Rassismus: Der stille Antagonist

Stärker als je zuvor in meinem überschaubaren Leben fühle ich mich von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eingekesselt. Wann immer ich die virtuellen Zeitungen aufschlage oder die Blicke und geflüsterten Worte zufälliger Passanten erhasche bin ich mittendrin in einer Welt, die mir zusehends Sorgen macht. Rassismus: Er ist allgegenwärtig. Gerade weil es solch ein aktuelles Thema ist – und vielleicht auch noch lange so bleiben wird – ist es eines, das ich selber auch in meinen Romanprojekten thematisiere. Welche Stolpersteine es gibt und wie ich persönlich zu dieser Thematik stehe lest ihr hier in meinem Beitrag zur Blogreihe „Phantastische Realität„, die von Meara Finnegan initiiert wurde.

Definition

Beim Rassismus handelt es sich um eine Ideologie, bei der man Menschen aufgrund ihrer gemeinsamen Abstammung kategorisiert und im Zuge dessen über sie urteilt. Sowohl körperliche, als auch kulturelle Merkmale wirken dabei ausgrenzend und definierend; der Phänotyp entscheidet hierbei darüber, welche Rasse höher- und welche niederwertig und daher zu diskriminieren ist.

Im Bereich der Fantasy ist darüber hinaus der Begriff des Speziesismus interessant: Hier ist es die Art, die über die moralische Diskriminierung entscheidet. Mitglieder einer Art definieren sich zum einen über ihre Fortpflanzungsfähigkeit, zum anderen, dass sie möglichst viele gemeinsame Merkmale innehaben. Bis heute wurde es noch nicht zufriedenstellend und endgültig definiert. So oder so: Dort, wo man von Diskriminierung zwischen bspw. Orks, Elfen, Drachen oder anderen Arten liest, handelt es sich meistens um Speziesismus.

Dennoch werde ich mich hier in diesem Artikel der Einfachheit halber auf den Begriff des Rassismus‘ beschränken.

Wo findet sich Rassismus in der Phantastischen Literatur?

Dass Fantasy rassistisch sei liest man immer mal wieder in einschlägigen Foren. Doch kann ein Genre für sich gesprochen rassistisch sein? Vielmehr sind es der Plot und Weltenbau, die nach der Thematik verlangen. Fiktive Figuren, die ihre Weltanschauung in diesen zweifelhaften Pfaden verankert haben. Das macht allerdings nicht das Genre oder gar den Autoren rassistisch, sondern lediglich Teile der Welt, in der man sich beim Lesen befindet. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Nicht selten rankt sich in der Fantasy alles um Kriege und Schlachten. Als Leser erwartet man schier, dass sich die verschiedenen Rassen und Arten nicht ganz grün sind. Der gegen Ende hin äußerst kameradschaftliche Zwist zwischen Gimli und Legolas etwa ist ein Produkt von gegenseitigen Vorurteilen und Diskriminierung. Dass er hier gut ausgeht: Geschenkt. Es wirkt fast liebenswert. In vielen anderen Geschichten und auch Rollenspielen jedoch wird es ernster thematisiert und gipfelt nicht selten in Mord und Totschlag.

Von kleinen Seitenhieben die jeweils andere Rasse und deren (angebliche) Eigenschaften betreffend bis zu handfesten Diskriminierungen findet man in vielen Genrebüchern etwas zu dieser Thematik. Meistens wird es jedoch nicht weiter aufgegriffen und dient dem Amüsement oder der Dramatik. Das jedoch finde ich schade.

In den Händen der Autoren

Wichtig finde ich hier anzumerken, dass den Rassen oftmals ganz klare Charaktereigenschaften zugeteilt werden, die als gegeben gelten. Zwerge sind trinkfest und rau, Elfen Baumkuschler, Französinnen hübsch und Deutsche pünktlich. Ich möchte fast wetten, dass die meisten von euch bei den ersten beiden Beispielen zustimmend genickt, bei den anderen beiden jedoch latent genervt die Augen verdreht haben. Und klar: Wir wissen, dass nicht jeder Deutsche oder jeder Türke gleich ist. Aber wir glauben gleichzeitig auch zu wissen, dass der Zwerg von Natur aus so oder so ist – weil in diesem Bereich selten mit Graustufen gearbeitet wird.

Wirft man einen Blick auf gleich eine andere Art, den Ork, wird der Unterschied noch deutlicher. Sicherlich gibt es mittlerweile einige Werke, in denen den Orks mehr Persönlichkeit zugesprochen wird. Dennoch ist es häufig noch immer Usus, dass die Rasse des Orks einen zu etwas Bösem macht. Das mag bei einer Kreatur wie einer solchen für uns nicht weiter tragisch sein – wo wir wieder beim (realen) Speziesmus wären. Doch weitet sich das vielerorts auch auf menschliche Rassen aus. Böse, menschliche Rassen. Macht einen die Rasse also gut oder böse? Hat man nicht die Wahl, gibt es nicht noch andere Faktoren? Natürlich handelt es sich um Extrembeispiele, doch eigene Projekte kritisch zu hinterfragen ist nie verkehrt.

Gerade die Anfänge der Fantasy zeigten klare Feindbilder auf. Monster und finstere Gesellen, gegen die sich die Helden zu wehren hatten. Um es einfacher zu gestalten wurden Gut und Böse stilisiert und auch optisch klar getrennt. Menschen gegen Orks. Weiße Abenteurer gegen schwarze Kannibalen.

Diese Trennung zeigt sich gerne auch im Optischen. Tolkiens Elben sind blond, groß, hellhäutig, blauäugig. Die Orks? Dunkel, wild, barbarisch. Dem Guten schließen sich die Hellen an, dem Bösen die Dunklen und asiatisch angehauchten. Stereotype, die sich stark vereinfacht auch in Disneyfilmen finden und immer wieder auch in der heutigen Literatur. Der dunkle Schwarzmagier. Die blonde Jungfrau.

Diese Stereotype kreieren natürlich keinen Rassismus. Sie reflektieren ihn. Und hier sind wir bei dem, dem ich kritisch gegenüber stehe.

Wir tragen Verantwortung

Eine kommentarlose Spiegelung realer Ereignisse oder althergebrachter Klischees reichen nicht aus. Abercrombie etwa hat eine antagonistische Rasse kreiert, die recht muslimisch daherkommt. Natürlich sind es die Bösen, die Bitterbösen, um genau zu sein. Er ist jedoch nur ein Beispiel unter vielen. Muslimisch angehauchte Völker des Südens, kannibalistische Schwarze, wilde Ureinwohner. Oft sind es die selben Stereotype, die immer und immer wiedergekäut werden und die fast Scheuklappen gegenüber anderen Möglichkeiten vermuten lassen. In einer Zeit, die ohnehin von Angst vor muslimischen Terror geprägt ist.

Die phantastische Welt ist eurozentrisch. Das europäische Mittelalter mit seinen weißen Figuren ist Standard. Der weiße Mensch ist Standard. Ist Rassismus Thema, dann meist gegenüber Schwarzen, Asiaten – den Anderen. Dabei ist jeder dort „der Andere“. Für uns als Leser, denn es handelt sich um fiktive Völker. Dennoch werden die Chancen nicht genutzt, vieles verpufft in den Weiten klassischer Fantasy. Ich vermisse Fantasy, in denen nicht die herkömmlichen Kulturen im Zentrum stehen. In denen vielleicht der Weiße diskriminiert wird. In dem Rassismus kritisch angesprochen oder gar wirklich thematisiert wird. Sei es direkt oder durch die Blume.

Es ist allzu einfach, bereits ausgetretene Pfade zu bewandern und sich auf die alten Klischees zu berufen. Aber es ist eine Einfachheit, die nicht sein muss. Jede Welt ist divers. Auch die fiktive.

Was tun?

Das Thema finde ich zu wichtig, als es eingestaubt zu lassen. Was wir nicht brauchen ist ein immer wiederkehrendes Spiegelbild unserer Zeit, das im schlimmsten Fall das „Feindbild“ nur noch bestärkt. Ich finde es wichtig, seine Völker und einzelnen Figuren reflektiert zu betrachten. Die im fiktiven Dialog gesagten Dinge kritisch zu hinterfragen und in eine Diskussion zu treten, wenn es das Thema verlangt.

Aber auch, dass man sich nicht auf ein Thema beschränkt. Rassismus ist nichts, was man thematisieren muss. Genauso wenig wie ich mir vorschreiben lassen möchte, welche Sexualität meine Figuren zu pflegen haben, möchte ich euch vorschreiben welche Hautfarbe eure haben sollen. Das wäre Quatsch. Nein, wofür ich plädiere ist ein allgemein bewusster Umgang mit der Materie. Wir schreiben eben nicht nur für den weißen Menschen und wir sind auch nicht in der Pflicht diskriminierende Klischees immer und immer wieder aufzuarbeiten.

Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen von euch zum Nachdenken anregen konnte und natürlich auch, dass ihr das nicht als Bibel versteht. Es bleibt noch immer, was es ist: Nur meine Meinung.

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8 Kommentare bei “Rassismus: Der stille Antagonist

  1. Es wurde ja in „Shrek“ (mehr oder weniger erfolgreich) versucht, das Ganze umzudrehen, mit dem angeblich hässlichen Ogre, der eigentlich der gutmütige Held war. Das Konzept wurde zwar nicht ganz durchdacht (Soooo hässlich war Shrek dann auch nicht und der wahre Schurke war ein kleiner Giftzwerg, anstatt eines, das Klischee umdrehenden, starken, blonden, gutausshenden Mannes, aber von mir gibt es einen Bonuspunkt für den Versuch.)

    Geht ganz leicht am Thema vorbei, aber bin ich der Einzige, dem aufgefallen ist, dass Menschen in SciFi und Fantasy immer das Opfer von Speziesismus sind? Menschen sind die schwachen, rücksichtslosen, leicht zu korrumpierenden Wesen, während Zauberer, Elfen, Hobbits, ja sogar Zwerge und Klingonen mindestens Willensstärker sind! Manchmal glaube ich, dass der Doctor (Who) die einzige SciFi/Fantasyfigur ist, die große Stücke auf die Menschen hält.

    • Guter Einwand! Da lässt sich eine gewisse Demut herauslesen, finde ich. Gerade da sich der mensch an sich eher für das Maß aller Dinge hält, fällt das in der Fantasy auf, finde ich. Dann, wenn Rassen erschaffen werden, die tatsächlich mal überlegen sind.
      Der Mensch ist aber gerade dann der „Allrounder“, sozusagen der Super Mario unter den Kartfahrern: Weder zu schnell, noch zu langsam, technisch ok, ohne zu träge zu sein. Und in seiner Durchschnittlichkeit eben doch das Maß aller Dinge, das, an dem sich alles misst. Gefühlt. Versteht man, was ich hier meine? Vermutlich nicht :´D (bisschen wirr heute)

  2. Oh, da kann ich nur die komplette „Hexer“-Serie von Andrzej Sapkowski empfehlen! (Ja, genau die, auf der die Witcher-Spiele basieren). Speziesismus wird darin immer wieder thematisiert und die Bücher sind auch so ziemlich großartig. Vor allem, wenn man seine Fantasy grim & gritty mag.

    Ansonsten gebe ich dir absolut recht. Das Thema Rassismus sollte man beim Schreiben im Hinterkopf behalten denn gerade durch Bücher/ Filme/ Serien werden manche Vorurteile immer weiter verfestigt und in den Köpfen normalisiert.

  3. Wenn man sich den Rassismus bei Tolkien anschaut sind auch die östlichen Menschenvölker anschauen, welche dunkelhäutig und zum aller größten Teil Verbündete Saurons sind. Diese Konnotation ist doch sehr offensichtlich wenn man darüber nachdenkt.

  4. Gerade in Settings, in denen es sehr unterschiedlichen Spezies gibt, finde ich es total naheliegend, dass Spezizismus den Rassismus ablöst.

    In Shadowrun ist das mal recht anschaulich beschrieben: Warum sollte man sich über schwarze Haut aufregen, wenn der Gegenüber zwei Meter fünfzig ist und Hörner hat? Da kristallisieren sich auf einmal ganz andere Feindbilder heraus.

    Das finde ich übrigens beim Schaffen von verschiedenen Völkern und bei der Berücksichtigung von Vorurteilen auch ein wichtiges Thema: Warum wird A zum Feindbild von B? Welche Mechanismen stecken dahinter? Gibt es religiöse Gründe? Ist Volk A vielleicht reicher, hat mehr Ressourcen und es entwickeln sich Neid oder Missgunst? Kommt sich Volk B erhaben vor gegenüber A, weil sie technisch versierter sind? Solche Mechanismen finde ich viel interessanter als einfach nur Hautfarbe oder Aussehen als Ursache für rassistische Vorurteile zu benutzen. Das spiegelt nämlich auch die Entwicklungen wieder, die wir in unserer aktuellen Gesellschaft immer wieder erleben (müssen).

  5. Kein einfaches Thema. Aber ich finde es verdammt wichtig, dass du es ansprichst. Gerade typische Konflikte in der Fantasy wie Elfen vs. Orks vs. Menschen usw. habe ich noch nie als Speziesismus betrachtet. Umso besser finde ich, dass du mir da nun die Augen öffnest. Gerade weil, das Thema wichtig und interessant ist. Deshalb finde ich auch die von dir angesprochenen Graustufen entscheidend. Mal etwas anderes als lange Bärte für Zwerge und einen feinen Körperbau für Elfen.

    Als Biologin sage ich zwar ganz klar, dass es auch menschliche Rassen im biologischen Sinne gibt und bspw. Menschen mit dunkler Haut besser an hohe Sonneneinstrahlung angepasst sind als hellhäutige, die dafür mit weniger Sonne im Norden gut auskommen – aber das bedeutet nicht, dass der Mensch an sich besser oder schlechter ist. In der Hinsicht finde ich auch das Zitat von Martin Luther King sehr wichtig. Wir sollten nicht immer alles in Schubladen stecken. Wie du selbst sagst, gerade wir Autoren können anderes erschaffen. Wir müssen nicht immer in die gleichen Muster verfallen. Danke, dass du mich daran erinnert hast.

    Ein guter Grund, warum ich in vielen Romanen überhaupt nicht auf Hautfarbe oder ähnliches eingehe, sondern höchstens von unterschiedlichen Völkern – geographisch bedingt – spreche und dadurch den Leser selbst entscheiden lasse, wie die Personen aussehen, wenn es Menschen sind. Ich werde aber zukünftig definitiv verstärkt darauf achten, dass ich Vorurteile und Rassismus nicht durch meine Bücher normalisiere. Da gehe ich mit Elea konform. Es gibt andere Aspekte, die spannender sind, hervorzuheben, als in die typischen Kerben zu schlagen.

    • Das ist aber auch eine schwierige Gratwanderung.

      Einerseits sollte man Themen wie Rassismus definitiv nicht unter den Teppich kehren, andererseits schrecke ich auch oft zurück, sie zu über-thematisieren. Beides hat seinen Reiz. Einmal die konkrete Beschäftigung mit dem Problem „Rassismus“, seine Ursprünge und Mechanismen, andererseits die Frage: Können Figuren in einer fiktiven Welt nicht auch ohne rassistische Vorurteile zusammenleben? Wäre das nicht auch eine schöne Botschaft? Ich bin da oft zwiegespalten.

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