Der Live-Action Aladdin und was er mit Orientalismus und Colorism zu tun hat

Aladdins Jasmin Real Life Remake

Das Live-Action Remake von Aladdin schlägt hohe Wellen auch abseits der Disney-Fangemeinde. Nicht nur der Dschinni, auch das Casting insbesondere der weiblichen Hauptfigur Jasmin steht dabei unter scharfer Kritik. Bevor ich mich als Unbeteiligte an eine Erklärung wage, möchte ich lieber jene zu Wort kommen lassen, die selbst von rassistischen und orientalistischen Strukturen und Vorurteilen betroffen sind. Meet Swara Salih.

WICHTIG: Dieser von Swara Salih verfasste Artikel erschien zuerst unter dem Titel „The Live Action ‘Aladdin’ Doubles Down on Orientalist and Colorist Trends“ auf dem Blog The Nerds of Color. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion durfte ich den Artikel übersetzen und ihn hier auf meinem Blog für euch zur Verfügung stellen. Wer des Englischen mächtig ist, ist allerdings aus Prinzip herzlich eingeladen, sich bevorzugt mit dem Original zu befassen: Klick.

Aladdin ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme aller Zeiten. Als Kind des Nahen Ostens fühlte ich mich repräsentiert und dieses Gefühl hat mich seither immer begleitet. Über meine insgesamt sehr komplizierte Beziehung zu dem Live-Action Remake allerdings habe ich auch bereits sehr ausführlichen geschrieben. Mit dem neuen, eigentlich sehr soliden Trailer werden nun weitere Einblicke in die Entwicklung der Realverfilmung gegeben, die sich offenbar bedenklicher Trends bedient. Insgesamt habe ich sehr wenig bis gar kein Vertrauen darin, dass es dieser Film in Bezug auf die problematischen Aspekte des Originals besser machen wird,(den willkommenen Fakt, dass POC die Hauptrollen spielen werden, einmal außen vor gelassen), sondern diese sogar noch verstärken wird.

Die Autorin Clarkisha Kent hat diesbezüglich ausführlich und eindringlich über ein weit verbreitetes Problem geschrieben, das bislang noch zu wenig Beachtung gefunden hat: den Colorism. [Anm.: Ein sehr schönes Video dazu findet sich hier.] Damit wird die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe auch innerhalb ethnischer Gruppen bezeichnet. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, erhalten Schauspieler mit hellerer Haut und deutlich europäischen, optischen Merkmalen aufgrund des Colorism die wohlwollendste Behandlung in Hollywood. Insbesondere bei Schauspielerinnen wird dies deutlich: Jene mit hellerer Haut und „weißeren“ Gesichtszügen werden bei Castings bevorzugt (Wie Clarkisha in ihrem Artikel erklärt). Im Internet wurden nun einige Stimmen laut, die genau das beim Casting von Naomi Scotts (die zur Hälfte Gujarati-Inderin und zur Hälfte Weiß ist) als Jasmin bemerkt haben.

Über diesen Aspekt von Jasmins Casting habe ich bislang noch nicht gesprochen und mich mehr auf die Tatsache konzentriert, dass eine arabische Rolle von einer Inderin gespielt wird. People of Color sind aber nicht austauschbar. Je mehr ich allerdings von Jasmin in Trailern und Teasern sehe und mich mit befreundeten Women of Color (Wie meine But Why Tho? Chefredakteurin Kate Sánchez, die Co-Moderatorin des Flash Podcast Tatiana Hullender und meine But Why Tho?-Kollegin Trishh) über die Aspekte des Colorism unterhalte, desto mehr wird mir klar, wie sehr Naomi als Weiß gesehen werden kann.

Sie ist immer noch eine Woman of Color, aber gerade im Vergleich zu der originalen Jasmin weist sie eine hellere Haut und europäischere Gesichtszügen auf. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Araberinnen, Perserinnen, Kurdinnen oder indischen Frauen gibt, die aussehen wie Jasmin im Realfilm. Sondern ich möchte darauf hinweisen, dass Jasmin im ursprünglichen Trickfilm eben nicht so aussieht. Vielmehr hat Jasmin dort im Gegensatz zu Naomi traditionellere arabische Gesichtszüge. Wenn Jasmin von einer weniger als Weiß durchgehenden und mehr dem Original entsprechenden Inderin verkörpert werden würde, hätten ich und viele andere weniger Probleme mit dieser Darstellung.

Colorism existiert inmitten arabischer und nahöstlicher Gemeinschaften, aber Jasmin stellte eine erfrischende Abwechslung dar: Endlich hatte eine dunkelhäutigere, eindeutig arabische Frau eine heroische Rolle inne. Leider fand bei Naomis Casting eine Rückwärtsbewegung in Richtung problematischer Strukturen statt. Wie die Autorin Mae Abdulbaki so schön schreibt: „Middle Eastern people range in a large spectrum of skin color.“ Jasmin wurde lange als positives Beispiel einer dunkelhäutigeren arabischen Frau gefeiert. Anscheinend waren Guy Ritchie und die Verantwortlichen aus dem Hause Disney jedoch der Überzeugung, dass nur eine Weiß aussehende Jasmin ein weltweites Publikum ansprechen könne.

Darüber hinaus änderten die Schöpfer der Realverfilmung die Hintergründe von Jasmins Mutter: Diese kommt nun aus einem „anderen Land.“ Ein Versuch, Naomis Casting zu erklären? Diesen typisch arabischen Charakter weniger arabisch zu machen, ist nicht nur unglaublich ärgerlich, sondern auch ein riesiger Rückschritt. Denn beim Colorism handelt es sich um ein weltweites Problem, mit dem wir uns befassen müssen. Mit der Realverfilmung von Aladdin jedoch scheint sich nichts zu verbessern.

Das Wenige, was wir bislang von Dschafars Darstellung gesehen haben, ist übrigens auch problematisch. Obwohl ich froh bin, dass wir einige der akzentuierten und rassistischen Tropes seiner Zeichentrickfigur überwunden haben, kann ich jetzt schon sagen, dass die Filmemacher auf einen anderen orientalistischen Trope setzen. Der Orientalismus beinhaltet viele Dinge, aber letztendlich läuft es darauf hinaus, dass nicht-westliche Länder und Gemeinschaften als „exotisch“ und „minderwertig“, sowie hilfsbedürftig der westlichen Welt gegenüber dargestellt werden. In der Vergangenheit war der orientalistische Trope in den westlichen Medien sehr beliebt, der Männer aus dem Mittleren Osten als verweiblicht und daher „weniger wert“ als westliche Figuren präsentiert hat. Typischerweise wurde dies beispielsweise dadurch ausgedrückt, dass der betreffende Charakter eine hohe und dünne Stimme hat, wie wir sie auch von Dschafar in den Teasern und Trailern hören können.

Im Netflix-Film Der ägyptische Spion, der Israel rettete habe ich Marwan Kenzari (der Schauspieler, der Dschafar verkörpert) bereits spielen sehen und nein, seine Stimme, wie sie in den Aladdin-Trailern zu hören ist, ist nicht seine natürliche. Selbstverständlich ist nichts falsch an einem Mann, der eine Stimme abseits traditionell männlicher Norm hat. Aber die Art, wie Marwan anscheinend von Ritchie angewiesen wurde, diese Rolle zu spielen, folgt genau jenen schädlichen orientalistischen Traditionen. Im Gegensatz zu Aladdin, der mit einem westlichen Akzent spricht, ist Dschafar somit kein „echter Mann“ und wir sollen ihn dadurch automatisch als weniger wert betrachten. Ich hatte gehofft, dass sie Dschafar unter Einbehaltung seines Antagonisten-Daseins weniger problematisch darstellen würden (inklusive der Art, wie er Jasmin behandelt). Aber zu sehen, in welcher Form sie Marwans Talente benutzen und offenbar verschwenden, befürchte ich, dass sie auch in dieser Hinsicht einen Schritt zurück machen werden.

Ein anderer Aspekt des Orientalismus, den die Filmemacher im ursprünglichen Aladdin untergebracht haben und der sich jetzt mit doppelter Kraft zu reproduzieren scheint, geht davon aus, dass östliche Kulturen im Wesentlichen alle gleich und austauschbar seien (Unabhängig vom Colorism wurde das bereits mit Naomis Casting deutlich). Für die Filmemacher ist „brown“ schlicht „brown“. Wir sind austauschbar für sie und sie denken, dass das vollkommen okay sei.

Natürlich ist das absolut nicht okay. Sie hatten die Dreistigkeit, offiziell zu verkünden, dass sie mit der Einführung von Charakteren aus dem gesamten Nahen Osten und Asien „die kulturelle Vielfalt der Seidenstraße feiern“ würden [Anm.: Siehe hier]. Nein. Dadurch wird lediglich der Orientalismus zelebriert, indem sie die tatsächlichen arabischen und nahöstlichen Menschen vom kreativen Prozess ausschließen und ein westliches Fantasyland kreieren (aka „The Orient“). Araber, Perser, Inder, Chinesen und andere POC werden offenbar einfach in einen Topf geschmissen. Zumindest im ursprünglichen Aladdin waren die Charaktere immerhin eindeutig arabisch (so problematisch sie auch porträtiert und mit eigenem, mit indischen Elementen angereichertem Orientalismus versehen worden sind). Die von westlichen Medien geprägte, rassistische Herangehensweise von Guy Ritchie und seinem Team jedoch muss ein Ende haben. Punkt.

Der originale Aladdin, seine Sequels und die wunderbare Serie werden für Kinder und Erwachsene zum Glück immer zur Verfügung stehen und hoffentlich auch via Disney+ verfügbar sein. Sicherlich sind sie auf ihre eigene Weise problematisch, aber zumindest hat es Children of Color und Kindern aus dem Nahen Osten ermöglicht, sich darin dargestellt zu sehen und Spaß daran zu haben. Der neue Film wird wahrscheinlich ein aus westlicher, Weißer Hand erschaffenes Chaos orientalistischer Stereotype sein, an dem mit Ausnahme weniger Schauspieler niemand aus dem Mittleren Osten kreativ beteiligt gewesen ist.

Wir müssen uns für die Repräsentation arabischer, iranischer, kurdischer und türkischer Menschen andernorts einsetzen. In Bezug auf diese Realverfilmung jedoch nähere ich mich dem Punkt, es mit den Worten von Ira Madison III auszudrücken: „Keep it“.

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