Gain – Taugt das neue Spielemagazin?

Behaglich seufzend lege ich meine nackten Füße auf das Balkongeländer und lasse mir die Sonne auf den nicht vorhandenen Pelz scheinen. Neben mir: Eine wie stets dämlich drein schauende (und daher hervorragend zu mir passende), dafür jedoch schnurrende Katze, ein eisgekühltes Getränk und ein Heft, das sich hochwertig in die Hände schmiegt.

Gemeint ist die Gain – das ist ein Anfang dieses Jahres gegründete Printmagazin. Geboren aus dem bereits seit 2014 bestehenden, gleichnamigen Onlinemagazin versucht es nun, sich in der Welt schwarzen Drucks und Papiers zu behaupten. Eine harte Welt, deren Betreten sicherlich Schneid bedarf!

 

Die Gain macht sowohl optisch als auch haptisch einen sehr guten ersten Eindruck. Das Cover ist ansprechend, weder überladen noch zu eintönig, die einzelnen Seiten sind nicht zu dünn. Nicht, dass es allzu sehr auf die Dicke ankommen würde. Blättert man einmal durch, erkennt man sofort, dass etwas fehlt. Werbung. Dafür sind die die Texte begleitenden Bilder teilweise groß – für meine Begriffe deutlich zu groß – gehalten und erdrücken den Inhalt, unterbrechen manchmal den Text, sodass man, um weiterzulesen, einmal mehr blättern muss. Das ist okay, stört meine zarte Seele auch nur peripher, ist aber nichtsdestotrotz zu erwähnen.

Indes posiert das bildunabhängige Layout deutlich ansprechender. Es zeigt klare Banner, einheitliche Schriften und man greift nicht zu tief in den Farbtopf sondern bedient sich nur weniger Farben.

 

Das, was ich am wenigsten gerne lese, sind Rezensionen. Zumal dann nicht, wenn ich den Verfasser nicht kenne beziehungsweise dessen Geschmack nicht abschätzen kann. Das funktioniert bei Blogs besser, da man mehr vom Verfasser erfährt. Daher bin ich mit Gains Gewichtung der Themen nicht ganz glücklich: Einen Großteil machen Kritiken zu meist mehr und seltener weniger bekannten Spiele aus. Das mag für andere toller Lesestoff sein, für mich ist das zu viel. Dass fast alle der getesteten Spiele als „sehr gut“ betitelt werden ist höchstwahrscheinlich Zufall. Immerhin: Die Bewertungen sind stets gut begründet. Was mich allerdings ein wenig stört ist der Eindruck, dass die Spiele nicht durchgetestet wurden, sondern lediglich angespielt. Ich würde mir wünschen, dass mehr auf Herz und Nieren geprüft werden würde. Vielleicht ist dieser Eindruck auch nur den teils vorsichtigen Formulierungen der Autoren geschuldet. Da dürfen sie gerne weniger schüchtern daherkommen.

„Richtige“ Artikel finden sich in der Gain derer vier. Über die „Indie-Apokalypse“ etwa wird fabuliert, ein Artikel, der angenehm zu lesen ist und über dessen Inhalt man definitiv diskutieren kann, also zum Austausch anregt. Auch der Artikel rund um Erfolgssysteme in Videospielen ist unterhaltsam. Augenrollen allerdings hat mir das „Special“ zum Weltfrauentag verursacht. Das „Special“ besteht aus einer Textseite und stellt fünf für den Autoren besonders nennenswerte weibliche Figuren aus Videospielen vor. Das ist nett – aber da erwarte ich weit mehr Tiefgang als bei jeder Figur das Aussehen zu bewerten, was den eigentlichen Grund für die Nennung glatt in den Hintergrund rückt. Das ist sehr schade, hätte man aus dem Thema doch so viel mehr machen können.

Überraschenderweise sind die Interviews die für mich besten Parts des Magazins. Geführt mit Horizons Lead Concept Artists Roland Ijzermans und ehemaligem GameStar- und 4Players-Redakteur Paul Kautz werden schöne Fragen gestellt und natürlich auch sehr interessant beantwortet. Man erhält gute Einblicke und wird nebenbei auch noch gut unterhalten.

 

Man merkt, dass es ein junges Magazin ist. Umso schwieriger ist es für mich, Kritik zu üben, ist es doch normal, dass man im Laufe der Zeit wächst und besser wird und nicht sofort wie von Gott selbst gemeisselt aus der Erde empor steigt. Es ist ein aufstrebendes Magazin, dem man sein Engagement und den Spaß deutlich anmerkt.

Dennoch hat es einige Schwächen. Noch wirken die Artikel recht flach, könnten besser recherchiert sein und tiefer graben, informativer sein. Ausführliche, fundierte Artikel sind das, worauf ich bei einem Printmagazin besonders achte. Kurze, lapidare Artikel und Rezensionen finde ich auch im Netz. Ja, ausführliche Texte auch, doch seltener.

Das Heft an sich ist sehr schön gestaltet und besonders positiv hervorheben möchte ich die Interviews. Ich bin mir sicher, dass die Gain im Laufe der kommenden Ausgaben an Qualität und Erfahrung zunehmen wird und werde ihre Entwicklung definitiv weiter beobachten!

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