Manchmal sitzen Frauen/Autorinnen auch einfach im Glashaus: #describeyourselflikeamaleauthorwould

#describeyourselflikeamaleauthorwould

YA-Autorin  Gwen C. Katz hat etwas gar Schreckliches in den Weiten des Netzes gefunden: Einen männlichen Autoren, der von sich selbst behauptet, authentische Protagonistinnen schreiben zu können. Es folgte ein Thread mit Textstellen des betreffenden Romans, die zeigen, dass es mit der Behauptung des Mannes nicht allzu weit her ist.

Ausgehend von tatsächlich fragwürdigen Behauptungen (der Männer eines anderes Threads), dass es eigentlich keine „Sprecher der Minderheiten“ bräuchte, weil man ohnehin auch alles als Mann schreiben kann, verhedderte sich das ganze im Twitterwald jedoch.

Am Ende ihres Threads wirbt sie für ihr eigenes Buch. Auch, indem sie sagt, dass die dortige Protagonistin kein einziges Mal ihre eigenen Brüste erwähnt. Damit will Katz natürlich den Male Gaze auf die Spitze treiben und die Art, wie viele männliche Autoren die Brüste der weiblichen Figuren beschreiben – auch wenn es für die jeweilige Szene nicht relevant ist. Dennoch bleibt für mich ein bitterer Nachgeschmack. Denn ja: Grundsätzlich darf eine Protagonistin ihre Brüste beschreiben. Hier ein paar Beispiele:

  • Sie ist sich unsicher ob ihres Körpers.
  • Ihre Brüste sind ihr „im Weg“ – manche Frauen sind tatsächlich genervt.
  • Sie – ich weiß, dass das nun überraschend kommt – mag ihre Brüste und denkt ab und an gerne über sie nach bzw. präsentiert sie gerne.
  • Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit: Da ändert sich einiges, Fragen kommen auf und werden geklärt. Es ist ein Thema.
  • Sexualisierung. Denn je nach Szene oder Genre muss Sexualisierung nicht per se etwas schlechtes sein.

Nun geht es Katz primär um Letzteres: Die (unnötige) Sexualisierung der Frau.

(Unnötige) Sexualisierung

Die Protagonistin des besagten Autoren beschreibt sich selbst und geht dabei – warum auch immer – auch auf ihre Körperformen ein. Und das nicht aus ihrer Sicht (denn die 08/15-Frau denkt über sich nicht in sexualisierter Form nach), sondern aus Sicht des Autoren. Und ja, das ist tatsächlich in den meisten Fällen fehl am Platze, da die Perspektive verdreht ist.

Wenn ich eine Bar betrete denke ich nicht:

„Hier stehe ich nun. Warm schimmert das gedämpfte Licht auf meiner Haut; Schatten zeichnend dort, wo der Ausschnitt meines engen Top gerade so viel von meinem Dekolleté zeigt, dass man den schwarzen Spitzen-BH nur noch erahnen kann. Auch die Hose ist so gewählt, dass sie meine Hüften – ach scheiße! Ich bin ja über 30! Über mich wird eh kein Mann schreiben!“

Die Sicht der Figur wird verlassen und auf die des (sexuell an ihr interessierten) Betrachters verlagert. Katz hat Recht: Das ist keine gelungene Darstellung eines weiblichen Protagonisten. Inwieweit es der Autor in den anderen Szenen besser schafft, die Figur zu charakterisieren und aus ihrer Sicht zu schreiben, bleibt im Unklaren. Ein gutes Licht wurde zumindest nicht auf ihn geworfen. Namen wurden keine genannt.

Warum ich das hier schreibe, hat aber eigentlich folgenden Grund:

Bleibt locker, denn „ihr“ befindet euch im Glashaus

Die durchaus berechtigte Kritik an solcherart Szenen wurde bald zu einem Rundumschlag gegenüber männlichen Autoren generell: Der Hashtag #describeyourselflikeamaleauthorwould ward geboren. Hier beschreiben sich Frauen so, wie sie es von männlichen Autoren erwarten würden: Sexualisiert, nicht-existent, mit den vollsten Brüsten seit Menschengedenken.

Ja, es ist richtig, dass es an Repräsentation mangelt: an den alten, dicken, behinderten Protagonistinnen aus des Mannes Feder. Aber das ist ein allgemeines Problem. Nicht Männer schreiben schlechte Figuren: Menschen tun es. Wo es bei Büchern männlicher Autoren an dicken, alten oder unsexy Protagonistinnen mangelt, mangelt es bei Büchern von Autorinnen an alten, dicken und hässlichen männlichen Protagonisten.

Schaut euch doch mal von Frauen geschriebene Bücher an und lest nach, wie deren Protagonisten aussehen. Die meisten von ihnen kann man doch vor lauter Muskel- und Samensträngen kaum noch als menschliche Wesen erkennen! Gay Romances, Hetero Romanzen, Mittelalter-Pornos: Sie alle leben vom Klischee des sexy Mannes, der jederzeit und immer kann. Und auch viele Romane handelsüblicherer Genres stehen dem in nichts nach. Nicht nur Männer sexualisieren – wir tun es auch. Das Schlimmste daran ist: Wir gucken nicht auf uns. Wir zeigen lieber mit dem Finger auf die Männer. Die mit ihren lächerlichen Altherrenfantasien, mit ihren peinlichen Fetischen, ihren ekelhaften Fantasien! Und während wir voller Häme zeigen, schreiben wir fröhlich über unsere eigenen Fantasien und suhlen uns in der Fetischisierung von sexuellen Vorlieben.

Der Clou: Manchmal darf der sexuelle Blick auch vorhanden sein. Manchmal darf man – sowohl als weiblicher, als auch als männlicher Autor – seine Figuren auch einfach mal sexy beschreiben. Es ist okay und je nach Genre auch durchaus begrüßenswert. Solange der Respekt bewahrt bleibt.

Es ist nur so eine Idee, aber: Lasst uns doch einfach mal anfangen, vor der eigenen Haustür zu kehren anstatt mit faulen Eiern vor die Türen der anderen zu werfen. Außerdem hätte ich gerne den Hashtag . Männer, macht mal!

Headerbild: Mickael Gresset

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9 Kommentare

  1. Wenn ich als Protagonistin auf einen Mann gucke, darf ich ihn als sexy beschreiben, wenn ich (also die Protagonistin) das so empfindet. Wenn ich als Protagonist auf mich selbst gucke (auch mit Hilfe einer Autorin), werde ich garantiert nicht meine prallen Muskeln und den markanten Dreitagebart bewundern. Das Problem ist meiner Meinung nach nicht, ob Figuren sexy sind, sondern wie Figuren über sich selbst denken. (Mein persönlicher „Pet Peeve“ in dieser Angelegenheit, extrem oft von Frauen geschrieben, liest sich ungefähr so: „Missmutig betrachtete ich im Spiegel mein milchweißes Decolletee, das mit neckischen Sommersprossen gesprenkelt war. Wie viel lieber hätte ich die prallen Brüste meiner bruangebrannten Freundin Dorothea! Stattdessen war ich mit zwar festen, aber eben doch nicht gigantischen Äpfelchen geschlagen. In Kombination mit meiner naturkrausen roten Mähne und der schlanken Taille ließ mich das nicht direkt wie eine Liebesgöttin aussehen“ – diese schrecklichen Leute, die sich angeblich selbst kleindenken, während ihr innerer Monolog detailliert beschreibt, wie hübsch sie in Wahrheit sind. So denkt doch niemand. Oder? Oder???)

    1. Die Sache mit der Perspektive habe ich selbst auch angesprochen und stimme dir zu! 🙂

      Dein „Zitat“ ist wundervoll und kenne ich zu gut! 😀

  2. pointiert, selbstironisch und nicht nur treffend, sondern auch lustig – so geht ein guter Blogartikel – jede Zeile Lesen hat Spaß gemacht.

    Bin durch Evanesca hergeführt worden und froh, dass ich ihrem Link gefolgt bin.

    P.S: ich, Autorin, unterschreibe jeden Satz, auch den mit „dem Kehren vor der eigenen Haustür“

  3. Ich mag genau einen Roman, in dem der männliche Prota sich selbst als unfassbar sexy beschreibt (bzw. eine Romanreihe) und das sind die Vampirchroniken von „Anne Rice“, allerdings ist Lestat so eingebildet und trotzdem sympathisch, dass es da wieder eine Kunst ist :D.
    Ansonsten kann man mich mit sowas jagen.
    Aber: Natürlich hast du Recht. Nicht nur Männer sexualisieren Frauen, auch Frauen sexualisieren Männer. (Und Frauen sexualisieren Frauen und Männer Männer, sofern sie auf das jeweilige Geschlecht stehen. Von Fetischisierungen anderer Geschlechtsidentitäten fangen wir besser gar nicht erst an).
    Daher würde ich den Kerngedanken „Menschen schreiben sexualisiert über Menschen und das sollte in der Form, in der es unnötig ist, dringend überdacht werden“ unterschreiben.

  4. Danke!
    Wie so oft wird vergessen, dass Sexismus in beide Richtungen wirkt und gelebt wird. Aber der eine ist halt böse, da männlich, und der andere kein Problem, da weiblich. Diese Denke nervt mich tierisch, aber eine Diskussion braucht man mit den meisten Vertreterinnen dieser Ansichten oft gar nicht erst anfangen. Da wird schnell die mansplaining-Karte gezogen und die Diskussion ist damit beendet.

    Unterm Strich gilt auch hier, es wird weniger miteinander als übereinander geredet.