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Der Fluss dazwischen

Kenia zu Zeiten des Kolonialismus: Ein Fluss fließt durch ein Tal, das die beiden Höhenzüge Kameno und Makuyu voneinander trennt. Er steht sinnbildlich für die eintretende Trennung des Landes zwischen alten Traditionen und neuen, christlichen Tugenden. Waiyaki, ein Sohn Kamenos und traditioneller Werte, verliebt sich in ein Mädchen Makuyus, dessen Eltern zum Christentum übergetreten sind. So beginnt eine Geschichte, die mehr ist als Romeo und Julia, stattdessen tieferen Einblick in eine andere Zeit und eine andere Kultur gibt.

Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, die oft fließend ineinander übergehen und einen Zeitraum von über einem Jahrzehnt beschreiben. In dieser Zeit wächst Waiyaku vom Jungen zu einem Mann heran. Von seinem Vater wird er zur christlichen Missionsschule geschickt, um sich dort das Wissen der Weißen zueigen zu machen. Ein Glücksgriff, denn dieses Wissen bildet später die Basis, auf der er eigene, unabhängige Schulen errichten kann, die allen Agĩkũyũ-Kindern offen steht. Denn so semi-friedlich die Koexistenz zwischen Kolonialisten und den einheimischen Agĩkũyũ auch über Jahre hinweg war – die kulturellen Differenzen ziehen im Laufe der Erzählung immer größere Kreise. Diese führen letztlich nicht nur zum Ausschluss der nicht-christlichen Kindern in den Missionarsschulen, sondern auch zu schier ausweglosen Konflikten zwischen den Parteien, die sich bis in die Interna ziehen.


Zwischen Altem und Neuem

Der Autor Ngũgĩ wa Thiong’o, 1938 in Kenia geboren, zeichnet hier eine kulturelle Grenze, die zwar auf mehr oder minder strikte Weise besteht, jedoch überschritten werden kann. In der Figur des Joshua findet sich ein Mann, der zwar beschnitten ist, jedoch nun militant das Christentum vertritt. Im Gegenteil dazu tritt ein ehemaliger Anhänger Joshuas als glühender Vertreter alter Agĩkũyũ-Traditionen auf. Inmitten dessen stehen vor allem Waiyaku, der sich primär um das gesammelte Wissen kümmert und die Tochter Joshuas Nyambura. Sie verliebt sich nicht nur in Waiyaku, sondern stellt auch die christlichen Werte in Frage, ohne sich gleich auf die „andere Seite“ zu stellen. Schließlich ist es ihre Schwester, die sich gegen den Vater stellt und ohne dessen Wissen eine Beschneidung vornehmen lässt.

„Vater und Mutter sind beschnitten. Sind sie keine Christen? Die Beschneidung hat sie nicht daran gehindert, Christen zu werden. Auch ich habe den Glauben der Weißen angenommen.Trotzdem weiß ich, dass es schön ist, eine richtige Frau zu werden und alle Bräuche unseres Stammes zu lernen.“

Aus „Der Fluss dazwischen“, Ngũgĩ wa Thiong’o, geäußert von der Figur Mithoni, Seite 34

Obwohl die christlichen Missionare tendenziell schlechter wegkommen und gerade in den Anfängen des Romans als militant und aggressiv beschrieben werden, kommen doch alle vorgestellten Seiten zum Zuge. Die einzelnen Figuren agieren und äußern sich wertend, der allgemeine Tenor der Erzählung ist jedoch betrachtend und zeigend.
Nicht unbedingt die Kolonialisierung steht im Mittelpunkt, sondern die Konflikte der einzelnen Menschen, die aus ihrer Situation heraus entstehen.

Beschneidungen

Nebst der Missionierung und dem Einfall der Weißen ist es die Praktik der Beschneidung, die mir als westlicher Leserin ins Auge fällt. Sowohl für Jungen, als auch Mädchen bildet sie in der Kultur der Agĩkũyũ ein Initiationsritus, der sie zu vollwertigen Männern bzw. Frauen werden lässt. Insbesondere der männliche Blick findet hier ein Sprachrohr; der Schmerz, der zugefügt wird und doch weit hinter dem Stolz und dem Zugehörigkeitsgefühl verblasst. Zwar stirbt im Zuge der Beschneidung ein Mädchen, doch wird dies nicht kritisch im Bezug auf die Praktik reflektiert, sondern in Bezug zur Religion des Mädchens – dem Christentum – gesetzt.

Als Leser*in ist man an dieser Stelle nicht eingeladen, zu werten. Zentrum bleibt die Betrachtung der Tradition: Die Wichtigkeit, die bestimmte Praktiken und Ansichten innerhalb einer Kultur haben, ist nicht abzustreiten und keinesfalls von heute auf morgen absetzbar. Nicht, ohne einen Ersatz zu bieten, nicht, ohne dem Zeit zu lassen.

Das, was man bei dieser Erzählung für sich mitnehmen kann, ist ein Blick in ein für westliche Augen fremdes Volk. Ein Plädoyer aber auch dafür, Neues anzunehmen – wie Waiyuki in seinen Bemühungen, Toiletten in seinen unabhängigen Schulen installieren zu lassen, was bei den Ältesten jedoch für Unmut sorgt – und keinen einzelnen Führern zu folgen, aus deren Mündern der Hass spricht.


Fazit

„Der Fluss dazwischen“ ist ein Roman, der auf wenigen Seiten vieles zu berichten weiß. Er öffnet keine Augen, aber vielleicht das Herz. Seine Darstellung zeigt Einblicke in die Vergangenheit einzelner Menschen Kenias, die sich zu lesen lohnt.

Autor: Ngũgĩ wa Thiong’o | Übersetzung: Anita Jörges | Verlag: Unionsverlag

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