Blue is the Warmest Color – Vergleich Comic zur Verfilmung

blue is the warmest color

Girl meets girl – and discovers love and her own sexuality. Geschichten wie diese werden in Relation nicht oft auf großer Leinwand erzählt, umso schöner ist es, wenn es dann doch mal geschieht. Wie 2013 mit „Blue is the Warmest Color“, das auf dem 2010 erschienenen, gleichnamigen Comic von Julie Maroh basiert. Leider wird der Film meiner Meinung nach weder der Vorlage, noch dem Thema gerecht.

Der Comic

Die zu Beginn der Geschichte fünfzehnjährige Clementine führt ein nicht perfektes, aber normales Leben irgendwo in Frankreich. Es gerät aus emotionalen Fugen, als sie beim ersten Date mit einem älteren Jungen ein blauhaariges Mädchen sieht, das ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Es beherrscht ihre Gedanken- und Gefühlswelt derart, dass sie ihre eigene Identität zunehmend infrage stellt. Dort, wo die Beziehung zu ihrem nun neuen Freund bröckelt und schließlich noch vor dem ersten Sex gänzlich in die Brüche geht, erwächst ein zartes Pflänzchen der verzweifelten Liebe. Zu Emma, der jungen, blauhaarigen Frau, die sich vom flüchtigen Crush zu einer festen Liebschaft mausert. Eingebettet ist die liebevoll erzählte Beziehungsgeschichte in eine tragische Rahmenhandlung, in der die mittlerweile erwachsene Emma den Abschiedsbrief Clementines erhält und mithilfe derer Tagebücher tiefer ins Leben ihrer einstigen Freundin eintaucht.

Blue is the warmest Color - Panel aus dem Comic

Primär Clementine verfolgend, lernt man nach und nach Näheres über ihr Umfeld kennen. Die Freunde etwa, die sich beim ersten Verdacht auf ihre „andere“ Sexualität von ihr abwenden, das konservative Elternhaus, den homosexuellen Freund, der sie mit in eine Gay Bar nimmt und ihr somit erste Einblicke gewährt. Das soziale Umfeld legt ihr Steine in den Weg, doch es ist auch die gesellschaftliche Vorstellung von dem, wie man zu sein hat, die ihr die Selbstfindung nicht einfach machen.

Dieser Prozess entwickelt sich bei ihr nur langsam. Sie braucht Zeit, um sich selbst akzeptieren zu können. Emma findet dabei nicht immer die richtigen Worten oder Taten – sie ist ein Mensch mit Fehlern, die sich stockend entwickelnde Beziehung auch dadurch realistisch und nachvollziehbar eingefangen. Die Autorin erschafft hier vielschichtige Figuren, die oft, aber nicht immer, gemeinsam durch Höhen und Tiefen gehen. Intensiv erzählt und von Bildern getragen, die die Emotionen nur zu gut transportieren können, hat man fast den Eindruck, echten Erinnerungen zu folgen. Kein Wunder, dass die mancher Journalist nicht glauben will, dass Julie Maron hiermit eben keine Autobiographie verfasst hat.

Zeitsprünge und Perspektivwechsel sind nicht immer klar voneinander getrennt, fließen stattdessen ineinander und imitieren sowohl den Gedankenfluss der lesenden Emma, als auch die inkonsequente Dokumentation Clementines in ihr Tagebuch. Der Fokus auf Details (wie etwa das prägnante Blau) bestimmen die Vergangenheit.

„Blau ist eine warme Farbe“ ist ein Comic, den zu lesen sich lohnt und der einen mit auf eine emotionale Berg- und Talfahrt nimmt. Intensiv, nachvollziehbar, wichtig.

Die Verfilmung

Nur weil ein Film auf einer Vorlage basiert, muss er sich nicht an ihr festsaugen. Er darf eigene Schlüsse ziehen, interpretieren, eigene Wege gehen. Die Verfilmung von Blau ist eine warme Farbe nutzt den vom Comic getretenen Pfad, schlittert jedoch vielmehr auf Hoverschuhen oberflächlich drüber und macht viele Schlenker nach links und rechts.

Die Grundidee bleibt freilich: Mädchen trifft Mädchen, eine Beziehung erblüht und man bestreitet Höhen und Tiefen. Auch einige Szenen wurden nahezu 1:1 übernommen; die Szenerie ist wiedererkennbar. Allerdings mangelt es an erzählerischer Tiefe. Wo ich beim Lesen mitfiebere, kann ich mit den Figuren des Films wenig anfangen. Es fehlt an Chemie, an Details der Beziehung, an Emotionalität. Dafür findet man Längen, die sich in überzogenen Alltagsszenen, nichtigen Dialogen und Sex äußern.

Oh, der Sex. Unter uns beiden Lesern dieses Artikels gesagt: Ich habe nichts gegen explizite Sexszenen. Geschlechtsteile, generell nackte Haut und eine gewisse Rohheit gehören dazu und sind mir im Film lieber als auf Hochglanz polierte Szenen. Aber Blau… wirkt, als ginge es nicht um die Figuren, sondern um das Sehen derer. Um Voyeurismus, um Pornographie. Das erscheint zu platt gerade wenn man bedenkt, dass auch die Comicautorin daran zweifelt, dass tatsächliche Lesben am Dreh beteiligt waren und die Szenen letztlich primär dem Heteromann dienlich sein sollen, die ihre hübsche Fantasie sehen wollen. Ich persönlich kann diesen Vorwurf nicht beurteilen und würde an dieser Stelle jene zu Wort kommen lassen, die das besser beurteilen können. Auf mich wirken diese Szenen allerdings gezwungen grafisch und ganz dem Male Gaze folgend.

In erster Linie empfinde ich den Film als langweilig, in zweiter Linie als unfertig in Bezug auf den Plot. Man hätte wesentlich mehr Substanz in die Beziehung zwischen Emma und Clementine – deren Name für den Film übrigens geändert wurde, da der Band der Schauspielerin Adèle Exarchopoulos „Gerechtigkeit“ bedeutet und besser in den Plot gepasst habe – bringen können. So jedoch bleibt die Liebesgeschichte beliebig. Zwar realistisch in ihrer Wankelmütigkeit und fern der Hollywood-Klischees, aber dennoch fern der vielschichtigen, sozial relevanten Klasse, die sie im Comic besitzt.

Fazit

Ich kann es kurz und knapp halten: Lest den Comic. Der ist super. Den Film könnt ihr getrost ignorieren.

Die Eckdaten:
[Comic] Originaltitel: Le bleu est une couleur chaude | Autorin: Julie Maroh | Illustratorin: Julie Maroh | Verlag: Glénat | Übersetzung (EN): Ivanca Hahnenberger
[Film] Originaltitel: La vie d’Adèle |Director: Abdelatif Kechiche | Darstellerinnen: Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos Adèle Exarchopoulos

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1 Kommentar

  1. Ich halte den Film als Coming of (and out) Age Film durchaus für gelungen. Über die Sexszenen gab es ja bereits vor Veröffentlichung die diversesten Diskussionen. Im Endeffekt halte ich es da wie du. Ich kann es nicht einschätzen, ob die Darstellung von (in diesem Fall) lesbischer Liebe auf den Punkt gebracht wird. Das kann wohl nur jemand plausibel nachvollziehen, der ebenfalls in einer solchen Beziehung lebt und liebt. Ich sehe aber auch keinen explizit angesprochenen Male Gaze (als Mann, der ich bin), spreche da aber natürlich auch nur für mich selbst.

    Übrigens wusste ich nicht, dass der Film auf einem Comic beruht. Wieder was dazu gelernt. 🙂

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