Wie zerknülltes Papier

Autor: Nadar | Illustrationen: Nadar | Verlagavant-verlagUmfang: 400 Seiten | Band: 1 von 1 | Bestellen 

 

Zwei Protagonisten stehen im Zentrum dieser Graphic Novel: Der sechzehnjährige Javi, der die Schule geschmissen hat und lieber kleinkriminelle Aufträge erledigt und der alternde Jorge, der ein Zimmer einer Pension bezieht und in einer Holzfabrik zu arbeiten beginnt. Der eine kämpft mit den unheilvollen Folgen eines missglückten Auftrags, der andere mit seiner nebulösen Vergangenheit.

Der spanische Künstler Pep Domingo alias Nadar zeichnet nicht nur ein eindringliches Bild dieser beiden Charaktere, sondern schafft es auch, deren Schicksale miteinander und mit denen kleinerer Figuren zu verweben. Es ist eine Geschichte über Schuld, Verdrängung und der verzweifelten Suche nach der eigenen Identität und dem kleinen Glück.

Die Konstellation der Figuren ergibt eine Spannung, die man zunächst nur am Rande wahrnimmt und sich immer weiter von Seite zu Seite verdichtet, diese Graphic Novel zu etwas macht, das ich kaum aus der Hand legen konnte – trotz des fehlenden Genrebezuges.

 

Die Bilder

Machen wir uns nichts vor. Es ist ein Comic. Die haben meistens mehr oder weniger schöne Bilder, doch darauf will ich gar nicht hinaus. Der Zeichenstil an sich ist eigen, aber sicher nicht phänomenal. Das, was die Bilder so eindringlich machen, ist die fast schon cineastisch anmutende Erzählweise. Totale und Detailansichten werden stets zum richtigen Zeitpunkt benutzt und vermögen es, die Stimmung und das Lesetempo des Lesers zu leiten, ganz ohne zwingend Worte zu benötigen. In wenigen Panels werden die Szenerien plastisch skizziert, wobei besonders Kleinigkeiten diese lebendig machen: Etwa der Fokus auf Spinnen in den Ecken oder der Blick auf ein Holzpferdchen.

Die Story

Anfangs wirkt alles noch zusammenhangslos und die Verknüpfungen zeigen sich erst nach und nach im Laufe der Zeit. Man merkt schnell, dass Jorge ein Geheimnis mit sich herum schleppt, dass er irgendetwas getan hat oder noch immer tut, das nicht im Sinne der Gesellschaft ist. Die ganze Geschichte arbeitet in drei verschiedenen Zeitebenen auf die Lösung hin und das auf eine sehr spannende Art und Weise. Die Frage nach dem Was steht die ganze Zeit über im Raum und lässt, gefüttert durch kleine Details, Raum für Spekulationen.

Zu den anderen Plotsträngen scheint es zunächst keine direkte Verbindung zu geben und doch gehen sie fließend ineinander über, sind durch keine Kapitel oder auch nur Seiten getrennt, auf manches Panel aus Jorges Sicht folgt ohne Umschweife eines aus der Perspektive Javis oder einer der beiden anderen Nebenrollen, in deren Leben man kleine Einblicke erhält und die die beiden Hauptpersonen dadurch näher beleuchten.

Der ganze Plot ist spannend und gut aufbereitet, wartet mit Überraschungen auf, die auf tieferer Ebene funktionieren als die üblichen Schock- oder Überraschungsmomente.

Die Figuren

Man lernt eine kleine Handvoll relevanter Personen kennen, die selten einem Klischee folgen. Dafür ist eine gewisse Diversität  in der Charaktergestaltung dezent und dadurch angenehm eingewoben. Mir gefällt die Charaktertiefe, die Figuren wirken lebensnah und sind größtenteils sympathisch – selbst Jorge, der sich sehr wortkarg und melancholisch gibt und dessen Schuld man am Ende vergeben kann – oder auch nicht.

Das Ende

Diese Schuldfrage beantwortet der Comic am Ende nicht. Ist Jorge ein schlechter Mensch? Die Bilder fordern dazu auf, sich die Antwort selber zu überlegen, sich zu fragen, wie man an seiner Stelle vielleicht reagieren würde. Das letzte Panel alleine lässt Platz für Interpretation, was ich sehr spannend finde.

 

Insgesamt ist das eine Graphic Novel, über die man sprechen kann. Man legt sie nach dem Lesen nicht schulterzuckend weg; sondern reflektiert, sie bietet interessanten Gesprächsstoff. 

Story:               
Artwork:          
Panel Layout:  
Innovation:       
Phoenixfaktor

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3 Kommentare bei “Wie zerknülltes Papier

    • Naja, der gemeine Teenie liest vielleicht eher Marvel und DC 😉 Aber an sich: Klar, warum nicht? Ist sicher nicht was für jeden, aber das ist es ja ohnehin nie. Probieren kann man es sicherlich.

      • Der gemeine Teenie liest eher gar nicht 😀 Nein, ok, das stimmt so auch nicht. Manchmal bin ich dasehr positiv überrascht. Ok ich merk mir das einfach mal. 🙂

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