„Welche Verantwortung hat Phantastik?“ – Ein Nachwort zum #PAN18

Welche Verantwortung hat Phantastik PAN18

Vergangene Woche fand das dritte PAN-Branchentreffen der Phantastik unter dem Banner „Träumen Androiden von Freiheit? – Über Gesellschaft und Politik in der Phantastik“ in Köln statt. Deutschsprachige AutorInnen tummelten sich, oft mit Kaffee, häufiger mit Enthusiasmus bewaffnet, im Odysseum und lauschten Vorträgen, beteiligten sich an Podiumsdiskussionen und netzwerkten. Insgesamt, das kann ich schon vorweg nehmen, war es ein unglaublich inspirierendes und spannendes Treffen mit großartigen Menschen! Doch gesagt wurde nicht alles.

Bei der Podiumsdiskussion „Rassismus – Sexismus – Homophobie – welche Verantwortung hat die Phantastik?“ war ich selbst als „Stimme auf dem Sofa“ beteiligt. Vorab versprach ich mir anregende Diskussionen über jene kritische Themen. Insbesondere das Themenfeld Rassismus, das mir besonders am Herzen liegt und dessen Besprechung ich fernab des Treffens viel Zeit widme, wollte ich besprochen wissen.

Denn während Frauen beim Branchentreffen die Überzahl ausmachten und auch einige aus dem LGBT-Bereich vertreten waren, so sah es bei Menschen mit etwa Migrationshintergrund oder dunklerer Hautfarbe anders aus. Autor und ebenfalls Panelteilnehmer  Akram el Bahay war einer der verschwindend wenigen dort, auf die das zutraf. Bezeichnenderweise drehte sich beim Panel dann auch alles um Sexismus und Homophobie. Das ist nicht schlecht, sind es doch auch wichtige Themen – doch fielen dadurch andere Themen komplett unter den Tisch.

Viel Wert wurde während der Diskussion beispielsweise auf Dumbledore gelegt. Die populäre Figur aus dem Harry Potter-Universum, die Autorin Rowling später nebenbei als schwul geoutet hatte. Definitiv ein spannendes Thema, über das sich diskutieren lässt – aber es erstickte leider jedes andere Thema im Keim. Kaum sprachen wir auf dem Sofa über etwas anderes, kam die nächste Wortmeldung aus dem Publikum wieder auf den Zauberer zurück. Und wieder. Und wieder. Und immer. Wieder. Insgesamt hätte ich mir hier eine andere Handhabung gewünscht. Aber zurück zum Wesentlichen:

Rassismus ist der Antagonist der Phantastik

In einem vergangenen Artikel bin ich bereits auf versteckten Rassismus (Und auch: Speziesismus) innerhalb der Phantastik eingegangen, weshalb ich das Thema hier nur oberflächlich anreissen möchte. Phantastische Welten leben von ihrem Weltenbau und den dort hausenden Kreaturen und Völkern. Bereits dies ist nicht selten Brutstätte kritischer Gedankengänge. Die meisten Leser begrüßen Sachverhalte, die man leicht einordnen kann. Wir sehen die hübschen Elfen, die goldgierigen Zwerge und die gemeinen Orks und denken uns: „Genau so muss es sein! Diese Rassen sind so und nicht anders!“ Wir sprechen den Völkern Eigenschaften zu, die auf die einzelnen Individuen ebenso zutreffen und geltend sind. Nicht der Einzelne zählt, sondern die Masse. So werden aus den Elfen die Guten und aus den Orks die Bösen. Elben im Herrn der Ringe sind gut und hell. Orks im Herrn der Ringe böse und dunkel.

Beides – auf alle übertragene Eigenschaften und die Helligkeit als Indikator für Gut oder Böse – sind Faktoren, auf die wir als Autoren achten können, sollten, meiner Meinung nach sogar müssen. Sonst laufen wir Gefahr, Rassismus zu reflektieren ohne ihn zu hinterfragen. Wir greifen sonst auf Althergebrachtes zurück: Die „besten“falls noch antagonistisch angelegten Wüstenvölker, die wir wie selbstverständlich muslimisch anlegen, ohne uns über die Bedeutung dessen bewusst zu werden. Das Motiv „des Anderen“ – wobei wir hier meist von einem eurozentrischen Weltbild ausgehen.

„Wir“ – das sind die Weißen. Die „Normalen“. Wir gehen von unserem Blick aus, den wir auf die kreierte Welt und die dortigen fiktiven Kulturen wie selbstverständlich übertragen. Und das ist schade. Wir sind in der Lage, uns die durchdachtesten Plots auszudenken, vielschichtige Figuren zu entwerfen und auf die Vielfalt der Figuren in Geschlecht und Sexualität zu achten – aber sobald es um Völker geht, greifen wir bequem auf Klischees zurück. Die sind nicht per se rassistisch – prägen aber ein rassistisches Bild.

Die Schubladen

Der Mensch denkt in Kategorien, er giert danach, sich auch selbst in welche einzuteilen.  „Ich bin Ein Europäer!“ – „Ich bin heterosexuell!“ –  „Ich bin eine Rheinländerin!“ – „Ich bin ein Geek!“ – der Drang, in eine Schublade zu gehören, ist bei den meisten groß. Er möchte innerhalb dieser Schublade dazugehören. Das allein ist nicht schlimm. Es half und hilft dem Menschen, sich und seine Welt einzuordnen.

Mal angenommen, als Autor könnte man bei der Figuren- und Völkererschaffung auf einen Schrank voller Ideen zurückgreifen. Der Schrank vieler wäre unglaublich groß. Die einzelnen Schubladen wären beschriftet mit „Mann“, „Frau“, Weiß“, „Schwarz“ und vielem mehr. Doch während die „Weiß“-Schublade riesig wäre, voll von Schattierungen, Gut und Böse, Diesem und Jenem, ist die „Schwarz“-Schublade klein. „Rassismus“ finden wir darin, „Sklaverei“, „Afrika“, „Zebra“ und weitere Klischees. Und natürlich: Uns fehlen oftmals die Berührungspunkte.

Hier möchte ich jedem Autoren ans Herz legen, die Sichtweisen anderer realer Völker kennenzulernen. Lasst uns Erfahrungsberichte von Menschen lesen, die die Apartheid miterlebt haben! (Wie etwa „Farbenblind„) Lasst uns Romane von afrikanischen, asiatischen, südamerikanischen Autoren lesen! Schauen wir Dokumentationen, lauschen Interviews, erhören die Stimmen derjeniger, die uns fremd sind. Sensibilisiert euch für andere Denkweisen und versucht, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Und nicht zuletzt: Sprecht mit Menschen. Tauscht euch aus!

Vielfalt in den Figuren

Phantastische Romane mit nicht-weißen Protagonisten sind rar gesät. (Hier hatte ich mal 5 empfehlenswerte vorgestellt) Und selbst wenn die Hautfarbe einer Person nicht näher definiert wird, so stellt man sie sich meistens weiß vor. Soweit ich weiß (Korrektur immer gerne gesehen), wird die Hautfarbe Hermiones im Harry Potter-Original, also den Büchern, nicht explizit erwähnt – und trotzdem gab es einen Aufschrei, als bekannt wurde, dass die Schauspielerin es Theaterstücks schwarz sein würde.

Die Vorlage durch die Schauspielerin innerhalb der Verfilmungen Emma Watson wiegt für viele zu stark. Dabei ist sie nur eine von vielen möglichen Repräsentationen. Hätte man für die Theaterrolle jemanden amerikanisches – also nicht britisches – gewählt, wäre es wohl in Ordnung gewesen. Vermutlich auch dann, wenn jene Schauspielerin nicht exakt wie Emma Watson aussehen würde. Dabei spielt, anders als die Struktur der Haare, die Hautfarbe keine Rolle.

Und doch tut sie es. In den Köpfen der Leser und der Masse. So sehr, dass Verlage ihre Cover „weißwaschen“, weil sie befürchten, sonst keine Käufer zu finden. So sehr, dass auch als klar nicht-weiß ausgelegte Figuren in Serien- oder Filmadaptionen mit weißen Schauspielern belegt wurden und werden. Siehe Starship Troopers.

Und hier zeigt sich auch die Wichtigkeit der Repräsentation. Dort, wo keine herrscht, findet keine Sichtbarkeit. Wir als Weiße haben gut reden, denn wir finden fast überall Menschen, die unserem Phänotyp entsprechen. In unserer Heimat erfahren wir keinen Rassismus – was uns blind machen kann für die Sorge, Ängste und Nöte Anderer. „Uns geht’s doch gut! Ich habe Rassismus noch nie erlebt!“ Ähnlich wie die Frau, die sich mit Männern konfrontiert sieht „Sexismus in der Branche? Habe ich als Mann nicht erlebt, also gibt es ihn nicht! Basta!“

Und die, die dem weißen Phänotyp nicht entsprechen? Sie finden Repräsentationen meistens in den Nebenrollen oder in Serien, die „extra für Schwarze“ mit ausschließlich schwarzem Cast sind. Warum? Warum nicht selbst auch schwarze Figuren einführen? Warum nicht die Weißen als „die anderen“ einführen? Warum nicht Figuren, statt wandelnde Hautfarben entwerfen?

Repräsentation ist wichtig

„Representation matters“ – das wird einem bei Filmen wie Black Panther und dem Hashtag  schmerzlich bewusst. Endlich sehen sich Schwarze auf großer Leinwand – nicht als Randfigur, sondern als Hauptpersonen, Weltenretter, Helden. Nicht weißgewaschen, nicht als schwarze Abziehbilder eines eigentlichen Weißen, sondern als eigenständige Persönlichkeiten mit eigener Kultur. Eine, die zählt und ernstgenommen wird.

Wir als Autoren können Welten erschaffen, Geschichten spinnen, Emotionen hervorrufen Menschen zum Nachdenken anregen. Auf eine einfache Art und Weise können wir es durch unsere Themen und Figuren schaffen, ein Bewusstsein zu entwickeln. Wenn der Leser nur für weiße, heterosexuelle, in unseren Breiten als „normal“ geltende Menschen mitfiebern kann, weil er über andere einfach nicht liest, ist das verschenktes Potential, das aber so einfach ausgeschöpft werden könnte.

Lasst uns über den Tellerrand schauen. Lasst uns Diskussionen führen, kreativ werden und versuchen, Klischees zu überwinden. Lasst uns vielschichtige Figuren jeglicher Couleur entwerfen. Weil wir uns bewusst sind. Nicht, weil wir gezwungen werden.

Sondern weil wir es können.


Header: Vinicius Henrique

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