Warum wir auch schwache Figuren brauchen

Stets liegt der Fokus allgemeiner Betrachtung auf den starken Figuren. Filme bräuchten mehr starke Frauen, Love Interests sollten generell stark sein und überhaupt wird häufig gerade über die Stärke weiblicher Figuren gesprochen. Mit Recht: Im Vergleich zu starken männlichen sind starke weibliche Figuren deutlich unterrepräsentiert; es herrscht noch ein Ungleichgewicht, das korrigiert gehört. Doch abseits dieser Diskussion möchte ich euren Blick heute auf die Schwachen unter den Figuren lenken und letztlich erklären, weshalb ich sie trotz ihrer stiefmütterlichen Behandlung ziemlich wichtig finde.

Doch was ist „Schwäche“ überhaupt? Der Duden findet dafür, wie hier links zu sehen, natürlich gleich mehrere Bedeutungen und klar definierte Worte. Es kann fehlende körperliche Kraft bedeuten ebenso wie charakterliche oder moralische Unvollkommenheit. Schwäche, so wissen wir, ist nichts gutes. Es zeugt von einem Mangel und von Unzulänglichkeit. Man ist „nicht gut genug“ für etwas oder gar jemanden. Schwäche kann nicht nur einem selber schaden, sondern auch anderen. Und natürlich liegt es in der Natur des Menschen, sich stets zu verbessern, also Schwächen auszubügeln, vielleicht sogar zu Stärken zu machen. Man will nicht „das schwächste Glied in der Kette sein“. Gleichzeitig wird Schwäche meines Erachtens nach aber auch falsch ausgelegt, Schwäche in Figuren projiziert, wo gar keine herrscht.

Warum braucht es also schwache Figuren?

Starke Figuren treiben einen Plot voran. Sie sind, um in Extrembeispielen zu denken, willensstark und zielstrebig, straucheln wenn, dann nur vorübergehend und geben den Ton an. Sie dienen als Identifikationsfigur, an der man sich nicht nur misst, sondern aus derer Entwicklung man auch Kraft schöpfen kann. Gerade dann, wenn die Figur vielleicht etwas schwächer angefangen hat. Ohne Schwäche kann jedoch keine Stärke existieren. Es ist wie bei der Idee von Gut und Böse: Kann man „gut“ sein, wenn es kein „böses“ Beispiel gibt? Die schwache Figur lässt die Stärke Anderer erstrahlen.

Das ist besonders dann wichtig, wenn man feministische Standpunkte vertritt. Gäbe es ausschließlich starke weibliche Figuren – wäre das nicht „default„, der Standard? Könnte eine Buffy oder eine Laura Roslin als stark gelten, wenn man jede weibliche Figur derart verzerren würde? Gleiches gilt natürlich für die männlichen Konterparts.

Schwächen sind menschlich. Schwächen sind sogar okay. Angst – oder gar Feigheit – kennt vermutlich jeder, der nach Sichtung eines Horrorfilms durch nächtlich stille Gassen schleichen musste. In Ansätzen sind solche Schwächen auch durchaus bei den Protagonisten der Fiktion zu finden: Unzulänglichkeiten, die die Figur nur umso liebenswerter machen sollen. Die richtig schwachen Figuren jedoch sind selten.

Beispiele schwacher Figuren

Meine Twitter-Follower fragte ich heute, welche tollen schwachen Figuren aus Sci-Fi und Fantasy sie kennen. Das Antwortspektrum fiel recht mager aus. Vielleicht, weil es gar nicht so viele gut geschriebene schwache Figuren gibt? Oder wird in schwachen Figuren einfach generell wenig Gutes gesehen? Ein paar Antworten gab es derer aber natürlich schon. Hiccup aus Drachenzähmen leicht gemacht wurde etwa genannt. Dessen Schwäche ist in erster Linie körperlich, weshalb er im Laufe seiner Entwicklung auch charakterliche Schwäche wie mangelhaftes Selbstbewusstsein und Schüchternheit zeigt. Dennoch ist er die treibende Kraft hinter dem Plot. Allerdings: Ihm passiert etwas. Erst durch die äußeren Umstände und mit Hilfe seiner Freunde wird er zu einer Figur, die die Geschichte voran treibt.

Auch Helden wie Han Solo wurden genannt. Han Solo, der nicht nur einmal Opfer eigener Gier wird. Im Herzen jedoch ist er stark, sogar gut. Er überwindet seine Gier, ist ohnehin mutig, zielstrebig, geschickt und klug. Eine andere als schwach genannte star wars’sche Figur ist dagegen Jar Jar Binks. Er wiederum ist allerdings derart schwach und unsympathisch, dass er keinesfalls als Held gelten kann.

Die meisten der dort genannten Figuren sind körperlich schwach oder besitzen lediglich schwache Komponente, sind also nicht im Gesamten schwach. Ich zumindest würde sie nicht als „schwache Figur“ bezeichnen. Es gibt nur eine Ausnahme, bei der das zutrifft: Theon Greyjoy aus Game of Thrones. Und er, meine Damen und Herren, ist tatsächlich auch der Grund, weshalb ich diesen Artikel nun schreibe.

Das Beispiel „Theon Greyjoy“

Theon beginnt stärker als er nun ist. Anfangs narzisstisch und selbstbewusst, wird ihm dieses Selbstbewusstsein bald genommen. Mittlerweile ist er ein psychisches Wrack, leidet an verschiedenen psychischen Erkrankungen. Man kann es ihm nicht verübeln: Gefoltert, seines Penis‘ beraubt, in Gefangenschaft gehalten, auf alle erdenklichen Weisen malträtiert: Dieser Mann ist mittlerweile nur noch ein Schatten seiner Selbst.

In einer Szene der aktuellsten Staffel wird seine Schwester entführt. Er muss zusehen – und krümmt keinen Finger. Schwach. So unfassbar schwach. Von Freund und Feind wird er deswegen verhöhnt. Das ist nicht das Verhalten eines Helden. Nicht, dass er je einer gewesen wäre. Und doch finde ich es sehr positiv, dass diese Schwäche gezeigt wird. Er war ein Opfer, die Narben auf seiner Seele sind spürbar. Viele Zuschauer vergessen das. Vergessen über all die strahlenden, furchtlosen Helden, dass gewisse Situationen Traumata hervorrufen können. Die meisten Helden bleiben stark. Ihnen machen viele auch furchtbare – Dinge nichts aus. Wenn es sie verändert, macht es sie nur noch stärker. Das ist schade – denn Schwäche gehört dazu. Mehr noch: Schwäche ist manchmal die einzige logische Konsequenz.

So oder so: Theon ist kein „fan favourite“. Das liegt aber sicherlich nicht nur an seinen vielen Schwächen.

Schwache weibliche Figuren im Speziellen

Der Ruf nach starken weiblichen Figuren ist derart laut, dass der Blick auf Figurentiefe generell zu verschwimmen scheint. Eine fiktive Frau hat heutzutage stark zu sein, um den Ansprüchen zu genügen. Das ist nicht per se etwas Schlechtes. Allerdings kann es auch ad absurdum geführt werden. In der neuen Star Trek Serie Discovery etwa kommt man keine 2 Minuten weit, ohne auf eine neue starke weibliche Figur zu treffen. Das ist einerseits gut, andererseits frage ich mich: Muss eine Frau tough sein? Es ist diese strenge bis teilweise aggressive Art, die scheinbar als stark gilt. Als in Ansätzen schwache weibliche Figur wird Sylvia Tilly eingeführt. Sie redet viel, zeigt aber doch nach und nach mehr Durchsetzungsfähigkeit bereits in einer einzigen Episode.

Schwache Figuren sind kein Muss. Doch sie akzentuieren die Stärken Anderer, sind Plotgeber, Hindernisse, zeigen Menschlichkeit. Das Problem, das ich sehe ist, dass gerade weibliche Protagonisten scheinbar nicht mehr schwach sein dürfen. Und das, obwohl Schwäche keine Schwäche sein muss. Sie kann im Gegenteil sehr spannend sein. Solange die weiblichen Figuren nicht alle schwach sind, sehe ich kein Problem. Das einzige, was ich momentan sehe, ist eine Art Angst vor Schwäche.

Warum ist das so? Warum darf es keine schwachen Frauen in Film, Fernsehen und Literatur geben? Weil es keine schwachen Frauen gibt? Das kann ich direkt verneinen. Weil Schwäche immer unsympathisch ist? Ach, ich bin auch eine schwache Frau und meine Katze findet mich trotzdem sympathisch. Oder vielleicht einfach nur, weil man Angst hat, mit schwachen Hauptpersonen ein Risiko einzugehen? Steht doch zu den Schwächen eurer Hauptfiguren. Egal, ob sie männlich oder weiblich ist. Solange  ihr nicht vergesst, dass weder Frauen, noch Männer die Stärke mit Löffeln gefressen haben, ist doch alles gut.

Vielleicht sollten wir auch einfach aufhören in Kategorien wie „stark“ oder „schwach“ zu denken und auf das achten, was wirklich zählt: Komplexität und Tiefe. Dann klappt es auch mit den sympathischen und glaubwürdigen Figuren.

Headerbild by: Larm Rmah

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10 Kommentare

  1. Es klingt Banane, aber ich brauche schwache Figuren, damit die starken auch wirklich stark wirken. Vielmehr setze ich aber auf ein realistsiches Setting in dem wirklich jeder Stärken und Schwächen hat, die unterschiedlich ausgeprägt sind.
    Theon Greyjoy ist aber wirklich eine verdammt gutes Beispiel. ich hab den Typen von der ersten Sekunde an gehasst… und zwar wegen seiner Ignoranz. Und nun hab ich etwas Mitleid. Schon komisch?!

    1. Finde ich absolut nicht komisch. So wie sich die Figuren selbst ändern, ändert sich schließlich auch die eigene Wahrnehmung. Plus indem man mehr Einblick in das Leben einer Figur erhöht, erlangt man auch mehr Verständnis.

  2. Schwach Darth Darth Binks ist nicht. Leider George Lucas ohne gronk nuts war, durchzuziehen diesen Plan. ^^

    Ich denke mir auch, dass es sowohl auf die Mischung als auch auf verschiedene Ansätze von Stärke ankommt. Unvergessen, wie Neville am Ende von Potter 1 den Hauspokal holt, weil er den Mut hatte, sich für die (vermeintlich) richtige Sache seinen Freunden entgegenzustellen, und wie er sich im Laufe der Bände entwickelt. Und das ist es, worauf ich achte. Eine Figur ohne Schwächen ist irgendwann nur nervig und langweilig, weil fad und eintönig. Wenn es aber Stärken und Schwächen gibt, entsteht daraus bei geschickten Drehbüchern Spannung, Charaktere entscheiden sich, auch mal falsch, und so entwickelt sich ein Plot.

  3. Spannender Text, Theon ist auf jeden Fall ein gutes Beispiel!
    Eine der für mich interessantesten „schwachen“ Figuren ist immer noch der Hauptcharakter Shinji aus „Neon Genesis Evangelion“. Obwohl seine vermeintliche Entwicklung als eine für das Genre mittlerweile klassische inszeniert wird, in der der Held oder die Heldin schwach beginnt und gegen Ende, wenn es drauf ankommt, über die eigenen Ängste und Probleme für ein größeres Wohl hinaus wächst, sehen wir ihn im Finale als die gleiche „schwache“ Person mit den gleichen Problemen wie zu Beginn der Serie. Am Ende des Tages ist er einfach immer noch ein 14-jähriger Junge, der in Konflikte und Verantwortungen hineingeworfen wurde, denen er nicht standhalten kann. Diese antiklimatische Auflösung, was das Überkommen der eigenen Schwächen angeht, hat mich schon immer fasziniert.

  4. Interessante Überlegungen! Je länger ich mich mit der Idee von „starken Frauenfiguren“ usw. beschäftige, desto mehr habe ich das Gefühl, dass „stark“ und „schwach“ in dem Kontext als Begriffe weniger und weniger sinnvoll sind. Wir reden von „starken Figuren“ und meinen eigentlich „gut“, „interessant“ oder „komplex“. Theon ist dafür echt ein sehr schönes Beispiel. Ich mochte den nie, aber er ist eine sehr spannende Figur, gerade wegen seiner Schwäche und Fehlbarkeit. Da finde ich ihn auch deutlich interessanter als z.B. den als „stärker“ inszenierten Robb.