Janna Ruth Interview im Bann der zertanzten Schuhe

Janna Ruth: „Unterhaltungsliteratur hat die Pflicht, auch ernste Themen zu behandeln und zum Nachdenken anzuregen“

Die Märchenadaption „Im Bann der zertanzten Schuhe“ von Janna Ruth (hier findet ihr meine Rezension) beschäftigt sich nicht nur mit dem grimmschen Märchen „Die zertanzten Schuhe“, sondern dreht sich vor allen Dingen um ihre beiden Protagonisten Jonas und Sophie. Die beiden kämpfen jeweils mit ihren eigenen Problemen: Mit Drogensucht und PTBS, also einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Warum Janna Ruth diese Hintergründe für ihre Figuren gewählt hat, wie sie sich auf sie vorbereitet hat und was Diversität in Romanen für sie bedeutet, erfahrt ihr hier.


Wie bereitest du dich generell auf die Ausarbeitung einer Romanfigur vor? Suchst du vielleicht Gespräche mit Menschen, die ihr ähnlich sind, holst dir Inspirationen aus anderen Romanen oder Filmen …?

So einen festen Prozess habe ich gar nicht, meistens kommen die Figuren oder zumindest die Idee einer Figur von selbst zu mir und erzählen dann ihre Geschichte. Wenn es dann aber ans Ausarbeiten geht, kommt bei mir der Onlinerollenspieler durch. Das heißt, ich mache mir Gedanken über Hintergrundstory, Kindheit, Psyche und Beziehungen zu anderen Figuren und irgendwie entsteht dabei eine plastische Figur.

Natürlich fließen da Inspirationen von Filmen, Büchern, Bekannter oder dem eigenen Erfahrungsschatz mit ein. Generell habe ich aber durch die Arbeit an meiner Serie Ashuan (erscheint 2018) seit 15 Jahren so viele Figuren erschaffen, dass ich eine sehr gute Menschenkenntnis entwickelt habe und ich die Dinge auch problemlos aus einer anderen Sichtweise sehen kann, solange klar ist, was die Figur motiviert. Das ist im realen Leben übrigens nur bedingt hilfreich.

Wie hast du dich speziell auf die Figur Jonas und dessen Erkrankung vorbereitet? Wie viel Recherche war nötig? Konntest du dich vorab mit einem Betroffenen direkt austauschen?

Zitat Janna RuthEs klingt ein wenig doof, aber die Erkrankung an PTBS faszinierte mich schon eine Weile. Wahrscheinlich seit ich selbst eine kurze Berührung damit im Zuge der Christchurcherdbeben hatte. Ich habe das Gefühl, dass es oft ein Schlüssel zu dem Verhalten der Betroffenen (Figuren) ist – ein Grund, warum ich es liebe, mich mit mentalen Krankheiten auseinander zu setzen. Besonders im Zusammenhang mit Veteranen wollte ich schon etwas länger etwas dazu schreiben.

Bei dem Märchen der zertanzten Schuhe wird am Anfang beschrieben, wie der Soldat im Krieg eine Wunde erlitten hat, nun nicht mehr kämpfen kann und nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll (deshalb nimmt er den Auftrag ja erst an, weil er nichts zu verlieren hat). Damals war sicherlich eine physische Wunde gemeint, aber es bot sich an, dies umzuinterpretieren.

Ungefähr zum selben Zeitpunkt lief bei Humans of New York eine Fotoserie zu PTBS bei Veteranen, genannt Invisible Wounds. Für mehrere Wochen wurden sehr eindringliche Erfahrungsberichte zu allen Aspekten des PTBS geschildert. Da waren Beschreibungen der Anfälle und des Kampfs mit dieser Krankheit, Therapieansätze und auch Angehörige, die über Kampf und Verlust ihrer Geliebten sprachen. Das war nicht nur sehr berührend, sondern auch sehr lehrreich. Ergänzend habe ich mich noch mit längeren Erfahrungsberichten und fachlichen Beschreibungen auseinandergesetzt, aber der emotionale Ballast stammen aus den Beiträgen von HONY.

Glaubst du nun im Nachhinein und mit etwas Abstand, dass dir die Darstellung eines PTBS-Patienten geglückt ist? Oder würdest du Details an ihr ändern? (Wenn ja, welche?)

Ich denke, im Großen und Ganzen ist es mir schon geglückt. Es gibt zumindest keine spezifischen Details, die ich zu ändern wüsste.

Haben sich seit Veröffentlichung Betroffene oder Angehörige bei dir gemeldet? Wie war die Resonanz auf Jonas insgesamt?

Im Gegensatz zu Sophie erhält Jonas durchweg positive Resonanz. Sehr oft bekomme ich zu hören, wie sehr man mit ihm leidet und wie sein Schicksal berührt. Bisher hatte ich zwei Betroffene, die mit PTBS in anderen Situationen zu tun hatten (also keine Veteranen), die mir sagten, dass ich den Nerv getroffen habe und auch aus Sicht einer Psychologin habe ich die Krankheit wohl sehr gut dargestellt. Ich gebe aber zu, dass das wirklich ein Punkt ist, der mich sehr nervös gemacht hat, wie immer, wenn man etwas nicht eins zu eins selbst erlebt hat.

Im Verlauf der Geschichte sucht Jonas einen Psychiater auf. Wie authentisch sind diese Gespräche? Konntest du bspw. auf die Erfahrungen eines (befreundeten) Psychiaters zurückgreifen oder entstammen diese Begegnungen und die Behandlung in erster Linie deiner Fantasie? Wie wichtig ist dir Authentizität bei solchen Szenen generell?

Die Szenen mit der Psychiaterin sind sehr kurz gehalten, im Vergleich mit dem restlichen Verlauf der Krankheit, was daran liegt, dass der Fokus ursprünglich nicht auf der Therapie liegen sollte. Tatsächlich ist das Kapitel erst nachträglich entstanden. Für das Gespräch, beziehungsweise die Methode hatte ich mich wieder belesen und auch noch einiges von HONY mitgenommen. Tatsächlich ist das eine der erfolgversprechensten Therapien, auch wenn es in Deutschland wohl etwas seltener durchgeführt wird als vergleichsweise in den USA. Auch hier wurde mir im Nachhinein bestätigt, dass das Gespräch nicht unrealistisch ist.

Zitat Janna Ruth Balanceakt PlotIch muss allerdings zugeben, dass Authenzität für mich nicht das non-plus-ultra ist. Es sind einige Dinge, die ich wichtig finde, wie zum Beispiel deutlich machen, dass Jonas damit nur einen ersten Schritt gemacht hat, aber keinesfalls sofort geheilt ist. So etwas finde ich wichtig. Ob das Gespräch selbst nun aber vielleicht etwas zu direkt war oder ähnliches ist mir wiederum weniger wichtig, solange es in sich logisch klingt und nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Für mich ist Authenzität daher immer ein Balanceakt mit dem Plot.

In manchen Szenen, insbesondere später im Gespräch mit Jonas‘ Bruder Felix, klingen Ansätze einer Depression durch. Auch Selbstmordgedanken werden zumindest angerissen, bleiben dabei aber im Hintergrund. Hätte eine ausformulierte Depression Jonas‘ den Rahmen des Romans gesprengt?

Ja, auf jeden Fall. Es sollte in dem Buch ja nicht nur um Jonas und seine Krankheit gehen, sondern hauptsächlich um das DeModie, Sophie und die Prinzen. Sicherlich wird eine solch heftige Erkrankung an PTBS aber von Depressionen begleitet. Jonas braucht auch wirklich Hilfe. Er musste das nur erst einmal selbst einsehen. Dass man nicht immer alles wieder alleine ins Lot kriegt und es dauert, bis man das versteht, stammt dann übrigens aus meinem Erfahrungsschatz.

Wie kamst du auf die Idee, das grimmsche Märchen „Die zertanzten Schuhe“ ausgerechnet mit den Themen Drogenmissbrauch und PTBS zu verknüpfen?

Die Sache mit dem Soldaten und seinem PTBS hatte ich ja schon erklärt. Tatsächlich war der Drogenmissbrauch jedoch zuerst da, wobei das eigentliche Thema gar nicht die Drogen sind, die sind nur eine Begleiterscheinung, sondern das Nachtleben an sich. Als ich darüber nachdachte, wie man das Märchen der zertanzten Schuhe modernisieren kann, war die Assoziation zu unserer Partygesellschaft sofort da. Ich meine, zwölf Mädels, die jede Nacht bis in die Früh tanzen gehen? Ich habe einige Freundinnen, die das jedes Wochenende durchgezogen haben, als sie zwanzig waren. Dass in Clubs der Alkohol in Strömen fließt und einem etwas in den Drink gemischt werden kann, war dann naheliegend.

Wie schätzt du die Unterhaltungsliteratur und deren Autoren in Bezug auf ernste, kritische Themen ein? 

Zitat Janna Ruth BücherFür mich ist ein gutes Buch sowohl unterhaltend – schließlich will ich es ja lesen und nicht analysieren – und trägt ernste Themen, die einen berühren. Es muss ja nicht immer gleich etwas so großes oder heftiges sein, aber vielleicht etwas zum Nachdenken. In gewisser Weise hat Unterhaltungsliteratur für mich sogar die Pflicht, auch solche Themen zu behandeln. Nur ein Bruchteil liest extra ein Buch über PTBS oder andere Behinderungen. Ist das Thema jedoch in einer Geschichte verwoben, kommen viel mehr Leser damit in Berührung und erlangen vielleicht dadurch etwas mehr Verständnis für solche Krankheiten und Mitgefühl für ihre betroffenen Mitmenschen.

Für mich ist zum Beispiel die Phantastikliteratur im Speziellen das perfekte Medium. Nirgendwo sonst ist man so frei, auf gesellschaftliche Fehlstellungen hinzuweisen, politische Systeme auseinanderzunehmen und moralische Fragen aufzuwerfen, alles unter dem Deckmantel der guten Unterhaltung. Davon kann es ruhig mehr geben. In den wirklich beliebten Werken (z.B. Harry Potter, Das Lied von Eis und Feuer) wird das aber meiner Meinung bereits gut umgesetzt. Wahrscheinlich sind sie deshalb auch so beliebt, eben weil sie uns berühren, während sie uns in fremde Welten entführen.

Kennst du weitere Romane, die eine Figur mit PTBS beinhalten? Welcher Autor hat solch eine Figur besonders gut dargestellt und wieso bist du dieser Meinung?

Romane wollen mir gerade nicht einfallen, aber ich habe meine allererste Berührung mit PTBS in Grey’s Anatomy bei Owen Hunt gehabt. Tatsächlich war es diese Darstellung, die sich über zehn Jahre in meinem Gehirn festgesetzt hat und mein Interesse daran gefördert hat. Etwas subtiler, da hauptsächlich über die Nebenwirkungen wie Alkoholmissbrauch und Schmerzmittelabhängigkeit, aber ebenso plastisch dargestellt wird es zur Zeit in der US-Serie This is Us anhand von Jack Pearson und etwas weniger seiner erwachsenen Kinder.

Tatsächlich leidet Fitz Farseer aus Robin Hobb’s Farseer Trilogie teilweise daran. Immer wieder zieht er sich in den Büchern zurück und kämpft mit den Erinnerungen. Im Gegensatz zu Jonas zerbricht er nicht daran und funktioniert weiterhin, aber es ist eben manchmal genau das: Ein Funktionieren, aber keine Heilung. Das ist eines der Beispiele, wie Fantasy wirken kann. Es geht an keiner Stelle in den Büchern um PTBS, dennoch sind die Anzeichen vorhanden, gehören einfach zu einer Figur, die so wahnsinnig viel durchgemacht hat. Ich mag gerade solche „normalen“ Darstellungen, wenn die Krankheit eine logische Konsequenz ist und eben dazugehört, ohne unbedingt den Fokus darauf zu legen.

Hast du auch in Zukunft vor, ernste Themen in deine Romane einzugliedern? Wenn ja, auf was für Themen können wir uns bei dir als nächstes freuen?

Zitat Janna Ruth DiversitätAuf jeden Fall. Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit Behinderungen/Erkrankungen, hauptsächlich psychischer Art auseinandergesetzt. Nicht zuletzt, weil ich drei Jahre lang im Behindertenservice einer Uni gearbeitet habe und einige Freunde mit diversen Erscheinungsformen habe. Irgendwie habe ich dann letztes Jahr festgestellt, dass die Projekte, die mich wirklich berühren, mittlerweile alle irgendwo auch diese Form der Diversität aufweisen.

PTBS kommt in leichterer Form in meinem Dark Fantasy-Zyklus vor, in dem auch sehr subtil ADS (wer sich damit auskennt, wird es wohl bemerken, aber es wird nie als Erkrankung wahrgenommen), Depressionen und Schizophrenie eine Rolle spielen, allerdings nie im Vordergrund wie bei „Im Bann der zertanzten Schuhe„. Ernste Themen werden über die Staffeln auch in meiner Urban-Fantasyserie Ashuan immer wieder auftauchen.

Ganz konkret habe ich einen fertigen Roman auf Agentursuche „Far beyond Reality„, der sich mit einer Form von Schizophrenie auseinandersetzt. Trauer wird in Blumenthal, was ich gerade schreibe, eine große Rolle spielen und ich habe zwei Projekte, darunter eine Märchenadaption, die sich um Depressionen drehen, aber die sind noch unangefangen. Ich denke, da wird auch noch einiges hinzukommen, dafür liebe es zu sehr, mich mit der menschlichen Psyche auseinanderzusetzen.

Was ist dein Lieblingssatz aus dem Roman?

Einer der berührendsten in Bezug aufs PTBS ist auf jeden Fall: Ich habe das Gefühl, als wäre ich aus dem Krieg als jemand anderes heimgekehrt, als wäre ich nicht mehr der Jonas, den sie kennen. Mein absoluter Lieblingssatz ist jedoch: Das DeModie ist nichts anderes als die Unterwelt; wunderbarer Ort der Wünsche und Träume und letzter Halt verlorener Seelen. – Der fasst das ganze Buch so schön zusammen.


Janna Ruth ist Autorin für alle Spielarten der Fantasy und Jugendbücher. 1986 in Berlin geboren, hat sich Janna schnell von den fantastischen Welten der Märchen angezogen gefühlt. Bereits in jungen Jahren erfand sie dabei eigene Geschichten, die sie anfangs noch malte. Die Liebe zum Comic und später Manga legte schließlich den Grundstein für ihre folgenden Romane.

Aktuell arbeitet Janna übrigens an einem Dark Fantasy Zyklus, einem historischen Roman und den Zeichen der Macht, ihrer Urban Fantasy Reihe. Mehr darüber gibt es in den Veröffentlichungen und den Projekten. [Quelle: Janna Ruth]

Wer nun neugierig auf das Buch geworden ist, findet hier meine Rezension. Zu Janna Ruths Website surft ihr hier entlang.

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