Wenn aus Ernst Spiel wird

Seit ich denken kann, spiele ich. Brettspiele mit der Familie, eine Art kindisches LARP über die 5 Freunde im Park („Und du bist Dick!“ – „*empört* Ich bin nicht dick!“), Schatzsuchen und natürlich die obligatorischen Actionfiguren-Fights a’la „Turtles vs. My little Pony“. Eine besondere Bedeutung bekam das Spielen für mich jedoch erst später.

Damals

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, starb mein Vater. Während mir der Abend seines Todes noch zu gut im Gedächtnis geblieben ist, sind die Monate danach wie ausradiert. Schule, Freunde, das alles  brach wohl nicht mehr zu mir durch, war unwichtig geworden. Doch an die Spiele erinnere ich mich gut. Mein Halbbruder – er musste damals um die 30 gewesen sein – besuchte unsere schmerzlich kleiner gewordene Familie seitdem etwas häufiger und ergänzte Spiele unserer Sammlung mit mitgebrachten Exemplaren. Hotel, Atlantis, Poch; kaum etwas, das nicht von uns in Angriff genommen wurde. In diesen Stunden vergaßen wir Kinder die Dunkelheit und konnten lachen. Es gibt aus dieser Zeit ein Foto von meinem „kleinen“ Bruder und mir, wie wir ausgelassen in die Kamera grinsen, während unser großer Bruder uns Hasenohren macht. Wir spielten über die Trauer hinweg.

Wir hätten ohne Spiele herumalbern können. Theoretisch. Doch Spiele fokussieren die Gedanken auf den Moment. Man zieht Figuren, beobachtet die Handlungen der Mitspieler, tüftelt und taktiert – man ist sowohl psychisch, als auch physisch im Spiel, für graue Gedanken blieb uns daneben damals kein Raum. Es ebnete den Weg für die geselligen Gespräche. Und wir hatten Spaß.

Spiele enden. Die Spielfiguren werden zurück in die Verpackung geräumt, letzte Anekdoten aus der Partie nacherzählt und sich gegenseitig gefoppt. Zurück bleibt ein leerer Tisch. Doch der Spaß, den wir hatten, der blieb vielleicht nicht in Gänze, hinterließ jedoch einen Eindruck, der sich von Spielabend zu Spielabend verfestigte, greifbarer wurde. Speziell eines dieser Spiele ist für mich – auch da wir es damals unglaublich oft hervor gekramt hatten – ein Sinnbild dieser Zeit: Atlantis. Die Insel mag untergehen, Plättchen für Plättchen wird unerbitterlich entfernt, doch ist es kein Trauerspiel, es geht für die Überlebenden danach woanders, auf einem idyllischen Südseetraum, weiter. Atlantis steht jetzt, zwanzig Jahre später, in meinem Regal, angerührt habe ich es nur noch sehr selten. Es wurde längst durch neue, innovativere und kompliziertere Spiele verdrängt.

Für mich kann „Spielen“ mehr als nur geselliger Zeitvertreib sein. Auch dadurch hatte ich damals gelernt, dass das Leben weiter geht, dass man trotz Trauer und dem Verlust eines Menschen noch Spaß haben darf. Natürlich waren die Spieleabende nicht alleine dafür zuständig. Doch sie sind mir in Bezug darauf besonders im Gedächtnis geblieben.

 Jetzt

In sehr viel kleinerem Maße passiert genau dieses Phänomen natürlich noch heute. Beim Spielen mit Freunden lässt man den Alltag hinter sich. Fröhliches Verräterraten („Du bist ein Cylon, ich weiß es ganz genau!“ – „Pf, du bist doch selber ein Zyklop, ey!“) und das Kämpfen gegen allerlei fiese Völker („Fliegende Wassermänner ftw.!„) macht auch – ich weiß, da überrasche ich euch nun alle – einfach mehr Spaß.

Und das Beste ist: Diese Art der Realitätsflucht ist noch nicht mal verpönt wie es pöse Videospiele und Fantasyrollenspiele in bestimmten Glaubenskreisen sind. Und jetzt entschuldigt mich. Ich muss Cylonen killen. Bang!

(c) Photo: Pierre-Jean Parra

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