Kurzgeschichte: Gedankenlabyrinth

Fangen wir dort an, wo alles begann.

Im Dunkeln.

Meine erste Erinnerung ist die an einen Funken, der lichterloh brannte und zu meiner Seele wurde. Ich könnte schwören, dass Engelschöre zu hören waren, vielleicht waren es aber auch nur die irreführenden, ersten Töne einer Metal-Ballade. Wenn ich weiter darüber nachdenke, wird es wohl letzteres gewesen sein, denn meine Erschafferin ist keine Frau lieblicher Töne. Vermutlich röhrt sie jetzt in diesem Moment etwas, von dem sie verrückterweise glaubt, dass es Metallica sei, aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Ich war also ein Funke. Eine Idee. Zack, von dem ein auf den anderen Moment war ich da. Trotzig mitten im leeren Raum stand ich dort und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Oder auch nicht. Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich mir die Zeit wenigstens mit Selbstgesprächen vertreiben können, so jedoch blieb mir nichts anderes übrig, als Löcher in die Luft zu starren. Das hätte ich lieber nicht tun sollen, denn Löcher sind des Autoren schlimmster Feind und sollten mir im Laufe meiner Geschichte noch das Leben schwer machen.

Meine Erschafferin jedenfalls ließ sich Zeit. Wenn Gott sieben Tage gebraucht hatte, brauchte sie 700. Dabei bin ich nur eine Kurzgeschichte und keine Bibel! Aber sie war natürlich auch nicht Gott, auch wenn sie sich manchmal allwissend aufführt. Das bleibt aber bitte unter uns.

Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich war da, aber konnte man das ein Leben nennen? War ich vergessen worden? Oder gar absichtlich verdrängt? Glomm mein Licht deshalb plötzlich schwächer? Doch was hätte ich ausrichten können, ich, ganz alleine in der Dunkelheit?

Wohin ich auch ging, dort war nichts.

Ich war einsam.

Ich wollte mich gerade still zum Sterben hinlegen, als ein lautes Geräusch ertönte und ich mich vor Schreck fast in Luft aufgelöst hätte. Unsichtbare Zahnräder quietschten und der Boden rumpelte derart stark, dass ich fürchtete, er könne aufreissen und mich verschlucken. Doch eines war sicher: Meine Erschafferin arbeitete!

Mein Körper erstarkte, mein Leuchten erstrahlte in neuem Glanz und aus mir erwuchsen Fäden, mein Körper formte sich aus abstrakten Lichtfiguren. Ich bekam Struktur! Und dann sah ich es vor mir. Eine Tür, die inmitten des Nichts stand.

Aus schlichtem, blank poliertem Holz gebaut, bot sie objektiv betrachtet keinen imposanten Anblick und doch war ich fasziniert! Ein Ding, mitten in meinem Reich! Wohin sie wohl führte? Ich streckte meine Fühler aus, berührte die Klinke und drückte sie behutsam herunter.

Ein Luftzug eilte der Sicht voraus, umschwärmte mich und ließ meine leuchtenden Fäden im Winde wehen.

Ich muss gestehen, kein Herz zu haben, doch hätte ich eines gehabt, hätte es mir bis zu meinem Hals geschlagen. Wenn ich denn einen Hals hätte. Aber glaubt mir, halslos zu sein bietet besonders im Winter gewisse Vorteile. Kein Rückgrat zu haben ist da schon bedeutend schlimmer.

Nun spähte ich also in den Gang hinein, der sich vor mir erstreckte. Zahlreiche weitere Gänge zweigten von diesem ab, bevor er in weiter Ferne selber abknickte und sich meinem suchenden Blick entwand.

Ich trat in den Gang hinein und folgte ihm einige Schritte, zweigte hierhin und dorthin ab. Manche der Wände waren bunt bemalt, an einigen hingen Bilder oder es wurden Filme gespielt, die an die Wände projeziert wurden. Es dauerte, bis ich merkte, dass jeder einzelne Gang einem Thema gewidmet war.

Hier ein Gang mit Orientbildern und statt Gras feiner Sand, dort ein Gang mit allerlei Fabelwesen. Vor einem jener Bilder blieb ich stehen: Es war ein Einhorn. Oder ein Pferd mit Narrenkappe, wer weiß das schon? Doch es verzauberte mich und als ich einen Faden nach ihm ausstreckte und es berührte, blieb ein feiner Film meines Lichtes auf ihm zurück. Es glühte, erklomm den Leib des Einhorns und so wie das Fabelwesen zum Leben erwachte, durchzuckte es auch mich:

Ich bin ein wunderschönes, weißes Einhorn mit zierlichen Nüstern und einer weichen Mähne. Ich stehe alleine dort und trinke an einem klaren See. Es ist Frieden – bis es aus dem Gebüsch bricht! Ein riesiges, rotbrennendes Ungeheuer, das sich auf mich stürzen möchte, denn ich – das fällt mir in dem Moment wie Schuppen von den Augen – ich bin das letzte Einhorn!

Aufgeregt zog ich meinen Faden zurück. Ich war keine Idee mehr! Ich war eine ausgewachsene Geschichte! Und so eine durchdachte und interessante noch dazu! Dass es so einfach werden würde, das hätte ich mir niemals zu träumen gewagt!

Doch ich freute mich zu früh.

„Verdammt, die Idee gibt’s doch schon!“, hörte ich meine Erschafferin von irgendwoher dumpf fluchen.

Bitte!? Ich war empört! Idee nannte sie mich, dabei war ich doch schon eine richtige Geschichte! Und einzigartig noch dazu! Ich zumindest habe hier niemanden außer mir gesehen!

Doch alles Zetern half nichts, ich wurde von unsichtbaren Händen aus dem Gang geschoben und in den nächsten verfrachtet.

Wieder zu einer Idee degradiert zu werden hatte mich schockiert, doch ich durfte nicht aufgeben. Aber wohin ich mich auch wendete, nichts gefiel mir mehr so sehr wie das wundersame Einhorn.

Ich verlief mich in den Gängen, doch zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich stets wieder beim Einhorn landete. Das gefiel meiner Erschafferin absolut nicht, was ich daran erkannte, dass es nicht nur Flüche hagelte, sondern ich auch mit Schokolade überhäuft wurde. Ich leckte nur einmal daran, doch schmeckte sie nicht nach fetter Süße, sondern nur nach bitterem Frust.

So sehr ich es auch versuchte, ich kam immer wieder zum Einhorn zurück. Im Nachhinein wundert es mich, dass es kein rosa Elefant gewesen war. Mir ist, als hätte dieser besser zur Situation gepasst, doch vielleicht hatte irgendwo in der Nähe auch ein Porzellanladen aufgemacht und ihnen ihre Zeit gestohlen.

Die Zeit strich dahin.

Als ich nach einer Ewigkeit den Blick hob, fiel er auf die Wand vor mir. Die tiefer gewordenen Schatten akzentuierten mittlerweile jede kleinste Unebenheit. So auch diese. Ein winziger Riss zog sich nur wenige fädenbreit über die weiße Wand. Vorsichtig tippte ich dagegen. Putz bröckelte in kleinen Steinchen herab und scharrend vergrößerte sich der Riss. Ein kleiner Lichtschein, ganz ähnlich dem meinen, fiel hindurch und ich späte hinein.

Ein weiterer Gang offenbarte sich meinem Blick und in ihm saß, zusammengekauert, ein aus vielen abstrakten Formen bestehendes Wesen, dessen Licht nur unwesentlich heller leuchtete als meines.

Eine weitere Idee. Ich war nicht mehr allein!

Ich leuchtete aufmunternd in den anderen Gang hinein und machte so auf mich aufmerksam. Die fremde Idee blickte sofort auf und erwiderte meinen freundlichen Schein.

Mühsam quetschte sie sich durch den Riss zu mir durch, sprang mich an und als sie auf mich fiel, glitt sie durch mich durch und in mich hinein.

Aus dem Wir wurde ein Ich.

Was nützt eine einzelne Idee, wenn sie sich doch mit mehreren verknüpfen kann? Mein neu erstarktes Licht erhellte die düster gewordene Umgebung und gab den Blick frei auf Bilder in der Ferne, auf neue Inspiration.

Nicht, dass ich den Weg gewusst hätte, doch verlief ich mich nun immerhin nicht mehr zum Einhorn, vielleicht hatte ich es auch vergessen. Wohin ich mich auch abzweigte, nun war ich forscher geworden und beobachtete nicht nur, sondern nahm Dinge an mich. Dort berührte ich einen Apfel, hier eine Königin, die durch meine Berührung zum Leben erwachten und sich an mich hefteten.

Bald fühlte ich mich wie eine behäbige Traube, derart behangen war ich von Dingen, die ich auf meinem Weg aufgesammelt hatte. Einige verlor ich auf halbem Wege, andere passten nicht in den Knubbel aus Dingen, sodass ich sie einfach fort von mir warf. Mochte sie jemand anderes aufheben, ich war –

nur knapp dem Sturz in einen Abgrund entgangen!

Ein riesiges Loch blockierte meinen Weg. Es war selbst erschaffen, das erkannte ich sofort. In der langen Wartezeit kurz nach meiner Geburt hatte ich es erstellt, völlig unwissend, was das für meinen weiteren Weg bedeuten würde.

Aus jetziger Sicht weiß ich, dass es sich um ein Loch der Gattung „Plotloch“ gehandelt hatte.

Wie sollte ich dieses Hindernis nur überwinden? Möglicherweise, indem ich einige der gesammelten Inspirationen in die Grube warf und sie somit stopfte? Unmöglich, es war bodenlos. Und was, wenn ich es ignorieren würde?

Ein ausgezeichneter Plan! Dass ich darauf nicht gleich gekommen war!

Beherzt sah ich über das Plotloch hinweg und hüpfte beschwingt hinüber. Ignoranz führt den Helden zum Sieg, dachte ich mir, reckte mein Kinn und tauchte tiefer ins Labyrinth ein.

Meine Gier nach immer neuen Inspirationen lenkte mich ungestüm durch die Gänge, schier süchtig war ich nach dem Gefühl, wieder einmal etwas gefunden zu haben, das mich begeisterte.

An mir klapperten bald derart viele Eindrücke, Bilder und Inspirationen, dass ich immer wieder zu Boden sank. Schwer lastete das, was sich fast wie eine richtige Geschichte anfühlte, auf meinen imaginären Schultern.

Wie Gummi zog ich mich über den Boden, so groß geworden, dass ich drohte, im Gang stecken zu bleiben.

Hätte ich das Plotloch doch nicht hinter mir gelassen, sicher hätte ich den überflüssigen Ballast dann hinabstoßen können!

Doch Autoren kennen es: Plotlöcher tauchen immer im ungünstigsten Moment auf und nie dann, wenn man sie braucht. Dass ich es überhaupt gebraucht hatte, ist bereits grotesk genug, doch was kann ich für meine Erlebnisse? Es ist schließlich nicht so, als hätte ich mir das alles ausgedacht!

Es war hoffnungslos.

Mein Leben war zu Ende.

Zumindest fast. Denn mir fiel wieder ein, dass wir Kurzgeschichten, selbst wenn wir nur angehende sind, keine Zeit kennen. Wir existieren nicht nur heute. Man kann uns heute lesen oder erst morgen und auch in vielen, vielen Jahren noch.

Also erinnerte ich mich an das Morgen.

An die Lektion, die ich bald lernen würde: Wenn es der Geschichte zu viel wird, trinke einen Tee mit Schuss und wirf Überflüssiges hinter dich.

Zwar wusste ich nicht, wie alt genau ich war, doch volljährig sicher noch nicht. Bangend sparte ich mir den Schuss im Tee und überlegte beim Genuss des Getränkes, was an mir überflüssig sein könnte.

Als erstes stellte ich fest, dass mir Tee nicht bekam. Vielleicht hätte ich mich auch daran erinnern sollen, dass man keine Flüssigkeiten auf Kurzgeschichten vergießen sollte.

Dann widmete ich mich meiner Sammlung. Sah über die vielen Details, Figuren und die Fäden, die die ganzen Dinge miteinander verknüpften. Schweren Gemüts warf ich einige Dinge fort, die mir nicht genügten, zu denen ich keinen zu großen Zugang fand oder die einfach so lang waren, dass ich sie die ganze Zeit hinter mir her hatte schleifen müssen. Es tat weh, sie mir vom Leibe zu reissen, doch schließlich fühlte ich mich erleichtert.

Nun konnte ich mich wieder auf den Weg machen. Ich sah nicht mehr zurück.

Auf meiner weiteren Reise durch das Labyrinth sollte ich noch auf finstere Schergen treffen. Herr P. Krastination war besonders tückisch und ich erwischte mich eines Tages dabei, wie ich, von ihm verführt, sinnlos über die ohnehin blanken Wände putzte. Doch diesen Herrn besiegte ich ebenso wie die Frau Dr. S.Zweifel.

Als ich schließlich eine mannigfaltige Idee war, kräftig gewachsen und frohen Mutes, begegnete ich wieder dem Plotloch.

Es stand genau zwischen mir und der schweren Metalltür, über der in Neonlettern „Ausgang“ prangte.

Mein Erzfeind. Schweigend sahen wir uns an. Nun ja, ob es mich wirklich ansah, kann ich natürlich nicht sagen, schließlich hat so ein Krater keine Augen. Doch ich spürte ganz sicher, dass es mich herausfordernden Blickes maß!

Aber ich wusste, was zu tun war.

Ich nahm zwei meiner Inspirationen, knetete sie gut durch, formte etwas ganz neues daraus und strich es schließlich über dem Loch aus, um es zu schließen. Sorgfältig kittete ich die Ecken, stopfte jedes übrig gebliebene Loch und betrachtete schließlich mein Werk.

Als hätte es nie ein Loch gegeben!

Zufrieden spazierte ich über das Loch hinüber und zur Türe.

Ich brauchte einen Moment, bevor ich hinaus ins Licht treten konnte, zu groß war mein Respekt vor dem, was kommen mochte. Eine Zeremonie? Ein Initiationsritus? Eine große Feier, nur für mich? Dann aber diesmal bitte ohne Getränke!

Schließlich fasste ich mir das große Stoffherz, das ich aus einem der Gänge mitgenommen hatte, und ging hindurch.

Ich zerfloss in hunderte Buchstaben, die sich aneinanderreihten, als hätten sie schon immer so und nicht anders nebeneinander gestanden. Fragmentiert war ich gewesen, nun bin ich Eins!

Ich wurde an einem Freitag geboren und bin genau acht Seiten groß und zum jetzigen Zeitpunkt 2272 Wörter schwer – doch ich wachse noch immer. Gleich werdet ihr mein Ende sehen, aber es ist kein schlimmes oder gar endgültiges.

Der Weg meiner Werdung war nicht einfach, doch hier bin ich nun. Ein Konstrukt aus Ideen, Inspirationen und dem Blut wundgetippter Fingerspitzen.

Einst war ich ein kleiner Funke, der jedoch im Kopf des Lesers ein Feuer zu entfachen vermag.

Ich schreibe aus Alltag Poesie und aus den Details des Lebens einen Epos. Flüchtige Augenblicke nähren mich, ich schärfe den Blick für wundersame Details und schaffe aus Miniaturen eindrucksvolle Denkmäler.

Ich bin größer, als ich auf den ersten Blick erscheine.

Ich bin eine Kurzgeschichte.

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Gedankenlabyrinth”

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