[Kritik] Sieben Heere: Revolution

Autoren: Tobias O. Meissner | Verlag: Piper | Format: 416 Seiten, SC | Leseprobe | Bestellen 

Seit Tagen schleiche ich um diese leere Seite herum, die sich hoffentlich in den nächsten Minuten füllen wird. Die Seite, die für die Rezension eines Romans bestimmt ist, den ich am liebsten weggelegt hätte. Nach der zehnten, nach der hundertsten und erst recht nach der dreihundertsten Seite. Aber es ging nicht. Es ist leider ein Rezensionsexemplar. So kämpfte ich mich durch und kam, um es vorweg zu nehmen, auf folgendes Urteil: Es ist eines der meiner Meinung nach schlechtesten Bücher, die ich im Erwachsenenalter bisher gelesen habe. Und nein, ich bin nicht erst seit gestern erwachsen.

Fast möchte ich mich beim – von Kritikern hochgelobten – Autor und Verlag für meine hier dargestellte Meinung entschuldigen, aber hey: Vielleicht machen meine Beschreibungen ja doch den ein oder anderen neugierig. Geschmäcker und Urteile sind schließlich verschieden.

 

Sieben Heere also. Obwohl zweiter Teil einer Reihe funktioniert er auch ohne jegliche Vorkenntnisse, da das vorherige Geschehen nochmal aufgegriffen wird. Wir befinden uns im beschaulichen Dorf Hagetmau im Herzen des Landes Akitanien. Ein Land, das vor kurzem von der nafarroanischen Armee überrollt wurde und in dessen Dörfern nun je 30 Besatzer hocken. Bis auf Hagetmau, das in gallischer Manier den feindlichen Soldaren trotzte und – huch, plötzlich ganze 140 Invasoren auf dem Gewissen hat und diese pfeifend im Sumpf versenkte. Nun stehen die einfachen Dorfleute um das Schlachtfeld der letzten Nacht – ihr eigener Dorfplatz – und kann ihr Glück, ihre vollendete List nicht fassen.

Ein kleines Dorf gegen 140 Soldaren samt Gryphen. Und man hat gesiegt! Und es ist nur einer der eigenen Leute dabei ums Leben gekommen! Kaum ist der erste Schock überwunden hat man jedoch Blut geleckt. Wenn die Hagetmauer ihr eigenes Dorf befreien können – warum dann nicht auch die übrigen des Landes? Und so formiert sich um die Bauern, Wirtsleute und Jäger eine Revolution. Eine Revolution, die bald nur noch am Rande des moralischen Pfades taumelt und fast vergessen lässt, wer nun die eigentlichen Übeltäter sind.

 

Die pure Inhaltsangabe hat mich selber Blut lecken lassen. Die Prämisse ist unheimlich vielversprechend und ließ mich als Freundin kriegerischer und blutiger Fantasy innerliche Freudensprünge machen. Wie man aber jedoch bei der Einleitung erwarten kann, war ich bereits nach wenigen Seiten ernüchtert. Weder Umfeld, noch Figuren scheinen plastisch, wirken blass wie verwässerte Wasserfarbe. Der Schreibstil ist klar, schmucklos, nüchtern. So nüchtern, dass bei mir keinerlei Atmosphäre ankommt. Handlungen und Gefühle werden beschrieben, nicht gezeigt.

Nun kann man den alten Merksatz „Show, don’t tell!“ für übertrieben halten. Sieben Heere jedoch ist für mich ein gutes, da fast übertrieben wirkendes Beispiel für den Grund dieses Satzes. Wenn man schlicht gesagt bekommt, dass jemand Angst hat – wie soll man es fühlen? Es fehlt mir einfach im Gesamten zu viel, die Sätze sind für mich nicht mehr als nacktes Gerüst. Man kann es mit dem „show“ auch übertreiben. Aber hier hätte schon ein Mindestmaß Wunder bewirken können. Der Sprachstil und die mangelnde Atmosphäre sind letztlich auch mein Hauptkritikpunkt an dieses Werk, das immerhin ein solch wichtiges, da stets aktuelles Thema anspricht.

Ein Steinchen kann eine Lawine auslösen und damit den Unterschied machen. Einfache Dorfleute können aus der Not heraus die Gewalt wählen – und sich darin verlieren, zu Mördern werden. Die Gemeinschaft macht nicht nur stark, sie lässt einen auch hinter den Rücken und Entscheidungen Anderer Schutz nehmen. Die Masse verschleiert den Blick auf das Individuum. Bekannte werden zu Personen und am Ende zur gesichtlosen Masse. Es ist leichter, einen gesichtslosen Soldaren zu töten als einen Bekannten. Die Entmenschlichung beginnt.

Krieg ist dreckig, tragisch, verstörend. Horror. Blut, Tod, Gewalt, Vergewaltigung. All das wird im Roman gesagt. In lapidar eingestreuten Sätzen. Aber ich spüre es nicht. Nicht im geringsten. Auch die im vorherigen Absatz angesprochene Thematik bleibt hinter technischen Beschreibungen der Abläufe zurück. Ich hatte einen Roman erwartet und bekam einen Bericht. Da hilft es auch nicht, dass allzu häufig nicht nur zwischen Erzählperspektiven, sondern auch den Figuren gewechselt wird. Auktorial, personal, ganz egal?

 

Figuren gibt es derer unglaublich viele. Nicht nur Hagetmauer, sondern bald auch Dörfler umgebender Ortschaften. Das ist nicht per se schlecht, ganz im Gegenteil. Es verspricht eine große Vielfalt und Dynamik. Dynamik ist auch durchaus vorhanden. In den Gesprächen zwischen den Figuren wird der Zwiespalt deutlich, in dem sich die Akitanier befinden. Man ist sich nicht immer einig, diskutiert gerne auch mal ganze Nächte, Mutter und Sohn streiten sich nicht nur um Alltägliches, sondern schlangenzüngig gleich um ganze Titel. Die Unterredungen bilden die Glanzstücke des Romans, sind unterhaltsam und interessant zu lesen.

Es sind gleichzeitig auch die wenigen Momente, in denen die Figuren Charakter verliehen bekommen. Zumindest die wichtigsten Handvoll kann man so bald zuordnen, während der Rest blass in der Masse verschwindet wie die Soldaren im Meer des Heeres. Trotz Charakterdetails innerhalb der Dialoge: Auch die Hauptfiguren bleiben austauschbar. Es fehlt der erzählerische Kniff, der sie zum Leben erweckt hätte. Eigenarten, die über das Lispeln einer Figur hinausgehen. Gesten, Blicke, vielleicht auch nur eine schiefe Nase. Hier jedoch beschränkt sich die Charakterzeichnung fast nur auf das gesprochene Wort.

Vielleicht auch deswegen fiel es mir schwer, für irgendjemanden Sympathien zu entwickeln. Um genau zu sein war es mir egal, wer von denen nun stirbt, wenn es denn überhaupt jemand tut. Am ehesten noch sympathisierte ich mit den Nafarroanern, den Invasoren. Und das, obwohl man von den wenigsten von ihnen einen Namen erfährt.

 

Die Art, wie Meissner Magie in seine Welt eingeflochten hat, gefällt mir. Es gibt Wesen, von deren Existenz die Hagetmauer nur ahnen, die hier jedoch in Form von Gryphen auch real auftauchen. Auch die Semanen, die magisch begabten Menschen Akitaniens, sind nur so selten, das nicht jedes Dorf einen solchen als Bewohner nennen kann und selbst dann nur einen einzigen. Deren Magie ist nebulös, man kann nur ahnen, zu was genau sie fähig sind. Das macht die Welt spannend und greifbarer, obwohl oder gerade weil man so wenig darüber erfährt.

Wie so oft bei der Fantasy handelt es sich auch hier um ein Setting, das dem europäischen Mittelalter angelehnt ist. Viel mehr erfährt man allerdings nicht. Dass es sich um eine andere Welt handelt erkennt man nicht nur an der spärlich eingestreuten Mystik, sondern auch an mancher Begrifflichkeit. Soldaten werden Soldare genannt, Bürgermeister oder Dorfvorsteher Byrgher, Greife Gryphe, Capitare sind an Kapitäne angelehnt, Generar an General und Semant möglicherweise an Schamane. Das muss man mögen. Oder auch nicht. Natürlich weiß man sofort, um was es sich handelt, gleichzeitig stört es aber auch den Lesefluss. Vielleicht hätten es komplett neu erfundene Begriffe auch getan – oder auch die irdischen, normalen.

 

Müsste ich nun keine Rezension schreiben, hätte ich den Roman weggelegt. Die Figuren empfinde ich als ähnlich flach wie den Plot und die Atmosphäre dünner als eine der Seiten. Es liest sich wie ein seelenloser Bericht, in dem die verschiedenen Punkte bzw. zu befreienden Dörfer nach und nach abgehakt werden. Die positiven Punkte sind zu spärlich, als dass sie das Ruder für mich herumreissen könnten. Meinem persönlichen Geschmack entsprach dieses Buch schlichtweg gar nicht.

 

Story:               
Schreibstil:      
Atmosphäre:   
Figuren:            
Phoenixfaktor

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Autoren: Tobias O. Meissner | Verlag: Piper | Format: 416 Seiten, SC | Leseprobe | Bestellen 

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