Die armen Kinder und die „Killerspiele“

Gerade wenn man denkt, man habe die Killerspieldebatte hinter sich gelassen, weht ein muffiger Hauch alternden Unverständnisses daher und lässt schon die armen Blumen auf meiner Fensterbank verwelken. Doch der Reihe nach. Die reißerische Überschrift „Werden Kinder bald in der Schule Killerspiele spielen?“ stammt von Michael Felten, seines Zeichens Gymnasiallehrer und 61 Jahre alt. Beides, sowohl Beruf als auch Alter, sollten eigentlich auf eine fundierte Argumentation hindeuten. Leider verfängt Felten sich in oberflächliche Anschuldigungen, vergisst, ausreichend zu recherchieren und erstickt eine Diskussion mit der Thematik im Keim.

Gegenstand des Artikels ist der besorgte Brief eines Elternteils, der sich auf das in einer norwegischen Schule bald hinzugefügtes Wahlsportfach „eSports“ bezieht und die Frage stellt, ob die armen Kinder bald „ganz offiziell an Killerspiele“ geraten. Es folgt eine Videospiel-Diffamierung seitens Felten, untermauert von „Expertenmeinungen“. Dabei vergisst er viele Dinge. Etwa, dass es nicht um „Kinder“, sondern Jugendliche geht. Dass es auch etliche Studien gibt, die ein deutlich positiveres Bild auf Videospiele im Gesamten werfen. Dass in Schulen keine Spiele gespielt werden, die erst ab 18 freigegeben sind – und damit auch die wirklich blutigen und gewaltverherrlichenden Spiele außen vor sind.

Zur Auswahl für das im August in der „Garnes Vidaregåande Skule“ startende Schulfach stehen derzeit die Spiele „Dota 2“, „League of Legends“ und „Counter-Strike: Global Offensive“. Spiele also, die auf Taktik basieren und das Spielen als Team in den Fokus stellen. Den Schülern soll genau dieses vermittelt werden, um später eventuell auch eine Karriere in diesem Bereich anstreben zu können.

„Junge Menschen sollten eigentlich nicht Stunde um Stunde mit innerer Anspannung und gekrümmtem Rücken in destruktiven Aktivitäten versinken – sondern sich bilden, sich bewegen, sich befreunden.“ – Felten

Das, was Felten hier kritisiert, trifft im Übrigen auf die meisten anderen Schulfächer auch zu. Etliche Schüler und Schülerinnen sitzen gramgebeugt und bucklig über verhassten Mathe- oder Englischbüchern, angespannt im Schatten lernend, während sich ihre Freunde draußen bewegen. Mehr noch: Die norwegische Schule will eben nicht das bemängelte Verhalten fördern:

„In addition to the obligatory physical education subject, the student will have 90 minutes of training orientated towards their specific sport, for example training of reflexes, general body strength and endurance.“ – dotablast.com

Auf dem eSports-Lehrplan stehen demnach neben körperlichem Training auch beispielsweise eine Ernährungsberatung.

Hier möchte ein Lehrer nicht über den eigenen Tellerrand gucken, nicht mehr über die Spiele des Anstoßes erfahren und auch nicht genauer recherchieren, was die Schule nun genau vorhat. Im Gegenteil scheint es ihm nur daran zu liegen, seine Aversion gegen Videospiele möglichst reißerisch und medienwirksam mitzuteilen. Das ist schade, denn so hat er es versäumt, einen guten Artikel zu verfassen.

ESports in der Schule zu unterrichten halte ich persönlich für eine gute Sache. Gerade in einem professionellen und bildenden Umfeld können die Schüler so besser an die Hand genommen werden als im eigenen Heim, wo den Eltern oft die Kontrolle fehlt. Genau auch dadurch, dass Videospiele auch in der Bildung ankommen, besprochen und gelehrt werden, lässt sich etwaiges destruktives Verhalten verhindern und ein guter Umgang fördern. Und nein: Videospiele sind keine Killerspiele.

Bitte einmal nachsitzen, Herr Felten. Sie haben im Unterricht nicht genügend aufgepasst.

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4 Kommentare bei “Die armen Kinder und die „Killerspiele“

  1. Eigentlich habe ich nichts anderes erwartet, als ich die ersten Zeilen gelesen habe. Es fehlte nur noch das zitieren von Herrn Pfeiffer und es wäre ein Artikel der auch vor 10Jahren hätte geschrieben werden. Ich finde es schade, das wir in der Diskussion so wenig weiter sind. Ob man nun eSports als eigenes Fach wirklich brauch halte ich für fraglich, aber es gibt sicher einige wichtige Informationen in dem Bereich den man Beleuchten und Diskutieren sollte. Ein gesamtes Fach zum Thema Moderne Medien denke wäre auch guter Platz für eSports neben Medienkompetnez und Netiquette.

    • Da gebe ich dir recht. In anderen Ländern, wie Australien und England, gibt es so ein ähnliches Fach schon, dass sich dort „Media Studies“ nennt. In Deutschland gibt es nur das Fach Deutsch, wo Bücher und Zeitungen behandelt werden. Wieder ein Punkt in dem das Land der Dichter und Denker hinterher hinkt, dank Herren wie Pfeiffer und Felten.

  2. Ich glaube, dass die Mehrheit in der Bevölkerung noch genauso denkt. Vor allem in den älteren Jahrgängen. Verteufeln hat Konjunktur und ist bequem. Man muss nichts lernen und sich nicht selbst hinterfragen.

    Der Autor sollte sich ein Beispiel an dir nehmen und mal ein bisschen nachrecherchieren, anstatt einen Artikel auf Stammtisch-Niveau zu schreiben. Danke für die interessanten Hintergrundinfos über die norwegisch Schule.

    Andere blicken schon längst auf die positiven Seiten von (Video-)Spielen. unter Verwendung von Gamedesign-Prinzipien wird in Amerika (Quest to learn) ein motivierendes Schulsystem entworfen. Hierzulande hängen wir einen Schulsystem hinterher, dass von Bismarck vor über 100 Jahren ins Leben gerufen hat, aber sich in der Zwischenzeit – die wissenschaftlichen Erkenntnisse der 100 Jahre ignorierend – nicht wesentlich verändert hat. Nur der Initiative vereinzelter Lehrer und Lehrerinnen ist es zu verdanken, dass nicht überall Staub liegt. Kinder haben von Natur aus die Motivation zu lernen, aber unserem Schulsystem gelingt es, sie abzuwürgen. Das bemängelt auch Sir Ken Robinson, ein Bildungsberater, in dem Video „How to escape education’s death valley“ ( https://www.youtube.com/watch?v=wX78iKhInsc ).

    Übrigens, auf dem Youtube-Kanal TED auf dem sein Vortrag verfügbar ist, werden viele interessante Vorträge zu zukunftsweisenden Themen kostenlos gezeigt. TED selber war urspünglich eine jährliche Konferenz zu verschiedensten Themen, gemäß ihren Mottos „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“ (s. https://de.wikipedia.org/wiki/TED_(Konferenz) ).

    Ein weiterer interessanter Vortrag ist „Stuart Brown: Play is more than fun“ ( https://www.youtube.com/watch?v=HHwXlcHcTH ). Hier wird aufgeführt, dass Spielen auch für Erwachsene wichtig ist. Früher war es als Erwachsener nicht verpönnt zu spielen. Auch erwachsene Tiere spielen gerne.

    Ich denke, dass wir aus Spielen vor allem lernen können Systeme zu verstehen. Bei jedem Spiel muss man sich in eine neue Welt, neue Spielmechanik und neue Regeln reindenken, um sich seine Weg zu bahnen. Durch unseren technologischen Forstschritt entstehen immer komplexere Systeme. Sei es Internet, sei es Wirtschaft (Bankenkrise) oder Weltpolitik (Flüchtlinge, Syrienkonflikt). Das ganze versteht die Generation Michael Felten nicht mehr. Umso wichtiger wäre eine Generation, die durch stundenlanges Zocken von Civilization oder Cities: Sky Lines gelernt hat, mit komplexen Systemen umzugehen und zu beherschen. Dies spricht auch Eric Zimmermann in seinem Manifest für ein „Ludic Century“ ( http://kotaku.com/manifesto-the-21st-century-will-be-defined-by-games-1275355204 ) unter der Überschrift „We live in a world of systems“ an.

    „The ways that we work and communicate, research and learn, socialize and romance, conduct our finances and communicate with our governments, are all intimately intertwined with complex systems of information – in a way that could not have existed a few decades ago.

    For such a systemic society, games make a natural fit. While every poem or every song is certainly a system, games are dynamic systems in a much more literal sense. From Poker to Pac-Man to Warcraft, games are machines of inputs and outputs that are inhabited, manipulated, and explored.“

    Seine Zukunftsprognose, dass das 21. Jahrhundert ein „Ludic Century“ sein wird, gibt mir Hoffnung, dass Leute wie Michael Felten, bald der Vergangenheit angehören werden.

  3. Mittlerweile wird schon einiges im Bereich Medienkompetenz getan, aber noch oft sind die Inhalte so oberflächlich wie die Meinung dieses Lehrers vorsintflutlich. Dabei gibt es so geniale Spiele und Apps, die man im Unterricht anwenden könnte. *seufz* ich habe mich beim Lesen regelrecht geschämt, vor allem, da so ein stümperhaft formulierter Kommentar ausgerechnet von jemandem kommt, der Zugang zu der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen erlangen wollen sollte.

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