„13 Reasons Why“ und sein Umgang mit der Rape Culture. Ein Positivbeispiel.

[Dieser Text enthält Spoiler]

Der Teenager Hannah Baker begeht Selbstmord. Statt eines Abschiedsbriefs hinterlässt sie einige Kassetten, die je einen Grund für ihren Suizid thematisieren – und diese Gründe sind meistens menschlich. 13 Episoden lang ergründet man an Seite ihres Klassenkameraden Clay Jensen Schritt für Schritt die Abgründe im Geflecht der Highschool.

Das gute und gleichzeitig erschreckende an der Netflixserie ist, dass sie dabei real bleibt. Die Abgründe bestehen nicht etwa aus überstilisierten Drogendeals oder meilentiefen Intrigen, sondern aus Alltäglichem. Das, für sich allein genommen, auf Außenstehende nicht immer furchtbar schlimm wirkt. Die, genau genommen, aber der erste Schritt in Schmähungen oder Schlimmeren sind. Und leider gehören auch Vergewaltigungen zum echten Leben dazu. Genau das alles thematisiert 13 Reasons Why: Rape Culture. Mit all dem Schweigen, dem Slutshaming, unbestraften Vergewaltigern und dem Schutz, den diese von mancher Seite noch immer genießen.

Und die Serie macht das verdammt gut. Endlich.

Natürlich ist es nicht die erste Serie, die Vergewaltigungen und seine Folgen anspricht. Outlander hatte es versucht und ist meiner Ansicht nach an zu wenig Feingefühl und zu viel Spektakel gescheitert. Game of Thrones hat es unter anderem als Plot Device genutzt – und das vornehmlich für eine männliche Figur. In Westworld ist es Teil einer gelebten Fantasie. In Battlestar Galactica zeigt sich die Widerwärtigkeit menschlicher Schadenfreude. Nur ein paar Beispiele von vielen. Das ist auch richtig so, schließlich ist es ein Thema, das präsent sein muss, um irgendwann eine Änderung im Bewusstsein zu bewirken. Aber so differenziert und realistisch wie in 13 Reasons Why wirkt es selten.

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann viele tausend Kilometer weiter einen Orkan auslösen, sagt man. Auch hier sind es viele scheinbar profane Dinge, die Hannahs Leben langsam ins Wanken geraten lassen. Der Junge, der einen sehr ungünstigen, da unterwäscheentblößenden Schnappschuss von ihr herumzeigt und durch den sie zum Gespött der Klasse wird. Eine „Hot or Not“-Liste, auf der ihr Hintern als „best ass“ bezeichnet wird und durch die sie zur Zielscheibe für sexuelle Anspielungen und Getatsche innerhalb der ganzen Schule wird. Viele weitere Dinge, die zusammengenommen bei ihr zum Suizid geführt haben. Es sind sexuelle Übergriffe. Ja, manche fangen klein an. Welche Wirkung haben sie, sowohl auf Opfer, als auch Täter?

Dabei wird nicht nur aus ihrer Sicht, sondern auch aus Sicht der anderen Beteiligten erzählt. Es ist eine ruhige Erzählweise, die sich den Gefühlen und Innenleben der Teenager annimmt und viele Gründe sucht und auch findet. Es sind alles keine Monster. Es sind doch „nur Jungs“. Eine lapidare Bemerkung, die auch im realen Leben immer wieder fällt. „So sind sie eben“. Rape Culture bedeutet auch, dass solches Verhalten toleriert oder abgewunken wird.

Meist wird aus dem „Male Gaze“ heraus gefilmt. Sicherlich auch bedingt durch den Männerüberschuss bei der kreativen Produktion ist es dann nicht die weibliche Sicht, die zählt. Hier schon. Man blickt nicht durch die Linse des Stalkers, sondern bleibt nah bei Hannah und ihren Gefühlen. Das Foto ihres Hinterns wird nur kurz angedeutet, viel mehr erfährt man durch die Reaktionen der anderen, was darauf zu sehen ist. Auch die Vergewaltigungen sind aus Sicht der Opfer. Der Täter selbst ist einer der wenigen, aus dessen Sicht die ganze Serie hinweg gar nicht berichtet wird.

Schweigen. Viele hören sich die Tapes an, Clay ist der einzige, der reagiert. Und das ist leider Normalität. Die Serie ist ein Spiegel der Gesellschaft, die lieber bequem weg sieht, statt zu helfen, lieber nicht glaubt. Für die Slut Shaming größer geschrieben wird als die Hilfe an die Opfer. „Sie hat es so gewollt. Sie hat doch einen kurzen Rock getragen.“

„Sie sagte nicht, dass sie von dir gefickt werden wollte.“ – „Sie hat auch nicht Nein gesagt.“

Für viele ist ein „Nein“ leider noch immer das, woran sie eine Vergewaltigung festmachen. So fragt auch der Lehrer, ob Hannah Nein gesagt habe. Hatte sie nicht. Doch das ist bei einer Vergewaltigung nicht der Punkt. Es ist vielmehr nur eine von unendlich vielen klaren Möglichkeiten, seine Ablehnung gegenüber der sexuellen Handlung zu bezeugen. 13 Reasons Why macht klar, dass ein Opfer gelähmt sein kann vor Angst und Schock über die Handlung.

“I wanted guys to be uncomfortable when they read it, and both the book and the TV show made a point of noting that Hannah never says no. Because that’s what we always hear, right? ‘When a girl says no, she means no.’ But there are plenty of times when a girl’s afraid to say no for various reasons, and it doesn’t mean, ‘Oh, as long as they don’t say no, then everything’s fair game.’ You need to be a better person than that.” (Autor Jay Asher via Buzzfeed)

Die Serie will nicht bequem sein und ist es auch nicht. Man soll das Gesehene reflektieren. Die Nähe zu den Figuren macht es möglich, sich hineinzuversetzen, mitzufühlen. Und über eigene oder erlebte Unzulänglichkeiten nachzudenken. Rape Culture is a thing. Und die die Serie spiegelt das gut wider.

Daher von mir trotz etwaiger Längen ein absoluter Serientipp.

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9 Kommentare bei “„13 Reasons Why“ und sein Umgang mit der Rape Culture. Ein Positivbeispiel.

  1. Danke für den Tip, das klingt wirklich verflixt gut, obwohl sich das „gut“ angesichts der Thematik merkwürdig anfühlt. Da ich (noch?) kein Netflix hab, werd ich mir einstweilen das Buch besorgen und auf DVDs warten. 🙂

    • Das Buch muss ich mir auch noch besorgen. Interessiert mich dann doch, wie die Serie im Vergleich zum Original umgesetzt wurde!

  2. Ich habe vor Jahren das Buch gelesen und schaue momentan auch die Serie. Und sie berührt mich genauso wie damals das Buch. Eben aus den von dir genannten Gründen. Und wenn man sich die Doku Violet und Daisy anschaut, sieht man nochmal deutlich, wie unsere Gesellschaft auf solche Themen reagiert.

  3. Das Buch habe ich; eigentlich wollte ich es nach dem Lesen in den Bücherschrank setzen (muss meinen Bücherschrank verschlanken), aber ich kann es auch an Dich schicken? So spätestens im Mai?

      • Nee, das wäre nur nett… Awesome wird es erst, wenn ich das Buch persönlich überreichen kann 😉

        „Das Attentat in der Geschichte“, jep, dieses Buch hast Du irgendwo, außer es ist verloren gegangen beim Umziehen ^^ Hoffe nicht.

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