Kingdom Come Deliverance Kontroverse

Kingdom Come: Deliverance – Ab wann man Spiele boykottieren sollte

Warhorse Studios Kingdom Come: Deliverance sieht vielversprechend aus. Angesiedelt in einem mittelalterlich anmutenden Setting und mit einem anspruchsvollen Kampfsystem ausgestattet, bietet es Raum für die Illusion eines erfrischend anderen Spiels. Eines, das einen in eine dreckige Welt versetzt und fernab jeder Magie zu fesseln vermag. Es gibt jedoch einen Haken. Und der nennt sich „Nazischeiße„.

Bevor ich über diesen Tweet stolperte, wusste ich von den Hintergründen noch nichts. Umso dankbarer bin ich, dass mich die Kommentare darunter zur Recherche und letztlich zum Nachdenken verleitet haben. Will ich ein Spiel unterstützen, dessen Entwickler sich öffentlich für rechtes Gedankengut aussprechen? Will ich selbst als Sprachrohr für ein Studio agieren, das solche Menschen unterstützt und ihnen eine derartige Plattform bietet? Diese Fragen solltet ihr euch auch stellen.

Warum die Aufregung?

Warhorse Studios-Mitbegründer und Creative Director bei Kingdom Come: Deliverance Daniel Vávra scheint ein Träger rechten Gedankenguts und Gamer Gate-Unterstützer zu sein. Um nicht pauschal auf ihn einzudreschen, hier mal die Fakten:

  • In einem Interview mit Game Two trägt er ein Shirt der Band Burzum. Im Kontext seiner ganzen Person ist dies sicherlich kein Zufall.
    • Die Texte der norwegischen Black-Metal Band sind noch nicht Stein des Anstoßes. Es ist der Gründer Varg Vikernes. Der 1994 zu 21 Jahren Haft verurteilte Mörder ist ein Brandstifter und bekennender Rassist. 2014 wurde er erneut wegen „Anstachelung zum Rassenhass und der Glorifizierung von Kriegsverbrechen in den von ihm geschrieben Artikeln in seinem Blog, die antisemitisches und fremdenfeindliches Gedankengut verbreiten“ verurteilt.
  • Er gibt Interviews für die politisch rechtspopulistisch bis rechtsaußenverortete Nachrichtenseite Breitbart, sowie teilt deren Artikel bei Twitter.
  • Auf Facebook gibt er sich zuweilen recht aggressiv und präsentiert Fotos von Waffen oder sich selbst in Militärkluft

Auf Twitter und in Interviews gibt er bereitwillig Auskunft zu Debatten rund um Sexismus und Rassismus in Videospielen. Darin gibt er an, dass er selbst Frauen im Unternehmen beschäftigt und nach Talent gehen würde. Sowohl weibliche, als auch homosexuelle Figuren seien in Kingdom Come vertreten – auf Schwarze habe er verzichtet, da sie laut seiner Aussage zu der Zeit, in der das Spiel stattfindet, keine Präsenz in Böhmen hatten. Dabei haben er und sein Studio in engem Kontakt zu Historikern gestanden, die bei der Frage nach „people of color“ nur gelacht hätten.

Historische Korrektheit im Fadenkreuz

Was man Vávra definitiv vorwerfen kann ist, dass er sich auf die Annahme, es würde keinerlei Nicht-Weiße in Böhmen zu dem Zeitpunkt gelebt haben, ausruhen würde. Er will ein historisch authentisches Spiel kreieren und scheint die historische Korrektheit dafür zu benutzen, keine „Ausländer“ einbauen zu müssen. Dabei scheint es dort durchaus ethnische Minderheiten gegeben zu haben. Die Frage ist nur: Wie viele waren es?  Das Spiel beschreibt keine große Epoche, ist ein Furz im Raum der Zeit auf einem winzigen, nur 9km² großen  Fleck der Karte.

Er will ein durch und durch seiner Kultur entsprechendes Spiel, diese zelebrieren. Schwarze würden da nur stören. Das eine kann ich verstehen – das andere jedoch nicht. Würde es der Authentizität einen Abbruch tun, wenn die Dorfbewohner nicht alle weiß wären? Es passt zumindest nicht in Vávras Bild. Die Bevormundung, der er sich ausgesetzt fühlt, mündet in einem Feuerwerk aus sarkastischen Bemerkungen.

„And then we are called racist because there are no people of color in our medieval Bohemia world, because there are biblical illuminations in our country with Queen of Sheba (who happened to live in Africa 2000 years before our game). And on top of that we were called sexist, because we had a stretch goal to add playable female character into our game. As if it was costless to write and implement a whole new questline into the game. All this when the game is in an early stage of development, and they don’t have a clue about the actual story.“, Daniel Vávra, Interview mit TechRaptor

Er fühlt sich zu Unrecht als Sexist und Rassist diffamiert, verurteilt von voreiligen Leuten, die sich zu schlecht informieren würden und Fakten heranziehen, die nicht zur eigentlichen Thematik passen. Darauf reagiert er in seiner provokanten Art. In veröffentlichten News trägt er Shirts mit dem Aufruck “#BASED: White privileged able bodied cisgender basement dwelling manbaby virgin scum phallocratic MRA neckbeard shitlord.”

Daniel Vavra über poc

Vávras Problem: Er ist zu laut und zu provokant. Er macht sich über „Social Justice Warriors“ und die Presse lustig – das schmeckt keiner der beiden Parteien. Seine Tweets sind nicht selten ironisch oder sarkastisch, deutlich genervt ob der Kritik, der er sich ausgesetzt fühlt. Das macht es für viele schwierig, sich allein auf die Fakten zu fokussieren. Schlechte Witze werden auf die Goldwaage gelegt, bissige, vermutlich nicht ernst gemeinte Fragen für bare Aussagen genommen.

Er ist ein großer Verfechter der Meinungsfreiheit, weshalb er diese auch nutzt wo er kann – und es damit gerne übertreibt. Er prangert die ihm übertrieben erscheinende Kritik an. Etwa, dass Spiele wie The Witcher 3 in der Kritik stehen, weil sie keine schwarzen Figuren beinhalten. Das Ausmaß des Shitstorms sei übertrieben gewesen und behindere letztlich die kreative Freiheit.

“Its all about political correctness. The corruption and ethics are just the result of it. I believe in freedom of speech, even when I hear things I despise.(…) What we saw over the last couple of years is lot of articles in gaming media that were exaggerating some problems to absurd proportions and creating [an] atmosphere of hostility against people who disagree with them“, Daniel Vávra, in einem Interview mit Kotaku

GamerGate selbst sieht er als Reaktion auf die – von ihm gefühlte – Bevormundung seitens der Presse und der Öffentlichkeit, die seiner Meinung nach nicht differenziert genug abläuft. Kritik an Benachteiligung von Minderheiten geschehe durch Magazine, die eine Quote von 80% weißen Männern hätten. Man dürfe öffentlich keinerlei Kritik üben, da man sonst sofort als Sexist, Rassist oder Vergewaltiger abgestempelt werden würde, selbst wenn die Inhalte der Kritik nicht darauf hinweisen. Er möchte eine Diskussions- und keine Schandenkultur. [Siehe Interview mit dem Escapist Magazine] In den sozialen Netzwerken spielt er mit der Empörung der Kritiker und bringt sie so gegen sich auf.

Vávra fühlt seine Kreativität angegriffen und beschnitten. Er möchte ein Spiel über seine Heimat kreieren, in der Schwarze seiner Ansicht nach keinen Platz hatten. Sein Spiel soll keinen Schmelztiegel der Menschheit darstellen und auch keine Quote erfüllen, sondern dem entsprechen, was er und seine Historiker für authentisch halten. In dem Punkt hat er Recht: Niemand sollte gezwungen werden, ethnisch diverse Figuren einzubinden. Aber es würde auch niemandem weh tun, solche Figuren zu erstellen. Gerade mit seinen Verbindungen zur rechten Szene hat es einen mehr als bitteren Beigeschmack.

Meines Erachtens nach ist es zu kurz gedacht, ihn als Nazi und Frauenhasser zu betiteln; das würde dem Thema schlichtweg nicht gerecht werden. Das Schändliche an der ganzen Diskussion ist, dass von beiden Seiten Unwahres behauptet und aus der Luft gegriffen wird. Nein, ich möchte das, was Vávra sagt, nicht gut heißen. Zu vielen seiner Tweets und Aussagen kann ich nicht zustimmen – obwohl er hier oder dort einen wahren Punkt hat, auf dessen Basis man diskutieren kann. Denn ja, eine Diskussion findet leider oftmals nicht statt.

Womit ich nicht diskutieren kann, ist das öffentliche Zelebrieren von Burzum, sowie das öffentliche Anbandeln mit rechten Sprachrohren.

Boykott des Spiels?

Die Frage ist: Sollte man ein Spiel unterstützen, dessen Entwickler man nicht unterstützen möchte? Obwohl das Spiel an sich vielversprechend erscheint? Ähnliches wird derzeit auch aufgrund der #metoo-Debatte diskutiert. Sind Personen involviert, deren Aktionen man verurteilt, sollte man das entsprechende Produkt vielleicht nicht mehr kaufen.

„Aber wenn es nur einer ist? Ein Entwicklerstudio besteht ja aus mehr Personen!“ Vávra ist zum einen nicht nur der Mitgründer der Warhorse Studios und schreibt an den Texten mit, sondern er ist auch noch in der Öffentlichkeitsarbeit für Kingdom Come tätig. Er steht stellvertretend für dieses Spiel und das ganz bewusst und wohl kaum ohne jede Absprache. Stünde das Studio nicht hinter ihm und seinen Aktionen, würde es so nicht passieren.

Für mich ist das Problem nicht, dass keine Vielfalt innerhalb der Figuren des Spiels herrscht. Das allein ist noch längst kein Rassismus, sondern allenfalls Ignoranz. Es ist der Umgang damit, der stört. Der sture Wille, seine eurozentrische Weltsicht durchzusetzen und dabei mit harten Ellbögen durch die Öffentlichkeit zu pflügen.

Ich finde es wichtig, neutral durch die Landschaft hinter den jeweiligen Spielen zu blicken. Abzuwägen, ob man mit den Einstellungen, die propagiert werden, konform geht. Und wenn nicht – auch mal „Nein“ zu sagen. Nein zu einem Spiel, das man nicht mehr unterstützen kann.

Definitiv werde ich es in Zukunft näher beobachten. Eine Mail mit Bitte um ein Interview ist ebenfalls bereits raus.

5 Comments

  • Makasha 14. Januar 2018 at 12:21

    Ich finde die Disskussion „Kann man Kunst vom Künstler“ trennen immer ziemlich interessant. Für mich ist das etwas, dass immer von Fall zu Fall entschieden werden muss und auch eng damit verknüpft ist, wie gut/ ansprechend ich persönlich das Kunstwerk finde. Wenn mich etwas auf tiefer persönlicher Ebene berührt, bin ich eher gewillt dem Künstler etwas „durchgehen“ zu lassen. Beispiel: Dieses Spiel. Ich kenne es nicht, es interessiert mich nicht und nach deiner Schilderung scheint mir der Macher nicht besonders sympathisch zu sein – ich würde das Spiel also eher nicht kaufen.
    Aber es gibt auch ganz eindeutige Grenzen. Ein anderes Beispiel:
    Ich habe mal eine CD der Band LostProphets von einer Person geschenkt bekommen, die mir sehr viel bedeutet hat. Diese CD war für mich immer mit Erinnerungen verknüpft und war damit für mich weit mehr als nur Musik. Als ich jedoch herausgefunden habe, dass der Sänger von LostProphets für mehrmaligen Kindesmissbrauch verurteilt wurde (und zwar von der schlimmsten Sorte), konnte ich diese CD nicht mehr anfassen, ganz egal, was sie für mich persönlich bedeutet hat.
    Fazit: Das Ganze ist immer eine Gratwanderung, die man von Fall zu Fall bewerten sollte. Und für mich gibt es ganz klar Fälle, wo ich bestimmte Personen ganz einfach nicht unterstützen möchte, auch wenn sie den heißesten Scheiß der Welt produzieren würden.

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  • Pi mal R Quadrat 14. Januar 2018 at 13:55

    Da ich keine Ahnung davon habe, wäre es echt interessant zu erfahren, wo und in welchem Umfang es PoC in Europa gab. Das wäre auch einer sachlichen Debatte zuträglich.

    Der simple Vorwurf, ein Spiel sei rassistisch, weil es XYZ nicht beinhalte, missfällt mir. Es sind durchaus Konstellationen denkbar, in denen nur Personen einer bestimmten Hautfarbe oder Kultur oder Religion vorkommen, und in denen das gerechtfertigt ist. Ebenso wie es andere Konstellationen gibt, in denen das Vorkommen diverser Personen und Kulturen quasi zwingend sein muss. Eine SciFi-Geschichte im Jahre 4798, in der alle Figuren weiß und heterosexuell sind, braucht in meinen Augen schon einen verdammt guten Grund, um das zu rechtfertigen.
    Umgekehrt finde ich eine mittelalterliche Gesellschaft, in der Frauen emanzipiert sind, Sexualität völlig frei ist und PoC mit weißen zusammen leben zwar faszinierend, erwarte aber auch da eine gute Erklärung, und sei es nur, dass es sich um eine alternative Erde handelt, in der blablabla.

    Und zum Thema Kunst und Künstler:
    Ich gebe zu, ich finde es schwierig. Ich möchte House of Cards weiterhin schauen, auch wenn ich Spacey unappetitlich finde. Die Serie ist auch gut gemacht, und es haben so viele Leute über Spacey hinaus daran gearbeitet, dass ich das nicht boykottieren mag. Ähnlich verhält es sich vermutlich mit diesem Spiel. Ich glaube, sofern das Spiel nicht auch selbst problematisch im Umgang mit anderen Gruppierungen wäre und es mir von Setting, Story und Gameplay her zusagen würde, würde ich es vermutlich kaufen.

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  • Hope of deliverance… – lepetitcapo 27. Januar 2018 at 8:06

    […] leider allzu fest etablierten nationalistischen Geschichtsbildes“. Außerdem beleuchtet auch Fried Phoenix die Person Vávra, fügt weitere Indizien an und stellt die Frage, ab wann Spiele boykottiert […]

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  • Geekgeflüster Januar '18: Authentizität, Glory und Endlosschleifen | Geekgeflüster 28. Januar 2018 at 10:00

    […] Reihe von Reaktionen provoziert, von denen ich besonders Rainer Sigls Artikel für den Standard, Guddys Betrachtung der Debatte auf Fried Phoenix und diese Folge des Pixeldiskurs-Podcast für besonders gut halte. Außerdem hat Jan Heinemann […]

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  • Azzinoth 11. Februar 2018 at 17:35

    Ich kann nur den Gamestar Artikel zu dem Thema empfehlen, da dieser sowohl die originalen Vorwürfe als auch eine Antwort von Vavra selbst beinhaltet. Das hat meine Meinung auf jeden fall geändert.
    http://www.gamestar.de/artikel/kingdom-come-deliverance-die-reaktion-auf-die-rassismus-vorwuefe,3324854.html

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