Wolfgang Hohlbein: „Hufeisen zu verbiegen ist keine „Stärke“. Das kann jeder Trottel.“

Bild: www.hohlbein.de

In seinem neuen Roman „Armageddon“ gräbt Wolfgang Hohlbein tiefer in biblische Gefilde. Es ist ein Abenteuer, dem sich Protagonistin Beka zu Beginn noch machtlos gegenübersieht denn es ist größer als jedes andere zuvor. Die letzte Schlacht hat begonnen: Das Armageddon. Mit mir sprach Wolfgang Hohlbein über starke Figuren, die Rolle des Mannes in Endzeit-Szenarien und über die Wahrheit, die in der Bibel steckt.

Wolfgang, dein neustes Werk „Armageddon“ beschreibt eine apokalyptische Welt, in der sich die junge Frau Beka erst zurecht finden muss. War es eine bewusste Entscheidung, eine weibliche Figur als Hauptcharakter zu nehmen? Hätte es einen Unterschied für Dich gemacht, wenn es eine männliche Figur wäre?

Ja, es hätte einen Unterschied gemacht. Ich kann jetzt allerdings nicht sagen, weshalb, da ich sonst den Gag der Geschichte verraten würde. In diesem speziellen Fall ging es nicht anders. Bei Abenteuergeschichten ist das ja auch eigentlich egal. Bei den Geschichten, die ich schreibe – Action, Abenteuer, Reisen und fremde Länder – ist es zweitrangig, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Ich schreibe aber jetzt auch keine emanzipatorischen Kampfschriften.

Was macht für dich „Stärke“ aus? Ist Beka für dich eine starke Figur?

Ja, natürlich ist sie eine starke Figur. Das äußert sich darin, dass sie zu ihren Überzeugungen und zu sich selbst steht. Für das, woran man glaubt und was einem wichtig ist einzutreten: Das ist Stärke. Und nicht Hufeisen verbiegen oder Ähnliches. Das kann jeder Trottel.

Welche Figur aus „Armageddon“ ist denn deiner Meinung nach die stärkste?

Natürlich die Hauptperson und dann als zweites ihr Gegenpart, der auch relativ schnell vorgestellt wird. Die beiden halten sich schon die Waage. Wer bibelfest ist, weiß auch jetzt schon, wer es ist.

Ah, der Antagonist. Dazu fällt mir ein anderes Thema ein: Meistens stehen da Frauen aufgrund des „male gaze“ im Fokus. Hier ist es anders: Lukas ist Objekt der Begierde. Das war eine schöne Abwechslung, zumal es von einem männlichen Autor stammt.

[schmunzelt]Das nehme ich mal so zur Kenntnis. Aber nicht, dass ich in Verruf gerate.

Aber nein, wieso denn?!

Ach, ich versuche beim Schreiben immer in die Geschichte und Empfindungen einzutauchen. Mein erster Ansatz ist immer: „Wie würde ich in dieser Situation reagieren?“ Das ist natürlich relativ schwierig als Mann… sich 100%ig in eine Frau hineinzuversetzen geht glaube ich nicht.

Aber andererseits versetzt man sich auch in Massenmörder oder Zwerge hinein…

Ja, stimmt, das ist eigentlich ein ganz guter Vergleich. Das ist alles von mir wahrscheinlich gleich weit entfernt. Aber wenn mir das gut gelungen ist freut mich das natürlich sehr.

Sagen wir mal so: Es hätte auch eine Frau schreiben können. Und das ist leider bei vielen Autoren nicht der Fall. Du beschränkst dich dabei auch nicht zu sehr auf sie. Obwohl die Hauptpersonen weiblich sind, sind die für die Handlung am essentiellsten Figuren männlich. War das wichtig für dich?

Nein, das hat sich einfach so ergeben. Ich wollte auch keine Amazonengeschichte schreiben und ich denke, es würde wahrscheinlich auch so laufen. In einer zerstörten Welt würde es sicherlich einen Rückfall in archaische Zeiten geben, in denen eben die Männchen draußen Bären erschlagen und die Weibchen in der Höhle sitzen bleiben. Das können sich ja viele so vorstellen. Es wäre mir selber unglaubwürdig erschienen, wenn es umgekehrt wäre. Ich glaube, das ist auch eine Frage der Zeit, in der wir aufgewachsen sind. Ich bin ja jetzt auch keine 20 mehr. Ich stamme eben ein bisschen noch aus der Zeit, in der die Männer die Beschützerrolle spielten. Aber ob das stimmt oder nicht, ob das Sinn macht oder nicht sei mal dahingestellt. So sind eben viele noch aufgewachsen. Die Bilder habe ich natürlich auch noch im Kopf. Ich halte es auch für realistischer, dass in einer solchen Welt, in der es um das nackte Überleben geht, die Rolle des Jägers doch wieder die Männer übernehmen würden.

Und dass sie auch aggressiver und eher „böse“ sind?

Von Natur aus, klar.

Ja? Von Natur aus?

Also ich denke schon, dass männliche Wesen – egal ob Mensch oder Tier – schon die aggressiveren sind, das müssen sie ja im Überlebenskampf auch sein.

Im Gegensatz dazu ist mir ein junges Mädchen im Gedächtnis geblieben. Es taucht nur in einem Absatz auf, doch sie umgibt eine Ruhe und Friedlichkeit, die im Kontrast zu den restlichen Figuren steht. Sie erinnerte mich mit ihrem Säugling ein wenig an die Mutter Maria…

Oh, ja? Also das war von mir nicht bewusst so eingefädelt. Vielleicht in dem Moment, dass ich das so empfunden habe beim Schreiben aber nicht so, dass ich jeden Satz im Voraus plane. So etwas ergibt sich ja auch aus der Geschichte. Ich hatte ja auch beim Schreiben im Grunde nur die nackte Grundidee im Kopf, die Prophezeiung des Johannes in die Gegenwart zu verlegen und zu überlegen: „Wie könnte es denn aussehen, wenn er wirklich Recht hatte?“. Aber jede Szene, die ganze Konstellation der Figuren muss sich alles beim Schreiben ergeben. Das ist auch meine Arbeitsmethode.

Du hast also am Anfang nur einen Grundplot mit wenigen Eckpunkten?

Ich habe die Grundidee, ich weiß auch, worauf ich hinaus will. Es sind eben auch die apokalyptischen Reiter. Es gibt so ein paar Eckpunkte, zu denen ich hin muss. Aber was zwischen Start und Ziel passiert weiß ich nicht und will es auch gar nicht wissen. Ich fänd es langweilig, wenn ich die Geschichte mit allen Details schon im Kopf hätte.

Wie viele Teile sollen es denn werden?

Das ist ganz klar abhängig vom Erfolg. Wird es ein Riesenflop, wird es wahrscheinlich nicht die Nummer 4 erreichen. Aber da es eben 4 apokalyptische Reiter gibt und er der erste ist denke ich, dass 4 eine gute Zahl wäre. Oder wir nehmen die sieben Siegel. [lacht] Also es ist wirklich abhängig vom Erfolg. Geplant ist es auf vier Teile.

Werden die vier Reiter im Verlauf der Geschichte größere Rollen einnehmen?

Das weiß ich nicht. Ich habe eine vage Vorstellung vom zweiten… da wird er sicherlich weiter die zweite Hauptrolle spielen. Sehr viel stärker als jetzt. Aber Details… ich weiß nur, wo ich hin möchte. Es gibt neue Fakten, die auch die Bibelarchäologie hervorgebracht hat und die ich ganz spannend finde und sicher einfließen lassen werde. Aber die reine Handlung , was die Personen tun, davon habe ich bisher nur vage Vorstellungen. Das kommt dann, wenn ich anfange zu schreiben.

Hast du denn mit dem zweiten Teil schon angefangen?

Ich habe die erste Szene geschrieben. Das mache ich bei Fortsetzungsgeschichten eigentlich immer, dass ich den Anfang des zweiten Teils gleich mitschreibe.  Dann ist man noch so schön im Schwung. Aber das sind nur drei, vier oder fünf Seiten, die ich habe. Ob ich die überhaupt verwende oder doch etwas ganz anderes mache, das weiß ich noch nicht.

Kennst du eigentlich den NaNo? Schreibst du da mit?

Den was?

Der NaNo: Das ist der National Novel Writing Month. Da schreiben auf der ganzen Welt den ganzen November über verschiedene Autoren jeweils 50k Wörter an einem Roman. Man kann jeden Tag die Wortzahl in ein Dokument hochladen und sich sowohl mit anderen vergleichen, als auch sich selber natürlich herausfordern.

50k im Monat sind ja auch eine Menge! Es gibt durchaus Monate, da schaffe ich das und auch mehr. Aber wenn ich mir vorstelle, ich müsste das jetzt… hm. Es ist ein Unterschied, ob man sagt: „Ich muss das jetzt schaffen“ oder „Ich mache es einfach“. Das war bei Armageddon auch so: Ich habe mich relativ schwer getan mit der ersten Hälfte… da habe ich glaube ich drei bis fünf Monate für gebraucht. Die zweite Hälfte habe ich dann in sechs Wochen geschrieben. Da bin ich aufgestanden, habe mir einen Kaffee gemacht und habe einfach drauflos geschrieben.

Also bist du dann im Flow gefangen?

Ja, dann macht man eigentlich nichts anderes mehr. Wie gesagt: Ab und zu muss man auch mal etwas essen, aber das ist dann auch schon alles. Solange es kein Manna ist…

[lacht] Ja, richtig. Darauf habe ich beim Lesen auch richtig Lust bekommen. Erzähle gerne mehr über das Manna – ich selber bin nicht bibelfest und einige andere sicherlich auch nicht.

Nach dem Auszug der Ägypter – laut dem Alten Testament – sind sie ja angeblich 40 Jahre durch die Wüste geirrt. Was mir ein wenig übertrieben erscheint. Aber in der Bibel steht, dass sie eine himmlische Speise bekommen haben, eben dieses Manna, das vom Himmel fiel oder plötzlich überall herum lag, wie auch immer. Und seitdem ist Manna ein feststehender Begriff für eine himmlische Speise, für etwas, das man einfach so bekommt.

Musstest du viel Recherchearbeit leisten oder kennst du dich mit dem Thema aus?

Also ich kenne mich ein bisschen mit dem Alten Testament aus, bin aber kein bibelfester Mensch, was das Neue Testament angeht. Aber das Alte finde ich sehr faszinierend. Jetzt nicht aufgrund dieser grausigen Sprache oder des religiösen Inhaltes, es sind einfach ganz spannende Geschichten. Es ist ja eigentlich ein Geschichtsbuch. Was alles drin passiert und erzählt wird ist ja so passiert. Da gibt es ja auch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse und da wird klar, dass die Bibel präzise ist, dass ganz viele Dinge wirklich so passiert sind. Ob es Sodom und Gomorrha sind – man hat ja die Überreste gefunden. Ganz viele Katastrophen, von denen man eigentlich nicht weiß, was da passiert ist. Manche behaupten, es sei ein Meteor gewesen, andere, es seien Vulkane gewesen. Es findet sich bei fast allen Ereignissen des Alten Testaments ein wahrer Kern. Auch Jericho, das mit den Mauern, das ist alles so passiert. Aber nicht weil da jemand etwas Großes geplant hatte, das war schon was anderes.

Aber schon gemischt mit Fantasy.

Ja natürlich! Das ist ja alles nur eine Deutung. Hier und da habe ich auch Sachen selber erfunden. Aber Vieles, was phantastisch klingt, ist schlichtweg wahr. Diese Szene, wo jemand auf den Boden schlägt und daraufhin Wasser aus dem Felsen kommt – bei Abraham oder Moses oder einer anderen biblischen Figur – das ist tatsächlich möglich. So wie ich es erklärt habe, geht das. Dass das den Leuten vor Tausenden von Jahren wie ein Wunder vorgekommen sein muss ist ja wohl klar. Jemand, der wirklich so ein armer Bauer ist, der überhaupt keine Ahnung von nichts hat und dann schlägt jemand mit dem Stock auf einen Felsen und es sprudelt Wasser hervor… Natürlich kann der hinterher alles erzählen und es werden auch genug glauben.

Ist ja heute nicht viel anders.

Ja, heute sind die Möglichkeiten anders, aber das Prinzip ist geblieben. Wenn man etwas macht das sich andere nicht erklären können ist man schon im Vorteil.

 

Wer jetzt Lust auf  sein neustes Buch „Armageddon“ bekommen hat kann sich auch sehr gern vorab meine Rezension durchlesen. Spoiler: Mir hat es gefallen.

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