Charaktertipps/inspirationen: Bewohner der Wüste

Wer sich einen Wüstencharakter erstellt steht nicht selten vor einem Problem: Die Wüste (wobei ich hier lediglich von den Sandwüsten sprechen möchte) und ihre Bewohner sind uns fern, die wenigsten von uns hatten mit ihnen Kontakt und wir können nur aus Filmen, Büchern und Erzählungen schöpfen, die nicht selten ein eindimensionales Bild geben. Zumeist wird die Andersartigkeit an genau einem Aspekt festgemacht: der Religion. Selten ein Rollenspiel, das die Wüstenbewohner nicht an einen Allah-ähnlichen Eingott glauben lässt. Es sind zumeist überstilisierte Fanatiker, die ihre Frauen hinter Tüchern und Zeltplanen verstecken, sich göttlichen Geboten unterjochen und auf jeden Fremdling allergisch reagieren.

Ganz davon abgesehen, dass diese absolute Darstellung längst nicht der allübergreifenden Realität entspricht, finde ich sie als prägnantes Merkmal einer Rollenspielkultur auch zu eindimensional. Nicht selten versteifen sich die Spieler auf jene Aspekte und vergessen, dass es mehr gibt, was das Herz eines aus der Wüste stammenden Charakters beherrschen kann.

Ich möchte euch hier ein paar kleine Tipps geben, einen solchen Charakter mit Leben zu füllen, möchte verschiedene Aspekte des Lebens in der Wüste beleuchten und vorab nochmal betonen: Das ist lediglich meine Sicht und mein bislang gewonnener Eindruck und ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Richtigkeit und längst nicht jede Figur vereint all diese Kleinigkeiten in sich (Stichwort: Individuum!). Jeder darf und soll seine Figur so erstellen, wie er es für richtig hält. Da ich nur auf die Wüste an sich eingehe und weniger auf Religionen und Kulturen als solche, ist das auch gut auf diverse Rollenspielsysteme und eigene Welten übertragbar.

 

Endlose, sanft geschwungene Weiten, die der Wind stets neu zu formen weiß. Spuren im Sand, die manchmal nach Stunden, manchmal erst nach Tagen vom Winde verweht werden. Dazu eine Stille, die man sonst selten findet. Nur der Wind, der über dem Sand treibt, ihn aneinander reibt und Äste wie kleine Sträucher über die Dünen fegt. Öde, spärliche bis nicht vorhandene Vegetation, eine Reduktion auf das Wesentliche. Das Klima und die Ressourcen zwingen zu Spärlichkeit und Bescheidenheit, die sengende Hitze und trockene Luft zu einer Reduzierung der verbalen Kommunikation, die das Wesen der Wüste noch einmal hervorhebt. Man bleibt viel bei sich und seinen Gedanken. Sei es die aktuell empfundene Hitze, die geschlängelte Spur im Sand, die eigenen Gefühle oder der Blick, der einem zugeworfen wird: alles wird Teil des Jetzt. Details erscheinen in der kargen, stillen Umgebung wichtiger, die eigenen Gedanken werden zum tragenden Phänomen. Automatisch bezieht man Stellung zu sich selbst, wird sich der eigenen Person bewusst, mit der man nicht selten konfrontiert wird.

Was hat der Mensch, wenn nicht sich selbst und die Freuden, die das Leben mit sich bringt? Freunde, Familie und Geliebte, deren Anwesenheit einem vielleicht durch die Beschaffenheiten der Wüste bewusster ist. Die Sippe oder Familie wird zum Dreh- und Angelpunkt, zum Mittelpunkt des zwischenmenschlichen Lebens. Auch hier geschieht eine Reduzierung auf wenige Menschen, die umso wichtiger werden, je mehr man sich auf den anderen verlassen muss. Vertrauen und – nicht auf die Liebe bezogene – Treue und Loyalität scheint mir hier eine wichtige Basis zu sein.

→ Die Figur könnte dementsprechend in sich ruhender sein, sich ihrer selbst bewusster. Die Weite und Endlosigkeit der Wüste ist ihre Heimat, Enge und Eingeschlossenheit sind ihr fern. Sie ist frei, das zeigt ihr alleine schon ihre Sicht, der endlose Horizont, der keine Zäune kennt und dessen Begrenzungen sich so verformen wie sich die Aufenthaltsorte der Nomaden verändern. Die Freiheit ist ihre Selbstverständlichkeit, ungerne lässt sie sich von Regierungen oder Königen bevormunden und regeln. Sie ist sich der eigenen Winzigkeit in Relation zur Umgebung bewusst, ihrer Ohnmacht. Für viele derer ist nicht der Mensch Zentrum, sondern Beiwerk im großen Ganzen.

 

Gerade zur Mittagszeit steht die Luft und brennt sich auf die Körper nieder. Wüsten sind des Nachts nicht selten kalt, Temperaturunterschiede von bis zu 70° zwischen Tag und Nacht können vorherrschen. Tiere sind nicht unbedingt das Nahrungsmittel der Wahl, sondern die von ihnen gewonnene Milch, sowie verschiedene Früchte, Brot, Couscous. Die Nahrung wird auf den Steinen in der Mittagssonne gegart oder gebacken, Wasser braucht ein arbeitender Mensch bis zu 15 Liter am Tag. Wer, gerade auf Wanderungen, nicht mehr schwitzt, dem droht der Hitzeschlag.

Die Wüste gibt nicht viel; das, was man hat, ist kostbar, jeder Wassertropfen kann zählen. Ausdauer und Zähigkeit werden von denjenigen verlangt, die sich durch die Wüste bewegen, eine Kondition, die all die Widrigkeiten auszuhalten vermag. Es hilft nicht, zu jammern, man muss aushalten und den eigenen Körper und dessen Belastungsgrenzen kennen. Wasser ist natürlich außerhalb der Trinkrationen Mangelware, eine Dusche kann man sich nicht gönnen. Man schwitzt viel, doch es verdunstet augenblicklich. Der Wüstensand glüht, Füße schmerzen. Selbst Tische sind Luxus, den sich niemand auf Wanderungen leistet.

→ Hier stelle ich mir insbesondere einen in Relation gesehen sehr selbstbeherrschten Menschen vor, jemanden, der sich nicht den Wanst vollschlägt, sondern Kleinigkeiten zu genießen und schätzen weiß. Ein Charakter, der daran gewöhnt ist, Hitze, Durst, Hunger und körperliche Erschöpfung zu ertragen und der zäher ist als der Durchschnittsmensch.

 

Es passiert, was passiert, der Fokus liegt auf dem Tagesrhythmus. Der Moment ist vertieft, kein Eilen, kein Termindruck. Schnell geht das Gefühl für Zeit verloren. Die Eintönigkeit der Landschaft, das langsam rhythmische Wechseln der Tageszeit, all das prägt sich einem ein. Vergänglichkeit existiert direkt neben dem Leben, Vergangenheit und Zukunft bilden einen Kreis um die Gegenwart.

→ Das Erleben der Zeit oder vielmehr die Wertschätzung der Ruhe und des Insichhaltens halte ich für wichtig. Die Bedeutung, die der Zeit beigemessen wird, ist eine andere. Es es wird erlebt, nicht nur gelebt.

Afrikanische Sprichwörter: Die Europäer haben die Uhr – wir haben die Zeit | Schnell Schnell bringt keinen Segen

 

Ob in einem Fantasy-, Science Fiction- oder Kuscheltiersetting, das Wesen eines Wüstenbewohners ist, natürlich, von seinem Lebensraum und der dortigen Kultur geprägt. Das kann ein Patriarchat oder ein Matriarchat sein, eine nomadisch lebende Sippe oder sesshaft lebende Familien. Davon abgesehen sehe ich das Herz eines solchen Charakters jedoch auch von der Wüste an sich geprägt. Ein Drang nach Freiheit wird ihn vielleicht bestimmen, eine hohe Wertschätzung für Dinge, die jemand, der den Überfluss gewohnt ist, vielleicht überhaupt nicht bemerkt oder gar geringschätzt.

Romantische Geschichten sind das eine; 1001 Nacht, eine blumige Redensweise, romanti- und idealisierte Vorstellung vom Leben in der Wüste – die harte Realität jedoch das andere. Dieser Kontrast zur Schönheit der Natur und der Grausamkeit eben jener würde ich bei dem ein oder anderen Charakter einfließen lassen, ebenso wie das Bewusstsein für den Genuss des Jetzt. Der Sinn für kleine, schöne Dinge. Die tiefe Sehnsucht nach der Weite und Freiheit der Wüste, wenn sich der Charakter weitab der Heimat befindet.

Was wir an der Wüste fremd und romantisch finden, ist für ihn Realität und umgekehrt. Wichtig finde ich, diese Romantik nicht einseitig zu sehen. Das Grün der Wälder, der eiskalte Schnee – vielleicht fehlt ihm der Sinn an nutzlosem Prunk, doch wird er sich unter Umständen für andersartige Landschaften faszinieren können. Ich persönlich mag es, bei meinen Wüstencharakteren – Novadis und Tulamiden sind meine Lieblingskulturen im aventurischen Rollenspieluniversum – besonders die Sehnsucht nach Freiheit, Unabhängigkeit und Weite hervorzuheben. Die Leidenschaft für die Heimat nicht nur auf der Zunge, sondern auch tief im Herzen getragen.

 

Ich kenne keinen Film – und ich habe aufgrund meines Interesses für die Kulturen Afrikas einige gesehen – der mir wirklich das Gefühl vermittelt hätte, diesen Wüstenkulturen nahe zu sein. Das schaffen Bücher bei mir mehr. Besonders empfehlen kann ich, da hier stimmungsvolle Bilder gezeichnet werden und man einen guten Eindruck von Lebensweise, Einstellungen und Wesen von Berbern und anderen Wüstenbewohnern erhält, bspw.:  Die Seele der Wüste von Jane Johnson, Wüstenmond von Federica De Cescound Ikufar. Sohn der Wüste. von David Ball. Daneben sind natürlich auch sachliche Bücher einem Eindruck dienlich.

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2 Kommentare bei “Charaktertipps/inspirationen: Bewohner der Wüste

  1. Wir haben für April einen Trip nach Marokko geplant, bei dem wir 9 Tage lang zusammen mit einer kleinen Gruppe von Tourag durch die Wüste wandern und das Nomadenleben kennenlernen.
    Ich hoffe ich kann meine dadurch gewonnenen Eindrücke hinterher in einem Blogpost einfangen und für anderen menschen greifbar machen.

  2. Oh wie cool ist das denn! Mach das bitte!
    Und schick mir den Link unbedingt zu, nicht dass ich den noch übersehe!

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