The Perfection auf Netflix
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Netflix‘ „The Perfection“ ist extrem – das macht ihn aber nicht gut

Auf den ersten Blick macht „The Perfection“ vieles richtig: Der Film zeigt zwei Frauen in den Hauptrollen, von denen beide lesbisch (oder auch bspw. pan- oder bisexuell) und eine eine POC ist. Es geht – nebst dem eigentlichen Thriller bzw. Horroraspekt – um Wut, Stolz und Stärke. Zudem ist er streckenweise ekelhaft und schockierend, was natürlich einen besonderen Reiz ausmacht. Aber ist er auch gut? Ich finde nicht. Und ich kann die Begeisterung, die vielerorts herrscht, nicht ganz nachvollziehen.

Wenn man in den sozialen Netzwerken nach dem Film sucht, findet man sich bald in einem Sumpf aus wundervoll reizenden Adjektiven wieder: Verstörend! Ekelhaft! Extrem! Insane! Boundary-pushing! Messed up! Man überschlägt sich fast vor lauter Begeisterung, den Film überstanden zu haben und lobt ihn über den Klee. Aber warum? Weil er … extrem ist? Weil er Grenzen überschreitet?

Anstatt einer schnöden Inhaltsangabe des Films lasse ich euch den Trailer hier. Obacht: Er zeigt bereits recht viel. Wer sich überraschen lassen will, guckt den Film ohne zuvor den Trailer begutachtet zu haben.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Die erste Hälfte des Films ist fantastisch! Überraschend, klug inszeniert und beseelt durch unglaublich gutes Charakterspiel der beiden Darstellerinnen! Hier wird auch weibliche Nacktheit gezeigt: In einer lesbischen Liebesszene, die erfrischend normal und wenig „male-gazig“ erscheint. „Hurra!“, dachte ich, „Das scheint ein super Film zu sein!“ Man weiß noch nicht so recht, wo es hinführen wird: Ist es ein Thriller? Eine Maden-Invasion-Virus-Geschichte? Oder doch Superman?

Der Twist

Der erste Twist war ein Höhepunkt und wunderbar präsentiert. Danach wurde der Film für mich jedoch zum nahezu billigen Trash. Plötzlich gab es nur noch dubiose Entscheidungen und Begründungen seitens der Figuren, ein billiges Motiv und lächerliche Plot Devices. Es wurde plakativ und zu in meinen Augen lächerlichem Unfug. Dabei mag ich Trash! Ich mag Horror! Aber nicht, wenn zu diesen speziellen Themen gegriffen wird. Nicht, wenn diese so behandelt werden.
„Aber es ist doch so toll extrem!“ Ach. Guckt halt die erste Hälfte von The Perfection und kreuzt dann „Kill Bill“ mit „I spit on your grave“. Das kann dann eure zweite Hälfte sein.

Ab hier: Spoiler!

Ich war unfassbar enttäuscht davon, dass Vergewaltigung als derart billiges Motiv verwendet wurde. Der – richtig kluge und gute – Film wurde alsbald zum Revenge Porn, unter dem die interessanten Figuren litten und der Plot ins Bodenlose abdriftete. Als ob es keine andere Möglichkeit gegeben hätte, sie zur Vernunft zu bekommen! Als ob man selbst automatisch zu einem Monster werden würde, wenn einem Leid widerfahren ist! Als ob man immer und immer wieder die Szenen hätten zeigen müssen! Klar – es wurde nichts gezeigt. Nackt war nur der Mann. Aber immer und immer wieder? Ja, wir haben es verstanden. Ja, sie wurden vergewaltigt und missbraucht. Da hat bereits die erste Szene gereicht, in der es angedeutet wurde, nur der Druck seiner Hand auf ihrer Schulter. Wir wussten es – dann wurde es plakativ. Eben extrem, hurra. Weil „extrem“ ja immer cool ist. Hauptsache extrem, Hauptsache, man kann unter diesem Deckmantel unter die schwachen des Plots hinwegsehen. Und wenn man es zu flach und trashig findet, ist man die Spaßbefreite. Logisch.

Es wurde schlicht von Minute zu Minute billiger und flacher und das hat mir um die Figuren und den anfänglichen Plot so leid getan. Man hätte es so viel klüger, so viel feinsinniger zeigen können – und den Mann am Ende trotzdem derart verstümmeln können. Gebt uns Horror, gebt uns Extremes! Aber gewirkt hat es auf mich wie bloße Effekthascherei um der Schocks wegen. Meiner Ansicht nach verheizen sie.
Kann ich bitte noch einen Film mit diesen beiden Darstellerinnen haben? Sehr gerne mit Gore, Schocker und Maden im Arm! Aber ohne dämlichen Revenge Porn? Danke.

/Rant.

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