Der Flow – Das Einhorn der Autorenszene?

[Der Throwback-Thursday ist eine Artikelreihe von uns, in der Postings, Photos oder whatever aus der Vergangenheit wieder ausgegraben werden. Dieses Mal habe ich mich für einen alten Text von mir entschieden, der im März ’16 zuerst auf meinem mittlerweile mit Fried-Phoenix zusammengelegten Schreibblog „Wortgezeiten“ erschienen ist. Er behandelt ein Thema, das auch jetzt, da ich endlich wieder schreibe, sehr aktuell ist. Zum Glück!]

Wenn andere Schreiberlinge vom Flow sprachen und mit in den Augen funkelnder Begeisterung erzählten, wie sehr sie darin aufgingen, konnte ich nur lächelnd daneben sitzen. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie das überhaupt gehen soll, wie man alles um sich herum vergessen und sich nur auf den Text konzentrieren kann. Wie, zur Hölle, wie?! Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, habe ich es selber erlebt. Am eigenen Leib. Zwei Tage in Folge.

Doch bevor ich darüber erzähle, werfe ich unauffällig zwei Definitionen in den Raum. Einmal darf der Duden sprechen:

[gebildet von dem 1934 geborenen ungarischen Psychologen M. Csikszentmihalyi] (Psychologie) Zustand höchster Konzentration und völliger Versunkenheit in eine Tätigkeit (duden.de)

und einmal die so berühmte wie berüchtigte Wikipedia:

Flow (englisch „Fließen, Rinnen, Strömen“) bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust. (wikipedia.de)

Mein Problem: Meine Aufmerksamkeitsspanne reicht grundsätzlich von hier bis – Oh guck mal, ein aufgegessenes Butterbrot! Kurz: Nicht besonders weit. Nur eine Sache auf einmal zu tun, ohne nebenher Netflix zu gucken, mit der Katze zu spielen, Radio zu hören oder gedanklich ein anderes Projekt als das aktuelle anzugehen, ist für mich fast unvorstellbar.

Oft schon hatte ich versucht, mich zum Fokussieren auf nur eine einzige Sache zu zwingen: Ich habe Programme installiert, die zeitweise das Internet blockieren, nutzte Write or Die, bestach meine Katze mit Leckerlies, damit sie mich nicht währenddessen anmaunzen würde – doch nichts half. Wie ein fieser Schurke heckte ich mehr oder minder unterbewusst stets neue Pläne aus, wie ich mich selber überlisten und die jeweilige Methode umgehen kann.

Um es doch endlich kurz zu machen: Mir fehlte weder die ultimative Software, noch ein Katzenabwehrprogramm. Sondern schlicht und einfach das Selbstbewusstsein, eine gewisse Leichtigkeit. Viel zu oft haderte ich mit mir selber: Ist das gut geschrieben oder kann das weg? Wie soll ich das am besten beschreiben? Hilfe, was, wenn das jeder scheiße findet?! Und wo verdammt ist mein aufgegessenes Butterbrot hin?!

Als ich vorgestern an diesen beiden Flow-Szenen schrieb, waren die Voraussetzungen perfekt: Ich liebe meine Story, den Plot und ich bin mit meinem Schreibstil mittlerweile im Reinen. „Scheiß auf deine Unsicherheit und mache es einfach!“ Was ebenfalls ungemein wichtig war: Die Szene ist sehr nah am Charakter und ungemein intensiv. Ich finde es unglaublich spannend, mich in Charaktere hineinzuversetzen, weshalb mir solche emotionalen Szenen (Hier ging es hauptsächlich um Angst und Fassungslosigkeit) auch am meisten Spaß machen. In dem Moment hat es bei mir Klick gemacht. Ich hatte den Flow nicht forciert, mich nicht darauf vorbereitet, sondern war einfach – zack! – mitten im Text. Ablenkungen? Nö, ich war viel zu gefesselt. Ganz automatisch. Dabei bin ich, wie ich da festgestellt habe, vom Typ „Peinlicher Autor, der niemals in der Öffentlichkeit einen „Flow“ erfahren sollte“: Ich habe gestikuliert, bestimmte Sätze mitgesprochen, sah sicher eher aus wie ein viel zu enthusiastisch schreibender Flummi, denn ein ernstzunehmender Schreiber. Es war tatsächlich ein fast fiebriges Erlebnis, dezent berauschend, sehr ungewohnt.

Das Geheimnis ist eigentlich keines:

  • Die Szene hat mir Spaß gemacht und ich hatte mir zuvor schon gedacht, dass ich sie lieben würde
  • Die Identifikation mit dem Protagonisten war da, die bildliche Vorstellungskraft hat mich das alles einfach schreiben lassen müssen.
  • Dadurch, dass ich in dem Moment quasi der Prota war, habe ich mir weniger Gedanken um die Wortwahl, sondern um das Erleben gemacht.
  • Das Selbstbewusstsein war da; ich dachte nicht mehr daran, dass alles „nur Scheiße sein könnte“. (Uich uos weri importänt!)
  • Ich habe nicht mehr „gedacht“, ich war „frei“. Gut. Das ist bei mir ohnehin nicht so schwierig.

Das, was in der Wikipedia beschrieben steht, dieses „restlose Aufgehen in einer Tätigkeit“ stimmte einfach voll und ganz. Diese Stunde hat sich ungelogen angefühlt wie fünf Minuten. Keine Ahnung, ob sich diese beiden Schreibtage wiederholen lassen, auf Knopfdruck jedenfalls sicherlich nicht. Aber nun, da ich weiß, dass es geht, bin ich irgendwo erleichtert.

Und ja, danach war ich glücklich.
Verrückt, dieses Schreiben.
Verrückt.


Picture by Emre Ayaroglu via Flickr.com under the following creative commons: Attribution-ShareAlike

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