibt schon wenige Rollen „für POC“. Eine Weiße in eine eigentlich asiatische Rolle zu casten, hat daher einen mehr als nur bitteren Beigeschmack. Da geht es nicht mehr um Diversität, sondern um das (bewusste) Unsichtbarmachen von POC.

Wenn irgendwann ein Ausgleich und weniger internalisierter Rassismus herrschen sollte, wenn irgendwann POC in Rollen gecastet werden, die einfach „sind“ – dann gäbe es wohl auch keine Aufschreie mehr, wenn eine POC-Rolle anders interpretiert und die Hautfarbe verändert werden würde.

Doch so weit sind wir noch nicht. Noch lange nicht.

„Aber Arielle ist rothaarig!“

„Uhm, actually…“

Eigentlich wird „Die kleine Seejungfrau“ von Hans Christian Andersen – dem eigentlichen Original – nicht mit roten, sondern mit langen Haaren beschrieben. Als sich Disney Ende der 80er Jahre im kreativen Prozess rund um Arielle befand, war übrigens von blondem Haar die Rede. Aufgrund der Popularität des 1984 erschienenen Films „Splash“ jedoch wurde dies jedoch verworfen. Schließlich wäre die optische Nähe zur Hauptfigur zu signifikant.

Bei dem Frust geht es freilich um das Bewahren der eigenen Kindheitserinnerungen. Um das wohlbekannte „Das war schon immer so!“ Ungeachtet dessen, dass es eben nicht „immer schon“ so war sondern sich auch die kleine See- oder eben Meerjungfrau im Laufe der Zeit großen Wandlungen unterzogen hat. Dass ein Bild, das man von etwas hat, nicht zwingend das einzig wahre sein muss. Popkultur ändert sich. Wir ändern uns.

Ganz davon abgesehen, dass auch POCs rote Haare haben können. Und eine Darstellerin kann sich die Haare färben. Überraschung und Konfetti!

Warum ist uns Nostalgie derart heilig, dass wir sie über alles andere stellen? Ist es nicht egal, ob Arielle in einer Interpretation rote, blonde oder gar grüne Haare hat? Bildet die Farbe ihrer Haut oder Haare wirklich die Essenz der Geschichte? Und wenn es doch „egal“ ist – dann kann sie auch gerne Schwarz sein. Zumal ihre „Rasse“ nicht mal geändert wird. Sie verbleibt eine Meerjungfrau.

Auch eine Frage, die man sich stellen kann: Warum ist es ein Aufschrei wert, wenn statt einer weißen, eine schwarze Frau gecastet wird – aber nicht, wenn die ganze Aussage einer Geschichte eine Änderung erfährt? Schließlich stirbt die Seejungfrau am Ende des Originals. Bummer.

Die Figur der Arielle ist eine fiktive, ihre Herkunft ist hautfarbenunabhängig. Solange Halle Bailey glaubhaft eine Meerjungfrau darstellen kann und der Film gut geschrieben und realisiert wird, sollte uns in erster Linie das Endergegbnis interessieren. Und nicht unsere festgefahrenen Kindheitserinnerungen. Denn den Disneyfilm von 1990 – nun, den kann man immer und immer wieder auf DVD genießen. Auch weiterhin.

3 Replies to “Warum regen wir uns über eine Schwarze Arielle auf?

  1. Vielleicht täuscht mich meine Erinnerung, aber gab es nicht eine ganz ähnliche (sinnbefreite) Diskussion, als beim Harry-Potter-Theaterstück die Hermine mit einer schwarzen Schauspielerin besetzt wurde?

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