Die große Empörung
Kolumnen Popkultur

Ist der Rausch der Empörung wichtiger als die Sache selbst?

Empörung ist die neue Ware, Likes der wohlverdiente Lohn. Gegenseitiger Hass rollt durch das Internet und nimmt alles mit: Freund*in, Feind*in, Hauptsache man hat sich so richtig ausgekotzt. Der guten Sache wegen. Der Punkt ist oft allerdings: Die Sache selbst bleibt dabei oft genug auf der Strecke.

„Die Sache“: Das kann ein tolerantes Miteinander sein, Feminismus, Rassismus oder Ableismus. Es kann die Bitte nach Diversität sein. „Die Sache“ ist allerdings aktuell irgendwo in irgendeine Nische verbannt worden. Lieber ignoriert oder ätzt man. Und das finde ich aktuell leider verdammt unerträglich. Hier mal ein paar der Dinge, von denen ich wünschte, sie wären anders.

Anerkennung statt Ablehnung

Das, was in solchen Debatten fehlt, ist – die Debatte. Es gibt kein „Hm, warum ist es dir so wichtig, dass Repräsentation herrscht?“ sondern lediglich ein „ICH habe es IMMER SCHON so gekannt, also ist alles andere unnütz!“ Man müsste sich ja sonst ein Mindestmaß anstrengen und alte Pfade verlassen. Gerade Menschen über 20 tun sich da manchmal schwer. Schließlich, nun ja, habe man es „immer schon so gemacht“ und „uiuiui, wo kämen wir denn da hin, wenn man IN DER PHANTASTIK plötzlich anfangen müsste, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.!“ (Spoiler: Die Phantastik hat sehr wohl auch Verantwortung.)

Dabei würde es schlicht ausreichen, wenn man Betroffenen zuhört. Wenn man nicht alles als unabdingbare Forderung, sondern als Bitte sieht. Gerade als weißer heterosexueller cis-Mann ist man verwöhnt. Das ist so. Das ist kein Vorwurf, sondern eine simple Tatsache. Ihr werdet euer Leben lang innerhalb dieser sozialen Komponente gepampert. Man macht euch da keinen Vorwurf,schließlich habt ihr Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit etc. nicht am eigenen Leibe erfahren. Ein Vorwurf wird erst dann erbracht, wenn ihr euch weigert, zuzuhören. Beispielsweise zum Thema Heldinnen. Und natürlich kann es sein, dass ihr an anderer Stelle Diskriminierung erfahrt, etwa durch eine (geistige) Behinderung oder Krankheit. Das möchte euch niemand absprechen. Ich selbst bin als weißer Mensch privilegiert.

Leider – und das beobachte ich einfach viel zu häufig – schmeisst ihr euch stattdessen lieber auf den Boden, strampelt mit Armen und Beinen und brüllt, dass das alles viel zu anstrengend sei. Fun fact: Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit, Ableismus und vieles mehr ist vermutlich wichtiger als eure Befindlichkeiten.

Hört zu. Denkt nach. Damit wäre vielen bereits geholfen.

Disclaimer: Und mit „ihr“ meine ich „uns“. Ich kann in vielen Belangen auch vieles besser machen und lernen. Auch ich muss zuhören.

Hilfe statt Hass

Aber ach, wäre die geeky Welt (Nazis u.ä. außen vor gelassen) doch schön, wenn es nur um die bösen cis-Männer und ihre Befindlichkeiten ginge. Dann könnte man sich Zeit nehmen und ihnen in Ruhe erklären, weshalb Gendersternchen gar nicht so schlimm sind und alles halb so schwierig ist, wie man es sich vorstellt. Nein, auf der anderen Seite stehen nämlich schon die Fackelträger*innen bereit und scharren mit den Füßen.

Er hat „dumm“ gesagt, steinigt ihn!“ Hinter diesem Ausruf des zumeist twitter’schen Zorns steht die Kritik am Ableismus, also Kritik an Behindertenfeindlichkeit, hier in Gestalt von entsprechenden Äußerungen. Kurz: Die Kritik ist eine an sich sehr gute Sache. Behindertenfeindliche Begriffe werden zu oft unbedarft geäußert. Es ist in der Alltagssprache verankert und diese strukturellen Problematiken aufzuzeigen ist wichtig. Leider wird nicht aufgezeigt, sondern direkt scharf geschossen. Gerade Ableismus ist allerdings etwas, das der Masse erst seit kürzester Zeit entgegen geworfen wird; eine in Relation zur Masse betrachtet(!) sehr junge Kritik, mit der die meisten noch nie in Berührung gekommen sind. Gleichzeitig tut man so, als müsste jede*r bereits woke sein und um die Problematik wissen. Breaking News: Es kann nicht jede*r perfekt sein.

„Muss ich jetzt jede*n der*die Scheiße labert pampern oder was?!?“

Natürlich nicht. Aber ist euch nie in den Sinn gekommen, dass es gegenteiligen Effekt hat, gleich draufloszuschießen gerade wenn die betroffene Person gar keine Ahnung hat, worum es geht? Dabei wäre es so einfach, kurz statt aggressiv „Du bist scheiße!“ zu sagen, es kurz zu erklären. Oder einen Link zu einem großartigen Artikel bereitzustellen. Man könnte damit zum Nachdenken anregen. Zum Umdenken. Ist das nicht wichtiger als der Rausch der Empörung?
Denn darum scheint es euch zu gehen: Um Empörung. Ihr called diese Leute dann aus. Ihr wollt keine Debatte, ihr wollt kein Umdenken. Das, was ihr wollt, sind Likes. Euch folgt auf Twitter – denn das ist die in diesen Fällen oft gewählte Plattform – eure treue Bubble, die sich ebenfalls primär empören möchte. Ihr feiert ein Likefest und suhlt euch im gemeinsamen Hass gegen den Unwissenden, der nicht ganz so gebildet (übrigens Klassismus) ist wie ihr. Ui, toll. Geht es euch noch um die Sache? Oder doch nur um Polemik? Glaubt ihr wirklich, ihr gewinnt, nur weil ihr euch in eurer Bubble suhlt und um euch tretet?

Wir drehen uns im Kreis.

Lasst uns kämpfen!

Natürlich ist es super, wenn man auf problematische Strukturen aufmerksam macht! Natürlich dürfen Rassismus, Misogynie, TERFs und vielem mehr kein Raum gegeben werden! Lasst uns darum kämpfen, dass diese Gruppen kleiner werden! Lasst uns für mehr Diversität kämpfen und für marginalisierte Menschen! Lasst uns laut sein! Sehr laut und unbequem!

Aber wie können wir gewinnen, wenn wir blind um uns schießen? Wie können wir eine Zeit des Umdenkens einleiten, wenn wir statt Wissen blanken Hass verteilen? Nur in Extremen zu denken und zu verurteilen hilft nicht der Sache, sondern eurer Bubble. Oder geht ihr auch außerhalb Twitters auf die Barrikaden? Nehmt ein Mikro in die Hand und mobilisiert? Auch dort würde es nicht reichen, eine Reihe von rassistischen Arschlöchern aufzuzählen.
„Person XY hat das gesagt! Und dann hat Person Y diesen Kack erzählt! Haha seht euch diese Schweine an!“ Ja, das ist mal eine tolle Kundgebung. Vermutlich würdet ihr stattdessen eine Rede vorbereiten. Aufzeigen, warum es so furchtbar ist. Zwar im gemeinsamen Frust mobilisieren, aber nicht mit blinden Roundhousekicks glänzen. Zumindest habe ich das bei Demos nie in der Form erlebt. War trotzdem empowernd. So ganz ohne reines Outcallen.

Tja.

Ich persönlich finde es wichtig – und ich bin auch von Ismen betroffen, welche man mir leider oder zum Glück nicht immer ansieht – zu reflektieren und zum Nachdenken anzuregen. Als ich vor Jahren begonnen habe, über Diversität in der Popkultur zu schreiben, war das Feld noch leer. Es gab schlichtweg kaum andere Blogs oder Youtuber, die über solche Themen gesprochen haben. Zum Glück ist das nun anders und die Gesellschaft generell offener und eher bereit, nachzudenken. Auch Dank der vielen Own Voices, die aus ihrer eigenen Sicht darlegen. Gelernt habe ich von ihnen. Nicht von jenen, die ihren Feed ausschließlich mit dem Outcallen Anderer füllen.


Header: unsplash-logoHasan Almasi

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