Tipps für lebendigere NPCs

Die Spieler haben ihren Char, den sie verkörpern müssen, für den sie eine Hintergrundgeschichte erstellt haben und auf den sie sich in der Darstellung konzentrieren können. Der Spielleiter allerdings muss in der Regel in der Lage sein, mehrere Figuren an einem Abend darzustellen und das möglichst so, dass keiner stiefmütterlich behandelt wird und blass bleibt. Diesen Facettenreichtum, gepaart mit einer gewissen Multitasking-Funktion sehe ich als einzigen wirklichen Unterschied zwischen SC und NSC an.

Für mich sollte jeder NSC die gleiche Gewichtung, die gleiche Liebe zum Detail haben wie ein SC. Er sollte “voll” wirken, nicht wie ein x-beliebiger Statist. Dabei geht es mir nicht darum, dass jeder NPC eine seitenlange Hintergrundgeschichte vorweisen kann, sondern vielmehr um eine Darstellung, die ihn wirken lässt, als sei er eine ausgearbeitete Person. Unabhängig davon, ob es sich um einen unwichtigen Händler oder den storyrelevanten Auftraggeber handelt.

Wenn man die Zeit hat, sollte man natürlich insbesondere für die storyrelevanten NPCs einen Hintergrund erstellen, sich die Eckdaten und wichtige Informationen wie Herkunft, Beruf überlegen. Der Charakter, die Motivation zu erstellen – das ist alles ein ganz anderes Thema und im Grunde eine herkömmliche Charaktergenerierung mit Abstrichen. Ich persönlich brauche für jeden NPC etwa zwei bis fünf Minuten, in denen ich meine Fantasie schweifen lasse und mir überlege, was für einen Typen ich vor mir habe. Die Charaktergenerierung soll nun aber nicht Gegenstand dieses Postings werden.

Aus einer Skizze einen Charakter machen

Du hast nun die ganzen Eckdaten des NPCs herausgefunden oder einen vorgefertigten vor dir liegen. Du weißt in der Theorie, dass er ein lustiger oder ein eher mürrischer Geselle ist, wie viele Kinder er hat und dass er nachts nur schwer schlafen kann (weshalb er den Dieb gehört hat und den Helden nun als Zeuge dienlich ist). Erwartungsvoll sehen dich die Mitspieler an. Was tun?

Auf keinen Fall solltest du dich dazu verführen, so zu reden wie immer. Merke: Jeder NPC ist ein Individuum und am Ende sollen die Spieler nicht dreissig Hans-Günthers im Kopf behalten, sondern den sympathischen Schmied Alrik, der viel schneller redet als er denken kann oder die undurchsichtige Hexe Elfriede, deren verschlagenes Grinsen die Helden auf die falsche Fährte gelockt hat.  Die oberste Regel lautet: #1 Trau dich! Niemand erwartet, dass du ein Schauspieltraining absolvierst und es soll auch kein Zirkus geboten werden (#2 Übertreibe nicht!), doch mit Hilfe kleiner Nuancen kann man ein völlig neues Bild erschaffen, das den NPC runder macht. Am Ende bleibt nicht der noch so schön durchdachte Hintergrund im Kopf – sondern die Ausstrahlung und Präsentation und somit der Char als ganzes.

  • Mimik: Ein kleines Zucken ab und an im linken Augenlid kann ein Tick sein, aber auch Nervosität, etwa wenn der Char zu lügen beginnt. Manche NPCs starren den Gegenüber an – andere lassen den Blick unstet durch den Raum flattern. Mancher kratzt sich immer wieder am Ohr, der nächste runzelt inflationär oft die Stirn. Beobachte deine Mitmenschen oder zumindest Schauspieler in Film und Serien. Allein durch das Zusehen kann man viele Dinge erhaschen, die wertvoll für die Charakterdarstellung am Spieltisch sind und Varianz hineinbringen.
  • Stimme: Lautes Reden, schnelles oder langsames. Ein Zittern in der Stimme, ein kleines Lispeln. Auch ein Akzent oder Dialekt kann ratsam sein, wobei ich persönlich von deutschen Dialekten Abstand halten würde. Gerade die wirken im Spiel oftmals unfreiwillig komisch und unpassend. Wenn das Abenteuer nicht gerade in den entsprechenden Regionen Deutschlands spielt, natürlich.
    • Crossgendering: Meinem persönlichen Geschmack nach ist es ungünstig, wenn man die Stimme beim Crossgendern zu stark auf das jeweils andere Geschlecht hin verändert. Ein Mann, der bewusst hoch spricht oder eine Frau, die für ihren männlichen NPC die Stimme senkt, haben bei mir bislang im Rollenspiel noch nie authentisch gewirkt. Lieber mit Mimik und Gestik, sowie dem Inhalt arbeiten.
  • Gestik: Auch hier kann man wunderbar variieren und den Charakter der Figur herausheben. Hektisches Gestikulieren beim Reden, der häufige, mahnende Zeigefinger, vor der Brust verschränkte Arme…
  • Wortwahl: Nicht jeder besitzt den gleichen Wortschatz oder die gleiche Bildung, hat die gleichen Vorlieben. Fernab vom “Euchzen” und “Dutzen” gibt es wesentlich mehr Facetten bei der Wortwahl. Hat ein NPC ein bestimmtes Lieblingswort oder eine Lieblingsphrase? (“… nicht wahr?”).
  • Emotionen: Ich weiß, dass ich da leicht reden habe, da ich auf Kommando weinen und generell nicht schlecht schauspielern kann. Doch auf Knopfdruck weinen muss man nicht. Was man jedoch definitiv sollte: Die Emotionen des NPCs ernst nehmen! Habe keine Scheu, dich in die Situation und Gefühlslage des Chars einzufinden. Ihr spielt gemeinsam ein Rollenspiel, niemand wird dich dafür verurteilen, in deiner Rolle aufzugehen. Trauer, Hass, Angst – wunderbar kann man all das durch die oben genannten Punkte ausdrücken. Nicht nur, dass es das Abenteuer an sich intensiver gestaltet… auch dein NPC wird plötzlich greifbarer und realer.
  • → Übe! Teste es vor dem Spiegel und beobachte, wie dieses oder jenes deine Wirkung auf andere verändern kann. Niemand sieht dich, also kann es dir auch nicht peinlich sein.

Dabei sollte es nicht nur zum jeweiligen Charakter, sondern auch zur Situation passen. Auch ein selbstbewusst wirkender Charakter bekommt vielleicht ein Zittern in der Stimme, wenn er Angst bekommt. Insgesamt lohnt es sich, hier etwas aus sich herauszugehen und zu schauspielern – gerade wenn man als Spielleiter mehere Charaktere an einem Tag verkörpern muss!

#3: Bleibe in der Rolle! Egal, ob die Mitspieler kichern, egal, ob ein Offtime-Kommentar fällt: Du bleibst während der Szene in der Rolle. Das schafft eine gewisse Konstanz und einen Anker in Sachen Rollenspiel. Verlierst du den Faden, ist es für die Spieler besonders schwer, ihn mit dir gemeinsam wieder aufzunehmen. Auch wenn du einmal mit einer bestimmten Mimik angefangen hast, ziehe sie innerhalb dieses NPCs durch. #4: Mache dir Notizen, um dir später wieder vergegenwärtigen zu können, welche Besonderheiten dieser eine NPC doch gleich hatte.

Der Spontan-NPC

Man kennt das: Die Spieler verlassen den Pfad des eigentlich geplanten Abenteuers und klopfen grundlos im Nachbardorf an die Tür. Das ist auch gut und richtig so, denn eine Rollenspielwelt ist eine offene Welt. Verwehre den Spielern keine Interaktion mit einem neuen NPC, nur weil du keine Lust hast, schon wieder und dann noch so furchtbar spontan einen neuen Charakter zu erfinden. Niemand erwartet von dir und deinem improvisierten NPC eine Hintergrundgeschichte, die man auf der Stelle verfilmen könnte.

#5 Hangel dich an Assoziationen entlang. Dir fällt bei der gerade von den SCs angesprochenen Dame als erstes ein, dass sie zu Hause Katzen besitzen könnte? Dann könnte sie dem SC vor ihr ein Katzenhaar von der Schulter klauben und sagen: “Ach Verzeihung, Die Katzenhaare fliegen auch überall herum! Nun sogar vor meiner Haustüre! Na sowas!”. Das ist ein unwichtig erscheinendes Detail, aber es hilft, zu assoziieren. Vielleicht denkst du dann nämlich an die verrückte Katzenlady der Simpsons und hast direkt ein Bild vor Augen, das du schnell abwandeln kannst. Vielleicht denkst du dann weiter an Marge Simpson und verleihst der Passantin eine kratzige Stimme. So kann man schnell weiterassoziieren und binnen Sekunden einen NPC beginnen zu formen, der im weiteren Verlauf des Gesprächs mehr Facetten erhalten wird.

Um nochmal auf #2 zurückzukehren: Übertreiben sollte man es nicht, damit die NPCs nicht zu Karikaturen verkommen. Es sind Nuancen, die den Unterschied machen, wobei die bei dem einen mehr, und bei dem anderen Char weniger ausgeprägt sein können. Sei frei, teste aus und hole dir am Ende Feedback von deinen Mitspielern. Am Ende ist es nämlich auch in Sachen NPCs so wie bei jedem anderen Thema auch: Jede Gruppe hat einen anderen Geschmack.

Meine Erfahrung als Spielleiterin

Mein persönlicher Lieblings-NPC, der auch bei meinen Spielern gut angekommen ist, ist die alte Dame. Ihre Markenzeichen:

  • Eine etwas wacklige, höhere Stimme
  • Langsames Reden
  • Sie wippte in ihrem Schaukelstuhl immer vor und zurück, bei Aufregung auch gerne mal schneller
  • Beim Reden ist sie auch mal eingeschlafen und die Spieler mussten sie wieder aufwecken, um weiter reden zu können
  • Beim Erzählen verwickelte sie sich häufiger in ihrer eigenen Vergangenheit
  • Zitate: “… jaja….” “Ach, damals…”

Es hat unglaublich Spaß gemacht, sie zu spielen. Wo wir auch gleich bei dem letzten Punkt wären: #6 Nutze ruhig Klischees. Natürlich sollte man auch die nicht überstrapazieren, doch mit der Benutzung von Klischees erreicht man gerade bei schnell auftauchenden und genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwindenden NPCs, dass trotz des kurzen Auftritts ein eindrückliches Bild hängen bleibt. Unter diesen Klischeefiguren kann sich jeder sofort etwas vorstellen, sie sind bekannt, sodass man als Spielleiter auch nicht lange beschreiben muss. Auch ist es leichter, ein bereits bestehendes Klischee als NPC-Vorbild zu nehmen, als etwas komplett Neues zu erschaffen.

Aber: Auch hierbei ist Varianz wichtig. Brecht auch mal aus Mustern aus und verleiht den Chars atypische Merkmale und/oder Verhaltensweisen. Die Erwartungen der Spieler zu brechen kann wichtig sein, um sie nicht zu sehr zu langweilen und sich darauf zu verlassen, dass bspw. alle Blondinen dumme Naivchen sind.

Fazit

Die wichtigste Erfahrung, die ich beim Spielen eines Charakters gemacht habe, ist tatsächlich die, dass man sich etwas trauen sollte. Auch wenn ich andere Spieler beobachte, hakt es dort nicht etwa am Talent oder am Rollenspiel an sich, sondern schlicht an der eigenen, inneren Blockade. Ihr seid eine Spielgruppe und ihr habt das gleiche Ziel: In eine fremde Welt einzutauchen, einen spannenden/lustigen Abend zu erleben und schlichtweg auf eure Weise Spaß zu haben.

Nur, wer sich traut, auf das Tor zu schießen, kann auch ein Tor erzielen.

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