„Ich bin ja kein Arschloch“ – im Gespräch mit meinem Antagonisten“

Im letzten Moment springe ich noch in unsere Geek Quest zum Thema „Antagonist“ hinein. Da die anderen schon wirklich großartig über die Theorie der Schurkenhaftigkeit geschrieben haben, fiel mir die Wahl des Themas nicht leicht. Zum Glück fing am 1. April das Camp NaNo an, bei dem ich innerhalb eines Monats 40k Wörter schreiben möchte. Ich arbeite an „Die Alte Kalypse“, humoristische Fantasy mit leicht durchgeknallten Figuren. Natürlich darf da auch der Evil Overlord nicht fehlen.

Der Mann mit dem viel zu langen Namen „Araonoaran“ wird wahrscheinlich die Apokalypse heraufbeschwören – und hat dabei doch nur seine Hamsterzucht im Sinn. Ich habe mich auf einen Kaffee mit ihm getroffen und möchte euch hier von der Begegnung erzählen!


Ich sitze längst beim dritten Kölsch und flauem Magen im Einkehrhäuschen inmitten eines urigen Gebirges, als eine hochgewachsene Gestalt eintritt. Der Mann mit dem obligatorischen Wizardbart und dem stechenden Blick würde furchteinflößend wirken, würde er einen handelsüblichen schwarzen Umhang tragen. Seiner jedoch ist von knalligem Orange. Und hat mindestens zwei Dutzend Hamsterbilder in allen möglichen und unmöglichen Posen aufgestickt. Er bemerkt meinen Blick und ein unnatürliches Strahlen breitet sich auf seinem Gesicht aus.

„Oh, ich sehe, Ihr habt meine Mausis entdeckt!“, frohlockt er und dreht sich extra für mich einmal im Kreise. Ihn umweht ein herrlicher Duft nach Räucherschinken. „Das sind Frida, Horst, Gertrude, Hasilein, Steve…“, beginnt er seine Aufzählung, während er bei jedem Namen auf einen anderen Hamster tippt. Blinzelnd bemerke ich, dass Steve hochhackige Schuhe trägt. Auf allen vier Pfoten. Es dauert, bis Araonoaran mit der Vorstellung seiner aufgestickten Hamster fertig ist. In der Zwischenzeit habe ich mich in die Getränkekarte vertieft und suche fieberhaft nach Hochprozentigem. Oder gleich einer Pistole.

„(…) Hach, Ihr müsstet sie alle in Natura sehen. Freilich sind nicht mehr alle am Leben. Solch ein Hamsterleben ist nicht ganz so lang wie das meine. Ich habe schon viele Hamster begraben müssen. Glücklicherweise ist mein Garten groß.“ Ich nicke weise. Bei meinen vorherigen Recherchen hatte ich mich dort bereits schon umgesehen. Sein natürlich tiefschwarzer Magierturm steht inmitten eines Gartens, der in einem früheren Leben vermutlich ein Moor gewesen war und bei dem man Stunden bräuchte, um ihn gänzlich zu umrunden. Ich frage ihn nach seinem Turm aus und erfahre, dass Araonoaran diese Anschaffung mittlerweile bereut. Damals sei er aber noch ein junger Mann gewesen und sei lieber mit dem allgemeinen Schwarzmagiertrend jener Zeit gegangen. Nun komme er mit dem Putzen auch gar nicht mehr hinterher, weshalb er sich eine blonde Putzfrau eingestellt habe. „Komisch. Die habe ich aber auch lange nicht mehr gesehen“, murmelt er plötzlich und krault sich durch den graumelierten Ziegenbart, „Vielleicht hat sie sich ja in einem der oberen Turmzimmer verlaufen. Vielleicht kommen auch von dort die grausigen Hilfeschreie her…“

Während der alte Mann mit zartgliedrigen Fingern Tabak zusammenrollt, frage ich ihn nach dem Gerücht aus, dass er die Menschheit unterjochen und die Welt in Schutt und Asche stürzen möchte. „Papperlapapp!“, ruft er verärgert aus und wirft mir den halbfertigen Glimmstengel gegen die Nase. „Kindischer Mumpitz, lächerlicher! Ich will die Welt nicht in Schutt und Asche legen! Wo sollen meine Mausis denn sonst ihre Beeren herkriegen? Und im Abendlicht tanzen? Nein, die Welt soll ordentlich bleiben! Nur die Menschen… nervige, furchtbare Biester! Zertrampeln mir meinen schönen Garten! Aber unterjochen ist natürlich auch zu viel gesagt. Ich bin ja schließlich kein Arschloch.“ Stirnrunzelnd pendelt mein Blick zwischen dem Blut unter seinen Fingernägeln und seinem Zauberstab hin und her. In dessen aufgeschraubter Glaskugel erkenne ich ohne Zweifel die eingesperrte Seele, deren Gesicht vor Schmerz und Furcht verzerrt ist. Ich lächle Araonoaran übertrieben freundlich an.

„Die Welt ist aber auch langweilig geworden“, seufzt Araonoaran und lehnt sich kopfschüttelnd zurück in einer Weise, als sei er eigentlich einen Schaukelstuhl gewöhnt. „Früher, da war mehr Funkeln. Da gabs auch noch mehr Drachen und Gezücht. Mittlerweile wurde das ja auch schon alles ausgelöscht. Vielleicht wird es an der Zeit, wieder ein wenig Unfrieden zu stiften. Meint Ihr nicht?“ Ich nicke. So aus Reflex.

„Dann hätten wir das ja geklärt!“, frohlockt Araonoaran und zaubert ein zerfleddertes Buch aus den Tiefen seines Umhanges empor. „Wäret Ihr nur noch so freundlich, in mein Freundebuch zu schreiben?“ Die Lachfalten, die sich unweigerlich bei seinem Haifischgrinsen zu bilden beginnen, wirken wie Eindringlinge im sonstigen Liniengeflecht seines Gesichtes.

Zögernd nehme ich erst das Buch entgegen, dann die tiefschwarze Schreibfeder. „Ihr würdet mirdamit einen wunderbaren Gefallen tun, Holdeste.“ Die Stimme des Magiers windet sich wie Samt in meine Ohren und schmiegt sich um meine Gedanken. Gedankenlos piekse ich mir die Federspitze ins Handgelenk. Und beginne, mit meinem Blut in das Buch zu schreiben.

Und entschwinde.

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