NaNo – Beware the crazy Nanit!

Mancheiner von euch wird bereits dem ein oder anderen von ihm begegnet sein – meist auf Facebook oder einem anderen sozialen Netzwerk, in dem sich die Ergüsse rund um den NaNo („HaHA! Im November werde ich 50k Wörter schreiben und ich werde jeden Tag meine Fortschritte posten! – Also. Zumindest solange ich motiviert dabei bin. Hüstel.“) von jetzt auf gleich schlagartig gemehrt haben.

Denn jedes Jahr, meist im November kriecht er aus seinem Loch: Der Nanit. Dieses possierliche Wesen gehört zur Gattung des Homo Autoricus und zeichnet sich in der Regel durch Augenringe, akute Mordgelüste („Was ist eigentlich das beste Gift, um jemanden möglichst spurlos umbringen zu können? Ich äh – frage für meinen Plot!“) und ein plötzlich erstarktes Mitteilungsbedürfnis aus.

Doch was passiert mit einem Naniten während des Novembers?

Der gemeine Nanit verfällt etwa zwischen Mitte Dezember und September, längstens jedoch bis Ende Oktober in eine Winterruhe, aus der er nur ab und an flüchtig mit einem Jaulen des Schreckens („Oh my fucking god! In zehn Monaten – also quasi morgen! – ist schon wieder NaNo! Und ich habe noch gar keinen Plot!!11³²“) erwacht.

Kündigt sich der NaNo dann endlich akut an, geschieht ein Andrang auf die offizielle Website, der diese ad hoc in die Knie zwingt. Der Nanit legt sich fiebrig ein Profil an, sucht, hektisch geworden, nach einem geeigneten Plot für sein Vorhaben und stellt am Ende vor Aufregung fiepend ein Posting online: „Leute! Sorry! Die nächsten Wochen über wird mein soziales Leben nicht existent sein! NaNo startet!“ Ein Singsang geht durch das Internet, eine ewige Litanei, die aus eilig getippten Wörtern, vorfreudigen Schwätzereien und dem Versprechen, den NaNo zu bezwingen, besteht.

Es ist der 31. Oktober. Einen Moment lang hält die Welt den Atem an. 

Phase 1: Euphorie

In der Gemeinschaft ist der Nanit besonders stark. Zwar schreibt er zumeist alleine, doch ist es der Austausch mit seinesgleichen, der ihm Kraft gibt. Das gemeinsame Erleben steht ebenso im Vordergrund wie das Schreiben des Romans.

Zu Beginn fließen die Wörter. 1.667 pro Tag? Ha, nichts leichter als das! Vergessen sind die Beschwerden vom letzten Jahr wie die Geburtswehen vor dem zweiten Kind. Das hat die Evolution dem Naniten geschickt eingefädelt, warum sonst sollte  er dem Wahnsinn ein zweites Mal die Stirn bieten wollen? Die ersten Erfolge werden auf Facebook gepostet. Was uns flugs zur zweiten Phase führt:

Phase 2: Defensive

So selbstbewusst und nanofixiert der Nanit auch auftritt, so schnell genervt ist auch seine Umgebung. NaNo hier, NaNo dort, der Internetnutzer an sich kann nicht allzu viel damit anfangen, dass der Nanit jeden einzelnen Tag ominöse Zahlen samt Textschnipsel postet. Gerne wird das Unverständnis mit kritischem Geschmank wie „Bissl egozentrisch, wa? Kümmer dich mal um hungernde Pizzabrötchen in Bielefeld! oder „Das ist doch sinnlos. Warum im NaNo schreiben, wenn man doch das ganze Jahr hat?“ Oder, noch besser: „50k? Schaffst du doch eh nicht!“
Der Nanit an sich redet sehr gerne über seinen Plot, seine Figuren und seine Fortschritte. Das schöne am November ist schließlich auch, dass man eine Plattform hat, auf der man frei über seine Leidenschaft reden kann. Doch ist es auch eine Phase, in der man sich besonders verletzlich macht. 50k in vier Wochen zu schreiben hat nicht automatisch intellektuell anspruchsvolle Texte zur Folge. Dennoch wagen es manche, diese Rohversionen online zu stellen. Und das ist gut so.

Phase 3: Enteuphorisierung

Der erste kreative Schub ist vorbei, die ersten und besten Plotideen abgefrühstückt, die Flamme leuchtet nicht mehr ganz so lichterloh. 1.667 Wörter erscheinen plötzlich wie ein unlösbares Unterfangen. Wo sind all die Ideen hin, die man bis vor kurzem noch hatte? Wie soll der Plot weitergehen? Und warum verdammt benehmen sich die Protagonisten so komisch?! 

Phase 4: Panik

Etwa Mitte November stellt sich beim Naniten die gefürchtete Krise ein. Man kommt nicht mehr in den Flow, vielleicht ist man sogar ein, zwei oder gar fünf Tage hinterher. Kurz: Man ist in den roten Zahlen.

Selbstzweifel. Stresspickel. Noch mehr Selbstzweifel. Wahrscheinlich ist der pure Stress der Naniten der Grund dafür, dass der Verkauf von Weihnachtsschokolade in diesem Zeitraum rapide ansteigt.

Phase 5: Wahnsinn

Wörter! Sätze! Kommata! Wörter, fucking Wörter! Wir befinden uns im letzten Drittel des Novembers. Alles, was der Nanit bis dato noch an Restleben übrig hatte, ist auf ein Minimum geschrumpft – und damit ist nicht Freizeit gemeint. Die wurde spätestens am 5. November bereits aufgegeben.

Die Gehirnaktivität eines handelsüblichen Naniten ist massiv gesunken. Aktive Arreale: Im fiktionalen Bereich. Der Nanit erinnert sich nun besser an die Namen der Katze der Großmutter seiner drölften Nebenfigur als an den Namen seines Lebenspartners. Moment. Wo ist der eigentlich?!

Phase 6: Mobilisierung der letzten Kräfte

Die letzten Tage sind angebrochen. Sieg oder Niederlage. Nach Nächten ohne Schlaf und ohne soziale Kontakte profitiert nun die Kaffeeindustrie. Wochen vor der studentischen Klausurenphase fühlt sich nun der Nanit wie ein wandelnder Stresspartikel. Das Ende naht. Und der Nanit wird zerrissen vom Zeitdruck. Plötzlich erscheinen die Facebookpostings auch nicht mehr täglich, sondern in kümmerlicheren Abständen.

Phase 7: FINALLY!

Es ist der 30. November, 23:59. Der Blick des Naniten pendelt panisch zwischen Manuskript und Uhr hin und her. Jedes Wort zählt! „Schreib einfach drölf Mal Käsekuchen!“ Dann klingelt der eigens gestellte Wecker. Mitternacht. Egal ob die 50k geknackt wurden oder nicht, es ist vorbei! Finally over!

Die letzten Wochen waren nervenaufreibend, ekelhaft, masochistisch, verzweifelnd! Kurzum: Furchtbar! Und doch hat man es geschafft, durchzuhalten, mit welchem End-Wordcount auch immer. Der kleine Orgasmus des Naniten.

The End

Ob man nächstes Jahr wieder beim Nano mitmachen würde, wird man gefragt. Der Nanit denkt an die Zeiten der Entbehrung, an Schreibblockaden, Plotbunnies, Wortzahlenpanik und sagt schließlich:

„Hell yeah!“

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