„Was hat die Bundeswehr eigentlich auf der gamescom zu suchen?“ Im Interview.

[Dieser Beitrag ist zuerst im August 2016 auf meinem anderen Blog zeitzeugin.net erschienen.]

100 Messebesucher habe ich gefragt: Nennen Sie etwas, das auf die gamescom gehört. Die Antwort „Bundeswehr“ ist kein einziges Mal gefallen. Und das ist an sich auch gut so, denn Videospiele haben mit der Bundeswehr in etwa so viel gemein wie ein possierlicher, handelsüblicher Oktopus mit Cthulhu: Irgendwie sehen beide für Laien mit ihren Tentakeln ähnlich aus, doch ist das eine nur ein niedliches Tierchen mit Kulleraugen und das andere der gottverlassene, Große Alte, der für den Tod allen Lebens verantwortlich sein könnte! Und, naja… irgendwie ist er auch nur fiktiv.

Die Bundeswehr also. Steht dort einfach so in der Familienhalle herum und rekrutiert ahnungslose Gamer. Oder so. So habe ich mich mit Manuela Langer, ihres Zeichens Schatzmeisterin der Piratenpartei, unterhalten. Ihr zwar kleiner, dafür jedoch farblich piratesk schreiender Stand befindet sich geschützt außerhalb der gamescom-Tore und lockt mit süßem Popcorn. Zum Thema „Bundeswehr auf der gamescom“ bezieht sie klar Stellung:

„Wir finden, dass die Bundeswehr auf der gamescom nichts verloren hat. Es ist eine Spielemesse. Wäre das jetzt beispielsweise eine Berufsbildungsmesse, dürfte die Bundeswehr ganz selbstverständlich als Arbeitgeber auftreten. Aber warum kommt die Bundeswehr an und versucht, auf der gamescom zu rekrutieren? Welcher Gedanke steckt dahinter? Steckt da der Gedanke hinter, dass sich Gamer leichter zu Soldaten ausbilden lassen würden? Dass sie weniger Hemmungen haben, zu schießen? Wir glauben, dass die Bundeswehr da eine klare Verbindung sieht, die aber tatsächlich nicht da ist. Grundsätzlich sollte die Bundeswehr also nicht auf der gamescom vertreten sein. Von den Messebesuchern haben wir als Partei bezüglich unserer Meinung auch sehr viel positive Resonanz bekommen. Wir hatten hier auch eine Postkarte, auf der wir diesen Gedanken ausdrücken und viele haben diese Postkarten mitgenommen, weil sie auch diese Meinung vertreten, dass die Bundeswehr hier nicht vertreten sein sollte.“ (Manuela Langer, Schatzmeisterin der Piratenpartei im Landkreis Köln)

Nun, was ist die eine Seite ohne die andere? Sehr eindimensional. Daher bin ich kurzerhand zur Bundeswehr gestiefelt, die ich natürlich sofort an den formschönen Panzern erkenne. Die guten Damen und Herren zeigen sich charmant, aber seriös und halten statt blutbesudelter Controller Infobroschüren in den Händen.

Hier treffe ich auf Oberleutnant Nils Feldhoff, der sich tapfer meinen Fragen stellt – und damit Licht ins Dunkel bringt.

„Die Präsenz der Bundeswehr auf der gamescom ist umstritten – sie habe hier nichts zu suchen und würde aufgrund falscher Annahmen zu rekrutieren versuchen. Alles Spekulieren hilft natürlich nichts, also gebe ich das Wort an Sie weiter: Was genau suchen Sie denn nun hier auf der gamescom?“ 

„Wir sind im Zuge der Nachwuchsgewinnung in der Öffentlichkeitsarbeit hier am Bundeswehrstand beziehungsweise auf der gamescom vertreten. Schwerpunkt sind bei uns natürlich ganz klar die digitalen Kräfte. Das, was von Frau von der Leyen im Endeffekt neu ausgerufen wurde. Ebenso liegt der Schwerpunkt auf der Cyberabwehr und ich glaube, da braucht man nicht so viel Fantasie mitzubringen um zu erkennen, dass man hier auf der gamescom das geeignete Publikum dafür findet: IT-affine, junge Leute. Wir haben hier auch ein relativ junges Publikum und wir stellen uns so dar, dass man ein bisschen die Türen und Pforten öffnet, damit man einfach mal sehen kann, was unsere Informatiker, die wir tatsächlich dabei haben, auch jetzt schon in der Bundeswehr machen und leisten. Hier finden reine Informationsgespräche statt, die die Leute aufklären sollen.“

„Sehen Sie denn eine Verbindung zwischen der Bundeswehr und Videospielen?“

„Wir versuchen – und das machen wir hier auf der gamescom auch ganz strikt – eine klare Trennung zwischen Ego-Shootern und der Bundeswehr herzustellen. Wir befinden uns hier in der so deklarierten Familien- und Freizeithalle, in der es sehr unwahrscheinlich ist, dass auch Anbieter von Kriegsspielen vertreten sind. Aber da ist die Bundeswehr auch im Bereich der Aufklärung unterwegs und versucht, dem Besucher, der Interesse an der Bundeswehr hat, ganz klar sofort die Augen zu öffnen und zu sagen: „Hör mal, das sind zwei grundverschiedene Welten in denen du dich gerade bewegst. Ein Shooter hat mit dem Soldatenleben nichts gemein. Die Bundeswehr ist kein Spiel.“

„Wie sieht es mit dem Klientel aus? Wer kommt hier primär zu Ihnen?“

„Jegliche Personengruppen von der jungen Dame bis zum älteren Akademiker oder Professor sind hier vertreten. Ebenso Familien, die einfach nur einen Einblick bekommen möchten. Da bietet sich die gamescom natürlich an, denn draußen haben sie seltener die Gelegenheit dazu.“

„Kommen auch Interessenten zu Ihnen, die auf Sie den Eindruck machen, nur wegen kruden „Rumgeballerns“ mit dem Gedanken zu spielen, zur Bundeswehr zu gehen? Würden Sie das so überhaupt bemerken?“

„Das merkt man schon ziemlich gut, ja. Da darf man nicht in Schubladen denken und irgendwelche Bereiche direkt abkapseln beziehungsweise das merkt man schon ziemlich direkt. Viele sind aber auch einfach interessiert und wollen sich mal die Fahrzeuge angucken, die wir als Eyecatcher dabei haben. Die sind natürlich sehr imposant. Ansonsten nehmen wir eine ganz klare Trennung vor. Wenn sich solche Leute herauskristallisieren, nehmen wir sie sehr schnell zur Seite und erklären ihnen, dass das so keine Zukunft hat. Da sind wir sehr strikt.“

„Fallen Ihnen denn hier auf der gamescom verstärkt solche Typen auf?“

„Nein, das kommt hier erstaunlich selten vor. Klar sind die Leute in gewissen Bereichen „vorgebildet“, indem sie teilweise Waffen und Gerätschaften kennen und auch wissen, was diese oder jene Panzerung aushält. Das ist auch alles „nice to know“. Das beschäftigt uns allerdings relativ wenig, da vor jeder eigentlichen Einstellung immer eine sehr lange Arbeitsschleife und Prüfungen vorweg gehen. Angefangen von Informationsgesprächen über das Karriereberatungsgespräch, wo dann auch über die Risiken, Tod und Verwundung aufgeklärt werden muss. Da ist nichts Spontanes dabei, nur weil man sich auf der gamescom zum Stand der Bundeswehr verirrt. Hier kann man sich nicht einfach so einschreiben.“

„Das kommt überraschend, aber: Wir haben Sonntag und somit stehen wir am Ende der Messe. Sicher haben Sie in den letzten Tagen einiges hören müssen: Auch negative Resonanz bezüglich ihrer Präsenz auf der Messe?“ 

„Wir haben tatsächlich mitbekommen, dass draußen vor der gamescom unter anderem die Piratenpartei dort nachgemachte Flyer von uns verteilt hat. Die kamen hier allerdings zerrissen bei uns an mit dem O-Ton: „Draußen laufen ein paar Spinner herum, die was gegen die Bundeswehr haben.“ Das ist das, was im Endeffekt bei uns ankommt. Hier direkt vor Ort haben wir allerdings kein negatives Feedback erhalten.“

„Und positives Feedback?“

„Ja, das haben wir durchweg bekommen, sodass wir die gamescom auch in Zukunft als Plattform nutzen werden. So werden wir auch im kommenden Jahr definitiv wieder hier vertreten sein. Unser Fazit ist also absolut positiv. In jeglicher Hinsicht.“

„Danke für das Gespräch!“


Ob die Bundeswehr nun auf die gamescom gehört? Das ist eine Frage, die man stellen und sicher auch kontrovers diskutieren kann. Bei meinem Besuch zumindest wirkten die Männer und Frauen der Bundeswehr nicht nur nett und kompetent auf mich, sondern tatsächlich auch differenziert und klar.

Ein Besucher – männlich, 17, CoD-Spieler – drückt es so aus: „Natürlich weiß ich, dass Shooter und Bundeswehr nicht das gleiche sind. Und die Killerspieldebatte ist ja auch aktuell. Aber weshalb sollte ich davon abgehalten werden, mich genau deswegen auch genau hier darüber genauer zu informieren?“

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