LBM und Cosplay – Kein Ort für nackte „Hasen“?

Der für SWR2 als Literaturredakteur tätige Carsten Otte war auf der Leipziger Buchmesse – und nahm wohl vieles mit, nur keine Freude. In seinem Artikel „Kein Ort für nackte Hasen“ kritisiert er nicht nur die Anwesenheit einer Masse an Cosplayern und Animeenthusiasten, sondern verliert sich in Vorurteilen. Bereits der Titel lässt Sexismus wittern, der Hauptteil eine gewisse Schwäche in Sachen Recherche vermuten und der Schluss spiegelt die von ihm selbst noch angeprangerte Ignoranz wider.

Natürlich verärgert solch ein Text. Doch selber vor Wut schäumen? Warum nicht auf die Kritikpunkte eingehen, etwaige Schwachpunkte erkennen und versuchen, eine Lösung zu finden? Einen Dialog führen, statt blind in die selbe Kerbe zu schlagen und damit ggf. sogar Vorurteile bestätigen?

 

Für Otte ist die Buchmesse ein Ort des Intellekts, der politischen Diskussionen und eine „neue Ernsthaftigkeit im Literaturbetrieb“. Cosplayer erscheinen ihm wie Eindringlinge, die die kulturell anspruchsvolle Atmosphäre nicht nur stören, sondern sich parasitär darin einnisten.

Liberale Intellektuelle wollen nicht als antiquiert, autoritär und lustfeindlich gelten. Doch der Massenauftritt der leicht bekleideten Comicfiguren mit Plüschtier unterm Arm wird zum Hohn auf den Rest der Messe.(…) Als die Schriftstellerin Asli Erdogan per Skype aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde, liefen halbnackte Hasen und düstere Ritter mit Riesenschwertern an dem Veranstaltungsort vorbei. Das zeigt vielleicht die Widersprüchlichkeit moderner Demokratien. Im Grunde aber ist es grotesk. Und völlig unnötig. Selbst wenn Verboten etwas Autoritäres anhaftet, sollten die Kostümorgien endlich von der Messe verbannt werden. Es gibt kaum noch Berührungspunkte zwischen Buchmesse und Messefasching (…)

Es ist weder Lautstärke, noch Verhalten, das er hier anprangert, sondern die schiere Optik. Die Andersartigkeit. Diese Menschen passen ihm nicht ins Bild. In ein Bild, das über so viele Jahre doch so gefestigt schien. Er kann „Literatur“ und „Andersartigkeit im Phänotyp“ nicht miteinander verbinden. So zeigt er sich geschwängert von Vorurteilen:

(…)außer dass die verkleideten Massen die Zugänge zu den Hallen verstopfen, um sich dann aber trotzdem nicht für die Literatur zu interessieren. Diese Ignoranz hat die Buchbranche nicht nötig.

Nein, Herr Otte, es ist vielmehr so: Diese Ignoranz hat die Cosplayerszene nicht nötig. Wer sagt, dass sich Cosplayer nicht für Literatur interessieren? Ist ein Cosplayer grundsätzlich weniger willkommen als jemand, der vielleicht intellektuell aussieht, sich jedoch für keinerlei politische Themen oder höhere Literatur interessiert?

Cosplayer zu sein bedeutet nicht, sich für nichts anderes als bunte Bilder interessieren zu können. Keinen Sinn für Literatur zu haben. Mehr noch: Viele Manga und Anime beinhalten kritische, zeitgenössische Themen, werfen philosophische Fragen auf und diskutieren Ethik und Moral. Es ist bebilderte Literatur. Mit dieser hat sich Otte scheinbar nicht auseinandergesetzt. Wie soll er da erkennen, wie ähnlich sich seine Literatur und Manga tatsächlich sind?

Cosplayer fallen auf. Manche haben große Accessoires, die dabei helfen, Gänge zu verstopfen. Sie sind bunter als der Durchschnitt und definitiv auffälliger. Anders ausgedrückt: Es ist nicht nur ihre Masse, die die Gänge verstopft. Sie fallen in dieser Funktion nur vermehrt auf. Die Gänge sind eng, es stehen unzählige Stände links und rechts. Von hier erschallt eine Podiumsdiskussion, von dort ein Interview. Cosplayer verstopfen die Gänge – klassische Literaten allerdings auch.

Es gibt sicherlich Cosplayer, die nur des Cosplays, sehen und gesehen werden auf der Buchmesse zugegen sind. Diese bleiben allerdings vermutlich in „ihrer“ Halle. Wenn sie sich nicht für „Literatur“ interessieren werden sie auch nicht in den dafür vorgesehenen Hallen herumlungern.

Aber: Was mir selber auch ab und an aufgefallen ist, ist dass manche Cosplayer lärmend durch die Hallen ziehen. Kreischend rennen sie dann aufeinander zu, freuen sich laut, rufen eher, als dass sie reden, stellen ihre Mangafiguren dar in all ihrer expressiven Pracht. Es sind nur wenige. Aber die, die sich „nicht benehmen können“ fallen schlichtweg mehr auf als solche, die sich ganz normal verhalten. Und ja: Ich finde es unpassend, wenn man sich derart laut neben Diskussionen um Migration und Co. stellt. Das sind allerdings nicht alle Cosplayer. Längst nicht alle. Von wenigen auf alle zu schließen ist ebenso ein Hohn wie das, was Otte kritisiert. Er selber wird zum Paradebeispiel für Ignoranz.

 

Was ich mir wünschen würde wäre eine positivere Verschmelzung beider Bereiche. Manga und Anime bedeuten nicht nur buntes Merchandise und Verkleidungen. Das kann man leicht auch nach außen transportieren, wenn man der Szene eine Bühne gibt. Diskussionen rund um die ernsteren und philosophischeren Themen ermöglicht. In Dialog mit den „hohen Literaten“ tritt und somit die Ähnlichkeit beider Parteien zelebriert, anstatt auf die Unterschiede zu pochen.

Genau wie in der normalen Literatur gibt es auch bei den Manga lustige Themen und Produkte, die rein der Unterhaltung dienen. Das ist okay. Die Literatur ist den Manga nicht voraus. Sie existieren ebenbürtig nebeneinander. Man muss sich nur darauf einlassen und lernen, es zu sehen, anstatt die Augen zu verschließen.

 

In seiner Überschrift reduziert Otte die Cosplayer auf einen einzigen Aspekt: Sexyness. Es mag durchaus sein, dass er sich ursprünglich auf die Frauen in wirklichen Hasenkostümen bezieht. Verallgemeinernd von „nackten Hasen“ zu sprechen wenn man eigentlich alle Cosplayer meint, verströmt nicht nur einen Hauch von Sexismus.

Ganz zu Recht kritisiert Otte das Fotografieren von Minderjährigen in erotischen Posen.

Wenn sich Kinder in farbenfrohe Kostüme werfen, kann man sich freuen, wenn Teenies vor den Fotoapparaten zumeist mittelalter Herren viel Bein und viel Brust zeigen, mag man sich wundern, aber wenn minderjährige Cosplayer Gefallen an pornographischen Posen finden, sollten Erwachsene nicht nur verschämt zur Seite schauen, sondern einschreiten.

Anzumerken ist jedoch, dass er vermutlich nicht mit Sicherheit sagen kann, wie alt die Betreffenden tatsächlich waren. Welche „pornographischen Posen“ sind hier gemeint? Interpretation? Hier fehlt mir weitere Information. So jedoch bleibt es eine leere Anschuldigung.

Kostüme, die viel Haut zeigen, sind nicht schlecht. Wieso auch? Es zeigt unter anderem die Selbstbestimmtheit des Cosplayers, das Selbstbewusstsein. Bunnykostüme jedoch reduzieren eher den Betrachter auf seine eigenen Gedanken denn dass sie die Cosplayerin selbst reduzieren würden. 

 

Ottes Artikel ist dafür, dass er eine Behauptung solchen Ausmaßes aufstellt, erschreckend undifferenziert. Er kritisiert, ohne fundierte  Argumente zu liefern. Ich hätte mir mehr Recherche gewünscht, mehr ehrliche Auseinandersetzung mit der Materie. Es reicht nicht, nur zu wettern.

Natürlich gehören auch Manga und Anime auf eine Buchmesse. Es ist eine Art der Literatur. Cosplayer sind Fans und Leser – und sollten daher ebenfalls willkommen sein. Sie verkleiden sich nicht stumpf. Anders als im von Otte erwähnten Fasching oder Karneval zieht man sich nicht eben relativ wahllos ein Kostüm über. Man macht sich vielmehr Gedanken, wen oder was man verkörpert. Es setzt eine Auseinandersetzung mit der Quelle voraus.

Was sagt ihr dazu?

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