Warum ich das Konzept des „starken weiblichen Charakters“ ätzend finde

Ist Weibsvolk anwesend? Heute ist schließlich der Weltfrauentag! Grund genug, sich endlich wieder die Nägel zu lackieren und die Küche zu putzen!

… oder sich Gedanken über das Frauenbild in der Popkultur zu machen. Nein, der Fokus soll hier nicht auf der allseits bekannten und beseufzten Sexualisierung liegen, auch nicht auf irgendeiner ominöse Quote. Sondern auf der Art von Heldin, die gemeinhin als „stark“ betitelt wird. Vielleicht geht ihr kurz einen Moment in euch und überlegt: „Was bedeutet dieses „stark“ eigentlich für mich?“

Physische Stärke? Kampftalent? Der Gefahr trotzen? Sich wie ein Mann benehmen?

Sucht man einfach mal nach „strong women in comics“ findet man in erster Linie Charaktere, die „kick-ass“ sind: Wonder Woman, She-Hulk, Red Sonja – Jeder Taschendieb würde sich drei Mal überlegen, bevor er solch einer Dame das wichtigste Accessoire stibitzt. Physische Stärke und/oder kämpferischer Skill ist oft das erste, das einem in den Sinn kommt (außer dir natürlich, der gerade schurkenhaft kichernd die Kommentarsektion sucht um meine Worte zu widerlegen). Der Ruf nach mehr starken Frauen deckt dann auch gerne genau diese Sparte ab: Gebt uns mehr weibliche Arschtreter! Bestenfalls natürlich solche, die gleichzeitig hochgradig intelligent und gutaussehend sind, doch ist das nichts, das bei männlichen Charakteren groß anders wäre.

Wo ich gerade „männlich“ eintippe: Wie oft werden solche Protagonisten als „stark“ beschrieben? Wenn es nicht gerade um Hulk oder eine starke Schulter für die Frau geht eher selten. Meist ist dann tatsächlich allein die Muskelkraft gemeint, die als nur eine von vielen weiteren Eigenschaften genannt wird. Während der Mann automatisch als stark gilt und der schwache Kerl eher hervorsticht, hat es die Frau schwieriger, das Prädikat „stark“ zu erlangen. Das Problem ist: Das ist noch nicht mal das eigentliche Problem.

Männer und Frauen sind nicht gleich. Bereits rein biologisch präsentieren sich einige mehr, und einige weniger offensichtliche Unterschiede. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass der Mann im Mittel stärker ist als die Frau. Ich habe kein Problem damit, wenn es mehr physisch starke männliche, als weibliche Charaktere gibt. Womit ich jedoch durchaus meine Schwierigkeiten habe, ist die Annahme, nur eine physisch starke/gewandte/fitte Protagonistin könne stark sein. Mir scheint es, die Frau verliere automatisch an Stärke, sobald sie gekidnappt wird. Ist eine Peach schwächer als eine Michonne? Nicht unbedingt.

Die gute Frau Peach wird gekidnappt. Immer und immer wieder. Wenn man nun davon ausgeht, dass die Spiele einer mehr oder weniger zusammenhängenden Storyline folgen, hat die Dame also bereits einiges erlebt – und reckt dennoch in ihrem pinken Kleidchen stolz das Kinn, während sie nebenbei ihr Königreich wieder regiert und einen anlächelt, als wäre nichts gewesen. Sie kann Bowser nicht den Hintern versohlen, dafür jedoch zeigt sie andere starke Eigenschaften.

Peach ist natürlich ein stark stilisiertes Beispiel, schließlich ist die Geschichte hinter den Jump’n’Runs (und den etlichen weiteren Ablegern des Klempneruniversums) eher alibimäßig vorhanden, als wirklich durchdacht. Sie dient hier lediglich als einfaches Beispiel, das in wesentlich komplexerer Art und Weise auch auf weitere Charaktere übertragbar ist.

Die Existenz von Schwäche schließt Stärke nicht aus. Das wäre eine denkbar flache Charakterzeichnung, die ich weder bei männliche, noch bei weiblichen Charakteren sehen muss. Eine Frau darf schwach sein und ich sehe eine klare Daseinsberechtigungen für die kochenden, weinenden, shoppenden Charaktere dieser Welt. Wenn es nicht die einzigen Wesenszüge weiblicher Charaktere bleiben. Auch Weiblichkeit kann stark sein und ein pinkes Kleidchen macht einen nicht schwächer.

Ich brauche keine „starke Frau“ in einem Comic, Film oder Videospiel. Nicht, wenn damit die Kampfsau gemeint ist. Eine der stärksten, weiblichen Charaktere ist in meinen Augen Präsidentin Laura Roslin aus Battlestar Galactica. Auf ihren Schultern lastet das Schicksal der gesamten Menschheit, ihr Körper wird von einer unheilbaren Krankheit gebeutelt und dennoch schafft sie es immer wieder, die Schultern zu straffen und resolut Entscheidungen zu fällen. Trägt sie dabei eine Knarre? Braucht sie eine „starke Pose“ mit geballter Faust? Nein.

Ein weiblicher Charakter wird nicht stark, nur weil man ihn vermännlicht und mit ballernden Penisprothesen ausstattet.

Übrigens: Ich liebe Kampfsäue. Egal ob sie männlich, oder weiblich sind. Dieser Blogbeitrag wirkt wahrscheinlich anders, aber: Diese ständige Genderkritik geht mir auf den nicht vorhandenen Sack. Es gibt mehr starke Charaktere dieser oder jener Art, als manche denken wollen.

Update 5.5.’17: Auf dem Blog Bücherverschlingen läuft gerade eine Blogparade zu starken weiblichen Figuren in Büchern.

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11 Kommentare bei “Warum ich das Konzept des „starken weiblichen Charakters“ ätzend finde

  1. Jaaaa, das ist ein ganz toller Beitrag! Ich unterschreibe jede Zeile!

    Ich finde es voll okay, dass auch die Damen mal „Kick-ass“ sein können, aber ich sehe das genau wie du: Das ist kein Alleinstellungsmerkmal für eine starke Frau. Stärke hat so viel mehr Facetten.

  2. Was vielschichtige weibliche Charaktere angeht, liefert mir die Buchreihe „The Expanse“ im Moment das beste, was ich in die Richtung bisher gesehen/gelesen/gehört habe. Die Frauen in diesen Büchen sind alle sehr unterschiedlich und haben die verschiedensten Qualitäten und Charakterzüge. Keine ist wie die andere und alle sind interessant auf die eine oder andere Weise. Generell hat „The Expanse“ einen Diversität in alle Richtungen. Das sucht in diesem Ausmaß noch seines gleichen. Unbedingte Empfehlung.

  3. Die beste „starke Frau“ wird für immer Ellen Ripley sein. Sie ist keine „coole“ Kampfamazone, sondern nur eine „blue collar“ Arbeiterin, die Kraft durch ihre Emotionen (Sprich: Überlebens- und Mutterinstinkt, sowie Xenomorphtrauma) erlangt. Es wird nie gesagt: „Oh schaut mal, die ist so stark oder stärker als die Kerle“, sie lässt keine „Lass eine Frau das erledigen“ Sprüche ab, ihre Weiblichkeit ist „einfach da“, ohne entweder versteckt oder besonders hervorgehoben zu werden.

    Das Hauptproblem mit dem „starken, weiblichen Charakter“ dieser Tage, ist dass es quasi keine Alternative gibt und man dem Publikum versichern muss, dass die Frau stark ist. Weibliche Geschlechterrollen wurde derart zu Tode Sarkeesiant, dass sie sich keine Schwächen mehr erlauben dürfen. Es ist jetzt nicht so, dass ich mir die hilflose „damsel in distress“ zurückwünsche, aber wenn z.B. die Geliebte des Helden entführt wird, muss sie heute auch ja dem Bösewicht schief lächelnd ins Gesicht blicken und so etwas wie: „Ich werde nicht um Hilfe schreien“ oder „Ich kann gut auf mich aufpassen“ sagen, weil: „Oh nein, ich stecke in der Scheiße“ ja sexistisch wäre.

    Viele Autoren scheinen nicht zu verstehen, dass es Schwächen und Fehler sind, die einem Charakter Stärke geben. Vielleicht wollen sie auch gewissen Kritikern einfach keine Angriffsfläche bieten. Einer Frau einfach eine riesige Knarre in die Hand zu drücken und zu sagen; „Hier, das ist jetzt Joan Wick, eine eiskalte Killerin und eine starke Frau.“, funktioniert nicht. John Wick liebt seine tote Frau und sein ebenso totes Hündchen, was, so kann ich mir vorstellen, bei „Joan Wick“ garantiert nie vorkommen würde! („Oh nein, ein weiblicher Charakter, der von Liebe zu einem Mann und einem süßen Haustier motiviert ist? What kind of 60s era sexism is this?“)

    Es ist schon komisch, aber in dem Verlangen, Frauen einen gleichberechtigten Spielraum in Geschichten zu geben, wurden sie immer weiter eingezwängt und zu Stereotypen gemacht.

    Zumindest scheint mir das oft so.

    • Sehr guter Kommentar, dem Eindruck kann ich mich komplett anschließen!
      Überstilisierte Stärke finde ich teilweise auch schon albern.

  4. Ein sehr guter Beitrag! Und ja, Stärke eines Charakters hängt nicht davon ab, wie vielen Männern/Dämonen/sonstigem eine Frau in den Hintern treten kann – abgesehen von Buffy, aber Buffxy zählt nicht, weil ich Buffy liebe und sie sowieso die beste ist! <3 – aber leider geht das momentan in der ganzen aufgepeitschten "Diskussion" unter.

  5. Hach Guddy, du sprichst mir mal wieder aus der Seele.
    Für mich ist Professor McGonagall eine starke Frau. Alt, schrumpelig, streng aber mit einer beeindruckenden Unerschrockenheit und einer gut verborgenen Güte und Wärme hinter der strengen Fassade.

  6. Nachdem ich es jetzt endlich geschafft habe den Artikel hier zu lesen, wollte ich aus einem ersten Reflex schon schreiben: Was hat die gute Anita dazu gesagt? XD
    (Dann viel mir auf, dass dieser Punkt in den Kommentaren bereits mehr oder weniger abgehandelt wurde.)

    Allerdings ist dieser Punkt mit der „starken Frau“ auch letzten Endes ein unglaublich altes Phänomen. Mir viele jetzt Friedrich Nietzsche ein, der irgendwo in seinen ganzen Aphorismen bereits im 19ten Jahrhundert etwas dazu schrieb, dass die Frau das weibliche aus sich austreiben müsse. (Ich finde die entsprechende Stelle in meinen Büchern gerade nicht, sonst würde ich den kompletten Kontext zitieren.) Sinngmäß hat es aber in seiner kompletten Machttheorie den Umstand damit, dass sich weibliche Stärke mal wieder (wie so oft) darüber definiert, dass sie an ihrem männlichen Pendant sich zu messen habe. (Und das zieht sich wohl letzten Endes auch bis in die Popkultur der Gegenwart durch, wodurch die „Kick-Ass“-Amazone das zentrale Bild der Stärke überhaupt ist.

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