TT: Gewalt gegen Männer ist so witzig!

[Der ThrowbackThursday ist eine Artikelreihe von uns, in der Postings, Photos oder whatever aus der Vergangenheit wieder ausgegraben werden. Thema dieses Mal: Gewalt gegen Männer. Nach wie vor aktuell.]

Ein Aufschrei ging und geht durch das Netz (Anm.d.Red.: Wir schreiben das jahr 2016. Dies sind die Abenteuer des Monats Juni.). Wieder einmal. Kern des Anstoßes diesmal: Ein Promo-Poster für X-Men: Apocalypse, in dem titelgebender Apocalpse (Oscar Isaac) die nackte Mystique (Jennifer Lawrence) würgt. Schriftzug: Only the strong will survive. Kritikpunkte: Gewaltverherrlichung gegenüber Frauen, Nacktheit der Figur, angebliche Schwäche Mystiques und, nochmal: physische Gewalt gegenüber Frauen. Gegen Frauen!

Unter anderem nimmt auch Rose McGowan Stellung und sagt:

„There is a major problem when the men and women at 20th Century Fox think casual violence against women is the way to market a film. There is no context in the ad, just a woman getting strangled.“

Fox‘ Antwort:

„In our enthusiasm to show the villainy of the character Apocalypse we didn’t immediately recognize the upsetting connotation of this image in print form. Once we realized how insensitive it was, we quickly took steps to remove those materials. We apologize for our actions and would never condone violence against women.“

Verstehen wir uns nicht falsch: Gewalt gegen Frauen – gegen Menschen, Lebewesen – ist indiskutabel. Definitiv. Aber: Dies ist ein Banner. Für einen Film. In dem ein finsterer Bösewicht das Leben einer nichtsdestotrotz starken Heldin bedroht. Es ist keine Werbung für „Hey, würgt mal alle eure Frauen, macht total viel Spaß!“ Nein, es soll Spannung generieren – weil die Macher davon ausgehen, dass das Leben dieser Frau zählt. Für den Zuschauer wichtig ist. Gerade auch, da die Zukunft Jennifer Lawrence‘ als Mystique bislang eine sehr unsichere ist, die Figur also durchaus auch sterben kann. Macht das Mystique schwach? Weil sie von verdammtnochmaltotalimbalanced-Apocalypse gewürgt wird?

„Aber Guddy! Es geht doch darum, dass es ein Poster ist, das auch Kinder und Unbeteiligte sehen!“ Stimmt. Glücklich gewählt sind die Locations der Billboards vermutlich wirklich nicht. Sind sie häufig nicht – auch dann, wenn einem aus dem Poster heraus eine Waffe entgegengestreckt wird.

Schwieriger als das finde ich jedoch etwas anderes: Es scheint fast, als wäre nicht der Fakt, dass jemand auf einem Plakat gewürgt wird, das Verwerfliche – sondern die Tatsache, dass es sich um eine Frau handelt. Gewalt gegen Männer? Das ist doch lustig. Sieht man immer wieder in Werbespots. Frauen bejubeln andere Frauen, wenn diese ihrem Freund eine Ohrfeige verpassen. Männer haben Gewalt ohnehin immer verdient – sonst würden sie ja auch keine erfahren. Oder?  Männer, die Frauen ohrfeigen: Ein Tabu! Frauen, die Männer ohrfeigen: Super! Oder? Sansa, die in Game of Thrones vergewaltigt wird: Ach du Schreck, Aufschrei! Theon, der zuerst sexuell genötigt und der später seines Penis‘ beraubt wird: Ach, easy. Oder?

Gewalt gegen Männer ist gesellschaftsfähiger. Nicht nur, dass Menschen gerne wegschauen, nein, mancheiner kichert dann auch noch. „Ach guck mal, der Mann da wird von einer Frau geschlagen, hihi, was ein Loser!“ oder „Haha, voll in die Nüsse, wie witzig!“. Nun kann man sagen: „Hey! Wer fremdgeht, hat doch eine Ohrfeige verdient!“. Ehm. Ja. Stellt euch das mal mit vertauschten Rollen vor. Aber natürlich gehen Frauen nicht fremd, neinnein, die Frage stellt sich also gar nicht! Und natürlich können Frauen keine physischen Schmerzen verursachen, sind sie doch schwach wie Gänseblümchen. Gewalt gegen Frauen ist – zu Recht! – Stoff für Dramen. Gewalt gegen Männer dagegen Stoff für Comedy.

 

Auch in Sachen Filmplakaten: Ein Mann, der von einer Frau erniedrigt wird: Witzig. Ein Mann, der um sein Leben weint, weil ihm womöglich gleich der Kopf eingeschlagen wird: Kein Aufschrei. Ant-Man, der von Hope hinterhältig weggeschnipst zu werden droht: Alles super. Kick-Ass, der verprügelt wurde und blutend auf dem Bett sitzt: Voll normal. Aber nur, solange der Mann die Opferrolle einnimmt, sonst wäre der Aufschrei vermutlich wieder groß.

Das ist natürlich alles überhaupt nichts im Vergleich zu der gewürgten Mystique. Würgen ist schlimmer als eine schnöde Ohrfeige. Dennoch bleibt beides körperliche Gewalt – und mit dem geohrfeigten Mann ist nur die Spitze des Eisberges erreicht. Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, wie viele männliche Figuren in den Star Wars-Filmen gewürgt werden? Die Szenen sind derart ikonisch, dass sie überall – auch auf der Straße vor Kindern – nachgestellt werden. Sind ja nur Männer. Wäre die Szene jedoch mit einer Frau … ach, lassen wir das.

Wollen manche nicht wahrhaben, dass es auch gewalttätige Frauen gibt? Gewalt von Männern an Männer? Dass auch Männer Opfer sein können? Dass Männer auch ein Recht auf ein verdammtes, gewaltfreies Leben haben und nicht alles verdient haben, was ihnen um die Ohren oder Eier geklatscht wird? Hallo?! Sexismus?

Wer Gleichberechtigung fordert, Respekt für Frauen und sich Feminist nennt – der sollte gleichen Respekt auch Männern gegenüber zeigen. Feminismus ist keine Einbahnstraße. Und Filme keine Realität. Mehr noch: Dass Gewalt thematisiert wird halte ich für durchaus legitim, in manchen Fällen sogar für wertvoll und wichtig. Nicht „Gewalt gegen Frauen“ sollte ein Problem sein. Sondern „Gewalt gegen Lebewesen“.

Und mein Gott. Größenwahnsinnige, blaue Mutanten dürfen in Superheldenfilmen Gewalt ausüben. Gegen Männer sowieso – und gegen Frauen als Gegner auch. Vielleicht werden sie sich beim nächsten Streifen aber ja im Schach duellieren und sich gegenseitig mit Wattebäuschen bewerfen. So, wie es Helden und Schurken eben tun! Im Happy Unicorn-Land.

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