[Random Thoughts] Schönheit im Geektum

„Schönheit“ ist ein Reizthema für viele, aber ich möchte es hier nicht überdramatisieren oder mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen. Ich möchte einfach nur darüber sprechen. 

Dafür hatte ich vor ein paar Wochen auf Twitter das Thema in den Raum geworfen und geguckt, was passiert. Spoiler: Nicht viel. Per pm haben mich und habe ich dann einige angeschrieben, um mehr herauszufinden. Deren Meinungen seht ihr in Kurzform in dieser Galerie.

Maike, 27

"Ich glaube nicht, dass das jemand absichtlich oder aus Boshaftigkeit tut, aber ich fühle mich, was das Aussehen angeht, nicht wohl. Selbst hier unter Gleichgesinnten nicht. Man sagt ja immer, Nerds ginge es nicht ums Aussehen, aber ich spüre es anders. Fame bekommen nicht die, die besonders lustig oder klug sind, sondern die, die attraktiv genug sind. Das finde ich schade und hält mich davon ab, überhaupt etwas in richtung Youtube zu versuchen. Wie oft da blöde Kommentare bei der Gamestar und Rocket Beans kommen, wenn eine Frau mal nicht so hübsch ist wie im Fernsehen. Bei Männern ist das aber in Ordnung. Aber hab mal als Frau eine zu große Nase, bist du direkt raus."

Esther, 32

"Schwieriges Thema. Man sieht es ja auch immer wieder in Filmen, dass Frauen in den Hauptrollen sexy sein müssen selbst wenn es ihre Rolle nicht unbedingt vorgibt. Das wird bei Filmen wie Blade Runner auf die Spitze getrieben, wo Frauen nur noch die Fantasien des Mannes sind. Frauen müssen gut aussehen und immer frisch aussehen, aber wehe sie machen sich morgens im Bad zu lange fertig. Sie müssen eine tolle Figur haben, aber wehe sie essen nicht genug Pizza oder Eis, das wäre ja uncool wenn eine Frau wirklich auf ihr Gewicht achten würde. Das muss alles von Natur aus perfekt sein. 
Dann muss sie natürlich auch noch cool, klug und geekig sein. Aber wenn eine Frau das alles ist, nur eben nicht hübsch, ist sie gleich uninteressant."

Isabel, 21

"Gerade unter Nerds ist das Aussehen nicht relevant. Natürlich hilft es, gut auszusehen, aber darum geht es nicht. Man kann, wenn man interessante Themen hat und darüber Bescheid weiß, mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als ein Messebabe. Das sieht man ja auch unter anderem an den Rocket Beans. Das sind alles ganz normale Männer und Frauen und da schert sich einfach niemand darum, ob sie nun modeltauglich sind oder nicht. Sie unterhalten und das ist es, was zählt. Bei ihnen finde ich es auch gut, dass sie sich keine sexy Frau als Eyecatcher geholt haben. Da geht es um Inhalt und nicht um Verpackung."

Basti, 29

"Die Presse und die Community-Manager halten uns für oberflächlicher als wir wirklich sind. Das zeigen ja schon die Galerien mit den heißesten Frauen in Games oder Sci-Fi und die Messehostessen, die sich mit dem Spiel, das sie bewerben, eigentlich gar nicht auskennen sondern nur knapp bekleidet sein müssen. Das hat früher vielleicht mal Sinn gemacht, als die Branche noch jung war und Aufmerksamkeit brauchte, aber heute ist es einfach nur noch peinlich."

Nina, 25

"Es nervt, dass die meisten Frauen im Geektum auf ihr Aussehen reduziert werden. Man muss da schon EXTREM cool sein, um ein normales oder unterdurchschnittliches Aussehen wieder wettzumachen.  Streamerinnen ohne gutes Aussehen oder Ausschnitt haben doch kaum eine Chance, die Männer folgen nicht ihrem Skill, sondern dem Aussehen."

Larissa, 23

"Ich bin häufig auf Messen und Conventions unterwegs und dort spüre ich schon einen gewissen Druck. Je nach Messenthema ist der aber anders. Während man auf Buchmessen, auf denen ja mehr Frauen zugegen sind, entspannt ist und aussehen kann wie man will und man auf Brettspielmessen leider oft in Schweiss und ungepflegten Menschen erstickt, sind Gamingmessen nicht so angenehm als Frau. Viele Gamerinnen versuchen sich zu übertrumpfen, um überhaupt noch aufzufallen und auf Männer sexy zu wirken. Das ist vielen wichtiger als das Gaming selbst. Hauptsache, man ist dort und im Mittelpunkt. Und die Männer springen auch noch darauf an.
Das ist einfach der Unterschied zwischen den Messen. Auf Messen wie die Leipziger Buchmesse oder die BuCon, da ist man da wegen der Bücher und der Leute. Auf der Gamescom, um gesehen und angehimmelt zu werden."

Matze, 31

"Beim Gaming gibt es eine Art Parallelgesellschaft. Wir haben die, die einfach nur spielen, und welche, die sich inszenieren. Das sind Streamer und Blogger oder Influencer und können Männer und Frauen sein. Das ist aber auch ok, dass wir auch solche Leute haben und der Inhalt zur Nebensache wird. Ist doch bei anderen Themen ganz genau so. 
Was ich da nur schade finde ist, dass sich besonders die Frauen selber auf das Aussehen reduzieren. Hauptsache Selfies, Schminke und die Illusion von Schönheit, die eigentlich gar nicht da ist. Und dann wird sich darüber aufgeregt, dass Frauen reduziert werden. das ist doch ein Teufelskreis."


Spannend finde ich es zunächst, dass sich fast alle, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe, mit weiblicher Attraktivität beschäftigen und männliche wenn überhaupt nur am Rande auftaucht. Dabei sehen Männer auch „irgendwie“ aus und haben eine Wirkung auf den Gegenüber. Ist männliche Schönheit eher unwichtig? Filme wie Blade Runner 2049 wollen die Gesellschaft in all ihrer Hässlichkeit widerspiegeln und schaffen dies ganz gut. Auch das wieder vorrangig auf die Rolle der Frau bezogen. Das macht den Film nicht schlechter, aber angreifbarer für viele Kritiker, die darin keinen Spiegel, sondern eine schlichte Diffamierung sehen.

Die Art, wie wir alle damit umgehen, ist herrlich diskrepant! Oft habe ich den Eindruck, dass man viel entspannter tut als man wirklich ist und in Wahrheit unglaublich viel Unsicherheit herrscht. Natürlich: Wir befinden uns im öffentlichen Raum. Das Internet ist ein Ort, an dem man auf die Bühne steigt und jeder seinen unqualifizierten Mist zu einem abladen kann. Die meisten verlegen sich dann der Einfachheit halber auf das Aussehen. Man könnte auch die Inhalte kritisieren, aber das würde ja ein Mindestmaß an Recherche bedeuten.

Während männliche Geeks vielleicht eher das Gefühl haben, wohlig in einer Masse zu hausen, sehen sich weibliche auf dem Präsentierteller und entsprechend bewertet.  Zumindest ist das der Eindruck, den ich bislang gewonnen habe – ich kann damit durchaus auch falsch liegen. Und das, obwohl ich nicht finde, dass weibliche Geeks einen realen Exotenstatus haben.

Ich persönlich habe eine eher komplizierte Beziehung zur Schönheit im Generellen und zur Schönheit im Geektum im Besonderen. Ich sehe durchaus die Vorteile, die schöne Menschen überall dort haben, wo das Aussehen eine Relevanz hat. Es kann allerdings auch Nachteile haben, gut auszusehen: Neid, Missgunst, Vorurteile. Auch und vor allen Dingen in der Streaming- und Videoszene. Ich stecke da nicht mit drin. („Was sagen Sie als Unbeteiligte zum Thema Intelligenz?„)

Für mich ist es aber absolut unwichtig, wie gut oder schlecht derjenige aussieht, mit dem ich mich unterhalte. Das wäre früher anders gewesen, wo mich speziell weibliche Schönheit stark verunsichert hat. Aber man wird mit dem Alter ja auch entspannter. [Stellen Sie sich an dieser Stelle bitte eine greise Frau mit Krückstock vor. Danke.]

Man muss eigentlich nichts beweisen, was die eigene Optik angeht – und trotzdem tun viele genau das. Das ist irgendwie schade und lenkt den Blick vom Wesentlichen ab.

Header: samuel lopez

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