„Kennen Sie diesen Mann?“ – Ich wünschte, nicht.

Kennen Sie diesen Mann Rezension Tiller

Autor: Carl Frode Tiller Verlag: btb Verlag | Format: 352 Seiten, SC

Der norwegische Autor Carl Frode Tiller gilt als „Meister der psychologischen Zwischentöne“. Entsprechend gefeiert wird auch sein Roman „Kennen Sie diesen Mann?“. Er sei intellektuell anspruchsvoll, würde tief in der Figurenpsychologie graben und fundierte Beobachtungen des menschlichen Daseins treffen. Und auch der Klappentext klingt vielversprechend:

„Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? – David hat sein Gedächtnis verloren. Er weiß nicht mehr, wer er ist. Deshalb stellt er Fragen. Und seine Freunde geben Antworten. Aber sind es die Richtigen?“

Der Roman beleuchtet die Person David aus verschiedenen Perspektiven – in diesem Falle drei, die ihm Briefe schreiben und dadurch seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen möchten. Da ist sein Freund aus Jugendzeiten, sein Stiefvater und seine Jugendliebe. Sie alle zeichnen nicht nur nach und nach ein immer genauer werdendes Bild Davids, sondern auch ihrer eigenen Personen. Dabei betrachten und reflektieren sie auch ihr eigenes Handeln von damals, das der Leser anhand von Zwischensequenzen aus dem Jetzt in den Kontext setzen kann. Es ist ein Flickenteppich aus Fremd- und Eigenwahrnehmung, der durchaus interessant ist und den Leser in die Psyche der Figuren eintauchen lässt.

Warum also würde ich das Buch nicht ein zweites Mal lesen? Weshalb hat es mich enttäuscht?

Überschätzt?

Umgangssprache empfängt den Leser bereits im ersten Kapitel. Lange, in sich verschachtelte Sätze, die vielmehr vor Wiederholungen, denn Klugheit strotzen. Der Anspruch an den Leser rührt nicht von inhaltlicher Schwere, sondern vom hemmungslosen Gebrauch der Alltagssprache und verworrenen Gedanken des Erzählers – in diesem Falle Jugendfreund Jon.

Aktuell ein erfolgloser, vom Leben gebeutelter Musiker, lernt man ihn als verbitterte Person kennen, der sich in Selbstmitleid ergießt und die Schuld gerne an der Familie auslässt. Die kommt nicht gut weg, wirkt auf mich dabei jedoch kaum unsympathischer als Jon selbst. In seinem Brief an David erfährt man mehr über die Wurzeln Jons und es zeichnet sich ein erstes Bild von dem Beziehungsgeflecht, das ihn und David umgab.

Die Finesse sollte sich im Zusammenspiel mit den Passagen der anderen beiden Perspektivträgern Arvid und Silje ergeben. Was ist wahr, was falsch an den Darstellungen, die im Roman gegeben werden? Leider ist das Geflecht nur sehr spärlich vorhanden, die Verknüpfungen allzu lose, als dass man AHA-Erlebnisse erfahren würde. Es greift alles mehr aneinander vorbei, denn ineinander – und das ist der Punkt, an dem das meiste Potential verschenkt wurde.

Man erfährt von den beiden weiteren Personen zwar mehr von David, doch will es mich nicht aufrütteln oder erstaunen. Es sind Infoermationen, die ich erhalte und die mich kalt lassen. Zu fern sind mir die Figuren, zu wenig atmosphärisch die beschriebenen Szenen, zu wenig einnehmend die Briefe.

Der Klappentext verspricht, in eine verworrene Psyche einzutauchen. Dabei erhält man nicht viel mehr als einen zähen Haufen umgangssprachlicher, größtenteils trister Sätze, die in einem zähen Grau daher fließen. Hierzu muss ich natürlich anmerken, dass es eine Übersetzung aus dem Norwegischen ist – vielleicht liest es sich im Original interessanter.

Dass man keine wirklichen Antworten erhält, wie im Klappentext versprochen, kann ich verschmerzen. Manchmal sind neu aufgeworfene Fragen spannender als erhaltene Antworten. Und tatsächlich möchte ich nun ein oder zwei Fragen rund um David beantwortet wissen – doch dafür reicht ein Satz. Würde es diese Antwort in einem weiteren Band verpackt geben (und tatsächlich handelt es sich hier um den ersten Band einer Trilogie), würde ich sie nicht erhalten wollen. Nicht, wenn dieser zweite Roman ebenso geschrieben und mit ebensolchen Figuren ausgestattet ist. Wenn sie wenigstens tatsächlich vielschichtig wären und einem interessante Gedankengänge mit auf den Weg geben würden … doch nein.

Fazit

Der Roman „Kennen Sie diesen Mann?“ liest sich zäh und hält sich für anspruchsvoller, als er tatsächlich ist. Nein, ich kenne David nicht, auch nicht nach der Lektüre dieses Buches. Ich möchte ihn allerdings auch in Zukunft gar nicht erst nicht kennenlernen.


Unterhaltungswert:    
Schreibstil:                     
Atmosphäre:                 
Figuren:                          
Phoenixfaktor:            

Autor: Carl Frode Tiller Verlag: btb Verlag | Format: 352 Seiten, SC


Der Roman wurde mir kostenlos vom Verlag zu Rezensionszwecken zugesendet. Nichtsdestotrotz stehe ich hier für meine ehrliche Meinung.

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