Romane: Durch Wolfsaugen

Das Buch “Wolfsaga” von Käthe Recheis war, nach Ronja Räubertochter, mein zweites Lieblingsbuch überhaupt und zählt noch heute zu meinen erklärten Lieblingen.

Geschichten, aus der Sicht der Tiere erzählt, finde ich äußerst faszinierend. Es ist eine Art “reale Fantasy” mit Charakteren, die einem zwar vertraut, und dennoch so fern sind. Diese Geschichten bieten eine differenzierte Sichtweise auf Themen, die man vielleicht schon für abgeschlossen hielt; abstrakt erscheinende Denkweisen. Interessant ist, wie die unterschiedlichen Autoren die Sicht der Tiere definieren und/oder an unsere Bedürfnisse anpassen. Natürlich weiß niemand, wie genau Tiere denken, fühlen, wie sie ihre Kommunikation erleben. Womöglich – dies ist natürlich nur meine subjektive Meinung (oder sollte ich eher “Glaube” sagen?) – befinden sie sich auf einer gedanklichen und kommunikativen Ebene, die wir überhaupt nicht erst erfassen, geschweige denn nachempfinden können. Weil wir es nicht anders kennen. Ohne es in irgendeiner Form wertend zu meinen.

Besonderes Interesse habe ich hierbei immer den Wolfsgeschichten entgegengebracht. Verkannte, faszinierende Geschöpfe. Hier gibt es qualitativ hochwertige Romane, die ich immer wieder gerne hervorhole. Ein paar möchte ich euch nun, unter dem Aspekt der unterschiedlichen Herangehensweisen der Autoren an das Thema, vorstellen.

“Im Schatten des großen Wolfes” – Whitley Strieber (1996)

“Kern” von Im Schatten des großen Wolfes ist ein just ausgebrochener Atomkrieg, der den nuklearen Winter nach sich zieht und ein Wolfsrudel, das dem zu trotzen versucht. Diesem Überlebenskampf schließen sich zwei Menschen an; Mensch und Tier profitieren hier voneinander.

Strieber, der vor diesem Buch bereits unter anderem einen Roman über ein Amerika nach einem fiktiven Atomkrieg mit der UdSSR veröffentlicht hat (“Warday. Kriegstag und die Reise danach.”), führt seine Intention “Im Schatten des großen Wolfes” zu verfassen auf einen Leserbrief zurück. Es sei immer von den Menschen die Rede, hieß es da, wenn ein Atomkrieg ausbricht. Was aber passiert mit den Tieren, die ebenfalls davon betroffen wären? Er, der einst Wölfe in Nordminnesota studiert hat, wählt nun auch diese als Hauptfiguren für seinen Roman aus. “Natürlich besteht die hier beschriebene Verwandtschaft zwischen Menschen und Wölfen in Wirklichkeit nicht“, heißt es im Nachwort, “Aber es soll dazu beitragen, dass wir Tiere unter einem neuen Aspekt sehen (…) Aber wir sind alle Geschöpfe Gottes und als solche verdienen Tiere ebenso Achtung wie Menschen” Um dies zu unterstreichen, nutzt er auch Zitate berühmter Indianer, die er vor die wenigen Kapitel setzt.

Der Wolf selber wird voller Gedanken, doch mit rein punktueller Kommunikation dargestellt, die sich auf den Schwanz, die Körperhaltung und verschiedene Formen von Lauten beschränkt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Tiergeschichten können die Wölfe hier nicht in Form von Worten miteinander kommunizieren, was teilweise im krassen Gegensatz zu den differenzierten Gedanken steht, die die Wölfe an den Tag legen. Trotzdem wirken sie, bzw. der Leitwolf, aus dessen Sicht erzählt wird, sehr naiv. So werden Autos oder andere technische Hilfsmittel als eine Art Lebensform angesehen, die die Menschen kontrollieren. Die Taschenlampen werden nicht etwa von den Menschen bedient, sondern haben ganz im Gegenteil Macht über den Menschen: der Lichtstrahl zieht den Menschen hierhin und dorthin. Ich persönlich gestehe den Wölfen schon zu, unbelebte Dinge auch als solche zu erkennen.

Trotzdem ist es sehr niedlich (Diese “Niedlichkeit”: auch ein starker Kontrast zum ansonsten schrecklichen Inhalt) , wie Strieber die beiden Menschen in den Augen der Wölfe dastehen lässt und wie ihre Verhaltensweisen gedeutet werden. Man kommt nicht umhin selber zu denken: “Ja, stimmt. Irgendwie machen wir das schon komisch. So von außen betrachtet”.

Obwohl der Wolf die Laute der Menschen nicht versteht, sind sie doch für den Leser ausformuliert, sodass man weiß, was passiert ist. Während der Wolf bspw. nur die direkte Explosion aus der Ferne sieht und die Folgen spürt, wird erst durch die Sprache der Menschen deutlich, was vor sich geht und was es im Speziellen bedeutet.

Verlag: vergriffen| Genre: Endzeit | Autor: Whitley Strieber | Amazonlink

“Fürst der Wölfe” – Garry Kilworth (1993)

Athaba, ein Wolf, wird von Menschen gefangen genommen und per Flugzeug fort von seiner Familie verfrachtet. Dieses stürzt mitten in der Wildnis ab, als einzige Überlebende bleiben Athaba und ein Mensch zurück. Auf Athabas Reise zurück nach Hause schließt sich ihm der Mensch an, um zu überleben.

Der Unterschied zum vorherigen Buch erschließt sich schon direkt, wenn man nur einmal sieht, dass sich die Tiere Namen geben und daher sprechen können. Auch hier geht es um den Wolf als Nachbarn des Menschen, wobei menschliche Gepflogenheiten teilweise aufs Korn genommen werden. Da Athaba intelligenter dargestellt wird als der rein instinktiv handelnde Schattenwolf im ersten Buch, kann man der Geschichte folgen ohne auf die menschlichen Worte angewiesen zu sein. Ebenso ist einem Athaba näher, da er Gefühle entwickelt und sich innerhalb der Art der Wölfe eine Art Religion/Mythos herauskristallisiert. Auch sie fragen sich, woher sie kommen, wer sie sind und wohin sie gehen, wenn sie sterben.

Hier steht nicht eine Katastrophe bzw. die allumfassende Situation im Vordergrund, sondern vielmehr die persönliche Geschichte eines Individuums, das sich nach der Heimat sehnt. Eine Geschichte, die auf jeden in abgeänderter Form übertragbar wäre. Der Wolf dient hier gleichzeitig als Spiegel, der dem Menschen vorgesetzt wird, als subtil mahnender Zeigefinger und erzählendes Element.

Fürst der Wölfe” ist nicht Kilworths einziger Roman, der aus Tiersicht geschrieben worden ist. Unter anderem zählen Füchse unter sich.“, “Tänzer im Frost.“(Kaninchen) und “Im Reich der Mäuse.” zu diesem Bereich. Alles Bücher, die ich ebenso bedingungslos empfehlen kann wie das hier umrissene Buch.

Verlag: Blanvalet | Genre: Abenteuer | Autor: Garry Kilworth | Amazonlink

“Wolfsaga” – Käthe Recheis (1994)

Gott, ich liebe dieses Buch!

Ein Rudel lebt friedlich in seinem Tal. Eines Tages hört man von einem “Rudel Zahllos” – ein Rudel, das, angeführt von Shogar Khan, alle anderen unterwirft um zusammen ein unfassbar riesiges, alles andere vernichtende Rudel zu kreieren. Gier nach Macht trifft auf das Vertrauen auf alte, soziale Werte.

Auch hier haben die Wölfe Namen und reden miteinander, wobei auch mit anderen Tierarten kommuniziert wird. Zentraler Mittelpunkt ist der Glaube an Waka, das Gesetz, das für ein respektvolles Miteinander steht (vergleichbar tatsächlich mit dem Gedanken aus dem König der Löwen), vom Rudel Zahllos allerdings verboten wurde.

Was auf mich zunächst durch den “Führer” Schogar Khan wie ein Vergleich mit dem Naziregime wirkte, kristallisiert sich als Parabel heraus, die sich auf das gesamte Miteinander und die Menschen bezieht. Diese werden nicht explizit genannt sondern treten als stilisierte Gestalten in den Alpträumen Shirikis, eines Wolfes des zuerst genannten Rudels, auf. Insgesamt kann man das Rudel Zahllos als Metapher verstehen; es steht für den Menschen. Deshalb ist der Mensch als eigener Charakter in diesem Roman auch überflüssig.

Recheis verknüpft die Natur, die tierische Sichtweise gekonnt mit der des Menschen, wobei sie die Wölfe emotional und gedanklich stark vermenschlicht, ohne es grotesk aussehen zu lassen.

Verlag: dtv | Genre: Abenteuer | Autorin: Käthe Recheis | Amazonlink

Ich persönlich mag jene Geschichten lieber, die den Tieren eigene Gedanken, Gefühle und eine eigene Sprache zugestehen. “Im Schatten des großen Wolfes” bildet hierbei eine Ausnahme, da der Wolf hier alleiniges Mittel zum Zweck ist. Neben Fantasyromanen, sind es vornehmlich “Tiergeschichten”, die meine literarische Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein, wie ich finde, unterschätztes Genre, das man nicht auf “Ach, is’ halt dumme Jugendliteratur” reduzieren sollte.

Andere Bücher zum Thema
In meiner bisherigen Lesekarriere wurde ich von allen Seiten aufgrund dieser Leidenschaft mit Wolfsbüchern überschüttet. Wölfe als Nebencharaktere, Wölfe in Steinzeitgeschichten, Wölfe als Geistergestalten, Wölfe als das böse Innerste im Menschen… Natürlich ist da viel Schrott dabei (gut, ich konkretisiere: fast ausschließlich). Sehr viel. Einiges sind Jugendbücher, die ich dennoch schätze und deshalb hier weiterempfehlen möchte. Leider sind die meisten derer vergriffen, daher lohnt es sich kaum, Links anzugeben.

Die Reise ins Herzland: Die Wölfe der Zeit” – William Horwood, 2003 (erwachsene Literatur, mit Menschen verknüpft, Wölfe als direkt Handelnde und Flüchtlinge aus der menschlichen Welt ins sogenannte “Herzland”)

Wolfsliebe“ von Rike Reiniger, 2013 (Wölfin verpartnert sich mit einem streunenden Hund, unglückliche “Liebesgeschichte”)

Julie von den Wölfen” – Jean Craighead George, 1972 (Jugendliteratur um ein Eskimomädchen, das von zu Hause ausreisst; Wölfe als Begleiter)

 

Headerbild: Robson Hatsukami Morgan

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