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Warum Vielfalt in Kinderbüchern wichtig ist + Empfehlungen nicht normativer Bücher

Man kann Menschen nicht früh genug vermitteln, dass Vielfalt existiert und es okay ist, „anders“ zu sein. Nicht nur bieten Bücher dabei einen Blick in andere Welt, sondern auch Raum für Identifikation. Leider wird diese durch (uU. diskriminierende) Stereotype oft unmöglich gemacht und Minderheiten erfahren eine Darstellung, die das in der Gesellschaft herrschende Ungleichgewicht schmerzlich spiegelt.

Die ersten Jahre prägen und je häufiger man etwas sieht, desto normaler erscheint es einem. Kinder imitieren das, was die Eltern einem vorleben – und sie lernen auch aus Kinderbüchern. Die erweitern ihre Welt und lassen sie eintauchen in eine für sie existierende Realität, in der auch Elefanten Feuerwehrmänner werden können. Mit der Diversität in Kinderbüchern ist es allerdings nicht weit her. Heteronormative, weiße Familien, in denen die Mütter Hausfrauen und die Väter Geschäftsmänner oder Polizisten sind, beherrschen das Bild. Besagte Elefanten-Feuerwehrmänner sind häufiger anzutreffen als Menschen, die nicht weiß, nicht be-hindert, nicht cis sind.

Die Masse bestimmt das, was man kauft, man müsste bewusst suchen, um Bücher zu finden, deren Figuren nicht „der Norm“ entsprechen. Wenn man dann etwas gefunden hat, bewegt es sich meist im gezielt pädagogischen Bereich. Dort soll Kindern bewusst gezeigt werden, dass es auch anders geht, dass Rassismus und Vorurteile nicht erstrebenswert sind und dass es Grenzen gibt, die aber übertreten werden dürfen. Solche problemorientierten Plots sind durchaus gut, gerade dann, wenn solch ein Problem akut in einem Kind oder einer Gruppe auftritt. Das kann und darf aber nicht alles sein.Vielfalt sollte nicht als unnormal wahrgenommen und das Finden der eigenen Identität nicht als Grenzüberschreitung dargestellt werden. Ist es erstrebenswert, eine Realität abzubilden, die nur eine stark vereinfachte sogenannte Norm kennt?

Erfährt man bestimmte Aspekte – Beziehungsformen, Ethnien, Religionen, Be-hinderungen uvm.- nur durch Stereotype, wie soll sich eine differenzierte Sichtweise entfalten? Kinder übernehmen von der Umwelt, den Bezugspersonen und nicht zuletzt den Medien; Filmen, Büchern, Werbung.

Diversität sollte nicht stets als alleiniges definierendes und dadurch nicht selten herabwürdigendes Merkmal stehen. Menschen haben wesentlich mehr Facetten, man wird nicht durch ein einziges, als unnormal geltendes Merkmal bestimmt, das noch dazu stark heruntergebrochen wird. Außerdem ist es für eben jene poc, nicht gendertypischen, be-hinderten (…) Kinder schön und empowernd, „sich selbst“ in den Büchern sehen zu können. Zu sehen, was man sein und werden könnte. Selbst dann, wenn man kein weißer Junge ist.

Was also tun?

Ein Blick ins eigene Bücherregal schadet nicht: Hatte man nur normative Bücher gekauft oder hat man Raum für Bücher, die über den eigenen Horizont blicken lassen? Kann man versuchen, dem Kind Mehrwert zu bieten?

Hier findet ihr eine Auswahl an Kinderbüchern, die entweder vielfältige Figuren beinhalten oder sich thematisch gänzlich um diverse Themen drehen. Wenn ihr weitere solcher Bücher kennt, verlinkt sie ruhig in den Kommentaren! Die hier aufgelisteten Bücher sind für Kinder ab 2 bis ca. 8 Jahren, wobei ich die nur grob in zwei Altersklassen unterteilt habe. Letztlich kommt es sicher auch auf das jeweilige Kind ab, ab wann dieses oder jenes Buch genau geeignet ist.

Dies hier ist ersteinmal nur ein Rundumschlag. Auf einzelne Themen werde ich in gesonderten Beiträgen noch eingehen.

Ab 2 Jahren

Ich mag ... schaukeln, malen, Fußball, Krach (Die Großen Kleinen)

Ich mag … schaukeln, malen, Fußball, Krach (Die Großen Kleinen)

Jede Doppelseite (das Buch ist 98-Seiten stark) stellt ein anderes Kind vor, das irgendetwas besonders mag. Fernab von Geschlechterklischees, denn es werden auch Mädchen mit „männlichen“ Hobbies und Jungs mit „weiblichen“ vorgestellt. Auch sehen die Kinder alle anders aus: Von dick bis dünn, hell- bis dunkelhäutig ist alles dabei. Ein schönes Bilderbuch, das zeigt, wie verschieden man sein kann, ohne dass dabei der Zeigefinger erhoben wird.

Verlag: Carlsen | Autorin: Constanze von Kitzing | Illustrationen: Constanze von Kitzing | Bestellen

Zusammen aus dem Gerstenberg Verlag

Zusammen!

Auch hier steht Vielfalt auf dem Programm. In witzigen Reimen wird erklärt, dass man gemeinsam und trotz aller Unterschiede alles schaffen kann. Egal, ob der andere im Rollstuhl sitzt, ein Mädchen ist oder, Göttin bewahre, eine Brille trägt.

Verlag: Gerstenberg Verlag | Autorin: Daniela Kulot | Illustrationen: Daniela Kulot | Bestellen

Nelly und die Berlinchen – Rettung auf dem Spielplatz

Nelly und die Berlinchen – Rettung auf dem Spielplatz

Drei Mädchen erleben Abenteuer auf dem Spielplatz. Dass sie nebenbei afrodeutsch, muslimisch oder die Tochter einer alleinerziehenden Mutter sind, ist dabei nebensächlich. Im Fokus steht ihre Freundschaft, die Entführung eines Teddybären und Berlin.

Verlag: HaWandel Verlag | Autorin: Karin Beese | Illustrationen: Mathilde Rousseau | Bestellen

Weitere Tipps für dieses Alter:


Ab 4 Jahren

[Manche auch erst ab 5 oder 6 – da ich selbst keine Kinder habe, überlasse ich die genaue Beurteilung den Eltern.]

Lukas ist wie Lukas Kinderbuch

Lukas ist wie Lukas

Die Brüder Tord und Lukas sind beste Freunde. Tord bewundert an seinem größeren Bruder dessen Lebensfreude und es fällt ihm nicht auf, dass Lukas das Down-Syndrom hat, bis dieser von den anderen Kindern plötzlich vom Fußballspiel ausgeschlossen wird, weil er „anders“ ist. Das Buch geht einfühlsam mit seinen Protagonisten um und verknüpft die Themen Behinderung, Freundschaft und Toleranz sehr gut miteinander.

Verlag: Ravensburger Buchverlag | Autorin: Dagmar H. Mueller | Illustrationen: Susanne Szesny | Bestellen

Paul und die Puppen

Paul spielt eigentlich Fußball – bis er sich mit seinen Puppen zu den Mädchen gesellt und sie sich mit Ballkleidern verkleiden. Auch wenn sich die anderen Jungs zuerst darüber lustig machen, stoßen sie am Ende aber doch dazu und die geschlechtlichen Normen werden endlich aufgelöst. Ebenfalls schön ist, dass Kinder unterschiedlicher Ethnien auftauchen.

Verlag: Beltz & Gelberg | Autorin und Illustrationen: Pija Lindenbaum | Bestellen

Prinzessin Pompeline traut sich

Die schöne Prinzessin Pompeline soll sich endlich trauen und ihren Prinzen auswählen! Eigensinnig wie sie ist, schert sie sich jedoch wenig um die Avancen der schicken Verehrer. Außerdem hat sie doch ohnehin schon ein Auge auf jemand ganz anderen geworfen: Prinzessin Hedwig. Dem Widerspruch ihrer Eltern zum Trotz, stehen die Prinzessinnen zu ihrer Liebe und schaffen es am Ende sogar, Eltern zu werden, was im Nachwort erläutert wird.

Verlag: Carl-Auer Kids | Autorin: Christel Rech-Simon | Bestellen

Zwei Papas für Tango

Die Pinguine Silo und Roy kümmern sich nicht um all die hübschen Pinguindamen und bauen sich gemeinsam ein Netz. Was für die Tierpfleger unvorstellbar ist, ist für die beiden das Natürlichste auf der Welt! Und so wird Tango auch das erste Pinguinjunge, das von zwei Vätern aufgezogen wird. Die Geschichte rund um die Regenbogenfamilie ist sehr schön erzählt und illustriert und fokussiert sich auf Silo und Roy als Paar.

Verlag: Thienemann  Verlag | Autorin: Edith Schreiber-Wicke  | Illustrationen: Carola Holland | Bestellen

Am Tag, als Saida zu uns kam

Am Tag, als Saída zu uns kam

Saída kommt eines Tages ohne Koffer und scheinbar ohne Worte an. Im Laufe der Zeit freundet sie sich mit einem einheimischen Mädchen an und gemeinsam überwinden sie nach und nach die sprachliche Barriere. Poetisch ist das Buch definitiv und wohl eher für Kinder ab 6 Jahren geeignet. Es geht darum, gemeinsam Hürden zu nehmen und an Erfahrungen mit der jeweils anderen Kultur, sowie dem Austausch zu wachsen.

Verlag: Peter Hammer Verlag | Autorin und Illustrationen:  Susana Gómez Redondo | Bestellen

Weitere Tipps für diese Altersklassen:

Photo by Andrew Ebrahim on Unsplash

9 Replies to “Warum Vielfalt in Kinderbüchern wichtig ist + Empfehlungen nicht normativer Bücher

  1. Ich bin dankbar für jeden Hinweis. DANKESCHÖN an euch und die Kommentatoren!!! Ich arbeite als Lehrerin und möchte in der Klassenbibliothek die Vielfalt der Kinder und Lebenswelten widergespiegelt haben. Für jeden ein Stück aus seiner Welt und ein paar Stückchen aus der der Mitschüler. Ist jedoch unhemlich schwer und ich habe arg Probleme beim Besorgen. Obwohl ich alles privat bezahlen muss, rücke ich schon von preiswerten Büchern ab. Zum Geburtstag ließ ich mir von meiner Schwester „Wo ist Oma?“ von Peter Schössow schenken. Sie hat mir fast einen Vogel gezeigt, dann aber gegrinst: „Du und deine Kinder…“, aber geschenkt für meine kleine Bibliothek hat sie es mir trotzdem 😀 Ich möchte dieses Buch allen empfehlen. Meine Schüler lieben es alle. Der Fokus liegt auf dem Erleben eines Krankenhauses. Mit dabei: Die kurdische Babysitterin Gülsa. Sie trägt ein Kopftuch, liebt wie viele anscheinend ihr Smartphone …, aber weder Migration noch Kopftuch sind glücklicherweise ein Thema. Sie ist einfach Beteiligte der Geschichte und wird in ihrer Handlung wie alle anderen Figuren bei Peter Schössow mit Wertschätzung beschrieben. Es ist so schwer, solche Bücher zu finden. – Und eh ein Aufschrei kommt. Ja, wenn mir das jemand empfehlen kann: Ich kaufe auch sehr gern ein Kinderbuch mit einer kopftuchtragenden Informatikerin, Politikerin oder Bauüberwacherin, ohne dass das Kopftuch und irgendeine Migrationsgeschichte bzw. Rassisimus & Co Thema ist. Hab nur noch keins gefunden. So ist „Wo ist Oma?“ ein Anfang – aber ein guter!

    1. Aber du versuchst es! Das ist schon sehr viel wert und danke dafür. 🙂
      Deinen Tipp habe ich gleich mal aufgenommen. Von der Diversität abgesehen ist das Krankenhaus auch ein interessantes, wichtiges Thema.

  2. Das gleiche Problem hatte ich zu Weihnachten. Hab extra eine Liste dazu angelegt, vielleicht ist ja was für deine Liste dabei. ^^

    > Prinzessin Rose und der kluge Narr – Margaret Gray
    > Wild – Emily Hughes
    > Malins Heldentaten – Eva Polak
    > Passt das? – Meike Teichmann
    > Als die Raben noch bunt waren – Edith Schreiber-Wicke
    > Anna mit Schirm und Charme und großen Füßen – Martin Ebbertz
    > Der kleine Fehler: Fehlerfreundlichkeit, Perfektion, Mut, Angst vor Fehlern, Lebensfreude, Inklusion, Andersartigkeit, Akzeptanz, Toleranz – Melanie Jacobi
    > Mia – meine ganz besondere Freundin – Dagmar Eiken-Lünchau
    > Der geheimnisvolle Ritter Namenlos – Cornelia Funke
    > Du bist richtig, wie du bist – Stefan Gemmel
    > Herr Seepferdchen – Eric Carle
    > Kicker im Kleid – David Walliams
    > Ein Traum wird wahr – Elena Tresnak
    > Alles rosa – Maurizio Onano
    > Puppen sind doch nichts für Jungen! – Ludovic Flamant
    > Die Flucht – Francesca Sanna
    > Sieben Prinzessinnen und jede Menge Drachen – Christina Björk
    > Herr Anders – Eva Schatz
    > Das kleine WIR – Daniela Kunke

  3. Oh da sind ja richtige Perlen dabei ? wird gleich notiert. Ich lese mit den Kindern gern „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel. Ist total witzig gemacht und die Andersartigkeit der Hauptfigur ist so geschickt eingefädelt, dass man diese am Ende geradezu hinterfragen muss. Ist aber eher was für Kinder ab 10-12, da man sonst den Humor nicht versteht.

  4. Ich möchte dann noch „Keine Angst vorm Andersrum“ von Olivia Jones empfehlen. Mit diesem Buch kann man Kindern leicht beibringen, dass es eben auch Männer gibt die Männer lieben und Frauen die Frauen lieben. 🙂

  5. Das ist wirklich eine tolle Liste – vielen Dank dafür 🙂 Ich hätte nicht gedacht, dass es da schon inzwischen viel Auswahl gibt, finde ich gut.

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