Eine Serie wie bluttriefender Whiskey: American Gods

[Disclaimer: Ich berufe mich nachfolgend auf die einzig bislang erschienen Episode; den Piloten. Der Einfachheit halber nachfolgend verallgemeinert. Sollte sich im Laufe der wöchentlich aktualisierten Serie etwas an meiner Meinung ändern, werde ich es entsprechend kennzeichnen und letzten Endes auch ein Fazit geben.]

Wenn ich an Whiskey denke, denke ich automatisch an Bourbon. Und wenn ich an Bourbon denke, an vollen dumpfen Vanillegeschmack. Diese Assoziation ist, wie die Erwachsenen unter uns natürlich alle wissen, vollkommener Unsinn. Whiskey schmeckt nicht nach samtener Vanille sondern nach splitterndem Holz.

„Was will die uns damit sagen? Ich dachte, es geht hier um die vom Gaiman’schen Lesestoff adaptierten Serie, in der scheinbar die alten, sowohl von Einwanderern nach Amerika importierten, als auch einheimischen Gottheiten und Mystik wiedererwachen und sich gegen die neuen Götzen wie Internet und Co aufbäumen und nicht um Whiskeytasting?“, höre ich euch bis hierher denken. Das will ich euch hier gerne erklären.

 

Wunderbar funkelnde Fontänen aus Blut, Gedärm und diversen Körperteilen tun sich bereits in den ersten Szenen auf und geben einen ersten eisernen Geschmack auf das, was kommen wird. Dabei wirkt jeder rotglänzende Tropfen wie ein Mosaikstück aus einem Gemälde, derart ästhetisch sind die Bilder eingefangen. Es ist weit weniger authentisch wie bei Game of Thrones, wirkt eher wie eine Mischung aus 300 und Vikings. Kunststück, landen doch zunächst prähistorische Wikinger an der Küste Nordamerikas und rufen dort ihren einäugigen Gott an, um doch noch den Weg zurück nach Hause zu finden. Vielleicht hatten sie sich auch im Jahr geirrt und wollten einfach nur schnell weg von der derzeitigen Herrschaft güldenen Haares.

Doch zurück zu „American Gods“. Kaum ist diese verwirrenderweise wunderschöne Szene überlebt, dürfen wir einen Blick auf Shadow Moon werfen. Nein, das ist kein erster Hint auf den Whiskey, sondern der Name des Protagonisten, dessen Mutter aus hippieesken Gründen zu waghalsigen Namen tendierte. Shadow jedenfalls wird aus dem Gefängnis entlassen. Ein paar Tage zu früh frei nach dem Motto: „Die gute Nachricht ist: Du kommst drei Tage früher frei! Die schlechte: Deine Frau ist bei einem Autounfall gestorben und du darfst zur Beerdigung. Und jetzt alle: Hurra!“

Dass die gute Frau bei ihrem Tod zufällig den Penis von Shadows bestem Freund im Mund hatte, ist nur der erste Hieb tief in die Magengrube des ethnisch interessanten Menschen – dafür jedoch der physisch schmerzloseste.

Denn bald trifft er auf ominöse Gestalten. Auf den Mann mit dem Glasauge und der schmeichelnden Zunge, der Shadow in ein Angestelltenverhältnis trickst. Oder auf den hühnenhaften Iren, der sich als Leprechaun entpuppt. Oder, wesentlich schlimmer: Die virtuellen Kreaturen, die die heutigen Menschen derart passioniert anbeten und die in den alten Göttern eine ernsthafte Gefahr sehen. Und damit, logischerweise, auch in Shadow, den sie nun, da er Leibwächter des Einäugigen geworden ist, auf ihre Seite ziehen wollen. Eine glorreiche Blutspur zieht sich durch den Plot, die vermutlich rutschiger ist als jeder Beckenrand.

 

Whiskey altert nicht – er reift. Whiskey kippt man sich nicht die dürstende Kehle hinunter – man genießt ihn. Whiskey trinkt man in Kaschemmen aus dreckigen Bechern – oder in edlen Etablissements aus hochglanzpolierten Gläsern. Dann spiegelt sich das Funkeln der Welt in dem flüssigen Bernstein wider; reif, vollmundig und irgendwie geheimnisvoll.

Das alles scheint American Gods zu haben.

American Gods lässt sich Zeit. So viel Zeit, dass die Uhren auch mal rückwärts laufen und man sich in irgendeiner Vergangenheit irgendeinen Ortes wiederfindet. Nichts wird einem mit der Schultafel erklärt, allerdings erhält man hier und dort dezente Indizien. Puzzlestück um Puzzlestück fügt sich zusammen. Auch die wahre Identität so mancher Figur leitet man sich her, anstatt dass man mit der Nase hineingepresst wird. Und das ist verdammt gut so.

Mit Surrealismus und Phantasmagorie bespickt, könnte die Optik die verrucht-schöne Schwester der Serie Supernatural sein. Die Mythen wurzeln tief im Plot, der dadurch dicht und endlos wirkt noch bevor die zweite Episode überhaupt über den heimischen Bildschirm flackern kann. Die Symbiose aus göttlichen Entitäten und realer Welt ist faszinierend, die Gegenüberstellung alter und neuer Götzen und Gottheiten interessant. Nicht zuletzt sind auch weltliche Parallelen zu erkennen.

Es zeigt sich eine Figurenvielfalt, von der man unbedingt mehr sehen will. Beginnend von Shadow, der in dieses Abenteuer hineingezogen wird und noch nicht so ganz einordnen kann, wie ihm geschieht, über seinen Auftraggeber, der irgendwie wie der nette Onkel und dann doch viel zu zwielichtig erscheint, bishin zu den göttlichen Verkörperungen der Medien, des Internets, die zwar bislang nur einen kurzen Auftritt hatten, dafür jedoch umso mehr zu beeindrucken wussten. Und da ist ja auch noch Shadows Ehefrau, die eigentlich bereits im Grabe liegt und sich dann doch quietschfidel im Trailer zeigt…

Es wird definitiv noch viel zu sehen und staunen geben. Ich hoffe nur, dass die weiteren Episoden diesen nun doch stark erhöhten Erwartungen auch gerecht werden. Auf Amazon Prime gibt es jeden Montag Abend eine neue zu sehen. Wer unbedingt schneller wissen will, wie sich die Mächte entfalten, kann ja auch nach der Buchvorlage greifen.

Prädikat

Selbst ein Phoenix würde sich bei diesem Piloten frittieren. Und ja: Ich meine die spontane Selbstfrittierung. Denn es ist wirklich heißer Stuff. 

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