Tipps zur Charaktererschaffung – für Anfänger

Charaktererschaffung Rollenspiel

[Sidenote: Die Tipps sind für Anfänger, nicht Fortgeschrittene] Ob für ein Rollenspiel oder ein Buch: Figuren wollen facettenreich sein und plastisch dargestellt werden. Doch oft steht nur das Grundgerüst wie „Jäger, dat isser!“ oder „Ja, schöne Elfe halt, nech?“. Allerdings reicht es nicht, sich nur in Stereotypen auszutoben, es bedarf Ecken und Kanten, eines durchdachten Hintergrundes und etwas, das ihn unverwechselbar macht. Erst dann wird daraus eine Figur mit Charakter.

Manchmal entsteht ein Charakter im Laufe einer Spielrunde oder während des Schreibprozesses. Er wird von Szene zu Szene weiter ausgebaut und korrigiert. Für viele jedoch angenehmer ist es, wenn er schon vor Spielbeginn fertig ist. Dafür bedarf es etwas Zeit. Aus meiner eigenen, persönlichen Sicht möchte ich hier nun  in groben Zügen erläutern, wie man aus kleinen Schnipseln ein großes Ganzes macht, das sich zu spielen oder schreiben lohnt.

1.: Das Grundgerüst

Grobe Skizzen, wenige Worte reichen aus, um einen soliden Grundstein zu legen. Eine Figur kann wie ein Bild sein, das von ein paar zarten Strichen durch Zufügen von Details, Schattierungen und Lichtreflexen zu einem fertigen Werk heranwächst. Zu Beginn reicht das Wort „Jäger“, um sich eine Vorstellung zu machen. Die wichtigsten Charaktereigenschaften hinzuaddiert, das Aussehen lapidar umrissen, eine schwammige Vorstellung des Auftretens. Oft wächst die Vorstellung von alleine weiter, reiht sich Assoziation an Assoziation.

Diese Assoziationen dürfen von der Norm, von dem Klischee des „Jägers“ abweichen. Viele, vor allem Rollenspieler, neigen dazu, sich zu sehr an den Archetypen aufzuhängen. Dann muss ein Jäger schweigsam, ein Tulamide rasiert oder ein Krieger stumpf sein. Doch das sind nur Mittelwerte oder das, was ein Außenstehender nach einem kurzen Blick als typisch erachtet. Genau so wenig, wie alle Deutschen überpünktlich sind, ist jeder Jäger schweigsam. Vielmehr kommt es auf die Umgebung an, die Erziehung, die Erfahrungen des jeweiligen Individuums, wie es reagiert und geeicht ist.

Wichtig: Nicht in Einzelheiten verlieren, nicht an unwichtigen Punkten festhalten, die sich bei genauerer Betrachtung ohnehin als nichtig und als Stolpersteine erweisen würden.

2.: Die Seele

Ich persönlich baue das Aussehen auf dem Inneren auf, es wird durch den Charakter bedingt, nicht umgekehrt. Andere wiederum  bauen den Charakter auf einem visuellen Bild auf, lassen sich davon weisen. Erlaubt ist, was inspiriert.

Vorab sei gesagt, dass viele leider dazu neigen, sich eine rosa Brille aufzusetzen, sobald es an die Charaktergenerierung geht. Die Figur wird dann wie ein rohes Ei behandelt, wie ein neugeborenes Baby, das auf keinen Fall in irgendeiner Form angegriffen werden darf. Die Figur mutiert zur Mary Sue. Sie ist geschickt, natürlich klug und dabei außerordentlich gutaussehend. Natürlich dürfen wir auch nicht die nahezu überirdische Intuition vergessen.

Hier schafft die simple Pacman-Formel Abhilfe: Der größte Teil einer Figur besteht aus Normalität (auch „Fehler“ oder „Schwäche“ genannt, aber ich wollte nicht direkt abschrecken) und nur ein kleinerer Teil aus der erhofften Awesomeness oder Großartigkeit. Ein wenig darf und soll natürlich noch vorhanden sein, wir sind ja keine Unmenschen. Sprecht mir alle nach: Ich will kein Powergamer sein. (Darf es aber. Auch das kann schließlich Spaß machen, ist aber nicht Teil dieses Artikels.)

Während wir uns nun also langsam und tränenreich von der Vorstellung verabschieden, dass die Figur ein überirdisches Wesen ist, gibt es noch einen Schlag in die Magengrube kostenlos dazu: Die Figur braucht Schwächen. Ja, das sind die Charaktereigenschaften, die nicht so gut sind. Um noch weiterzugehen: Es darf ruhig peinlich werden. Ich weiß, es tut im Herzen weh, wenn die Welt über sein Rollenspiel-Baby lacht. Wenn der große, mutige Krieger einen Schweissausbruch erleidet und zitternd ein paar Schritte zurück tritt, sobald ein Hund auf die Bühne tritt. Oder die stolze Elfe von Trauben pupsen muss. Verstehen wir uns nicht falsch: Zu einer Witzfigur darf niemand verkommen, der nicht gerade eine Witzfigur sein will oder soll.

Aber wie jeder weiß, gibt es ohne Regen keinen Sonnenschein. Wer mag in der Realität schon aalglatte Typen?

Das Schwierige ist zweifelsohne die Gratwanderung zwischen Großartig- und Luschenhaftigkeit. Bei Figuren, die auf Normalität ausgelegt sind, wird es nicht so schwierig sein wie bei einem Krieger, der nicht nur mutig, sondern auch gutaussehend sein soll. Hier könnte man aus den Stärken gleichzeitig Schwächen machen: Arroganz, Selbstüberschätzung, um nur zwei zu nennen. Macht die Figur ruhig in ein, zwei seiner Facetten unsympathisch. Ihn muss nicht jeder mögen.

Die schwierigste Übung für mich war es früher, meine Figur „dumm“ zu gestalten. Etwaiges Amusement diesbezüglich hatte ich immer als Kritik auf meine eigene Person aufgefasst. Davon müsst ihr euch freimachen. Mittlerweile finde ich es großartig, wenn man auf die Schwächen der Figur eingeht und dadurch Situationen schafft, die es in einer aalglatten Runde niemals geben würde.

Hier könnte ich auch meine Lieblings-Rollenspielfigur, die halbelfische Taugenichtsin Adsiniliya, vorstellen. Sie hat ein unheimlich großes Selbstbewusstsein, erzählt liebend gerne Heldentaten ihres fiktiven Ichs, kann weder lesen, noch schreiben oder allzu logische Gedanken knüpfen. Trotzdem oder gerade deswegen ist sie mein liebster Rollenspielcharakter geworden. In WoW ist sie darüberhinaus noch alles andere  als reinlich, schnippst ihre Popel durch die Gegend, kratzt sich am Arsch oder badet erst nach ein paar Wochen Wanderei.

Trotz alledem darf die Ernsthaftigkeit nicht leidend und unbeachtet in der Ecke sitzen. Ecken und Kanten zu haben bedeutet nicht nur peinliche Aspekte, sondern auch düstere oder traurige Seiten. Womit bei Punkt drei wären:

3.: Der Hintergrund

Erinnern wir uns an den Deutschunterricht. Genauer: an die Lyrik. Jedes mühsam entdeckte stilistische Mittel musste gedeutet werden. „Oha, eine Akkumulation! Äh… und was genau soll die deutlich machen?“

Ähnlich sieht es mit der Figur aus. Oh, er hat massive Angst vor Feuer! Warum? Wie genau ist er zu dem geworden, was er heute ist? Man muss nicht zu jedem Blödsinn einen tausendschichtigen Grund herbeidiktieren, wichtigste Elemente sollten jedoch hinreichend erklärt werden – zumindest für sich selbst. Dass die Figur nicht jedem kürzlich beigetretenen Gruppenmitglied sagen wird, dass er vor Jahren einmal von drei Walrössern beim Pokern seine Unterhose verloren hat, dürfte klar sein.

Eine Art der Hintergrundgeschichte ist übrigens vollkommen überholt. Sie nennt sich: „Meine-Eltern-wurden-von-[insert böse Geschöpfe]-getötet.“-Geschichte. Wenn es danach ginge, wie oft die Geschichte erzählt worden ist, dürfte es nirgendwo mehr Menschen über 35 geben und Orks hätten die Macht. Ist diese Art der Hintergrundgeschichte also generell und immer verpönt? Aber nein. Aber es reicht, wenn das auf eine Figur, und nicht gleich auf die ganze Heldenschar zutrifft.

Wichtig: Sei kreativ. Lass die handelsüblichen Backgrounds mal im Keller.

4.: Klischee vs. Raffinesse

Ich persönlich liebe Klischees im fiktivem Bereich. Ich persönlich finde allerdings auch, dass Klischees nur dann funktionieren, wenn  sie überspitzt formuliert werden. Wenn nicht zumindest ein geringes Maß an ironischem Material oder Potential vorhanden ist, sollte man lieber auf Raffinesse, Kreativität und Bodenständigkeit bauen. Klischees funktionieren nur dann, wenn man sie beherrscht, sonst kann es zu schnell ins Auge gehen und lächerlich werden.

5.: unzusammenhängendes Geschwätz

Ich bin bewusst nicht auf jede Einzelheit eingegangen sondern auf einzelne Kategorien, die mir persönlich sehr wichtig sind. Vielleicht könnt ihr auch erzählen, was euch bei einer Charaktererschaffung – egal, ob RP, für Romane… – wichtig ist, worauf ihr achtet oder was euch bei anderen stört. Vielleicht sieht euer Schema ganz anders, gar gegensätzlich aus. Wie auch immer, ich freue mich über eure Berichte.


Dieser Beitrag ist Teil des diesmonatigen Rollenspiel-Karnevals zum Thema „Anfänge und Übergänge“, organisiert von Niniane und Timber.

 Headerbild by: Jaciel Melnik

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6 Kommentare

  1. Toller Beitrag! 🙂
    Und ja, es ist nicht leicht, seinen Figuren auch Schwächen, Ecken, Kanten und dergleichen zu verpassen. Wie du sagst, eine etwaige Abneigung oder nicht-positive Reaktion auf die Figur wird eben schnell prsönlich genommen. Davon muss man sich befreien, auch wenn es schwer fällt.
    Aber ohne das funktioniert keine Geschichte, denn sonst sind alle Figuren gleich (gut) und damit langweilig und unglaubwürdig.

    PS: Man kann in WoW Popel schnippsen? 😮

    1. Mit freien Emotes auf jeden Fall. Ich wüsste nicht, dass es ein fertiges Emote dafür gäbe, aber ich lasse mich auch gerne eines Besseren belehren… 🙂

  2. Sehr schöne Einsichten, die ich so zum allergrößten Teil unterschreiben kann, vor allem die Sache mit dem „keine Mary Sue sein“. Grinsen musste ich bei der Formulierung über die schweigsamen Jäger – eben weil der Jäger, den ich spiele, gerade dieses Klischee voll erfüllt. Allerdings geht es bei ihm insofern schon über das übliche Maß hinaus, dass er regelrecht Probleme hat, Worte zu finden, und zwar aus – und da sind wir beim nächsten Teil deiner Bemerkungen – Gründen, die sich in seinem Hintergrund wiederfinden.
    Lustigerweise allerdings hat sich der Hintergrund während des Spiels ganz organisch ergeben – eigentlich hatte ich diesen Charakter absichtlich klischeebeladen und mit nur stichpunktartigem Hintergrund für einen One-Shot gebaut, und dass aus diesem One-Shot dann doch eine Kampagne wurde, war ursprünglich gar nicht geplant. Je mehr ich ihn aber spielte, umso mehr füllten sich die Lücken im Hintergrund, und ich bin sehr stolz darauf, dass sich aus den unzusammenhängenden Punkten ein koheräntes, logisches Ganzes ergab.
    Aber ich glaube, das ist vielleicht ein Thema für einen eigenen Beitrag.

    Vielen lieben Dank für das interessante Posting jedenfalls, und schön, dass du beim Karneval mitgemacht hast!

    1. Klischees kommen ja meistens auch von irgendwoher. Es wird sie schon geben, die pünktlichen Deutschen, die Briten mit den schlechten Zähnen und eben auch die schweigsamen Jäger. Klischees per se zu verbannen halte ich auch für kontraproduktiv! 🙂