Du könntest „Avengers 3: Infinity War“ mögen, wenn …

Infinity War Marvel

Bezüglich Infinity War zeigen sich Verleih und kreative Verantwortliche zugeknöpft und erwarten selbiges sowohl von der Presse, als auch den Zuschauern. „Spoiler: Nein, nein!“ heißt es strikt und generell sollte inhaltlich nicht allzu viel verraten werden. Deshalb werde ich mich hier auch bedeckt halten.

Der durch die Trailer angerissene Plot ist auch schnell erklärt: Bösewicht Thanos will mächtige Artefakte, namentlich die „Infinity Stones“ an sich reissen und in einem güldenen Handschuh vereinen. Um, man ahnt es, mit der damit einhergehenden Macht zu spielen und nebenbei 50% der All-Bevölkerung auszulöschen. Wer kann, kann. Dass da einige etwas dagegen haben und sich Superhelden aus Nah und Fern zusammentun, um Thanos zu trotzen, ist obligatorisch. Doch wie soll eine solch gewaltige Macht wie Thanos aufgehalten werden? Der Stein ist längst ins Rollen gekommen – und der ist verdammt verheerend.

So simpel wie diese Zusammenfassung ist der Film jedoch nicht. Um nicht zu viel zu verraten, werde ich ein paar Punkte aufführen, anhand derer ihr hoffentlich einschätzen könnt, ob ihr euch den Gang ins Kino leisten möchtet.

Euch könnte der Film gefallen, wenn …

  • … ihr kein Problem mit ungewöhnlich strukturierten Filmen habt. Die drei Akte: Exposition – Konfrontation – Auflösung sind gern genommene Zutaten eines gut strukturierten Films. Zuerst werden die Figuren eingeführt und das Thema dargelegt, dann Spannung erzeugt und diverse Aktionen vollführt und am Schluss die Lösung des Konflikts präsentiert. Das ist schön und gut – doch Infinity War schert sich nicht um allgemeingültige Filmkomposition. Figuren werden bis weit in den Film hinein eingeführt, Konstellationen wechseln und der Konflikt zieht sich in mehreren chaotischen Strängen von Anfang an bis zum Ende hindurch. Es ist ein heilloses Durcheinander, das überraschenderweise in sich ruht. Man sieht einer Katastrophe zu, die sich zwischendurch in fulminanten Mini-Orgasmen ergießt, nur um wenig später wieder in noch größerer Kraft wieder zuzuschlagen.
  • … ihr die Figuren aus dem MCU liebt. Jede Figur wird trotz des begrenzten Rahmens zelebriert. Schier unzählige Helden und Heldinnen geben sich die Klinke in die Hand, debattieren, diskutieren, bilden Allianzen und lernen sich kennen. Keine von ihnen erscheint dabei besonders hervorzustechen oder besonders vom Rampenlicht angestrahlt zu werden. Die große Kunst hierbei: Sie verschmelzen zu keiner undefinierbaren Masse, sondern behalten ihr Profil bei. So klein der Raum für jedes Super-Individuum im Groß des Films auch ist, jedes wird klar definiert und bleibt sich treu. Besonders deutlich wird das bei an sich ähnlichen Charakteren wie Iron Man und Doctor Strange: Beide arrogant, beide von sich überzeugt und beide mit einem hübschen Bärtchen geziert. Und doch unterscheiden sie sich sowohl in den geschriebenen Dialogen, als auch in der Darstellung durch die Darsteller enorm. Ähnlich verhält es sich mit all den anderen liebgewonnenen Figuren. Infinity War zelebriert seine Helden und bleibt ihnen treu.
  • … ihr Kampfszenen mögt. Natürlich wird gekämpft. Oft. Ständig. Das ist das Thema des Films; nicht umsonst hat er „Krieg“ im Titel. Natürlich gibt es Schlachten, große wie kleinere. Faustkämpfe, Raumschiffe, Magie, Blitz und Donner, subtiles Genie und brachiale Kraft. Exzellent choreografiert und optisch großartig in Szene gesetzt.
  • … ihr nicht unbedingt einen großen Plot braucht. Denn der ist simpel: Thanos will Steine und die Helden versuchen alles, ihn daran zu hindern. Nichtsdestotrotz gibt es philosophische Ansätze. Thanos als Schurke finde ich gelungen, da vielschichtig und tiefgründig. Seine Gründe sind eventuell sogar nachvollziehbar, er hat zumindest einen Punkt.
  • … ihr Schauplatzwechsel mögt. Infinity War ist eine Reise durch das Multiversum. Schauplätze werden häufiger gewechselt als Loki in den vergangenen Filmen seine Gesinnung. Das bleibt stets fantasievoll, gerne chaotisch, immer interessant. Faszinierend, was sich die Autoren ausgedacht haben und wie es letztlich visualisiert wurde. Diese Schauplatzwechsel verlangen nach einer gewissen Aufmerksamkeitsspanne, die durch das wechselnde Personal natürlich noch zusätzlich strapaziert wird. Und das macht verdammt viel Spaß! Also, mir zumindest. Hurra!
  • … ihr auch mit weniger Humor gut zurechtkommt. Die vorherigen Filme aus dem MCU haben zu einem nicht unerheblichen Teil mit Humor geglänzt. Der war teils zum Brüllen und omnipräsent. Bei Infinity War hält er sich jedoch in Grenzen. Sicherlich ist manche Figur wie etwa Star-Lord humorvoller ausgelegt als etwa ein Captain America, doch insgesamt ist der Film eher spannend, als witzig, die Gesichter ernster und das Thema an sich auch eindrucksvoller, denn …:
  • … ihr Angst um eure Lieblings haben wollt. … Thanos ist tatsächlich gefährlich. Er hat, im Gegensatz zu nahezu allen anderen Antagonisten aus den Marvel-Filmen, die Macht, tatsächlich zu töten. Seine Pläne funktionieren. Auch dann, wenn – zu meiner großen Freude – die Helden nicht gerade Fehler machen. Man darf, man kann, man sollte Angst um die Figuren haben. Die Bedrohung wirkt realer als jemals zuvor. Niemand ist „safe“. Endlich!
  • … ihr meinen Geschmack teilt. Dies ist natürlich primär an jene gerichtet, die mich und den Blog schon ein bisschen länger kennen und meinen Geschmack einschätzen können und größtenteils teilen. Ich mochte den Film nämlich. Sehr. Er schafft den Spagat zwischen Actionspektakel und Katastrophendrama, das insbesondere mit seinen Figuren punktet. Das, was auf den ersten Blick wirkt wie ein allzu simples Popkino, ist ein in sich schlüssiger, von langer Hand geplanter und perfekt drapierter Superheldenfilm. Man kann ihn mögen – muss es aber nicht.

Ob euch der Film letztlich gefallen wird oder nicht, ist natürlich Geschmacksache. Wie bei den meisten Filmen auch gibt es meiner Ansicht nach kein objektives Fazit. Es kommt immer darauf an, was man an einem Film schätzt, ob man sich auf dieses oder jenes einlassen kann und möchte und ob einem die Figuren sympathisch genug sind.

Ich persönlich habe den Film auf vielen Ebenen sehr genossen. Er ist anders – und das auf eine sehr spannende Weise, die keinen hochgradig intellektuellen Anspruch braucht, diesen aber auch nicht für sich beansprucht.

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