Crossplay – „Warum eigentlich nicht?“

Man kann vieles innerhalb eines Rollenspiels verkörpern: Etwa den grobschlächtigen Ork, die trippelnde Prinzessin, den glitzernden Vampir mit offenkundiger Lernschwäche. Was allerdings vielen dennoch ein Dorn im Auge ist – und das trotz einiger langwieriger Forumsdiskussionen wie hier oder hier – ist das Spielen eines Charakters des anderen Geschlechts.

Eine Frau, die einen Mann spielt? Der Mann, auf dessen Charakterbogen „weiblich“ steht? Es ist präsent und gleichzeitig verpönt, denn man sieht zuerst das, was einem am Spieltisch gegenüber sitzt und dies ist für manche nicht mit dem gespielten „Crossgender“-Char vereinbar. Eine der berühmtesten Crossplayerinnen dürfte Margareth Weis sein, Mitautorin der Dragonlancereihe, die den Charakter Fizban verkörpert hat und auch auf Conventions ist der Crossplayer trotz Unkenrufe nicht wegzudenken, fristet kein wimmerndes Schattendasein. Nachfolgend ein paar Klischees, Tipps und Tricks und natürlich das Fazit.

„Horst-Georg, was macht deine vollbusige Elfenkurtisane jetzt?“ Gerne wird der Faktor der „sexuellen Wunschvorstellung“ als Grund genannt, weshalb jene ominösen Crossplayer ausgerechnet einen Char des anderen Geschlechts spielen wollen. Hier werden gerne ein paar Körbchengrößen zu viel auf den zarten Körper des Chars gepackt und nachfolgend der Körper mit einer unstillbaren Fleischeslust gefüllt, die den Char durch die Tavernen und Gassen der Städte vögeln lässt. Unser Horst-Georg hat, dem Klischee entsprechend, selber keine Freundin und muss unbedingt seine eigene OOC-Lust durch IC-Herumgehure kompensieren. Natürlich entspricht Horst-Georg auch der gängigen Rollenspieleroptik. Logisch.

Nebst Horst-Georg findet sich auch die lippenleckende Nadine, die ihren süßen, homosexuellen, androgynen Jungen durch die Welt spazieren lässt, ebenfalls immer auf der Suche nach dem nächsten Kerl, den er aufreissen kann, während er sich die Nase pudert. Abgerundet wird das ganze durch Kampfemanzen und hohle Muskelprotze. Denn wir wissen: wer einen Char des anderen Geschlechtes spielt, hat grundsätzlich keine Ahnung von eben diesem und wird samt Klischees auf die Schnauze fallen. Darüber hinaus wird der Mann, der eine Frau spielt, natürlich auch im RL eine Frau sein wollen und vermutlich ist er auch noch homosexuell!

Meep. Wie sehr stimmen diese Klischees mit der Wirklichkeit überein? Während ich persönlich(!) tatsächlich die Erfahrung gemacht habe, dass viele damit ihre sexuelle Wunschvorstellung auf zwei Beinen ins Rollenspielrennen schicken, sah es bei meinen Gesprächspartnern schon anders aus. Objektiv betrachtet gehe ich nicht davon aus, dass diese Klischees der vollen Wahrheit entsprechen, doch wie so oft wird ein Fünkchen Wahrheit daran sein.

Doch: Ist das verkehrt? Stellt man nicht immer mit seiner Figur irgendetwas dar, worauf man gerade Lust hat, was einem gefällt und woran man Spaß hat? Wenn man nun Spaß daran hat, seinem Avatar in seiner Fantasie unter den Rock zu gucken – ja mei. Und nur, weil der Avatar anderen Leuten gerne den Kopf einschlägt, muss der Spieler deshalb nicht ebenso veranlagt sein. Warum geht man bei der sexuellen Orientierung dann davon aus, dass Spieler und Char nahezu deckungsgleich sind und „geheime Fantasien“ zum Vorschein bringen? Darüber hinaus gibt es natürlich mannigfaltige weitere Gründe, Crossplay zu betreiben.

Der „Wechsel“ des Geschlechts macht eine striktere Trennung vom RL zum IC einfacher. Man kann sich unter Umständen besser von seinem Char lösen und erlebt das Spiel auf einer vielleicht anderen Ebene (die, selbstverständlich, nicht höher, sondern gleichwertig anzusiedeln ist). Es übt einen besonderen Reiz aus, seinen eigenen Gegenpol zu spielen, in all seinen Kontrasten. Das mag die Gesinnung sein, der Beruf – oder eben das Geschlecht.

Für manche ist der erwartete, erweiterte Horizont der Grund, um mit Crossplay zu beginnen. Man setzt sich automatisch mehr mit dem anderen Geschlecht auseinander, merkt vielleicht, dass es so viele Unterschiede gar nicht sind oder kann sich einfach generell mehr austoben als im Korsett des eigenen Geschlechts. Für mich persönlich ist das Spielen eines Mannes eine schlichtweg sehr interessante Sache. Eine Frau bin ich selber, und das auch sehr gerne. Warum nicht mal einen Schurken spielen, oder eben einen Mann?

Was unterscheidet den Mann von einer Frau? In erster Linie die Erziehung, das Umfeld, und natürlich die biologischen Faktoren. Ein Mann ist im Schnitt aggressiver, eine Frau dagegen mehr auf ein Kindchenschema fixiert. Das, was wir im Speziellen in den Fokus stellen, ist jedoch unsere westliche Ansicht und unser europäischer Glaube in die Geschlechterrollen, die seit Generationen so oder so geprägt und erzogen werden. Manchmal sollte man sich davon etwas lösen und über seinen eigenen Tellerrand hinausblicken.

Ich glaube nicht, dass Mann und Frau derart unterschiedlich sind, dass man um zehn Ecken denken muss, um sie zu verstehen. Man kennt Frauen, man kennt Männer, diese Erfahrungen kann man einbringen – man muss sich jedoch nicht auf den Umstand, dass man einen Avatar des anderen Geschlechts spielt, versteifen. Locker lassen, statt verkrampfen. Mein Dialogpartner Flippah bringt es da gut auf den Punkt: „Frauen und Männer sind sich in vielen Punkten viel ähnlicher, als manche glauben (…) neben den vielen tausend Dingen, die diesen Charakter ausmachen, gehört eben unter anderem, dass es sich eben um eine Frau handelt.“

Wie sieht es mit Klischees aus? Man sollte keine Angst vor ihnen haben, sich jedoch auch nicht zu sehr und einzig auf sie stützen. Klischees können, in Maßen, charmant sein und letztlich kommt kaum ein anderer Char ohne aus. Der Zwerg mit dem Bierkrug, der Elf mit der Laute oder eben die Frau mit dem Schuhtick. Wer seinen Charakter plausibel darzustellen weiß,sprich sich eine authentische Hintergrundgeschichte überlegt, der braucht sich vor einem Klischee hier und dort nicht zu fürchten. Solange es nicht Überhand nimmt und es dargestellt wird, als gehöre der Schuhtick zum Frausein dazu.

Gerade im P&P ist es, anders als im Chatrollenspiel, natürlich schwieriger, dem Gegenüber glaubhaft zu vermitteln, dass man gerade Laola, die Elfe, und nicht Manfred, der Baggerfahrer ist. Man sieht den Spieler trotz Charakterbogen in all seiner männlichen Pracht schließlich vor sich. Helfen können da Illustrationen zum jeweiligen Charakter, wohingegen das Verstellen der Stimme eher kontraproduktiv, da oftmals eher lächerlich, ist. Es braucht keine in den Bart geflochtene Zöpfe oder eine fiepsige Stimme, viel wichtiger ist es, die Figur als solche darzustellen. Mit seinen herausragenden Charaktereigenschaften und seiner Ausstrahlung zu spielen. Stellt nicht das Geschlecht in den Mittelpunkt, sondern den Charakter, genau so, wie man es mit seinem „normgeschlechtlichen“ SC auch macht und dessen Stimme man auch nicht zu 100% trifft.

 Definitiv ein Jein!  Ich persönlich komme gut damitklar, wenn ein Crossplayer an meinem Rollenspieltisch sitzt. Selber spiele ich im P&P seit einigen Jahren zwar keinen Mann mehr, dafür jedoch im Chat, was mir sehr sehr viel Spaß macht, gerade weil er so konträr zu mir ist. Habt keine Scheu vor etwaigen Vorurteilen und mitleidigen Blicken, zieht euer Ding einfach durch, wenn euch danach ist.

Hey, ihr seid Rollenspieler, mit Klischees werdet ihr so oder so leben müssen und da sind die zu eurer sexuellen Orientierung doch völlig zu vernachlässigen. Meiner Meinung nach sollte es jeder Rollenspieler einmal versucht haben, genau wie ich auch jedem naheliegen würde, bspw. dumme oder moralisch verwerfliche Figuren zu spielen, da man sein eigenes Spektrum damit erweitert und so vielleicht den Spaß an etwas entdeckt, was man zuvor gar nicht erst in Erwägung gezogen hätte. Man kann nichts verlieren – nur gewinnen. Und mit der Zeit klappt’s dann auch mit dem IC-Augenaufschlag 😉


Ich bedanke mich bei meinen drei Gesprächspartnern:
  • Silent Protagonist, Heilerziehungspfleger, der seit 1996 Rollenspiele spielt und aktuell einen weiblichen Char in seiner Pathfindergruppe verkörpert
  • Georg Lucas Jakob Nisbach, Student, der seit ca. 2002 spielt und in seiner momentanen, reinen MännerDSARunde oftmals die ein oder andere weibliche NSC spielt
  • und bei Flippah, Programmierer, der seit dem prähistorischen Jahr 1984 zockt. Zu seinem Crossgender-Glück wurde er einst gezwungen und spielt seitdem vermehrt Frauen im P&P.

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3 Gedanken zu “Crossplay – „Warum eigentlich nicht?“”

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