NaNo 2018: Keine Angst vor dem Scheitern

NaNo2018

Der NaNo (kurz für: NaNoWriMo, bzw. National Novel Writing Month) hat begonnen. Hier schreiben sich jedes Jahr aufs Neue Tausende Autoren und Autorinnen die Finger wund, um bis Ende November mindestens 50k Wörter ins Manuskript zu hieven. 50.000, über 4 Wochen verteilt: Das macht rund 1.667 pro Tag. Es klingt nach einer Menge Arbeit, gespeist von salzigen Tränen, kaltem Schweiss und Blut, das von den zitternden Fingerspitzen tropft.

Dass dieser Gedanke abschreckend wirken kann, ist durchaus verständlich. Während sich mancher gar nicht erst an den NaNo getraut hat, erblassen andere gerade vor ihrer eigenen Courage. „Kann ich das schaffen? Bin ich nicht eh viel zu schlecht? Hat den NaNo überhaupt jemals jemand geschafft?“

Spoiler: Ja, er kann bezwungen werden, und das sogar mit Spaß! Tina Skupin (u.a. „Die Supermamas“, „Valkyrie – Zurück ins Jetzt“) und Elea Brandt (u.a. „Opfermond“, „Sand & Wind“) haben bereits diverse NaNos gemeistert und so manchen Roman innerhalb dessen sogar in seiner Rohfassung beenden können. Eines schönen Wochenendtages habe ich mich mit ihnen virtuell zusammengesetzt – denn wer wäre besser geeignet, mich aus dem Trott des „Ach ich schaffe es eh nicht“ zu holen? Röchtöög!

Mehr als Perfektionismus

Tina Skupin Zitat NaNo

Längst sind die Vorbereitungen abgeschlossen, die sich auf mehr oder weniger übliche Praktiken wie „viel lesen“, Plot und Karte erstellen und „mit der Schreibpartnerin austauschen“ beinhalten. Dinge, über die genauer zu diskutieren sicherlich Sinn machen würde – aber vielleicht doch eher im nächsten Juli. Dann, wenn bereits einige mit der Planung anfangen. Dafür ist es nun zu spät. „It’s NaNo Baby“, ob wir wollen oder nicht.

Wir wollen! 

Das Wichtigste ist ohnehin nicht unbedingt der Plot, die Planung oder die genutzten Programme. Sondern etwas viel simpleres: „Am Anfang sollte einfach nur das Schreiben stehen: Du und die Geschichte“, meint Tina. Genau wie Elea gehört sie zwar nicht zu den Bauchschreibern – ein Plot muss für sie also durchaus zumindest im Ansatz vorhanden sein. Aber wenn es in den NaNo selbst geht, mutieren ausgeklügelte Konzepte und technische Tipps zur Nebensache.

Man gönnt sich, sich ganz auf dieses eine Projekt einzulassen und zu fokussieren. Die Zeit gebührt dem Schreiben und mir als Autorin. Da bleiben andere Dinge natürlich auch mal liegen und das ist auch okay so“, so Elea, die sich gerne in das jeweilige Projekt einmümmelt. „Bis ich in einen Schreibflow komme, kann das dauern.“ Und das gehört dazu. Nicht nur das Schreiben an sich, sondern auch, zu wissen, wie man am besten arbeiten kann.

Dass man das nicht beim ersten NaNo wissen muss, ist klar. Das weiß auch Elea: „Der NaNo bietet eine gute Gelegenheit, einfach mal alles auszutesten. Schreibe ich besser alleine oder in einer Gruppe? Am Stück oder über den Tag verteilt?“ NaNo heißt nicht „Perfekt sein“, sondern auch „Dinge ausprobieren“. Selbst wenn man strauchelt und nicht ganz so viel schreibt wie zuvor gedacht, ist nicht alles verloren. Der November kann vielmehr als eine wertvolle Zeit des Lernens betrachtet werden.

Ich suche mir jedes Jahr ein Element raus, das ich zuvor noch nie gemacht habe. Dieses Jahr schreibe ich zum Beispiel zum ersten Mal eine Serie. Das probiere ich dann einfach aus. NaNo ist immer ein bisschen Narrenfreiheit. Man kann das, worauf man Bock hat, einfach mal ausprobieren. Und wenn es tatsächlich gegen die Wand gefahren wird, habe ich nur einen Monat verloren“, erzählt Tina. Und sie muss es wissen, denn sie hat nicht nur NaNos erfolgreich beendet, sondern auch welche abgebrochen.

Scheitern gehört dazu – und ist auch nicht so schlimm

Ihren ersten NaNo-Roman hat Tina 2009 nach 29k Wörtern „gegen die Wand gefahren“. Für sie war es das erste Mal Schreiben überhaupt, etwas, bei dem sie das Handwerk überhaupt erlernt hatte. Noch immer denkt sie bei jedem neuen Roman pünktlich nach 20k Wörtern, dass alles furchtbar sei. Besonders schlimm wurde es 2016: „Da kamen mit der US-Wahl und Brexit einige Dinge zusammen, die mich fertig gemacht haben. Der November in Schweden ist dunkel; ich habe da gesessen und dachte, die Welt geht unter. Wozu noch schreiben? Nach drei Tagen habe ich wieder angefangen. Am Ende kam das mit Abstand zynischste und düsterste Projekt zustande, das ich je geschrieben hatte.

Elea Brandt Zitat NaNo

Auch Elea kennt diese Momente. Momente, in denen man denkt, dass man den NaNo einfach hinschmeissen sollte. „Es passt dann nicht mehr, ich bin nicht zufrieden. Es ist ein unbestimmtes, doofes Gefühl, dass das so nicht geht. Trotzdem hatte ich Lust, weiterzumachen weil mir die Welt und die Figuren so gut gefallen haben. Dann habe ich ein paar Tage ausgesetzt um mir darüber klar zu werden, wie es weitergehen soll. Wenn es nicht der NaNo gewesen wäre, hätte ich es einfach komplett sein gelassen. So wurde es jedoch trotzdem fertig.

Der NaNo hilft dann, durchzuhalten. Wenn man das Geschriebene, das man währenddessen so furchtbar schlecht fand, später nochmal liest, wird man häufig feststellen, dass es eigentlich ziemlich gut ist. Das wird auch klar, wenn man sich vor Augen führt, dass es anderen auch so geht. „Wenn man alleine schreibt, hat man oft das Gefühl, der einzige Mensch mit dem Problem zu sein“, berichtet Tina. Schreibgruppen oder Kontakte zu anderen Naniten helfen, diesem Gefühl entgegenzuwirken.

Wir alle drei sind beispielsweise im Tintenzirkel: Ein Forum, das sich primär an Schreiberlinge aus der Phantastik richtet und im Laufe der Jahre zu einer echten Community geworden ist, die unter anderem jedes Jahr den NaNo gemeinsam stemmt. So eine Schreibgruppe, ob on- oder offline, kann enorm unterstützend einwirken, birgt aber auch Gefahren, vor denen Elea warnt: „Man kann sich in Gruppen gegenseitig unterstützen und anfeuern – man muss nur aufpassen, sich nicht im Konkurrenzdenken zu verlieren. Da muss man sich auf sich selbst konzentrieren.

Tina fügt hinzu: „Was man nicht machen sollte: Sich zu sehr mit anderen vergleichen, zu schauen, was andere für Wortzahlen geschrieben haben und nebenher noch so alles schaffen. Außerdem: Wenn man deutlich mehr Zeit in Chats verbringt als beim Schreiben, dann läuft etwas nicht ganz so gut.

Einfach machen

Im Endeffekt ist es großartig, überhaupt zu schreiben. Unabhängig davon, ob man am Ende die 50.000 knackt oder nicht. „Man sollte sich nicht zu sehr unter Druck setzen“, so Elea, „Die 50k Wörter sind ein schönes Ziel, aber sicherlich nicht für jeden geeignet. Man sollte sich nicht zu sehr darauf versteifen, dass es 50k sein müssen. Sondern sich darauf zu konzentrieren, so viel zu schreiben, wie man sich selbst zutraut.

Man muss den NANo nicht schaffen, um stolz auf sich sein zu können. Jeder, der den NaNo auch nur dafür nutzt, zu lernen oder überhaupt regelmäßig zu schreiben, hat bereits gewonnen. Es geht darum, seinen eigenen Weg zu finden, in dem Projekt zu versinken und Spaß zu haben.

Ob man am Ende nun mit 5-, oder 50 Tausend Wörtern dasteht.


Die schreibende Psychologin Elea Brandt ist auch auf Twitter zu finden, ebenso wie der wahlschwedische Halb-Nerd Tina Skupin, die hier zwitschert. Mehr über sie erfahrt ihr auf ihren Websites. Wenn euch der Artikel gefallen hat, zögert nicht, ihn auf den sozialen Netzwerken zu teilen.

Photo: rawpixel

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